Weihnachtspredigt

„In Zeiten tiefer Krisen haben wir ein Recht auf Erleuchtung,“ hat die Philosophin Hannah Arendt gesagt. Menschen haben ein Recht darauf, dass man sie nicht im Dunkeln sitzen lässt, sondern ihnen Erleuchtung bringt, Licht ins Leben. 

Das ist vielleicht die Aufgabe der Kirche in dieser Zeit. Und das ist vielleicht auch das, was viele zu Weihnachten suchen: Licht im Dunkel. 

Davon spricht die Bibel am Anfang des Johannes-Evangeliums, wo es heißt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis.“

Finsternis erleben wir seit Monaten zu genüge: Angst vor Krankheit, Sorgen um die Existenz, Furcht vor Einsamkeit. Für andere war dieses Jahr nicht nur ein bisschen finster, sondern rabenschwarz, und das nicht nur wegen Corona.Tatsächlich wurden manche schwer krank. Tatsächlich wurde einem das Leben auf den Kopf gestellt. Und tatsächlich wacht man nun jeden Morgen alleine zuhause auf.

Aber natürlich gibt es andere, für die es in diesem Jahr hell war: mit der Freude an den Kindern, dem Stolz auf Geleistetes und den Gefühlen von Geborgenheit, die in diesem Jahr besonders bewusst wurden.

So unterschiedlich sind wir und so unterschiedlich ist unser aller Leben. Und so sind wir alle an der Krippe versammelt im Stall von Bethlehem. Und aus dieser Krippe strahlt das Licht der Menschen, heißt es. Das Licht der Menschen, für Johannes ist es Leben, menschliches Leben in seiner einfachsten und reinsten Form: Ein Kind. Kind einfacher Eltern, ärmlich geboren. In einem Menschenskind, in einem MenschenLEBEN offenbart sich Gott. In einem Kind offenbart sich richtiges, gutes und schönes Leben. In einem Kind zeigt sich das Licht der Welt, das die Finsternis um uns hell machen will.

Licht in der Dunkelheit. Wer wünscht sich das nicht, wenn es finster ist? Wenn einen immer wieder, immer neue Probleme und Nöte plagen? Wenn man als Hirte auf einem dunklen Feld bei der Herde sitzt? Wenn man als junge Frau unterwegs in der Fremde ist? Wenn man zum Himmel blickt, um auf die bohrende Frage nach dem Woher und Wohin im Leben keine Antwort zu erhalten?

Plötzlich kommt dann ein Leuchten vom Himmel und Klarheit. Plötzlich ertönt Gloria-Gesang und der Ruf zur Krippe. Doch als die Engel wieder weg waren und die Hirten auf dem Heimweg vom Stall, da war es wieder dunkel. Aber es bleib nicht finster. Die Hirten erzählten erstaunt und erschrocken, erfreut und aufgeregt von dem,  was sie gesehen hatten: 

Ein Kind in einem Stall und angeblich Gesänge vom Himmel herab. 

Das Kind im Stall als Sohn Gottes, das ist ein ebenso unbeweisbares Erlebnis wie banales Ereignis. Das soll die Erlösung sein? Ein Kind erlöst von Not und Angst, von Streit und Tod? Damit soll alles Dunkel ein Ende haben? Zu Weihnachten können wir das so erleben. 

Die Krippe strahlt für viele Ruhe und Frieden aus. Die Krippe macht nachdenklich und erhellt die, die sich davon ergreifen und erleuchten lassen, und die dabei spüren oder zumindest erahnen: Das Leben ist doch auch schön! Machen wir es schön! Auch für andere!

Das Leben ist nicht immer hell, aber es ist schön, wenn uns ein anderer mit seiner Liebe berührt, wenn er uns an die Hand nimmt – oder vielleicht auch einfach nur die Hand hält.

Das Leben ist doch schön! Wenn wir stolz auf unsere Kinder schauen oder auf die Enkel, wenn wir spüren, wie unsere Familie, Eltern und Geschwister, Lebenspartner und Kinder uns lieben und uns mit ihrer Liebe Halt geben.

Das Leben kann doch schön sein – wenn wir Gutes tun und uns das in der Seele auch gut tut. 

Plötzlich sehen wir den unglaublichen Stress der Pflegekräfte im Krankenhaus – und werden verständnisvoll. Plötzlich sehen wir die Menschen, die hier in Heilbronn keine bezahlbare Wohnung finden, und tun was dagegen. Wir hier in Sontheim mit zwei kleinen Häuschen. Plötzlich sehen wir die, denen wir doch die Hand reichen könnten. „Die Leute in den Geschäften sind so nett“ hat mir eine Frau gesagt, die beim Einkauf auf Hilfe angewiesen ist.

Das Kind in der Krippe strahlt tief in uns hinein. Das ist das Tolle an Weihnachten. Hoffnung auf Licht – dann, wenn wir es brauchen. Wenn es finster ist, werden wir Licht spüren, sagt Weihnachten. Wenn das Leben schwer ist, können wir uns getragen fühlen. Wenn unsere Träume Makulatur werden, bleibt die Hoffnung, dass in dem Kind der Krippe Gott zu uns Menschen gesprochen hat und sagt: Fürchtet euch nicht! Ich bin das Licht der Welt! Und das Licht auch für Dich, an jedem Tag Deines Lebens.

Gesegnete Weihnacht wünsche ich Ihnen!

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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