Sonntagsgedanken 21-02-2021 Verraten und verkauft

 Verräter mag niemand, denn man kann Ihnen grundsätzlich nicht trauen. Für jede Freundschaft ist ein Verrat tödlich, und im Falle von Judas und Jesus galt das sogar im wörtlichen Sinne. Jesus musste sich vor seine Feinden verstecken und Judas verrät ihn. Er führt die Soldaten ins Versteck, und die weitere Geschichte ist bekannt. Jesus wird gefangengenommen und hingerichtet.

Das ist eines der schlimmsten Dinge, die Freunde einander antun können: Den anderen verraten. Und das gibt es auch heute noch. Schulkinder, die gemobbt werden, zur Zeit eher im Internet und ansonsten in viel zu großer Zahl auf dem Schulhof, und ihre Freunde tun nichts dagegen. Oder als Erwachsener glaubt man, die Liebe des Lebens gefunden zu haben, und wird betrogen. Oder man hat einen peinlichen Fehler gemacht und wird von vermeintlichen Freunden im Kollegenkreis vorgeführt. Verrat hat viele Gesichter – hässlich sind sie alle. Und tun furchtbar weh. Niemand steht da drüber. Nicht einmal Jesus, von dem wir hören, wie erbost er war. „Einer wird mich verraten.“

Zyniker meinen, Verrat sei doch menschlich. Traue keinem, heißt ihr Motto, dann wirst du auch nicht enttäuscht werden. Aber ehrlich: So möchte ich nicht leben. Ohne Vertrauen in Freunde und Mitmenschen ist Leben nicht schön, nicht möglich, ohne Vertrauen bleibt dem Mobbing-Opfer nur die Verzweiflung, und ohne Vertrauen bleibt von Liebe nur Eifersucht übrig. Vertrauen ist zum Leben genauso nötig wie Luft zum Atmen.

Aber wie um Himmels willen kann man dann nur auf die Idee kommen, seinen Freund oder seine Freundin zu verraten? Über die Gründe, die Judas hatte, gibt es viele Spekulationen. Oft ist dabei die Rede von enttäuschtem Idealismus. Judas habe auf nicht weniger als eine Revolution durch Jesus gehofft. Als die ausblieb, wollte er Jesus dazu zwingen. Einen Aufstand sollte geben oder eine göttliche Machtdemonstration. So die Hoffnung hinter dem Verrat. Das wäre ein Verrat aus Idealismus. Aus der Geschichte kennen wir das. Überzeugungstäter, die geheime Pläne dem Gegner verraten, oder als Whistleblower veröffentlichen.

Und so etwas gibt es, denke ich, auch im privaten Bereich. Freunde, die Geheimnisse preisgeben, weil sie doch nur das Beste wollen. „Ich hab deinen Mann gestern auf der Straße mit einer Frau gesehen.“ Solche Geschichten gibt es nicht nur im Spielfilm. Ob das richtig oder falsch ist, sich so in eine andere Beziehung einzumischen, ist nicht leicht zu beantworten. Der Schaden kann größer sein als der Nutzen. Idealismus ist eine ziemlich zweischneidige Sache. Gutes zu wollen, heißt ja noch lange  nicht, Gutes zu tun. 

Ich hatte in letzter Zeit mit manchen sogenannten Querdenkern zu tun. Keine Verschwörungstheoretiker und auch keine Rechtsradikalen. Auch keine Freunde von mir, aber sie klangen ehrlich besorgt, dass die ganzen Maßnahmen zu viel, weil unnötig seien. Eine Schülerin hat mir einfach die falsche Behauptung entgegengehalten, dass die normale Grippe doch viel gefährlicher sei als Covid-19. Idealismus kann gefährlich sein, wenn er die falschen Ziele verfolgt. Wahrscheinlich muss man da in jedem Einzelfall entscheiden, ob man widerspricht oder solche Falschbehauptungen ignoriert, weil man keinen Streit will.

Vielleicht ging es Judas aber doch nur um die dreißig Silberlinge, die Belohnung für den Verrat, den schnöden Eigennutz. Das ist die einfachere Erklärung, die leider oft stimmt: Falsche Freunde, die sich damit entlarven, dass sie nur an sich denken.

Im Falle von Judas sieht Jesus den Teufel in ihn fahren. Den Satan. Das klingt heute ziemlich archaisch, aber letztlich kennen wir das auch in modernen Zeiten. Menschen tun Böses, und es lässt sich nicht verstehen, nicht erklären. Das Böse ist einfach da, wie eine eigene, mächtige und unheimlich Gestalt.

Hannah Arendt berichtete über den Prozess gegen Adolf Eichmann, der die Ermordung von 6 Millionen europäischen Juden organisiert hatte. Ein hoher SS-Mann, der im Gericht den kleinen Bürokraten spielte, der nur seine Pflicht getan habe. Ungeheuerlich – und doch banal. Hanna Arendt brachte dies Irritation sehr eindrücklich auf den Begriff. Die Banalität des Bösen. Hinter dem Bösen steckte kein übermenschliches Monster, sondern ein Mensch, der einfach Böses tat. 

Vom Satan ist heutzutage kaum noch die Rede. Das muss man auch nicht. Er steckt in den Menschen, wie wir hier in der Bibel hören, in Judas. Böse sind Menschen aller Art – dumme und kluge, Zyniker und Idealisten, und leider auch: Gläubige und Ungläubige. „Warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden, im Herzen der Bösen.“ sagt Jean-Jaques Rousseau.

Aber so dunkel soll die Predigt nicht enden, wenn es auch im Bibeltext heißt: „Und es war Nacht.“ Wir müssen lernen, mit dem Bösen umzugehen, und die Bibel ist dabei ein guter Ratgeber.

Für mich heißt das zunächst: Das Leben ist kein Ponyhof. Rechne damit, dass es Böses gibt! Dass Menschen Böses tun. Aber bleibe realistisch: Auf einen Judas kommen elf gute Freunde. Es gibt mehr Liebe in der Welt als Hass. Und Liebe ist stärker als Hass.

Zweitens: Lass dich nicht auf das Niveau des Bösen herunter. Bekämpfe das Böse mit Gutem, wie Paulus im Römerbrief schrieb.

Und drittens: Alleine schaffst du das nicht. „Erlöse uns von dem Bösen,“ beten wir im Vaterunser. Und Gott erlöst uns, indem er uns Menschen zeigt, die uns lieben. Indem wir selbst um Vergebung unserer Schuld bitten – und indem Gott uns mit dem Vertrauen erfüllt, dass wir von jedem neuen Tag nicht das Schlechte, sondern das Gute erwarten.

Ich hoffe, ich kann das und ich hoffe, Sie können das auch: Von jedem neuen Tag das Gute erwarten.

Seien Sie behütet!

Amen!

Predigttext am Sonntag, 21. Februar 2021, ist Johannes 13, 21-30

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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