Sonntagsgedanken 09-25 2021 – Ohne Ansehen der Person

 Liebe Gemeinde,

Gott hilft ohne Ansehen der Person, heißt es. Aber Leute wie Zachäus können da eigentlich nicht gemeint sein. Denn wenn Gericht über ihn gehalten wird, ist das Urteil klar: Ein Betrüger und Verräter ist er, korrupt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. 

Zachäus hatte von den Römer eine Zollstation gepachtet. Zöllner waren damals keine pflichtbewussten Beamten wie heute, sondern Büttel der Besatzungsmacht. Landesverräter eigentlich und nicht sonderlich beliebt, vor allem, weil sie davon lebten, dass sie den Leuten mehr Wegezoll abknöpften, als vorgegeben. Zachäus hatte es so zu einigem Reichtum gebracht. Also arm war er auch nicht.

Oder doch? Ein armer Kerl war er, wie man so sagt. Denn es gibt natürlich wie immer auch eine andere Seite. Zachäus hatte zwei Probleme, die man nicht übersehen sollte. Zum einen mochte ihn niemand. Selber schuld, sagen wir, aber es ist wie mit der Henne und dem Ei: Mochten die Leute Zachäus nicht, weil er Zöllner war? Oder war er Zöllner für die Römer geworden, weil die anderen ihn sowieso nicht mochten – und zum Beispiel wegen seines kleinen Wuchses gemobbt haben. Das war nämlich sein zweites Problem. Er war klein. Und als eines Tages Jesus in die Stadt kam, konnte Zachäus keinen Platz an der Straße finden, wo dieser ihn sah. Und die anderen dachten nicht im Traum daran, ihn in die erste Reihe vorzulassen.

Und sehen Sie, das ist jetzt das Tolle an der Bibel. Da gibt es so völlig alltägliche Geschichten mit alltäglichen Personen. Die wurden garantiert nicht für ein heiliges Buch erfunden, sondern das ist so oder ähnlich passiert. Zachäus entspricht keinem Klischee, sondern ist ein ganz normaler Egoist. Im Dienst der Besatzungsmacht, korrupt, klein von Wuchs und reich. Also so ziemlich die letzte Figur, die man sich als Opfer ausdenken würde. Dem hilft Gott nicht, oder?

Zachäus will unbedingt Jesus sehen und da ihn niemand vortreten lässt, klettert er eben nach oben. Eine ziemlich lächerliche Vorstellung: Ein Erwachsener klettert auf einen Baum. Ein Gauner macht sich selbst zum Gespött der Leute, weil er einen heiligen Mann sehen will. Doch mit dem Verspotten macht Jesus sofort Schluss. Er wählt Zachäus aus der Menge aus und gibt ihm die Ehre seines Besuchs.

Würden Sie so etwas tun? Würden Sie ganz offen jemandem die Ehre geben, der sie in den Augen der anderen garantiert nicht verdient hat? Würden Sie einen Rechtspopulisten zu einer geselligen Veranstaltung einladen? Oder einen Obdachlosen in ihrem Hof übernachten lassen? Oder einen Kinderschänder gegen Hasstiraden in Schutz nehmen?

Ich denke, man sollte auf korrupte Verräter wie Zachäus nicht hereinfallen, aber abschreiben darf man auch solche Menschen nie. Das Gericht, von dem im Predigttext bei Jesus Sirach die Rede ist, halten nicht wir, sondern Gott am Ende der Zeiten. 

Unser Leben wird nur vom gnädigen und vergebenden Gott beurteilt, denn auch der schlimmste Verbrecher behält die Würde, die ihm sein Schöpfer verliehen hat.

Die glasklare Verkündigung des Propheten Jesus Sirach hat Jesus von Nazareth weitergedacht: Vor Gott ist jeder arm. Gott beurteilt nicht nach dem Geldbeutel, nicht nach dem leeren und nicht nach dem vollen, sondern wir sind alle Kinder Gottes und brauchen alle Hilfe, Liebe und Gnade.

Kürzlich war ich dienstlich im Krankenhaus, und es zu sehen ist etwas anderes, als es zu wissen: Völlig selbstverständlich wird dort ohne Ansehen der Person geholfen. Auf der Intensivstation liegen Menschen, die ungemein viel Hilfe brauchen und bekommen. Und da schaut keiner nach Geldbeutel oder Herkunft, oder fragt, ob der da liegt überhaupt die Hilfe verdient. Das ist gut so, und da haben wir viel von Jesus gelernt und können all denen dankbar sein, die helfen ohne viel zu fragen. Wer Hilfe braucht, soll Hilfe bekommen. 

Und zwar deshalb, weil Gott auch uns so gegenüber tritt. Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person, dem armen Schlucker, dem nichts seine Würde nehmen kann, und den geistlich Armen, von denen in der Bergpredigt die Rede ist. Gott hilft den laut Klagenden und den leise Weinenden. Und manchmal sogar einem Schurken wie Zachäus.

Und am Ende? Da bleibt die Liebe! Was denn sonst?

Predigttext am Sonntag, 9. Mai 2021, ist Sirach 35, 16-22a)

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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