Predigt zum Jahreswechsel 2021-22

Eine offene Türe, durch die Kinder hereinstürmen, das ist doch wunderbar. Menschen, die freudig auf einen zukommen, eine Türe, durch die man gehen kann und willkommen ist. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen,“ sagt Jesus, und so heißt das biblische Motto für das neue Jahr. Das Jahr 2022 heißt uns willkommen – im Hause Gottes. Abgewiesen wird niemand in diesem neuen Jahr. Auch im neuen Jahr, muss man betonen, denn schon im alten standen die Türen offen. 

Türen zu anderen Menschen, die an uns gedacht haben, die für andere da waren, die Kranke versorgt haben. All die Pfleger und Ärztinnen, die sich abgemüht haben, all die Rettungskräfte, die die Türe zu den Krankenwägen geöffnet haben,  all die Erzieherinnen und Lehrer, die die Türen der Schulen offengehalten haben, die Pfleger in den Heimen, die Polizisten auf den Straßen. 

Ich denke auch an die offenen Türen in den Herzen derer, die um den Arbeitsplatz ihrer Beschäftigten gekämpft haben. Und an die, die da waren, damit wir Wasser und Strom haben, Lebensmittel und natürlich auch das Internet.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen,“ sagt Jesus und soll es auch im neuen Jahr heißen, gerade auch für uns als Kirche. Das ist unser Markenkern. Man erkennt uns an der Nächstenliebe, die hilft, wo es nötig und möglich ist. Egal, wer er ist. Das war schon immer so. Niemand soll abgewiesen werden, auch wenn man es natürlich nicht allen recht machen kann, auch in der Kirche nicht.

Und auch wenn manchmal Undank der Welt Lohn ist. Unsere Gottesdienste sollen für alle offen sein. Ob geimpft oder getestet wird hier niemand gefragt. Das ist die Vorgabe der Landeskirche. Ist das richtig? Ich denke, wenn Jesus sagt, dass jeder kommen kann, heißt das nicht, dass jeder sich dann im Hause Gottes aufführen kann, wie er will. Rücksichtnahme und Nächstenliebe verlangt Jesus von uns. Nicht als Bedingung, um zur Kirche zu gehören, aber als das, was man tun soll, wenn man drin ist in der Kirche.Impfgegner muss man ertragen – und manchmal auch zurecht weisen. Aber die Türe weisen wollen wir ihnen nicht. Jesus weist niemanden ab. Und wenn er niemanden abweist, dann sollten wir das schon zweimal nicht tun. So schwer das auch manchmal fällt.

Unsere Kirche ist eben für alle da. Unser Nächstenliebe gilt allen. Auch den Dummen, die einem idiotische Parolen ins Ohr brüllen. So soll auch der Coronaleugner im Krankenhaus ein Beatmungsgerät bekommen, wenn er es braucht. Und wenn der Fußballprofi, der gegen das Impfen geredet hat, selbst krank wird und sein Geschwätz bereut, dann werden wir ihn nicht mehr abweisen, sondern sagen: Gut, das du es verstanden hast – und alles Alte ist vergessen.

Wenn Jesus vergibt, dann können wir auch vergeben. Denn wir sind ja selbst auf Vergebung angewiesen. Unsere Offenheit und Hilfe gilt eben auch denen, die im Leben auf sehr krummen Wegen gehen und die es einem schwer machen, ihnen zu helfen; die uns ablehnen, wenn wir doch nur helfen wollen. Gerade hier muss man barmherzig sein – und sich manchmal zwingen, offen zu bleiben, ohne sich für dumm verkaufeb zu lassen. Wer helfen will, muss auch einstecken können, das wissen wir. Der mürrische alte Mann braucht unsere Hilfe, und das aggressive Kind auch. Die Drogenabhängige, die immer lügt, und der Schläger, den man einsperren muss. Offen sollen wir sein, auch wenn uns jemand dumm oder krumm daher kommt, barmherzig zu den schrägen Vögeln und dunklen Gestalten.

Und warum? Weil Jesus es sagt und Gott selber so ist: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, heißt das Motto. Jesus würde uns ja auch nie abweisen. Denn wir selbst sind doch jeden Tag auch auf Vergebung und Verständnis angewiesen, auf Liebe und Gnade, auf Bewahrung und Hoffnung. Wir sind angewiesen darauf, dass wir gesund bleiben oder werden, dass Unheil uns verschont und unsere Liebsten, dass wir unser Auskommen haben und es das Leben gut mit uns meint. Wir selbst sind jeden Tag darauf angewiesen, dass die Türe zu Gott uns offen steht.

Jeden Tag sind wir darauf angewiesen, dass andere für uns offen sind, dass andere uns vergeben und uns ertragen. Da war man mürrisch zum Partner – hoffentlich verschließt er sein Herz nicht für uns. Da beantwortet man einen Fehler der Kassiererin mit einer spöttischen Bemerkung – seien wir dankbar, wenn sie es mit einem Lächeln wegsteckt und freundlich offen bleibt. Da merkt man beim eigenen Jahresrückblick, was man alles falsch gemacht hat gegenüber anderen oder überhaupt im Leben. 

Alles, was nicht geklappt hat und wo man doch verantwortlich dafür ist. Und was man nicht mehr ändern kann. Sind die Türen damit endgültig geschlossen?Die christliche Antwort heißt hier: Nein, die Tür zu Gott ist immer offen. Jederzeit. Gott vergibt uns, was andere nicht vergeben können, weil wir es uns selbst vergeben müssten, aber nicht können. Mir selbst fällt oft erst hinterher ein, was ich leichtfertig gesagt habe oder was ein Fehler war. Es tut mir leid, wo ich andere enttäuscht habe oder einfach zu schwach war. Und mit jeder Minute, die ich überlege, fällt mir mehr ein, was sich nicht mehr ändern lässt, wo sich die Türen geschlossen haben.

Also lassen wir doch das alte Jahr hinter uns! Und all das, wo wir Dummes gedacht und Unüberlegtes getan haben! Vertrauen wir es Gott und seiner Gnade an! Lassen wir unsere Irrtümer hinter uns und suchen bei Gott neue Orientierung! Treten wir durch die Türe ein, die Jesus ist. Auf seinen Weg der Wahrheit und des Lebens.Seien wir offen für unsere eigene Zukunft und machen wir uns frei von dem Alten!Corona hat das ja mehr oder weniger erzwungen. Das Alte galt im zurückliegenden Jahr nicht mehr viel. Die Planungen für ein Ende der Pandemie im Herbst lagen genauso daneben wie die vielfältigen Regelungen, der Covid-19-Epidemie Herr zu werden. Alte Überzeugungen wurden hinfällig. Wir mussten lernen, „auf Sicht zu fahren“ und sind dabei dem Straßenrand manchmal verdächtig nahe gekommen, nicht nur die Politiker, auch wir selbst.

Aber eigentlich ist das ja das christliche Leben per se: Auf Sicht zu fahren. Und dabei keine Furcht zu haben. „Was wollt ihr für den morgigen Tag sorgen?“ fragt Jesus. „Überlasst das Gott.“ Tretet ein!Tretet ein in das Reich der Hoffnung und der Liebe. Durch die Türe der Wahrheit in den Raum des Glaubens, wo ihr die sein könnt, die ihr seid: Verletzliche Wesen, die Liebe suchen. Herzensgute Menschen, die sich nicht verlieren möchten. Zweifelnde, die Hoffnung brauchen. Tatkräftige, die einander beistehen können.Alle bei dem einen versammelt, der die Liebe ist.Gottes Tür steht uns offen. Jeden Tag, auch im neuen Jahr.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes 2022.

(Hintergrundfoto im Video: iStock/monkeybusinessimages)

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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