Wir Pfarrer denken ja, die Predigt sei das Wichtigste am Gottesdienst, die Auslegung des biblischen Textes. Für eine große Zahl von Besuchern ist das Wichtigste allerdings etwas anderes, der Segen, der am Ende gesprochen wird, die Zusage, dass Gott mit uns ist, dass wir nicht verloren, sondern gehalten sind. Am kommenden Sonntag wird der Segen allerdings nicht nur gespendet, sondern es wird darüber auch gepredigt.
Wie soll man bloß ein abstraktes Ideal abbilden, mag sich Frédéric-Auguste Bartholdi gefragt haben, als er den Auftrag bekam, die Freiheit darzustellen. Natürlich als eine Allegorie, also in Gestalt einer Frau, die die Fackel der Aufklärung den Betrachtern entgegenhält.
Und wie würde man den Heiligen Geist darstellen? Die Taube hat sich eingebürgert, obwohl sie seltsam schwach wirkt und als „Ratte der Lüfte“ eigentlich keinen guten Ruf hat. Im Mittelalter hat man den Heiligen Geist ganz selbstverständlich auch in einer Figur, meist männlich allerdings, dargestellt.
Ich könnte mir heute die Freiheitsstatue als Symbol des Heiligen Geistes vorstellen. Die Inschrift an der Basis der Statue aus dem Jahr 1903 klingt, als würde der Geist christlicher Nächstenliebe sich heute, wenn auch in altertümlicher Sprache, melden: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren / Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten / Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturm Getriebenen / Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“
Predigttext am Pfingstfest, 24. Mai 2026, ist Apostelgeschichte Kapitel 2.
„Ich habe eine Begegnung gehabt. Ich kann sie nicht einmal beweisen, doch ich spüre sie mit allem was ich bin. Wir sind verbunden mit etwas Höherem – und wir sind nicht allein. Keine Sekunde.“
Haben Sie so etwas auch schon mal empfunden: Damals im Krankenhaus als Sie inmitten aller Bedrohung gespürt haben: Das geht gut? Oder als Sie mit Sorgen in der Kirche saßen und plötzlich das Gefühl hatten, hier sind Sie umgeben von Ewigkeit und Sie spüren plötzlich Ruhe und Kraft?
Das Zitat stammt aus dem Film Contact, in dem eine Wissenschaftlerin im Rahmen einer äußerlich gescheiterten Raumfahrtmission eine Begegnung dieser besonderen Art hat: Die Gewissheit zu spüren, dass alles ganz anders ist, alles ist geborgen, gedacht, gehalten und voller Sinn.
Manche halten das für Illusion – das kann man so sehen. Delusion – Irrsinn -, wie es militante Atheisten nennen, ist diese Begegnung aber nicht. Glaube kann man nicht beweisen und nicht machen, man kann ihn nur spüren: Als „Ergriffenheit von dem, was uns unbedingt angeht“, als „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ – oder manchmal auch nur ganz lapidar als Gewissheit, dass Liebe und Güte richtig sind.
Predigttext am Sonntag, 17. Mai 2026, ist Jeremia 31, 31-34
Das Dauergeplappere der Schopping-Queens geht mir genauso auf den Geist wie das der Bewohner von Köln 50667 . Und am schlimmsten finde ich das Gequassel in den Polittalkshows und die Wichtigtuerei der Weltverbesserer. Aber offenbar kann man sich dem Medienzirkus kaum entziehen. (Außer bei Twitter, da ist zum Glück nach 140 Zeichen Schluss.) Deshalb gibt es solch Geplapper leider auch in der Kirche. Aber der Glaube ist nicht stärker, je länger das Gebet ist. Wohltuend empfinde ich deshalb die Worte Jesu, der erklärt, wie man beten soll: Im stillen Kämmerlein und ohne viele Worte. Das Vaterunser reicht. Da war Jesus nicht nur seiner, sondern auch unserer Zeit voraus…….. Predigttext am kommenden Sonntag, 10. Mai 2026 ist Matthäus 6, 5-15.
„Music was my first love and it will be my last“ – diese Ballade von John Miles aus dem Jahr 1976 zählt zu den Evergreens, den Liedern, die nie vergehen: „Musik war meine erste Liebe, und sie wird meine letzte sein.“ Ein Lied also, das sich selbst besingt.
Kaum etwas geht uns so unmittelbar nahe wie die Musik. Sie macht die Gefühle, die uns im Kino bewegen; in ihr kommen Dinge zum Ausdruck, die wir „trocken“ kaum so sagen würden. Wer ruft bei uns schon laut „Gelobt sei Gott!“, aber bei Leonard Cohens „Halleluja“ summen alle mit und bei Jeff Buckleys Coverversion werden die Augen feucht.
Am Sonntag ist der „Musik-Gedenktag“ in den Kirchen: Kantate, heißt er. Er erinnert daran, dass wir unsere Gefühle oft nur schwer in Worte fassen können. Das Glück der Liebe ebenso wie das Entsetzen über Krieg und Gewalt. Hoffnung und Trauer. Und das gilt auch für das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“, das der Glaube ist. Wir werden aber wohl immer Musik finden, die diese Gefühle aufnimmt und ausdrückt. Dabei ist jede Art von Musik wertvoll, wenn Sie dies nur leistet, das Metal-Getöse, das inzwischen auch im christlichen Raum das Schweigen durchbricht ebenso wie die Volksliedmelodie von „So nimm den meine Hände“, die uns in erträumte Paradiese entführt.
Predigttext am Sonntag, 3. Mai 2026, ist 2.Chronik 5, 2-14
Hungrig sollten sie bleiben und ein bisschen verrückt, hat der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs einmal Absolventen der Universität Stanford empfohlen. So kann man etwas aus seinem Leben machen, kann Frucht bringen, wie es in der Bibel heißt. Was ist der Ertrag unseres Leben? Worin liegt sein Sinn? Im Beruf? In der Kindern? In der Liebe? Im Tun des Guten? Kein anderer kann uns das sagen. Vielleicht liegt sogar der Sinn des Lebens im Leben selbst. Das zu tun, was lebendig ist und Leben schafft: Neue Ideen und bessere Beziehungen, mutige Taten und freie Gedanken. Wer sich daran hält, wir Frucht bringen. Und selig, wer nach diesen Früchten hungrig bleibt.
Predigttext am Sonntag, 26. April 2026 ist Johannesevangelium 15, 1-8.
Vater kümmert sich zu wenig um Sohn > Vater rettet Sohn um jeden Preis > Vater bringt Sohn zur Mutter zurück und – fast – alles ist gut. So laufen kurz und knapp gesagt viele der Blockbusterfilmen von The Day After Tomorrow bis Krieg der Welten ab. Der Vater, den man vermisst hat, rettet einen aus höchster Not.
Ein kindischer Traum? Sich jemanden zu wünschen, der einem die Probleme des Lebens löst, ist tatsächlich kindlich. Denn das wird nicht geschehen und da ist die Kritik an der Religion auch berechtigt, wenn sie einem die Eigenverantwortlichkeit nimmt und auf eine Lösung vertröstet, die nicht kommt.
Gott zieht nicht die Fäden in unserem Marionettenleben. Aber er ist der „gute Hirte“. Die Kastanien holt er für uns nicht aus dem Feuer. Aber sein Geist gibt uns Mut und Kraft, einen Weg zu finden, den wir gehen können. Leider nicht immer genau dann, wenn wir es wünschen, aber gewiss dann, wenn wir auf ihn hören.
Predigttext am Sonntag, 19. April 2026, ist 1.Petrusbrief 2, 21b-25.
Schauen Sie sich an! Wer hat uns gemacht? Oder dieses Adler? Gewiss nicht wir selbst! Für Rene Descartes war mit diesem Gedanken erwiesen, dass es Gott gibt. Den Ewigen, das Sein-Selbst von dem alles ist, wie die Philosophen sagen. Doch reine Begriffe sind hier unzureichend, das spüren wir. Deswegen erzählt die Bibel vor allem Geschichten – nicht von Gott, sondern von Menschen, die an Gott geglaubt haben. Sara, die überraschend das lange ersehnte Kind bekam; Mose, der sein Volk in die Freiheit führte; Petrus, der vom Feigling zum Anführer der ersten Christen wurde. Beim Glauben geht es also nicht darum, wer Gott an sich ist, sondern was er für uns bedeutet: Gott der alles geschaffen hat, wird uns bestimmt nicht vergessen, sondern er gibt uns Kraft für unser Leben, „dass wir auffahren mit Flügeln wie Adler“ wie es im Predigttext für nächsten Sonntag heißt, dass wir hier und heute wirklich leben können, voller Hoffnung und Mut, in Freiheit und Liebe.
Predigttext am Sonntag, 12. April 2026 ist Jesaja 40, 26-31.
Die berühmteste Heilbronnerin ist wohl das Käthchen von Heilbronn. Leider hat die Figur aus dem Theaterstück nichts mit meiner Heimatstadt zu tun, und die Stadt selber kann mit ihr nicht viel anfangen. Einmal hat jemand sogar die Statue von ihr umgefahren.
In Berlin war das einmal anders. Da hat mich das Käthchen umgehauen. Vor 20 Jahren muss das gewesen sein, im Deutschen Theater. Ich saß irgendwo hinten und gegen Ende, als Käthchen auf der Bühne ins Feuer gegangen ist und man denken muss, jetzt stirbt sie aus Liebe, da steht neben mir plötzlich ein junger Mann auf und beginnt zu singen, einen Choral, zusammen mit einem Dutzend anderer Chorsänger, die sich bisher im Publikum verborgen gehalten hatten.
„Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Inbrünstig singt der Chor alle Zweifel weg, hat ein Kritiker geschrieben.
Wer wollte da noch an der Rettung Käthchens zweifeln? Die Liebe ist stark wie der Tod.
Auferstehung kann man manchmal spüren, wenn einem Musik tief durchs Innere geht. Wenn es im Nebel plötzlich helle wird. Wenn uns das Lächeln unserer Liebsten aus dem Trüben reisst.
Und für einen kurzen Moment sind alle Zweifel verschwunden.
Lassen wir uns das zu Ostern gesagt sein: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie uns behüten.“ Alle Tage, bis über das Ende hinaus.
Wenn man nichts mehr tun kann, kann man immer noch etwas tun. Wer viel mit Menschen zu tun hat, weiß das. Auch wenn man die Probleme anderer nicht lösen kann, wenn keine Ratschläge mehr helfen können und unsere Hilfe am Ausgang nichts mehr ändert, kann man immer noch etwas tun und wenn auch nicht mehr das Ergebnis, so doch die Situation ändern. Wie die Frau, die sich Jesus in seinen letzten Tagen näherte. Sein Tod war beschlossene Sache, nichts blieb mehr zu tun, außer ihm Nähe zu zeigen, dabei zu sein und – in diesem Fall – mit kostbarem Öl zu salben. Niemand soll alleine sein müssen!
Es tut gut, zu wissen, dass jemand nahe ist, dass man nicht alleine ist. Selbst Menschen, die sich nicht helfen lassen können oder wollen, spüren das.
Und es ist gut, anderen nahe zu sein, auch dann, wenn es scheinbar „nichts mehr bringt“. Manchmal müssen wir akzeptieren, dass wir anderen nicht mehr wirklich helfen, sondern ihnen nur nahe sein können.
Vielleicht trauen wir uns das manchmal zu wenig: Einander nahe sein, ohne zu fragen, was das bringt und ob das lohnt.
Predigttext am Palmsonntag ist Markusevangelium 14, 3-9.