Sonntagsgedanken 07-03-2021 Forderungen stellen ist einfach

Forderungen zu stellen ist einfach: Der andere soll sich anständig benehmen und bei seiner Wortwahl darauf achten, dass die nicht beleidigend oder verleumderisch ist. Der erhobene Zeigefinger ist da nicht fern. Und bei manchem, was man so an Kommentaren auf Facebook liest, muss man das auch betonen und sagen: Benimm dich! 

Andererseits wissen wir alle, dass es leichter ist, Forderungen zu stellen, als sie zu erfüllen. Nicht habsüchtig sein, heißt eine der Forderungen der Bibel. Na klar! Gegen die Finanzhaie sind alle – aber gilt das auch für den, der sich beim Discounter günstige Hemden kauft, oder den, der sich seine Sonnenstromanlage auf dem Dach mit staatlich garantierter Rendite finanzieren lässt?

Das Leben ist meistens komplizierter als die Forderungen. Deswegen hat Jesus immer betont, dass letztlich nur eine Forderung gilt: Liebt einander! Und wie das dann im Einzelnen aussieht, das muss jeder für sich vor seinem Gewissen verantworten.

Seien Sie behütet!

Predigttext am 7. März 2021 ist Epheser 5, 1-9.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #28 – Selfies? Ja, bitte!

Die Welt oder zumindest das Abendland geht bei den Besserwissern unter den Schöngeistern mal wieder unter: Allenthalben werden Selfies gemacht, also Selbstporträts mit dem Smartphone. Und die seien Ausdruck heutiger Selbstverliebtheit und von Narzissmus, war auf der Kulturseite einer Zeitung zu lesen, also da, wo sich die entsprechenden Redakteure üblicherweise gerne selbst darstellen. Schlimm, schlimm, wenn einer sich selbst abbildet. Was mag nur im Kopf von Albrecht Dürer vorgegangen sein, als er sich auf seinem Selfie als Christus inszenierte? Ach halt, der hat ja gemalt.

Genug gespottet. Selfies haben mit Narzissmus nichts zu tun, sagen die Medienexperten, denn in der Regel werden sie beiläufig gemacht und die Personen darauf wissen, dass sie darauf selten vorteilhaft aussehen. Ganz im Unterscheid zu den gestylten Instagramern, die sich inzwischen lieber von anderen fotografieren lassen. Aber bei einem Selfie? Da ist man halt irgendwo und möchte seine Bekannten daran teilhaben lassen, dass man da jetzt ist – am Herd oder im Freien mit Blick auf die Stadt. Der Alltag wird zum alltäglichen Foto-Objekt – und witzig ist es manchmal auch.

Und wie so mancher virtuelle Weltuntergang – erinnert sich noch jemand an die Angst vor den Avataren des „Second Life“ vor zehn Jahren? – wird sich auch das normalisieren und wir dürfen uns in dreißig Jahren daran erfreuen, wie schief wir früher ausgesehen haben.

Es gilt also auch hier: Gelassen bleiben!

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Sonntagsgedanken 28-02-2021 – Im Wein ist Wahrheit

„Im Wein ist Wahrheit“, sagt man, aber ich habe mit solch einer Weisheit zunächst meine Probleme. Ein guter Lemberger ist eine feine Sache, und in der Sonne kann man bei einem Glas kühlen Weisswein gut zur Ruhe kommen. Auf der anderen Seite finde ich das große Elend und Leid, dass der Alkoholkonsum Menschen in unserer Gesellschaft zufügt – Alkoholkranken und deren Familien, Verkehrstoten – so fürchterlich, dass mir keines der üblichen Sauflieder über die Lippen geht.

Tacitus, dem wir die Verbreitung des Zitats verdanken, hat damit eine Beobachtung im alten Germanien verdeutlicht: Unsere Vorfahren würden ihre Ratssitzungen nur betrunken abhalten, weil man betrunken nicht lügen könne. Um Saufen bis zur Bewusstlosigkeit kann es also nicht gegangen sein, sondern darum, sich nicht mehr verstellen zu können.

Da ist etwas wahres dran. Und vielleicht ist der Weinbau deshalb so besonders mit Kultur und menschengemäßem Genuss verbunden. In jedem Fall ist er eine der ältesten Kulturleistungen des Menschen. Der Prophet Jesaja nimmt es als Bild für die Liebe, mit der man sich um andere sorgt. Leider geht das im Predigttext für den Sonntag schief. Aber bei Jesus ist der liebevolle Weinanbau ein Bild für Leben, das wächst und gelingt. Darauf möchte ich anstoßen – mit einem Zehntel Chardonnay und nur nach 20 Uhr und nur, wenn alle Anwesenden auch mitmachen können.

Predigttext am Sonntag, 28. Februar 2021, ist Jesaja 5, 1-7
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #27 – Forever 60+

Den Sechzigjährigen, der seine Midlife-Krise damit beendet, dass er sich eine Harley-Davidson kauft, habe ich eher für einen Witz gehalten, bis mir vor ein paar Jahren in Utah tatsächlich zwei grauhaarige Herren in schwarzer Lederkluft begegnet sind, die aussahen, als seien sie gerade der Filmkomödie „Born to be wild“ entsprungen. Sie waren mir auf Anhieb sympathisch. Jedem, wie es ihm gefällt, und lieber Bike Fahren als zuhause nörgelnd herumzusitzen.

Wir Männer der Generation 60+ sind eine wichtige Zielgruppe für alles, was vor 40 Jahren nach Revolution aussah oder wenigstens Veränderung. Denn wir kaufen, was uns das Gefühl gibt, jung zu geblieben sein: Motorräder, Vinyl-Schallplatten und definitive CD-Gesamtausgaben mit unveröffentlichen Probeaufnahmen und was es sonst noch an Spezialitäten gibt, mit dem man jemanden etwas, was er schon hat, nochmals verkaufen kann.

Befremdlich finde ich das zuweilen. Und Rockattitüden á la „I can’t get no satisfaction“ von 75 jährigen auf der Bühne eher peinlich. Auch 60+ kann man doch Green Day und Arcade Fire hören. Spannend übrigens, dass deren Musik sich nicht einfach Rock nennt, sondern Alternative oder Indie-Rock; die 30jährigen wollen sich offenbar von uns 60jährigen abgrenzen. Es sei ihnen erlaubt.

Trotzdem finde ich es wichtig, nicht immer am Altbekannten zu hängen. Die Welt dreht sich weiter und wir mit ihr. „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes,“ sagte der 30jährige Jesus. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber unsere Zukunft. Alte Wunden zu lecken ist genauso wenig hilfreich wie alten Träumen nachzuweinen.

Obwohl: Einmal auf dem alten Highway 61 von New Orleans nach Wyoming, das wär’s gewesen! Aber gut: Bob Dylan wird ja sowieso niemals alt.

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Sonntagsgedanken 21-02-2021 Verraten und verkauft

 Verräter mag niemand, denn man kann Ihnen grundsätzlich nicht trauen. Für jede Freundschaft ist ein Verrat tödlich, und im Falle von Judas und Jesus galt das sogar im wörtlichen Sinne. Jesus musste sich vor seine Feinden verstecken und Judas verrät ihn. Er führt die Soldaten ins Versteck, und die weitere Geschichte ist bekannt. Jesus wird gefangengenommen und hingerichtet.

Das ist eines der schlimmsten Dinge, die Freunde einander antun können: Den anderen verraten. Und das gibt es auch heute noch. Schulkinder, die gemobbt werden, zur Zeit eher im Internet und ansonsten in viel zu großer Zahl auf dem Schulhof, und ihre Freunde tun nichts dagegen. Oder als Erwachsener glaubt man, die Liebe des Lebens gefunden zu haben, und wird betrogen. Oder man hat einen peinlichen Fehler gemacht und wird von vermeintlichen Freunden im Kollegenkreis vorgeführt. Verrat hat viele Gesichter – hässlich sind sie alle. Und tun furchtbar weh. Niemand steht da drüber. Nicht einmal Jesus, von dem wir hören, wie erbost er war. „Einer wird mich verraten.“

Zyniker meinen, Verrat sei doch menschlich. Traue keinem, heißt ihr Motto, dann wirst du auch nicht enttäuscht werden. Aber ehrlich: So möchte ich nicht leben. Ohne Vertrauen in Freunde und Mitmenschen ist Leben nicht schön, nicht möglich, ohne Vertrauen bleibt dem Mobbing-Opfer nur die Verzweiflung, und ohne Vertrauen bleibt von Liebe nur Eifersucht übrig. Vertrauen ist zum Leben genauso nötig wie Luft zum Atmen.

Aber wie um Himmels willen kann man dann nur auf die Idee kommen, seinen Freund oder seine Freundin zu verraten? Über die Gründe, die Judas hatte, gibt es viele Spekulationen. Oft ist dabei die Rede von enttäuschtem Idealismus. Judas habe auf nicht weniger als eine Revolution durch Jesus gehofft. Als die ausblieb, wollte er Jesus dazu zwingen. Einen Aufstand sollte geben oder eine göttliche Machtdemonstration. So die Hoffnung hinter dem Verrat. Das wäre ein Verrat aus Idealismus. Aus der Geschichte kennen wir das. Überzeugungstäter, die geheime Pläne dem Gegner verraten, oder als Whistleblower veröffentlichen.

Und so etwas gibt es, denke ich, auch im privaten Bereich. Freunde, die Geheimnisse preisgeben, weil sie doch nur das Beste wollen. „Ich hab deinen Mann gestern auf der Straße mit einer Frau gesehen.“ Solche Geschichten gibt es nicht nur im Spielfilm. Ob das richtig oder falsch ist, sich so in eine andere Beziehung einzumischen, ist nicht leicht zu beantworten. Der Schaden kann größer sein als der Nutzen. Idealismus ist eine ziemlich zweischneidige Sache. Gutes zu wollen, heißt ja noch lange  nicht, Gutes zu tun. 

Ich hatte in letzter Zeit mit manchen sogenannten Querdenkern zu tun. Keine Verschwörungstheoretiker und auch keine Rechtsradikalen. Auch keine Freunde von mir, aber sie klangen ehrlich besorgt, dass die ganzen Maßnahmen zu viel, weil unnötig seien. Eine Schülerin hat mir einfach die falsche Behauptung entgegengehalten, dass die normale Grippe doch viel gefährlicher sei als Covid-19. Idealismus kann gefährlich sein, wenn er die falschen Ziele verfolgt. Wahrscheinlich muss man da in jedem Einzelfall entscheiden, ob man widerspricht oder solche Falschbehauptungen ignoriert, weil man keinen Streit will.

Vielleicht ging es Judas aber doch nur um die dreißig Silberlinge, die Belohnung für den Verrat, den schnöden Eigennutz. Das ist die einfachere Erklärung, die leider oft stimmt: Falsche Freunde, die sich damit entlarven, dass sie nur an sich denken.

Im Falle von Judas sieht Jesus den Teufel in ihn fahren. Den Satan. Das klingt heute ziemlich archaisch, aber letztlich kennen wir das auch in modernen Zeiten. Menschen tun Böses, und es lässt sich nicht verstehen, nicht erklären. Das Böse ist einfach da, wie eine eigene, mächtige und unheimlich Gestalt.

Hannah Arendt berichtete über den Prozess gegen Adolf Eichmann, der die Ermordung von 6 Millionen europäischen Juden organisiert hatte. Ein hoher SS-Mann, der im Gericht den kleinen Bürokraten spielte, der nur seine Pflicht getan habe. Ungeheuerlich – und doch banal. Hanna Arendt brachte dies Irritation sehr eindrücklich auf den Begriff. Die Banalität des Bösen. Hinter dem Bösen steckte kein übermenschliches Monster, sondern ein Mensch, der einfach Böses tat. 

Vom Satan ist heutzutage kaum noch die Rede. Das muss man auch nicht. Er steckt in den Menschen, wie wir hier in der Bibel hören, in Judas. Böse sind Menschen aller Art – dumme und kluge, Zyniker und Idealisten, und leider auch: Gläubige und Ungläubige. „Warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden, im Herzen der Bösen.“ sagt Jean-Jaques Rousseau.

Aber so dunkel soll die Predigt nicht enden, wenn es auch im Bibeltext heißt: „Und es war Nacht.“ Wir müssen lernen, mit dem Bösen umzugehen, und die Bibel ist dabei ein guter Ratgeber.

Für mich heißt das zunächst: Das Leben ist kein Ponyhof. Rechne damit, dass es Böses gibt! Dass Menschen Böses tun. Aber bleibe realistisch: Auf einen Judas kommen elf gute Freunde. Es gibt mehr Liebe in der Welt als Hass. Und Liebe ist stärker als Hass.

Zweitens: Lass dich nicht auf das Niveau des Bösen herunter. Bekämpfe das Böse mit Gutem, wie Paulus im Römerbrief schrieb.

Und drittens: Alleine schaffst du das nicht. „Erlöse uns von dem Bösen,“ beten wir im Vaterunser. Und Gott erlöst uns, indem er uns Menschen zeigt, die uns lieben. Indem wir selbst um Vergebung unserer Schuld bitten – und indem Gott uns mit dem Vertrauen erfüllt, dass wir von jedem neuen Tag nicht das Schlechte, sondern das Gute erwarten.

Ich hoffe, ich kann das und ich hoffe, Sie können das auch: Von jedem neuen Tag das Gute erwarten.

Seien Sie behütet!

Amen!

Predigttext am Sonntag, 21. Februar 2021, ist Johannes 13, 21-30

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Alltagsglaube #26 – Wegeheld

Unflätigkeit und Internet scheinen zusammen zu gehören. Am Smartphone oder PC tippt sich schnell mal eine Beschimpfung. Und Shitstorms haben selbst wir vom Kirchenbezirk schon erlebt, als sich militante Atheisten anlasslos auf unserer Facebook-Seite austobten. Die Hemmungen fallen, wenn man seinem Gegenüber nicht ins Gesicht schauen muss.

Dennoch ist das alles nichts Neues, denn Unhöflichkeiten gibt es auch in der analogen Welt mehr als genug. Autofahrer sind zwar mit dem Vogel-Zeigen zurückhaltend geworden, seit dies als Beleidigung gilt, aber als kürzlich ein Mercedesfahrer seine silberne Karosse schnell und ziemlich schräg in die Lücke fuhr, in die ich rückwärts einparken wollte, war das schon dreist, aber für den Fahrer offenbar selbstverständlich 

Auch Besserwisser gibt es nicht nur online. In Flein wollte einmal ein älterer Mann die Autofahrer darauf aufmerksam machen, dass dort jetzt 30er Zone ist, indem er auf der Fahrbahn den PKWs entgegen spazierte. Das war nicht nur gefährlich, sondern ging ihn auch überhaupt nichts an fand ich und wich ihm aus. 

Aber was soll man in einem Land auch anderes erwarten, in dem es eine App gibt, mit der man Falschparker melden kann. Sie heißt übrigens „WegeHeld“.

Höflichkeit lässt sich leider nicht erzwingen. Man kann nur auf zwei Dinge aufmerksam machen: Erstens immer daran zu denken, dass man sich immer zwei Mal begegnet, und zweitens dass man, wie Jesus sagte, sich dem anderen gegenüber so verhalten soll, wie man möchte, dass einem die anderen begegnen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch wenn deine Nächsten das noch nicht begriffen haben.

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Sonntagsgedanken 14-02-2021 Fasten im Coronajahr

 Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Aber eigentlich brauchen wir die in diesem Jahr nicht. Auf zu viel müssen wir schon verzichten, auf Kontakte und auf Arbeit, auf Unterhaltung im Theater und tiefgründige Gespräche in der Kneipe. Auf Spiel und Spaß. In diesem Jahr ist Zwangsfasten angesagt, das Verzichten für die Gesundheit anderer, für das Leben anderer.

Üblicherweise denkt man in den kommenden Wochen eher an Verzicht auf Alkohol oder Süßigkeiten. Oder wie in früheren Zeiten an Bußrituale. Dem Propheten Jesaja ist das gewaltig auf die Nerven gegangen. Ihm sind die Leute auf die Nerven gegangen, die sich in den Gotteshäusern aufspielen, die sich mit ihrem Verzicht darstellen. Heuchler, wie es sie auch heute gibt:

Prominente, die mit dem Privatjet zum Klimagipfel fliegen, wo zum Verzicht auf Flugreisen aufgerufen wird. Leute, die soziale Forderungen stellen, und damit ganz gut Geld verdienen. Menschen, die 10.000 Euro im Monat verdienen und sich gut vorkommen, wenn sie einem Bettler 10 Euro geben.

Aber es ist natürlich immer leicht, auf andere zu zeigen. Wenn ich Verzicht übe, gefällt es mir auch, wenn andere mich dafür loben, und wenn es nur der Arzt ist, der es gut findet, dass ich weniger Schokolade esse.

Aber andere haben inzwischen wirklich genug vom Verzichten. Sie möchten endlich wieder normal leben, möchten ihr Geschäft öffnen und ihr Auskommen wieder haben – und wieder auf Dauer ganz normalen Schulalltag. Das Verzichten wegen Corona zehrt an den Nerven.

In Jerusalem war die Situation ähnlich angespannt. Die Israeliten waren aus dem babylonischen Exil in ihr Land zurückgekehrt. Eigentlich erfreulich, aber sie mussten bald erkennen, dass damit die Schwierigkeiten nicht zu Ende waren. Die Rückkehrer stießen zuhause auf Ablehnung, denn das Land und die Macht waren neu verteilt worden. Auch die wirtschaftliche Lage blieb angespannt. Und dann gab es die Hoffnung, dass sich die prophetischen Verheißungen endlich erfüllen würden, dass Freiheit, Friede und Wohlergehen kommen. Im Exil in Babylon hatte man immer gefastet. Das waren Tage der Buße als Erinnerung an das im Leben, was wirklich wichtig ist.

Das ist vielleicht der tiefe Sinn des Fastens: Es sind Tage, an denen man sich durch Verzicht bewusst machen möchte, was wirklich wesentlich ist im Leben. Und dadurch soll das Leben eine Wendung zum Besseren bekommen. Für das Volk der Bibel war der Glaube wichtig. Man betete zu Gott um eine Veränderung zum Guten. Doch es wurde nicht besser. Dafür wurden die Forderungen immer größer wie auch der Frust immer mehr wuchs. „Jetzt haben doch schon so lange unsere Hoffnung auf Gott gesetzt – aber nichts ist besser geworden.“ „Jetzt haben wir doch schon so lange verzichtet, und es ist immer noch nicht gut.“ „Warum fasten wir, und du siehst es nicht an?“ riefen sie zu Gott. „Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst nicht wissen?“ Wenn wir schon fasten, dann lass es uns gefälligst gut gehen!

Aber so funktioniert das nicht. Das Glück des Verzichtens liegt nicht darin, dass man damit Erfolg hat, sondern darin, dass man das Richtige tut. Unsere Überzeugungen und unser Glaube müssen mit dem Handeln übereinstimmen. Sonst glaubt uns niemand, nicht einmal Gott. „Tue Gutes – und rede nicht nur dauernd darüber“ sagt der Prophet. Wörtlich: ”Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut!” 

Wenn es doch so einfach wäre! Denn wir spüren die Probleme: Wir sind doch nicht immer so frei, zu geben. Wir fragen, ob der andere es wert ist. Wir schauen ganz selbstverständlich nach unseren Interessen. Und der Kampf gegen die Armut auf der Welt ist auch heute immer noch die Hauptaufgabe, die wir als Menschheit haben.

Und was ist mit denen, die nach anderem, als nach Materiellem hungern, nach Gesundheit und Rücksicht auf ihre Schwäche? Die hungern nach ein bisschen innerer Ruhe in diesen Corona-Zeiten – Ruhe von der Kinderbetreuung in der kleinen Wohnung und den Sorgen um die Zukunft des Geschäfts. Hungern nach Glück, nach Bestätigung, nach Anerkennung? Nach einem guten Wort von uns, nach unserem Verständnis, die auf unsere Nachsicht hoffen?

Es ist gut, Propheten zu haben, die darauf achten, dass man nicht nachlässt und nicht aufgibt in der Nächstenliebe. Sie sagen: Die anderen brauchen uns. Und wir, als Kinder des einen Gottes, sind aneinander gewiesen. „Entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blute“, heißt es am Ende. Auch das ist angesagt. Für unsere Kinder da sein selbstverständlich. Aber gemeint sind wohl alle, die aus menschlichem Fleisch und Blut sind. „Entziehe dich nicht!“ Gehe nicht auf den Egotrip, auf den so manche Fastenaktionen führen, sondern konzentriere dich darauf, wie das menschliche Miteinander besser wird.

Die Fastenzeit so verstanden? Da würde mir noch manches einfallen. Nicht nur ein paar Wochen auf Süßigkeiten und übermäßiges Essen zu verzichten, wie ich es mir jedes Jahr vornehme, sondern vielleicht wenigsten ein paar Wochen in persönlichen Auseinandersetzungen darauf zu verzichten, Recht zu bekommen, oder wenigstens ein paar Wochen lang demütig sein – nicht nur vor Gott, sondern auch vor den anderen Menschen. Verzichten darauf, über notwendige Einschränkungen zu klagen. verzichten darauf, immer das Maximum herauszuholen. Kontaktbeschränkungen nicht kreativ auslegen – und nicht immer zu sagen:  „Aber wir tragen doch Masken und unsere Schutzmaßnahmen sind so wirkungsvoll.“

Fasten und Verzichten kann bewusst machen, worauf es im Leben wirklich ankommt.  Dass man nicht seine Interessen durchsetzt, sondern dass man miteinander auskommt. Dass man nicht bekommt, was man will, sondern frei von Neidgefühlen wird. Dass man nicht vor anderen angibt, sondern frei wird vom Urteil der anderen.

Verzicht ist eine sehr persönliche Sache. Das muss man nicht an die große Glocke hängen. Es geht ja nicht um religiöse Verdienste, sondern um unser innerstes Leben. Es geht auch darum sich bewusst machen, dass nichts selbstverständlich ist. „Wir sind nackt!“ hat der Apple-Gründer Steve Jobs einmal über das Leben gesagt.

Deshalb sollten wir es auch nicht als selbstverständlich nehmen, wenn andere uns lieben, wenn wir spüren, dass wir zu anderen Vertrauen haben können, wenn es Menschen gibt, die gut zu uns sind. Darauf möchte ich nicht verzichten. Sondern dafür möchte ich Gott danken.

Amen!

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Alltagsglaube #25 – Taylor Swift

Taylor Swift – Für mich ist sie die Künstlerin der Corona-Pandemie. Zwei Alben hat sie in dieser Zeit produziert – eines besser wie das andere.

Berührt hat mich vor allem ihr Lied Epiphany. Taylor Swift beginnt mit Erfahrungen ihrer Großvaters im Krieg und springt in der zweiten Strophe wie selbstverständlich zu einer Frau, die an Covid-19 stirbt.

Um Atem ringen beide – die Soldaten im Horror der Schlacht und die Frau beim Sterben. Und wir anderen, so heißt es in dem Lied, erleben dies entsetzt mit und können nicht darüber reden.

Und dann die Epiphanie, die Offenbarung, die Vision, endlich daheim zu sein aus dem Krieg, aus dem Krankenhaus – zusammen mit den Menschen die man liebt.

Mich hat der Song vor allem deshalb so berührt, weil er in all seiner ruhigen Schönheit Leiden und Tod ernst nimmt.

Viele drängen in diesen Tagen immer mehr auf Lockerungen, wie man sagt. Rechnen einem vor, dass es doch gar nicht mehr so viele Tote sind. Ignorieren das, was gerade in den Krankenhäusern los ist.

Und dann höre ich Taylor Swift wie sie singt: 

Mit dir falle ich, sterbe ich.
aber du träumst von einer Offenbarung
Nur ein kleiner Augenblick der Erlösung
Um das zu verstehen, was du gesehen hast.

Ich wünsche mir, dass uns Gott segnet, der sich als Liebe offenbart hat.

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Sonntagsgedanken 07-02-2021 Leben heißt wachsen

Das Leben ist ein einziges Wachsen. Manchmal lebt man auf kargem Boden, manchmal geht es durch Dornen hindurch, meist aber hat man doch auch das Glück, auf fruchtbarem Boden zu leben. Man hat gute Menschen um sich, man spürt die Liebe in Familie und im Freundeskreis, Man hat sein Auskommen oder was man tut, erfüllt einen.

Das biblische Bild von der Saat, (dem Wort Gottes, das auf verschiedenen Böden mehr oder wächst oder vergeht) ist unmittelbar anschaulich und lässt sich leicht auf unser Leben übertragen. 

Dabei sollten wir uns nicht damit quälen, nun zu klagen, wie karg der Boden ist, auf dem wir leben. 

Die besten Lebensbedingungen finden sich allgemein ja in den Ländern, in denen das Leben auch einmal rau ist und es wenig Rohstoffe gibt. 

Das gilt wohl auch für unser je eigenes Leben.

So schlimm das manchmal ist: Reif zu werden, ist anstrengend und manchmal leidvoll. 

Aber der Boden unseres Lebens ist meist fruchtbarer als wir denken.

Predigttext am Sonntag, 7. Februar 2021 ist Lukas-Evangelium 8, 4-15.

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Alltagsglaube #24 – Bringt mir die Müden!

Sie kommen auf Booten über das Meer, tausende von Menschen, am Ende gar Millionen. Voller Hoffnung, endlich frei zu sein und ein neues Leben beginnen zu können; Chancen zu erhalten, um nach dem eigenen Glück zu streben; mittellos die meisten.

Kurz bevor sie an Land gehen, sehen Sie die Symbolfigur des neuen Landes und erahnen die Widmung, die sie darstellt: 

„Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten; schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen.“ 

Eine Einladung an die Flüchtlinge aller Welt, zu kommen und das Land mit aufzubauen.

Diese Widmung, das können Sie sich denken, steht nicht an der europäischen Außengrenze nach Afrika, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks, an der Freiheitsstatue.

Sie begrüßte auch Millionen von Deutschen, die dem hiesigen Elend entflohen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden noch einmal eine Million Deutsche von den Vereinigten Staaten aufgenommen. 

Heute kommen Menschen aus Afrika nach Europa. Tausende müde und arme Flüchtlinge, die Hilfe und Chancen bei uns suchen. 

So wie die rund 200.000 Deutschen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jährlich in die USA einwanderten – und froh waren, dass sie dort eine Chance bekamen.

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