Sonntagsgedanken 01-11-2020 – Das Beste draus machen

Dass Herumnörgeln eine typisch deutsche Eigenschaft ist, möchte ich bestreiten, aber eine typisch europäische ist es vielleicht schon. Wo über Jahrhunderte Fürsten und Könige herrschten, gewöhnten sich deren Untertanen daran, dass man eh‘ nichts machen kann, außer eben zu meckern. 

Dem widerspricht der Prophet Jeremia, wenn er im Predigttext des nächsten Sonntags von seinen Leuten, die nach Babylon deportiert worden waren, fordert: Suchet der Stadt Bestes! Zu deutsch: Lebt – auch in einer Umgebung, die euch nicht passt! Macht das Beste daraus!

Das gilt wohl sogar in einem ganz umfassenden Sinne heute auch: Die Welt um uns herum, die Politik und der Arbeitsplatz, unsere Nachbarn und unsere Gesundheit, all das ist gewiss nicht genauso, wie wir uns das wünschen. Im Corona-Jahr sowieso nicht. Aber wir sollen aus unserem Leben das Beste machen. Und Gott zeigt uns, wie.

Predigttext am Sonntag, 1. November 2020, ist Jeremia 29, 1-14.

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Alltagsglaube #11 – Generation Y

 Eine neue Generation hat jetzt die Schaltstellen der Macht erreicht. Die zwischen 1980 und 1995 geborenen nennt die Soziologie die Generation Y – auf deutsch Ypsilon – als Zeichen dafür, dass diese Generation in charakteristischer Weise alles hinterfragt. Das hat sie gelernt, da sie als erste Generation mit Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen ist. 

Soziologen haben inzwischen ein ziemlich genaues Bild der jungen Erwachsenen: Wichtiger als Status und Prestige sind ihnen bei der Arbeit Freude und Sinn. Im Beruf bringen sie volle Leistung, suchen aber die Balance zwischen Freizeit und Beruf. 

Umgang mit Ungewissenheiten ist diese Generation gewohnt, die mit Islamischem Terror und Finanzkrise groß geworden ist. Entsprechend sind sie Meister im Improvisieren und legen viel Wert auf Bildung.

Selbstzweckhafte politische Grundsatzdebatten wie sie an den Küchentischen unserer WGs stattgefunden haben, führt diese Generation nicht. Die Ypsiloner sind laut Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht so frei, nach ihren Vorstellungen zu leben. Sie sind „heimliche“ Revolutionäre, die die Welt verändern, indem sie traditionelle Lebensmuster unterwandern.

Natürlich sind solche Generationzuschreibungen auch Kunstgebilde. Aber wenn nur etwas Wahres dran ist, habe ich kein Problem, dieser Generation Y das Sagen in unserer Gesellschaft zu überlassen.

Und die Generation Z wird ihnen die Hölle heiß machen. Das sind die Kids, die heute fürs Klima auf die Straße gehen. 

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Sonntagsgedanken 25-10-2020 – Tun, was gut tut

Man tut etwas, weil es als richtig erkannt worden ist – koste es, was es wolle. Das ist das Prinzip der Pflichtenethik, begründet von Immanuel Kant. Er sagte sogar selbst, dass er lieber einen Freund an dessen Feinde verraten würde als zu lügen, denn Lügen ist verboten.

Während dieses Prinzip die europäische Philosophie und Politik nachhaltig prägt, gehen die Briten und Amerikaner da pragmatischer an die Sache ran. Man tut, was nützt und was geht. Die frommen Amis sind dabei, kein Wunder, näher an der Bibel dran. Denn auch für Jesus sind Gebote kein Selbstzweck, sondern haben nur eine Berechtigung, wenn sie konkreten Menschen nützen.

Menschenfreundlich daran ist übrigens nicht nur die Begründung, sondern auch die Folgen, die sich im persönlichen Verhalten und in der Politik zeigen. Man versucht nicht, andere besserwisserisch zu belehren, das Richtige zu tun, sondern man tut anderen Gutes – einfach, weil Gott das will, dass es Menschen gut geht. Und so steht es auch im Predigttext für den Sonntag, Markus 2, 23-28.

Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #10 – Fazebock

Der Untergang des Abendlandes ist wieder einmal abgesagt. Nachdem die Computer aus unsern Kindern weder sprachlose Nerds noch gewalttätige Egoshooter gemacht haben und keiner mehr die Avatare in Second Life kennt, kehren die Jugendlichen nun auch in Massen Facebook den Rücken. 

Mancher erinnert sich noch an alte Journalisten, die sich über die Verwendung des Begriffes „Freunde“ in den sozialen Netzwerken mokierten, und an besorgte Pädagoginnen, die sich standhaft weigerten, ihren Schülern ihre eMail Adresse zu geben. Vorbei! 

Die Jugend hat keine Lust mehr, in Facebook den eigenen Lehrern und Eltern zu begegnen und nutzt lieber den flüchtigen Chat via WhatsApp und verschickt Bilder mit SnapChat, die sich in Nichts auflösen, oder clips mit TikTok.

Das ist gut so, und noch besser ist, dass inzwischen immer mehr Ältere das „Fazebock“, wie einer es mal nannte, entdecken. Gerade für Senioren  – und Digital Immigrants wie mich – sind die klassischen Netzwerke nämlich ideal. Der Schulkamerad, der in Frankfurt lebt, die Ex-Freundin, die jetzt in Kansas wohnt, und die flüchtigen Bekannten aus der eigene Stadt, die man zwar nie besuchen würde, zu denen man aber gerne ein bisschen Kontakt hält – dafür ist Facebook ideal. Schon achten Pflegeheime beim Neubau darauf, in ihren Zimmern auch Internet zu haben, und spätestens, wenn man auf einen Rollator angewiesen ist, weiß man elektronische Kommunikation zu schätzen.

Also: Die Welt geht nicht unter, und wenn doch, dann sicher nicht wegen dem Internetz.

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Sonntagsgedanken 18-10-2020 – Wutbürger

Manche Vorschläge in der Bibel sind ja ganz lebenspraktisch. „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ heißt es zum Beispiel im Predigttext für den Sonntag. Geh nicht wütend ins Bett! Sonst setzt sich das fest. 

Das kennen Sie vielleicht auch. Man kann durchaus zu Recht auf jemanden wütend sein, aber zufriedenstellend ist das nicht. Besser man versucht sich zu beruhigen, sucht das Gespräch mit dem anderen. Dann ist alles okay.

Ein Problem ist es allerdings, wenn man nicht auf jemanden, sondern auf etwas wütend ist. „Wutbürger“ sind ja so ein Phänomen. Vor Jahren hat man noch über die meist älteren Männer gespottet, die morgens am Küchentisch die Zeitung lesen und übel nehmen – wem oder was ist eigentlich egal, sie nehme übel und granteln an der Welt herum.

Erschrocken habe ich festgestellt, dass ich manchmal auch so bin. Und mich über politische Fragen aufrege, die doch eigentlich für mein eigenes Alltagsleben ziemlich egal sind. 

Vor ein paar Wochen nun saß ich dann Berlin in der S-Bahn. Zufällig am Wochenende einer Demo gegen die Corona-Schutz-Maßnahmen. Ein älteres Ehepaar stieg ein, hatte sich Klarsichthüllen mit Parolen umgehängt – und wirkte ebenso hilflos wie es hilflos nach dem Weg zur Demo fragte. Viel Wut – und wenig Ahnung. Und die Gefahr, dass sie deswegen Rattenfängern hinterher laufen. 

Wut ist immer ein schlechter Ratgeber. Deshalb: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ – egal, ob er berechtigt ist oder nicht.

Predigttext am Sonntag, 18. Oktober 2020, ist Epheser 4, 22-32.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sontag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim
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Alltagsglaube #9 – Du darfst

 Schon fast 50 Jahre alt ist die Lebensmittelmarke mit dem einschmeichelnden Titel „Du darfst“. Es geht – nicht nur bei dieser Firma – um sogenannte „gesunde“ Lebensmittel wie Geflügelwurst und Brotaufstriche. 

Respekt, sagen die Werbeprofis, wie es gelungen ist, einem Kunstprodukt wie Margarine das Image von Natürlichkeit zu verpassen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mich stört das „Du darfst!“ Habe ich um Erlaubnis gebeten, mein Wurstbrot essen zu dürfen? Wo überall nimmt sich da jemand das Recht heraus, etwas zu erlauben, wo nichts zu verbieten ist? Und gibt es nicht viel zu oft ein „Du darfst nicht!“ wie bei Glühbirnen und Staubsaugern? 

Offenbar hat man für Freiheit hierzulande keinen besonderen Sinn und traut uns nur wenig Gewissenhaftigkeit und Eigenverantwortung zu. 

Ein Kunstobjekt hat mir deshalb sehr gefallen, auf das ich im vergangene Jahr gekommen bin, ein zerbrochener Spiegel auf dem der etwas schräge Satz steht: „Du muss nicht dürfen.“ Genau! Begründet werden muss nicht die Erlaubnis, sondern das Verbot. 

In der Bibel wird zunächst lange von der Freiheit der Kinder Israels erzählt, bevor ein paar wenige, selbstverständliche Verbote genannt werden – Zehn Gebote reichen da. Für alles andere reicht die Liebe aus. Und dazu braucht man keine Erlaubnis.   

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Sonntagsgedanken 11-10-2020 – Aufs Herz hören

Um zu wissen, was richtig ist und was man tun soll, muss man nicht in den Himmel steigen. Man muss nur auf sein Herz hören. So ähnlich heißt es im Predigttext am kommenden Sonntag. 

Und ich glaube, dass das stimmt. Meist spüren wir doch ganz genau, was jetzt richtig ist und was nicht. „Bauchgefühl“ sagt man dazu, aber es ist mehr das Herz, das zu uns spricht. Die Liebe und der Geist, die in uns wirken. 

Ein Kind weint – das muss man doch trösten.

An der Straße liegt ein Verletzter – da hilft man doch.

Ich habe zum anderen etwas Dummes gesagt – das nagt an mir.

Für Immanuel Kant war das Gewissen im Gehirn das wichtige, eine Art „Innerer Gerichtshof“, der in uns tagt und uns sagt, was gut ist und was nicht.

Mir gefällt aber dieses andere Bild vom Herzen besser. Dass wir durch die Welt mal schreiten und mal treiben – dass uns oft die Worte fehlen und wir grübeln, was richtig ist – und wenn es darauf ankommt spricht aus uns eine innere Stimme, die die Liebe ist: Tue dies – und tue dies nicht, sagt uns unser Herz.

Das ist kein fremdes Gebot und kein innerer Richter, sondern ganz einfach der Geist der Liebe, der immer richtig liegt.

Predigttext am Sonntag, 11. Oktober 2020, ist 5.Mose 30, 11-14.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #8 – Berlin Tag und Nacht

Wer es als Eltern erdulden muss, wird es wohl hassen: „Berlin Tag & Nacht“, jene Daily-Doku-Soap um junge, tätowierte Menschen, die sich in einer hippen Wohnung wegen Kleinigkeiten anschreien. Trashfernsehen, offenbar vom Feinsten, denn die Sendung war schon für den deutschen Fernsehpreis nominiert. Zwar werden die Darsteller wohl kaum einen Oscar kriegen und das Drehbuch ist ebenso banal wie die Kamerafahrten verwackelt sind, aber das tut dem Erfolg keinen Abbruch. Die Teenies lieben es.

Droht also wieder mal der Untergang des Abendlandes – so wie damals, als Sokrates die Jugend vor dem Schreiben und Lesen warnte? 

Gemach! Selbst hier lohnt ein genauer Blick:

„Unterschichtsfernsehen“ ist der kultige TV-Schrott nicht, im Gegenteil, die gut eine Million jungen Zuschauer entstammen überdeutlich der Mittel- und Oberschicht. Was ihnen an dem unbeholfenen Laientheater gefällt, ist vor allem die Authentizität einer jugendlichen Welt. Da geht es um Liebe, Sex und Leben, die die Jungen eben erst entdecken, erfahren und reflektieren lernen müssen. 

Fernsehen zeigt hier ein unreifes Abziehbild der Wirklichkeit für Menschen, die selbst noch unreif sind und das offenbar wissen.

Manchmal sind junge Nichtskönner wohl die besten Vorbilder, wenn sie uns Älteren zeigen, dass man sich die Welt immer wieder neu und vor allem selbst erschließen muss.

Und dass es gut ist, wenn man weiß, dass man noch nicht fertig ist.

 Schlecht gemachtes Fernsehen als Hilfe, reif zu werden? Warum nicht?

„Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder….“ höre ich da heraus.

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Sonntagsgedanken 04-10-2020 – Erntedank

Also ob Corona nichts schon genug wäre! Seit 30 Jahren schon gibt es keine elektrischen Geräte mehr, da Kupfer und  Wolfram ausgegangen sind, die Eiszeit rückt immer näher, unsere Wälder sind nur noch kahle, saure Baumstümpfe. Und seit die Ölvorräte zur Neige gehen, ist eh alles aus…..

Im Nachhinein wirkt es ziemlich lächerlich, was uns Heutigen in den 70er und 80er Jahren so alles prophezeit wurde. Immerhin haben wir dadurch hoffentlich gelernt, nicht jede Krise gleich als Katastrophe zu bezeichnen, sondern immer zunächst all die Möglichkeiten, die wir haben, unsere Welt zu gestalten und die Krisen zu überwinden.

Dabei ist es gut, wenn wir uns zunächst auf das besinnen, wofür wir Gott dankbar sein können:

  • Für unser Leben und für Gesundheit, für die Familie und Freunde natürlich – und für die Kraft, eine Krankheit zu ertragen und manche Einsamkeit dazu.
  • Für Frieden, Freiheit und Wohlstand in unserem Land – und für die Menschen, die öffentliche Verantwortung dafür wahrnehmen.
  • Für eine gute Ernte und einen guten Tropfen – und für die manchmal ärgerliche Erinnerung daran, dass auch das Maßhalten nötig ist.
  • Für alle Bewahrung auf allen Wegen des Lebens – und für manche Erfahrung von Grenzen, die uns vor uns selbst bewahren.

Auch im Corona-Jahr möchte ich dafür an Erntedank danken.

Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #7 – Ein Witz geht tiefer….

Der Witz ist so genial, dass ich ihn diese Woche nochmal erzähle: In seinem Film Annie Hall erzählt Woody Allen: „Zwei ältere Frauen sitzen in einem Lokal. Die eine sagt: Das Essen hier ist wirklich furchtbar. Die andere darauf: Stimmt, außerdem sind die Portionen so klein.“

Er kritisiert nicht nur oberflächlich die allgegenwärtige Nörgelei, sondern ist zugleich eine tiefe Deutung des Lebens: Das Essen hier ist wirklich furchtbar – außerdem sind die Portionen so klein.

Das ist ja oft der Widerspruch, dass wir uns zum einen über unser Leben beklagen. Manche jedenfalls scheinen grundsätzlich unzufrieden zu sein. Manche sogar, obwohl es ihnen eigentlich ganz gut geht.

Wenn dann aber die Portion Leben tatsächlich kleiner wird. Wenn man eingeschränkt wird, nicht mehr so viel machen kann, sich vielleicht sogar das Ende abzeichnet – dann ist neben dem Leben wie für die Dame im Lokal auch das Ende des Lebens nicht recht. Wer wollte darüber spotten?

Ich denke, deshalb ist der Rat Jesu in der Bergpredigt so wichtig: Jeden Tag neu leben! Jeden Tag ausschöpfen! Jeden Tag als Geschenk annehmen! Gerade auch die Tage, an denen für uns kein großes, tolles Buffet aufgebaut ist; wo es nicht so gut läuft. 

Wenn die Portionen schon klein sind, soll man sie doch wenigstens auskosten. Und wenn sie ganz und gar nicht schmecken, dann sollte man in dem Lokal wenigstens die Aussicht genießen. Und morgen ist ja ein neuer Tag, vielleicht mit besserer Küche.  

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