Sonntagsgedanken 02-05-2021 – Schreiende Steine

 Ein Stein, der schreit. Ich habe ihn Ende November 1989 eigenhändig aus der Berliner Mauer an der Koch-Straße nahe am Checkpoint Charlie geholt. 40 Jahre lang hatte man den Menschen in der DDR den Mund verboten. Menschen, die entkommen wollten, wurden erschossen, und wer die Wahrheit über das Leben im Sozialismus aussprach, musste mit Gefängnis rechnen und damit, dass seine Kinder zur Adoption freigegeben werden. 28 Jahre lang schrieen die Steine der Berliner Mauer die Wahrheit über diese Verbrechen in die Welt hinaus, und am Ende jubelten auch die Menschen als 1989 die Grenze geöffnet wurde.

Dass sich die Wahrheit auf Dauer nicht aufhalten lässt, ist eine Grunderfahrung des Christentums, das ist spätestens am Ostermorgen deutlich geworden. Doch vorher gab es Versuche, Jesus zum Schweigen zu bringen. Er ist ganz offenkundig bei den Menschen sehr beliebt, und sein Botschaft lässt sie jubeln: Liebe soll regieren, Vertrauen soll herrschen, und keine Macht der Welt soll das verhindern. 

Wichtig ist dabei, dass Jesus das eben nicht nur sagt, sondern tut. Die Leute haben das an ihm gesehen: Lieben und Vertrauen, Aufhelfen und Heilen. Nie ist Gott den Menschen so nahe gekommen, und deshalb ist für mich ganz deutlich: Was soll Wahrheit anderes sein als das, was dieser Jesus aus Nazareth verbreitet, als er sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ – „Nehmt einander an!“

Deshalb heben ihn Menschen auf der Straße, wenn man so sagen will, in den Himmel! Sie fühlen sich befreit und trauen sich, ihm zuzujubeln, weil sie die Hoffnung haben, dass alles sich zum Besseren wendet.

Dass in Wahrheit alles besser wird, hören manche nicht gerne, denn sie haben einfach zu schlechte Erfahrungen gemacht. Pessimisten haben ja immer irgendwie recht, meinen sie. Ich finde, es ist fantastisch, dass es schon ein Jahr nach Beginn der Pandemie eine Reihe von Impfstoffen gegen Covid-19 gibt. Aber dann sagen die Pessimisten: Es gibt da doch manchmal Nebenwirkungen. 

Und noch nie in der Geschichte konnten Menschen so friedlich miteinander leben und sind so sozial miteinander umgegangen und gab es so wenig Gewalt. Nur glauben wollen das die Pessimisten nicht, dass man die Welt zu einem besseren Platz machen kann – mit Glaube, Liebe und Hoffnung. 

Jesus hatte sich damit die Mächtigen zu Gegnern gemacht, die dem Fortschritt nicht trauten – und dem naiven Gottvertrauen auch nicht. Und schon gar nicht trauten sie Jesus, der die einfachen Leute in seinen Bann zog, und den die einfachen Leute verehrten und dem sie nachfolgten.

Aber so einfach lässt sich die Wahrheit nicht unterdrücken. Sie kommt ans Licht, immer!

Der Schüler sollte das wissen, der eine schlechte Klassenarbeit zurückbekommen hat. Die Eltern fragen: „Hat die Lehrerin sie schon zurückgegeben?“ – „Nein!“, sagt er, und ich frage ich, was das soll, denn irgendwann kommt es doch heraus.

Erwachsene denken oft noch viel mehr, dass sie mit Verschweigen durchkommen: Die Frau, deren Geschäft vor der Pleite steht und die sich Geld leihen möchte, oder der Mann, der seine Frau betrügt.

Mit Verschweigen durchzukommen, glauben auch all diejenigen, die sich selbst etwas nicht eingestehen können, und das trifft uns manchmal vielleicht am stärksten, dass wir uns nicht eingestehen können, dass es etwas nicht in Ordnung ist, in unserem Leben. Es fällt uns schwer, uns einzugestehen, dass wir etwas ändern müssen und anders machen sollten, vielleicht, dass wir jetzt wirklich freundlicher, offener, ehrlicher werden sollten, weil sonst alles so mies bleibt, wie es ist. Es fällt schwer, sich aufzuraffen, dass man endlich tut, was nötig ist. Manchen fällt es schwer, sich einzugestehen, dass sie endlich Hilfe suchen und sich anderen anvertrauen müssen. Aber wer sich selbst etwas vormacht und die Wahrheit nicht eingesteht, der schadet sich selbst, denn irgendwann wird die Wahrheit ans Licht kommen. 

Aber auch das Gute kommt ans Licht. 

Es kommt ans Licht, dass das Gute richtig ist, dass es richtig ist, die Hand zur Versöhnung zu reichen und nicht nachtragend zu sein. Es kommt ans Licht, dass es besser ist, Fehler gleich zuzugeben, und sie nicht zu vertuschen. Es kommt ans Licht, dass es richtig ist, nicht nur an sich zu denken, sondern auch daran, wie es den anderen geht, mit denen ich zusammenlebe.

Es soll nicht so weit kommen, dass es die Steine schreien müssen. Jesus hat sich den Mund nicht verbieten lassen und seinen Jüngern auch nicht. Das wurde ihm übel genommen. Er wurde verhaftet und schließlich gekreuzigt. 

Doch seine Botschaft lebte weiter, mächtiger als zuvor, lebt weiter bis heute: Liebe ist stärker als der Tod. Also: Liebt einander! Du bist ein Kind Gottes! Hab also keine Angst, und sieh auch in allen anderen Menschen ein Kind Gottes! Reich deinem Widersacher die Hand! Tu anderen Gutes, und lass dir deine Freiheit von niemandem nehmen. Denn das letzte Wort über dein Leben hat nicht die Lüge, hat nicht das Unrecht, hat nicht der Tod,  sondern am Ende siegt die Liebe und am Ende siegt das Leben, das in Wahrheit ewig ist. Amen! 

Predigttext am Sonntag, 2. Mai 2021, ist Lukas-Evangelium 19, 37-40.

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Sonntagsgedanken 25-04-2021 – Sei wie du bist!

 Hier auf diesem Felsbrocken stand vor 2000 Jahren Paulus. Hier trifft das Evangelium von Jesus Christus zum ersten Mal auf die philosophisch gebildete Welt. Vorher, in Israel, da waren es eher die einfachen Leute, Bauern und Fischer, die von der Frohen Botschaft in den Bann gezogen wurden. Jetzt beschäftigten sich die Philosophen Athens mit diesem Jesus von Nazareth, der gestorben und am dritten Tag auferstanden ist. Und diese Speerspitzen des Geistes kann man eben heute noch genau lokalisieren. Sie versammelten auf dem Areopag. 

„Ihr Athener,“ sagt Paulus. „Ihr seid doch offenkundig äußerst gottesfürchtige Menschen. Wo man auch hinschaut: Götterbilder, Altäre. Religiöse Symbole. Ein Altar trägt sogar die Aufschrift: „Dem unbekannten Gott.“ Könnte das nicht das sein, was uns verbindet? An die alten Götter, Zeus und Aphrodite, glaube sowieso niemand mehr. Die Philosophen haben sich längst dem Gedanken zugewandt, dass da nur eine Macht hinter allem ist. Paulus sagt auch: Ein einziger Gott ist es, der durch viele Erscheinungen der Welt und Erfahrungen der Menschen hindurch am Wirken ist. Ein einziger Gott ist es, der uns allen das Leben eingehaucht hat. Und er ist anders und größer als alles, was wir uns vorstellen können.

Für vielen Griechen und Römer war das ein überzeugender Gedanke. Ein Gott. Bei uns glaubt fast die Hälfte, 45 Prozent der Deutschen, nicht einmal mehr an einen Gott. Das klingt für den Glauben bedrohlich, aber 69 Prozent aller Jugendlichen finden es gut, dass es die christliche Kirche gibt. Das ist ein sehr guter Wert, weil hier sich auch muslimische Jugendliche und Jugendliche ohne Konfession geäußert haben, die zusammen fast ein Drittel in Deutschland ausmachen. Glaube ist nicht „out“, weltweit schon gar nicht. Nur ist inzwischen das Betonen der Unterschiede zwischen den Konfessionen lächerlich und der Streit zwischen den Religionen ärgerlich, für mich jedenfalls.

Paulus stellt sich und seinen Zuhörern die Frage: Was verbindet uns – was ist uns gemeinsam? Die Antwort hat Thomas Jefferson für Menschen jeden Glaubens in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung formuliert: „Wir halten die Wahrheit für selbstverständlich: Dass alle Menschen vom Schöpfer gleich geschaffen wurden.“

Mein Leben habe nicht ich mir gemacht – nicht einmal meine Eltern waren das. Und dass ich der geworden bin, der ich bin, das ist unverdient. Gott hat einfach Ja! zu mir gesagt.

Dieses Ja gilt – und zwar unabhängig von uns oder von anderen. Gott sagt ja zu uns – so wie wir sind. Wir wollen und dürfen nicht immer nur an dem gemessen werden, was wir haben oder was wir leisten können. Geld und Schulnoten sind nicht das Wichtigste. Gott wollte uns also genau so, wie wir sind. „Gott liebt dich, wie du bist.“ habe ich auf einem kleinen Spiegel gelesen. Immer sollte uns das daran erinnern: Gott wollte uns so wie wir sind – mit unserer großen Nase und mit unserem manchmal zu großen Mundwerk. Mit unserem schönen Gesicht und unseren ungeschickten Händen. Mit unserer tollen Begabung und mit unser andauernden Schwäche.

Deshalb sind wir allerdings auch auf etwas angewiesen, das außerhalb unser selbst liegt. Gnade nennt das die Bibel. Wir sind gebunden an einen weiten, ja sogar einen absoluten Sinnzusammenhang, in den wir unsere Existenz inmitten dieser Welt hinein gestellt wissen. Wir brauchen von da her auch Orientierung in den gewichtigen Fragen des Lebens. Rückbindung an Werte, die wir uns nicht selber geben können – weil wir sonst gnadenlos uns selbst überlassen sind – und dem Urteil anderer natürlich auch. 

Aber hier können wir genau unser Selbstbewusstsein bekommen, wenn wir uns immer sagen lassen können: Gott liebt dich, wie du bist. Er sagt Ja zu Dir. Und ich denke, genau deshalb suchen wir Gott, suchen die Gewissheit, dass doch alles irgendwie in Ordnung ist – und dass wir mit aller Unordnung umgehen können. Wir waren schwach, wir haben versagt, sind erfolglos – na und, sagt Gott. Morgen ist ein neuer Tag – hab Vertrauen. Das ist schon okay so. Und das Chaos, all das, was uns das Leben schwer macht. Manchmal ist es nur ärgerlich, doch manchmal auch lebensbedrohlich. Hab keine Angst, sagt Gott, ich bin mit Dir.

Meine Gedanken sind zur Zeit oft im Krankenhaus. Vor zwei Jahren hatte ich dort eine lebensrettende Operation. Ein Wunder für mich, dass man den Tumor entdeckt hatte und auch noch so gut entfernen konnte. Was soll ich sagen? Gott war mit mir in diesen Tagen, so schwer sie auch waren. Der unbekannte Gott hat sich gezeigt in seinem Ja zum Leben. Christus ist auferstanden, und ich bin gerettet worden.

Und dann stellt er eine Forderung: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ Streitet nicht um Worte, sondern handelt in Liebe! Bei meinen Gedanken ans Krankenhaus heißt das in dieser Corona-Zeit: Unterstützt all die barmherzigen Samariter, die in den Krankenhäusern pflegen und heilen, indem hier direkte Kontakte vermeidet.

Und wie immer sagt Jesus zu uns: Seid für andere da! Nehmt Rücksicht! Sorgt für Ihren Schutz Denn Gott sorgt für uns und liebt uns. Jeden Einzelnen.

Predigttext am Sonntag, 25. April 2021, ist Apostelgeschichte 17, 22-34

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Sonntagsgedanken 18-04-2021 – Schlechte Politiker und guter Hirte

Was kann man von Politikern eigentlich erwarten? Ich denke, man darf verlangen, dass sie ihre Verantwortung wahrnehmen und dass sie den Nutzen des Volkes mehren und Schaden von ihm wenden. Das versprechen sie bei der Amtsübernahme. Das ist ziemlich viel verlangt und manchmal ja schon zu viel. Ich komme deshalb darum zu sprechen, weil der Predigttext zum Sonntag eine ziemlich vernichtende Rede gegen unfähige Politiker ist.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich rege mich über die vermeidbaren Fehler in der Politik auf, die zum Beispiel bei der Bereitstellung der Impfungen gemacht wurden, und denke dennoch, dass unsere Politiker viel mehr richtig als falsch gemacht haben. Entscheidungen zu treffen, ist in diesen Tagen bestimmt nicht einfach.

Und anstatt voller Empörung über andere zu schimpfen, können wir für unseren Schutz vor Infektionen und vieles andere drumherum auch selbst viel tun, und das sollen wir auch, schließlich sind wir für unser Leben zunächst einmal selbst verantwortlich und haben die Freiheit, für uns zu sorgen. Ich bin jedenfalls trotz allem froh, in einem Land zu leben, das zu den reichsten und sichersten auf der Welt gehört, und wo wir Menschen frei sind und keine Angst vor den Mächtigen haben müssen. Kritisch zu sein ist immer gut, aber manche Kritik bei uns ist oft sehr billig zu haben, und hinterher weiß man alles besser und sieht die Fehler der anderen umso genauer. Das gilt nicht nur in der Corona-Politik.

In der Bibel ist da zum Beispiel der Prophet Ezechiel. Die Politiker in seinem Land, in Juda, haben hoch gepokert und verloren. Das Land ist untergegangen, und die oberen Zehntausend sind nach Babylon verschleppt. Sie haben vielleicht noch den Hit von Boney M. darüber im Ohr: „By the Rivers of Babylon“.

An den Wassern von Babylon träumten die Verbannten von der Heimkehr, und Ezechiel macht ihnen zunächst einmal klar, was falsch gelaufen ist: Gottvertrauen und Zuversicht haben gefehlt, denn die geben einem die Kraft, auch Krisen auszuhalten. Schlechte Könige hatten sie noch dazu, die sich nicht wie gute Hirten am Wohl des Volkes orientiert haben, sondern nur am eigenen Nutzen.

Und das ist bei uns heute anders, muss man deutlich sagen. Gewiss gab es auch hier ein paar Politiker, die glaubten, mit der Vermittlung von Schutzmasken Geld machen zu können, aber die wurden in unserer Demokratie gleich entlarvt und sind zurückgetreten.

Es geht in der Predigt heute deshalb nicht um Politik, sondern um Vertrauen, um Gottvertrauen, genauer gesagt, wenn man auf den Propheten Ezechiel hört: „Ich will mich meiner Herde selbst annehmen“, sagt Gott. Er ist der gute Hirte, und das ist, finde ich, ein schönes Bild für jemanden, der auf andere acht gibt, sich um andere sorgt und anderen, wenn sie auf Abwegen sind, auch einmal nachgeht.

In der Krise seiner Zeit hat der Prophet Ezechiel zum Glauben aufgefordert: „Vertraut darauf, Ihr lieben Leute, dass Gott da ist für euch wie ein guter Hirte.“ Dieser Glaube ist, denke ich, gar kein schlechter Ratgeber in Krisenzeiten. Es geht darum, Halt zu finden, wenn der Boden schwankt. Es geht auch um Nächstenliebe und Verantwortung. Es geht darum Fehler zu verzeihen und Fehler zu vermeiden. Es geht darum, bei allem was man tut, zu prüfen, ob es gut und gottgefällig ist. Es geht darum, nicht die Flinte ins Korn zu werfen, sondern sich nicht unterkriegen zu lassen. Das müssen wir uns jeden Tag sagen. Und mir tut das gut.

Ezechiel zeigt da ja längst nicht mehr auf die Politiker, sondern auf sich selbst: Wem glaube ich? Und was glaube ich?

„Diese dauernde Unsicherheit macht mich verrückt“, hat mir letzte Woche jemand gesagt. Ja, wenn man nur immer vorher schon wüsste, wo es lang geht, aber das weiß nur Gott, sagt man. Vielleicht weiß das nicht einmal Gott immer so genau, weil wir ihm nur zu oft dazwischen funken. Jedenfalls ist Gott immer bei uns und sagt: Jetzt schau mal, was da eben auf dich zukommt. Hab keine Angst. Ich bin bei dir.

Das gilt nicht nur in diesen Corona-Tagen, an denen man irre werden könnte. Wir stehen immer wieder vor Entscheidungen und müssen Verantwortung übernehmen für uns und andere, und das geht, so denke ich, nicht ohne Hilfe. Wir brauchen Regeln und Ratschläge, und manche guten und grundsätzlichen finden wir in der Bibel: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! Hab keine Angst vor der Zukunft, sondern sorge dich nur um den heutigen Tag! Und: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

Und dann gibt es die schwierigen Situationen, also die, in denen wir wenig richtig und viel falsch machen können. Und manchmal gibt es auch Situationen, in denen wir gar nichts machen können, dann, wenn Corona nicht Kontaktvermeidung heißt, sondern Krankenhausaufenthalt bedeutet; Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, nicht nur wegen Covid-19. Auch immer dann, wenn wir körperlich oder psychisch am Ende sind, wenn wir verloren haben und loslassen müssen.

In solch dunklen Tagen ist es völlig egal, ob das Bild von Gott als gutem Hirten altmodisch oder kitschig wirkt oder nicht zu beweisen ist.

Dann sehne ich mich nach einem guten Hirten, nach Gott, der uns liebt und hält; nach Jesus, der uns den Weg zu einem guten, gelingenden Leben weist, und nach dem Heiligen Geist, der uns im Innersten spüren lässt, was richtig ist, und Hoffnung gibt.

Und ich bin dann einfach dankbar, wenn Gott mir Menschen schickt oder Gedanken oder einfach nur Hoffnung und ich diese Nähe Gottes spüren kann, der mein guter Hirte ist.

Predigttext am Sonntag, 18.04.2021, ist Ezechiel 34, 1-16+31 

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Sonntagsgedanken 11-04-2021 – Frust und Auferstehung

Langsam reicht es. Frust macht sich breit. Die Hoffnungen, dass im Sommer 2020, dass zu Weihnachten 2020, dass zu Ostern 2021, alles wieder gut ist, haben sich nicht erfüllt.

Enttäuschte Hoffnungen sind vielleicht besonders schwere Enttäuschungen. Die Bibel erzählt vom ersten Ostern. Die Jünger sind nach dem Tod Jesu in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Auferstehung spielt keine Rolle. Ratlos und hilflos sitzen sie zusammen. Für die Jünger ist eine Welt zusammengebrochen – so wie es vielen geht, wenn sie um einen lieben Verstorbenen trauern und noch gar nicht recht begreifen können, was da geschehen ist. Mit der Osterbotschaft von der Auferstehung können die Jünger nicht viel anfangen. Dass all das wahr ist, was Jesus gesagt hatte, dass all das Bestand hat, was er als Liebe Gottes gezeigt hat, das können sie nicht innerhalb von wenigen Tagen begreifen. 

Die Jünger sind zunächst wieder an die Arbeit zurückgekehrt, die sie gelernt haben. Das Leben geht weiter – ohne Jesus. Zweifel gehören zum Glauben, sagt man immer. Und das ist gut so und so ging es sogar den ersten Jüngern. Ihnen ging es, wie vielen Menschen, die trauern. Da ist es oft wichtig, dass der Alltag normal weitergeht. Das gilt zumindest für Kinder und für jüngere Menschen. Wenn man schon davon zutiefst erschüttert ist, dass man jemanden Liebes verloren hat – dann soll wenigstens das Alltagsleben davon nicht auch noch erschüttert sein.

Petrus, so stelle ich es mir vor, hält es einfach nicht mehr aus. Er muss etwas tun, nach allem, was geschehen ist: die Verhaftung Jesu, der Prozess, die Hinrichtung, der Tod. Das hat ihn und die anderen Jünger aus der Bahn geworfen, hat sie verunsichert und traurig gemacht. Es ist dunkel um sie geworden, ja, die Nacht hat sie gefangen genommen. Was sollen sie jetzt tun, ohne Jesus, in den sie ihre ganzen Hoffnungen, ihre Zuversicht, ihren Glauben gesetzt hatten? Nur Abwarten und auf ein Wunder hoffen? Da könnten sie lange warten müssen! So tut Petrus das, was er gelernt hat. „Ich will fischen gehen!“ Endlich kann er etwas tun, aktiv werden. Er tut das, was er kann und wo er sich sicher fühlt. Zusammen mit anderen fährt er auf den See hinaus. 

Doch diese Rückkehr in den Alltag beginnt mit einer herben Enttäuschung: In dieser Nacht fangen die Jünger nichts, obwohl der See Genezareth sehr fischreich ist. Das bringt alles nochmals auf den Punkt: Misserfolge gehören zum Leben. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das ist einfach so. Das gehört zum Alltag. Diese Enttäuschungen kennen wir: Kein Lob für eine gute Tat. Kein Bonus für gute Arbeit. Kein Dank von anderen. Die Frustration der Jünger bleibt. Keine Hoffnung – nirgends! 

Nur eine seltsame Begegnung: Ein Mann spricht sie an: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?” Er fragt sie gerade nicht, ob sie heute Nacht nichts gefangen hätten. Er denkt nicht an Erfolg, sondern an die Folgen: Nichts zu essen. Er gibt sich auch nicht zu erkennen. Kein „Hallo, ich bin’s“ – um die geflohenen Jünger zu beschämen. Keine Debatten über Fehler und falsche Entscheidungen. Einfach das akute Problem sehen: Nix zu essen.

Und dann erteilt er den seltsamen Auftrag, noch einmal rauszufahren und das Netz auf der rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Das ist eigentlich sinnlos, denn tagsüber fängt man nichts, und rechts oder links ist eigentlich beim Fischen egal. 

Erstaunlich ist, dass die Fischer nicht nachfragen. Sie diskutieren nicht, sondern tun genau das, was er ihnen gesagt hat – gegen ihre Erfahrung. Haben sie denn etwas zu verlieren? Ob sie seinem Versprechen, seiner Verheißung „so werdet ihr finden” vertrauen? Ob sie spüren, dass da mehr zu holen ist als Fische? Jedenfalls vertrauen sie diesem Mann am Ufer.

Vertrauen ist das Schlüsselwort unseres Glaubens. Glaube zeigt sich im Vertrauen als eine Grundhaltung des Lebens. Wer Vertrauen hat – in sein Leben, in Gott, der das Leben trägt – wer dieses Vertrauen hat, lebt anders. Wer Vertrauen hat, kann ohne Angst und Eigensinn auf andere zugehen, kann anderen Gutes tun, kann die Schwächen der anderen ertragen, weil er weiß: Alles hängt nicht von mir oder den anderen ab, sondern von Gott – und der hält mich.

Auf wen vertrauen Sie? Genauer gesagt: Wem vertrauen wir uns an? Und fragen wir dabei nach Sicherheiten und Garantien? Fragen wir nach Belegen und Beweisen? Fragen wir nach dem Erfolg und nach dem, was für uns dabei herausspringt? Fragen wir nach dem Machbaren und  Möglichen? Würden wir das Risiko eingehen, gegen das Handeln, was wir gelernt haben?

Die Jünger wagen es und fahren noch einmal hinaus. Und sie werfen ihr Netz auf der rechten Seite aus. Sie galt und gilt als die Glücksseite. Und sie haben Glück. Ihr Netz ist berstend voll, aber es zerreißt nicht. Ein Wunder ist geschehen. Auch wir haben manchmal dann Erfolg, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Oder wir spüren Anerkennung für etwas, was schon lange zurückliegt. Wir erfahren Trost von jemandem, von dem wir es gar nicht erwartet hätten. Oder jemand verwandelt mit einem Lächeln einen tristen Tag.

Als die Jünger ihren großen Fang gemacht haben, wird ihnen klar, wem sie vertraut haben: „Es ist der Herr.“ Petrus hat nichts Eiligeres zu tun, als an Land zu schwimmen. Am Ufer brät Jesus Fische und Brot für sie. Er lädt sie alle ein, auch Petrus, so als hätte der ihn nicht kurz davor noch verleugnet. „Kommt und haltet das Mahl!”

Was fragen die Jünger? Wer bist du? Was willst Du? Und warum fühle ich mich so wohl in deiner Nähe?Nein, die Jünger fragen das gar nicht. Sollen andere sich über die Auferstehung den Kopf zerbrechen – die Jünger erleben sie. Die Zukunft wird anders. Dadurch, dass man glauben kann, dass Gott immer da ist. Dass man auf ihn hoffen und ihm vertrauen kann.

Man muss Gott nicht suchen, sondern er kommt – unerwartet und unverhofft, ungerufen und unbegreiflich. Und er begegnet uns nicht spektakulär, sondern im anderen Menschen, in einem, der am Ufer Fische und Brot für uns brät. 

Manchmal ahnen wir nur, dass Gott bei uns steht. Spüren auf dem Gang im Krankenhaus: Wir sind nicht allein. Manchmal wissen wir es erst im Nachhinein: Gottes Engel ist mit uns, hat unser Kind damals behütet. Das war kein Zufall, das war Gott mit seinem Ja zum Leben. Und manchmal erfahren wir es auch gar nicht, dass Gott da war. Dann denken wir nur an den lieben Menschen, der uns damals aus einem dunklen Tal geholt hat, einfach so. 

Und ich glaube: Da spüren wir die Auferstehung, über die wir noch nichts wissen.

Da bin ich mir sicher: Dass da mehr sein muss als unser Alltag. Dass ich bewahrt werde – jeden Tag – wunderbar. Und das wünsche ich Ihnen auch.

Predigttext am Sonntag, 11. April 2021, ist Johannes-Evangelium 21, 1-14.

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Oster-Predigt 2021 – Befreit aus den Todesklauen des Pharao

Die Israeliten, eben geflohen aus Ägypten, stehen am Schilfmeer. Die mörderischen Verfolger gehen unter – und die Israeliten sind gerettet. Miriam singt vor Freude. Gerettet! Das ist der Predigttext zu Ostern in diesem Jahr. Und dazu heute zunächst ein viel ruhigeres und traurigeres Bild: Drei Frauen an einem Grab in Jerusalem. Leer ist es. Ein Mann sagt, der Tote sei auferstanden. Alles sei gut. 

Gerettet? Die Frauen am Grab haben das anders empfunden. Furcht erfasst die Frauen – kein Osterlachen geht Ihnen über die Lippen, kein Glanz erscheint auf ihren Augen. Kein Gefühl von Rettung. Erst die späteren Evangelien, vor allem Lukas, haben die Geschichte anders beschrieben, erzählen von der Freude und dem Glanz.

Christus ist auferstanden. Wahrhaftig auferstanden. Er ist der Heiland, sagt unsere alte Bibel. Der „Soter“ heißt es auf Griechisch, wörtlich: Der Retter. Das ist die Botschaft von Ostern: 

Wir sind gerettet.

Klingt das für Sie in diesem Jahr anders? Nach über einem Jahr Corona-Pandemie weiß man immer weniger, was man sagen und davon halten soll: Eine schwere Krise – aber wir sind nicht untergegangen. Eine große Bedrohung – aber wir haben von Gott den Verstand erhalten, dass kluge Menschen Impfstoffe dagegen entwickeln konnten. Mit moderner Medizin und vielversprechender Gentechnik. 

Für mich ist das nicht übertrieben, zu sagen, dass Gott uns dadurch rettet: Dass er Menschen unter uns befähigt, die tödliche Natur in Schach zu halten. Gott rettet uns – auch heute noch.

Die Bibel ist voller Rettungsgeschichten. Geschichten von Völkern und Stämmen – und Geschichten von Einzelnen. Israel am Schilfmeer und Joseph in Ägypten. Paulus in Damaskus und die Jünger auf dem See Genezareth. Gott rettet. Das Volk Israel hat seine Geschichte immer als Geschichte der Befreiung verstanden. Bis heute feiert es die Befreiung – trotz der Verfolgung von Ägypten damals bis heute in diesem erbärmlichen Antisemitismus der sich breit macht. Das jüdische Volk feiert seine Befreiung und die Treue Gottes bis heute; im Jom Kippur, dem Tag des Vergebens, und im Chanukka- und Purimfest – alles Tage der Rettung und Befreiung. Die Treue und Verheißungen Gottes, die er seinem Volk gegeben hat, werden in Ewigkeiten nicht gebrochen werden – die Judenfeinde es nicht schaffen, dass Gott sein Wort bricht. Dieser Glaube hält Israel bis heute.

Und wir heute? Wir glauben, dass dieses Versprechen allen Menschen gilt. Gott rettet nicht nur vor dem Pharao, sondern auch vom Tode. Fassungslos hören die Frauen am Grab diese Botschaft. Sie sehen keinen Engel, sondern einen jungen Mann in hellen Kleidern. Was er ihnen sagt, deckt sich mit dem, was Jesus zuvor versprochen hatte. Sie hören das Wort vom Sieg des Lebens. 

Sie aber beginnen nicht zu jubeln, sondern sind voller Zweifel und Entsetzen. Eine große Furcht hat sie ergriffen, sie fliehen und verstummen. Zunächst richten sie den Auftrag, die Auferstehung zu verkünden, nicht aus. Das übrigens ist für mich der überzeugende Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr ist, dass sie keine Erfindung ist. Kein Mensch hätte eine Auferstehungsgeschichte erfunden mit damals unglaubwürdigen Frauen als Zeugen, die niemandem etwas davon erzählen. Und kein guter Erzähler würde die Geschichte Jesu so enden lassen, wie es Markus ursprünglich getan hat – nämlich dem Furcht und Zittern am Ende – und dem Verschweigen der Auferstehung. Die Geschichte vom Leeren Grab und der Auferstehung Jesu ist, so wie wir sie hier hören schlicht und einfach und sie ist deshalb schlicht und einfach wahr. 

Doch rettet sie uns? Vertrauen wir darauf, dass das Leben Sinn macht? Oder sehen wir doch nur ein dunkles Ende? Sind wir bereit zu glauben, dass Gott, dass das Leben, dass das Universum uns gnädig ist. Dass all unser Gefühl der Unzulänglichkeit und unseres Versagen, dass all das nichts zählt, weil wir davon gerettet werden?

Und die wichtigste Frage für uns Leben jeden Tag: Vertrauen wir der Liebe? Darauf, dass Liebe stärker ist als der Tod? Dass Liebe möglich ist, auch wenn uns andere das Leben schwer machen? Dass wir geliebt sind, auch wenn wir am liebsten vergehen möchten? Dass wir gerettet sind, weil Jesus auferstanden ist und unser Retter ist?

Ostern 2021

Hoffentlich lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen. Wir sind alle noch nicht am Ziel. 

Die Bedrohung bleibt – durch Corona aber auch sonst jeden Tag. Der Tod bleibt, so schrecklich das ist. Keiner von uns hat den Glauben, der Berge versetzt oder todbringende Heere im Meer versenkt.

Aber wir sind aufgerufen, trotzdem zu leben und zu lieben, wie die Frauen am Grab und die Israeliten am Schilfmeer.  Miriam hat danach gesungen. Von der Rettung am Meer – übrigens wohl der älteste erhaltene Text der Bibel. Sie sah tödliche Streitwagen stürzen. Vielleicht sehen wir sogar die Macht des Todes stürzen. Wir können zu Ostern zurückschrecken wie die Frauen am Grab. Zweifel ist selbstverständlich und Unsicherheit nicht zu vermeiden. Was aber haben wir zu verlieren, wenn wir nicht dem Tod, sondern dem Leben glauben? Was, wenn wir auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden!“ mit immer größerer Bestimmtheit antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ 

Predigttext am Ostersonntag ist 1.Mose 14f.

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Karfreitags-Predigt 2021

Eine Katastrophe, wie man sie seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Gerade noch jubelnd empfangen, Hosianna! – und fünf Tage später verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Jesus wird hingerichtet. Definitiv unschuldig. Das wusste sogar Pilatus. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Aufstand zu verhindern. Darum, dass man einen Sündenbock brauchte. Einen, dem man die Schuld geben kann, damit das Volk zufrieden ist. Oder jedenfalls kapiert, dass da keiner kommt, um die Menschen aus dem Elend zu erlösen. Einer für alle. Auch wenn das „alle für einen“ ausgeblieben ist.

2.000 Jahre ist das jetzt her. Vermutlich am 7. April des Jahres 33 – oder schon am 3. April 30? Jedenfalls ist der Tag für historische Verhältnisse ziemlich gut belegt. Jesus wurde gekreuzigt wie alle Aufrührer gegen Rom und auf dem Felsen Golgatha hingerichtet, der heute unter einer Seitenkapelle in der Grabeskirche in Jerusalem liegt. Getötet, wie so viele andere. Das brutale Ende eines Lebens, das doch von Liebe und Vertrauen und Verständnis gekennzeichnet war. Der Christus aus Nazareth – grandios gescheitert.

Das ist der Grund, warum ich an ihn glaube. Warum ich glaube, dass Gott sich uns Menschen in Jesus aus Nazareth gezeigt hat. Weil er gut war – und gescheitert ist, wenn ich das einmal ganz lapidar so sagen darf. 

Dass Jesus ein guter Mensch war, dass er gut auf andere gewirkt hat, ist vielfach überliefert. Menschen haben sich befreit gefühlt, wenn sie ihm begegnet sind, waren geheilt von allen Nöten und Ängsten und Krankheiten. Menschen haben sich verändert, wenn sie ihm begegnet sind. Aus dem Betrüger Matthäus wird ein Jünger, aus dem Schlitzohr Zachäus ein Wohltäter, aus der Ehebrecherin – vielleicht – eine Jüngerin.

Und das zweite, dass Jesus gescheitert ist, war am Karfreitag vor den Toren Jerusalems weithin sichtbar. Gekreuzigt wurde er und erlitt damit die fürchterlichste Strafe Roms. Kein römischer Bürger durfte gekreuzigt werden, nur Sklaven und Aufständische. Die Strafe war so unaussprechlich, dass sie nicht einmal in der Unterhaltungsliteratur der damaligen Zeit vorkam. Einen größere Gegensatz kann man nicht benennen als den zwischen Gott, dem Ewigen, der die Liebe ist, und dem Menschen, der auf elend leidet und auf diese Weise getötet wird.

Warum nur hat das Christentum gerade den Karfreitag, den Tod des Erlösers, zum Zentrum seiner Botschaft gemacht? 

Zunächst, weil es eine bittere Wahrheit ist. Es ist wahr, dass Jesus so gestorben ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies historisch zu bezweifeln. Es ist auch wahr, weil es die bittere Wahrheit ist, dass Menschen sterben – manchmal durch Gewalt, öfters durch Krankheit oder Unfall – und viele in hohem Alter, aber das macht die Sterblichkeit ja nicht verständlicher.

Warum müssen wir Menschen leiden und sterben? Die Philosophie hat sich an dieser Frage abgearbeitet. Und keine Antwort gefunden. Dass es eben der Lauf der Natur sei, ist kein Trost. Und dass der Tod einen Sinn hat, konnte mir noch nie jemand plausibel machen. Die Frage nach dem „Warum“ von Krankheit und Leid, von Seuchen und Not, lässt sich nicht beantworten. 

Das Corona-Virus ist keine Strafe Gottes und auch keine Rache der Natur. Und dass die einen von einer Seuche getroffen werden und die anderen nicht, hat keinen sinnvollen Grund, sondern ist Zufall oder Schicksal. Aber sicher nicht eine Folge von Schuld.

Ich bin froh, dass wir den Rassismus, der sich in der Corona-Krise anfänglich gegen Asiaten richtete, schnell überwunden hatten. Die Seuche macht alle gleich. Sogar den Sohn Gottes. Das ist die theologische Pointe der Geschichte. 

Sogar der Sohn Gottes stirbt. Der vollkommene Mensch. Die Liebe in Person. Gott in Person. Was wir über Gott wissen müssen, ist in Jesus zu sehen. Natürlich ist Gott mehr, größer, unbegreiflich, reines Sein-Selbst, unendlich. Aber das ist für uns Menschen sowieso ein paar Nummern zu groß. Uns reicht es, wenn wir Gott in diesem Jesus erkennen, diesem reinen Menschen. Als Liebe erkennen, wie es im Ersten Johannesbrief heißt. Der gestorben ist – wie wir alle sterben müssen. Grundlos.

Das ist, denke ich, das schwierigste im Leben: Mit dieser Grundlosigkeit des Todes leben zu müssen. Der Tod steht tatsächlich einmal einfach vor der Türe, wie der Sensenmann in den Witzen. Nur kann man mit ihm nicht verhandeln. Wie groß ist mein Risiko, schwer an Corona zu erkranken oder gar daran zu sterben? Und wie viele werden es in Deutschland am Ende sein? 75.000 sind es bisher. Es ist schrecklich.

Aber für uns einzelne ist das nur eine Statistik. Die jüdische Lehre stellt dem den Talmud entgegen. Wer ein einziges Menschenleben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte. 

Das gilt gerade heute in der Krise, wo manche es zuhause nicht aushalten und schon überlegen, wie man die Schutzbestimmungen umgehen könnte. Aber der Einzelne zählt, auch den, den wir statistisch nicht kennen. Weil er das Opfer sein wird. 

Ich versuche in der Seuche immer an den einen zu denken, die einzelne Person. An all die, die jetzt gerade intubiert sind, beatmet werden, eine schlechte Prognose haben. An die, die ein großes Risiko tragen und deshalb Angst haben – wie wohl auch deren Angehörige. Und an die, die Angst haben, obwohl ihr statistisches Risiko gering ist. Die Angst ist jedenfalls echt.

Und vor diesen allen, vor uns allen, ist heute das Kreuz Jesu aufgerichtet. Ein Bild für Gott, der mit uns leidet. Der mit uns einmal stirbt. Und uns in Leid und Not und einmal auch im Tod die Hand entgegenstreckt:

Ich weiß, dass du Angst hat. 
Ich weiß, dass du dir Sorgen um deine Liebsten machst.
Ich weiß, dass du denkst, du seist gescheitert.
Der auch sagt:
Ich weiß um alles Leid in der Welt.
Kenne den Schmerz.
Weiß, wie es ist, von anderen verspottet zu werden.
Wie es ist, verraten zu werden.
Ohne Freunde dazustehen.
Am Ende zu sein.

Das alles, sagt Gott, das alles macht dein Leben nicht sinnlos.
Auch wenn dich keine Erklärung trösten kann.
Auch wenn du jetzt nicht hinter den Horizont schauen kannst.
Auch wenn du denkst, der Schmerz vergeht nie.
Denke daran, du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

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Wovon die Kirche reden muss – Gedanken zur Karwoche 2021

Vor zwei Jahren war ich am Palmsonntag in Rom auf dem Petersplatz. Schönes Wetter, schöne Palmwedel, schönes Brauchtum. Man kann dabei den Einzug Jesu in Jerusalem fast spüren. An Palmsonntag weiß man, an wen man sich halten soll. Jesus kommt in die Stadt. Das Volk jubelt ihm zu. „Hosianna!“ „Gelobt sei der da kommt im Namen Gottes.“ Der Erlöser naht. 

Aber wenn Leute ausflippen, weil irgendeine Celebrity vorbeikommt, zucke ich zurück. Je mehr gejubelt wird, je verdächtiger ist mir das. Mir fällt schon das rhythmische Klatschen bei Schlagern schwer.
Denken muss man schon selbst, gerade jetzt. Das nimmt einem weder der Kommentator in der Tagesschau noch der Popstar auf RTL2 ab. Helfen müssen wir uns zunächst einmal selbst. Die Ratschläge dafür nehmen wir natürlich gerne von Fachleuten entgegen. Die Impfungen sind sicher und sie sind nötig. Man braucht also vielleicht doch Leute, die einem sagen, wo es langgeht. Die Leute in Jerusalem hatten solche Anführer zu Genüge: Römische Statthalter und hohe Priester, Bandenchefs im Untergrund und sicher auch den ein oder anderen Propheten, Intellektuellen würden wir heute sagen. Überzeugend war wohl niemand von denen. 

Und auch uns kann niemand auf Dauer Mut machen. Die Politiker müssen seit Monaten die immer gleichen Durchhalteparolen verbreiten – was sollten sie auch tun. Die Impfkampagne ist anfangs ebenso gegen die Wand gefahren worden wie die Corona-Warn-App. Aber was soll man auch von einem Volk erwarten, das wie das deutsche Angst vor Gentechnik und Strahlen hat. Eine „Wolke von Zeugen“ vermissen wir. Leute, die wissen, wo es lang geht. Aber mit solch einer Pandemie unter heutigen Bedingungen hat eben noch niemand Erfahrungen gemacht. Alles ist anders geworden in diesem zurückliegenden Jahr.Das Leben ist ernsthafter geworden, finde ich. Fast so, als seien wir alle ernsthaft krank. Da regt man sich nämlich nicht mehr so über Kleinigkeiten auf. Im Extremfall regt man sich über gar nichts mehr auf, sondern hofft nur noch, das es wieder gut wird, dass das eigene Leben weiter geht.

Das würden wir gerne ablegen, wie es im Hebräerbrief heißt: das, was uns beschwert. Die Sorgen und Ängste, vor allem die Unsicherheit sollte uns jemand nehmen. Ich stelle mir die Menschen in Jerusalem als verzweifelte Menschen vor. Zu viele Hoffnungen waren schon enttäuscht worden. Es ging ihnen immer schlechter. Weit und breit niemand, zu dem sie Vertrauen finden konnten. Bis auf Jesus, diesen Wanderprediger aus Galiläa. 

Vermutlich hat man bei ihm gespürt, dass er es ernst meint, und was er ernst meint: Dass wir Menschen aufeinander achten sollen; dass wir einander lieb sein sollen; dass jeder zählt; dass Gott uns nicht quält, sondern trägt; dass man nicht Angst haben muss, sondern Vertrauen und Hoffnung haben kann – auch wenn das Leben begrenzt wird.

Jesus hat die Ehebrecherin gerettet und den Aussätzigen geheilt. Jesus hat Arme geachtet und keinen verloren gegeben. Tausendmal haben wir das schon gehört, habe ich das als Pfarrer erzählt. Und dann geht an Sie die Frage, ob Sie das glauben. Und ich muss mich das genauso fragen lassen, ob ich das tief im Grunde meiner Existenz glaube. Glauben wir das, dass Gott so ist, dass er uns hält und trägt und rettet? 

Das wird sich zeigen, habe ich gelernt. Wenn wir mit unserem Latein am Ende sind oder zumindest ratlos. Wenn die Zukunft unsicher ist, verzerrt wie in einem getrübten Spiegel. Dann suchen wir Gott, der uns an der Hand nimmt und mit uns ist. Und unser Leben in seiner Hand hält. Und sagt: Vertraue mir! Hoffe auf mich! In der Welt hast Du Angst, aber sei getrost, ich habe die Welt überwunden. „Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ heißt das im Hebräerbrief.

Hosianna haben die Leute gerufen, zurecht. Jesus meint es ernst. Obwohl er wie ein siegreicher Feldherr über die römische Prachtstraße zum Tempel zieht, verkneift er sich jeden Triumph. Er kommt auf einem Esel – wie ein kleiner Bauer in Israel. Das hat vielleicht sogar etwas lächerlich ausgesehen. Wie wenn heute ein Staats-Chef mit einem Fiat Punto vorfahren würde. Und statt der Ehrenwache vor dem Kanzleramt die Putzkolonne steht. Verkehrte Welt. Die die klein sind, werden im Reich Gottes groß sein; und die die groß sind, werden auch mal klein sein.

Es ist ja interessant, wie sich anfangs der Corona-Krise zumindest in der Wertschätzung die Werte verkehrten. Pflegekräfte erhielten Applaus, und über die gierigen Fußballstars, die auf ihre Gage bestehen, schüttelte man den Kopf. Das hat sich leider auf Dauer nicht erhalten: Dass wir die richtigen Leute bewundern: Die, die Gutes tun und selbstlos sind. Die, die nicht nur reden, sondern handeln. Die, die ihre Pflicht tun. Und sie uns zum Vorbild nehmen.

Ob die Menschen in Jerusalem gewusst haben, auf wen sie sich da einlassen, wen sie da bewundern? Sie konnten es wohl nicht einmal ahnen. Jesu geht direkt in den Tempel und fängt Streit an mit den Dienern der etablierten Frömmigkeit. Er zieht sich mit seinen Jüngern zu einem letzten Abendmahl zurück, ein gemeinsames Essen zum Passahfest, das seine Anhänger an ihn erinnern soll. Eine Henkersmahlzeit zunächst – die den Jüngern im Gedächtnis bleiben soll. Schließlich wird Jesus verhaftet, gefoltert, verurteilt und hingerichtet. Aus dem „Hosianna“ wurde ziemlich schnell ein „Kreuziget ihn!“ 

Als Jesus die Erwartungen nicht erfüllte, nicht alles mit einem Schlag besser wurde, war die Enttäuschung groß. Die Menschen haben’s nicht begriffen, heißt es im Johannes-Evangelium schon zu Beginn. Vielleicht ließ sich das gar nicht vermeiden. In dem Jahr, das seit Ausbruch der Krise vergangen ist, haben viele Leute viele verschiedene Dinge über die Kirche gesagt. Den einen war sie zu still, den anderen zu sehr auf sich selbst bedacht. Das meiste, was da gesagt wurde, war nicht ganz falsch, aber nur die Oberfläche. Zum Thema Impfen und zum Thema Politik haben andere mehr und Klügeres zu sagen. Und uns für sozial Schwache einzusetzen, ist selbstverständlich wie es für Jesus und seine Jünger selbstverständlich war, die 5.000 am See Genezareth mit Brot zu speisen.

Aber dann gibt es in der Botschaft als Kirche eben auch noch einen sehr tief gehenden und sehr unangenehmen Teil, der uns in dieser beginnenden Passionswoche deutlich wird. Wir müssten darauf hinweisen, dass es größeres Unheil gibt, als die Corona-Krise. Mit der können wir umgehen – durch Impfung und durch Finanzhilfe, durch Rücksicht aufeinander und Verzicht auf eigene Vorteile. Wir müssen das nur tun.

Aber dann gibt es Unheil, das nicht zu verstehen ist. Unheil, das sich nicht verhindern lässt. Durch keine Impfung. Der Unfalltod geliebter Menschen oder vielleicht auch nur Gemeinheiten anderer, denen man hilflos ausgeliefert ist und die einen krank machen.

Die Menschen am Straßenrand in Jerusalem hatten das nicht verstehen können: Dass Hoffnung eben nicht darin besteht, dass Jesus in Jerusalem einzieht und die Macht an sich reißt, sondern darin dass diese Welt vergeht und neu geschaffen wird. Wer einmal todkrank war, oder in seiner Familie an einen Abgrund des Lebens gekommen ist, wird das vielleicht verstehen – oder erahnen. Im größten Leid ist Gott uns am nächsten. Dann, wenn wir ihn nicht mehr spüren, nicht mehr glauben können, haben wir eine Tiefe und Ernsthaftigkeit des Lebens erreicht, die uns zu Gott bringt. 

Wir Menschen begreifen’s nicht. Wir können es nur über uns ergehen lassen. Dass auf den triumphalen Einzug in Jerusalem der Tod am Karfreitag folgt, ist eine bittere Wahrheit. Das klingt nach einem Weg in die Finsternis und man soll die Krise nicht klein reden, das Leid, die Krankheit und den Tod. Gott bewahre! Aber auf den Karfreitag wird Ostern folgen, das neue Leben. 

Amen!

Pfarrer Treiber predigt sonn- und feiertags in der Matthäuskirche in Heilbronn-Sontheim.

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Sonntagsgedanken 21-03-2021 Gerechte und Ungerechte?

In meiner Jugend kam im Schwarzweißfernsehen eine Krimiserie, deren Vorspann mich sehr beeindruckt hat. Da sah man nächtliche Bilder aus New York und eine sonore Männerstimme sprach darüber. „Die Großstadt von heute – Wohnort für Gerechte und Ungerechte, für Hoffende und Verzweifelnde“. oder so ähnlich.

Mich hat das damals sehr beeindruckt, diese Weltsicht. Unsere Stadt, unsere Welt ist tatsächlich so, unser Leben sogar. Es gibt viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Schicksalen, es gibt gute und böse Menschen – und wir alle müssen zusammenleben.

Warum es der einen gut geht und dem anderen schlecht? Bei manchen sagt man, sie seine selbst schuld. Aber so einfach ist es nicht. Es gibt herzensgute Menschen die von einer Krankheit dahingerafft werden – und es gibt hemmungslose Narzissten, die reich und schön sind und alt werden. Oder werden die Bösen am Ende doch bestraft? Im Predigttext am Sonntag klingt das so.

Aber wer könnte schon sich selbst zu den „Guten“ rechnen? Gerade in der Großstadt von heute kann man doch so viele verschiedene Menschen und ihre Schicksale erleben, dass man beim Urteil über andere zurückhaltender wird.

Jesus hat keinen Menschen aufgegeben. Der hatte immer Hoffnung, dass in jedem etwas Gutes steckt. Dass jeder sich ändern kann. Dass am Ende eines Lebens nicht die große Abrechnung erfolgt, sondern einer gnädiger Gott einem die Ewigkeit eröffnet.

In zwei Wochen ist Ostern! Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 21. März 2021, ist Hiob 19, 19-27.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Sonntagsgedanken 14-03-2021 Für wen würden Sie Ihr Leben ändern?

Für wen oder was würden Sie ihr bisheriges Leben aufgeben, den Beruf aufgeben, die Sicherheiten, den Wohnort? Für mehr Verdienst? Na ja, vielleicht. Im großen Gefühl des Verliebtseins? Wer weiß? Für ein neues und inspirierendes Leben? Warum nicht? Für die Menschen, die Sie lieben – Kinder, Mann oder Frau? Ganz gewiss.

Dass nach dem biblischen Wort das Weizenkorn in der Erde sterben muss, um Frucht zu bringen, ist ein etwas irreführendes Bild, denn das Korn stirbt ja nicht, sondern gibt nur seine bisherige Existenz auf, verwandelt sich und bewirkt Gutes.

Man muss sich gewiss nicht jeden Tag neu erfinden, aber wenn man das Gefühl hat, dass einem Gewohnheiten und Vertrautheiten den Zugang zum Wesentlichen im Leben versperren – der Liebe und dem Leben -, sollte man nach der offenen Tür im Leben suchen, oder wenigstens einem offenen Fenster.

Diese Bilder, das merke ich jetzt, gefallen mir besser, wenn es um die Veränderungen im Leben geht. Man muss die Vergangenheit nicht gleich begraben, oft reicht es, sie einfach hinter sich zu lassen.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 14. März 2021, ist Johannes 12, 20-26.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Sonntagsgedanken 07-03-2021 Forderungen stellen ist einfach

Forderungen zu stellen ist einfach: Der andere soll sich anständig benehmen und bei seiner Wortwahl darauf achten, dass die nicht beleidigend oder verleumderisch ist. Der erhobene Zeigefinger ist da nicht fern. Und bei manchem, was man so an Kommentaren auf Facebook liest, muss man das auch betonen und sagen: Benimm dich! 

Andererseits wissen wir alle, dass es leichter ist, Forderungen zu stellen, als sie zu erfüllen. Nicht habsüchtig sein, heißt eine der Forderungen der Bibel. Na klar! Gegen die Finanzhaie sind alle – aber gilt das auch für den, der sich beim Discounter günstige Hemden kauft, oder den, der sich seine Sonnenstromanlage auf dem Dach mit staatlich garantierter Rendite finanzieren lässt?

Das Leben ist meistens komplizierter als die Forderungen. Deswegen hat Jesus immer betont, dass letztlich nur eine Forderung gilt: Liebt einander! Und wie das dann im Einzelnen aussieht, das muss jeder für sich vor seinem Gewissen verantworten.

Seien Sie behütet!

Predigttext am 7. März 2021 ist Epheser 5, 1-9.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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