Sonntagsgedanken 22-05-2022 – Nach dem Weg fragen

Das Smartphone hat schon manchen Ehekrach verhindert. Wenn man heute sein Ziel nicht findet, das empfohlene Café in einer fremden Stadt, dann öffnet man eben die Karten-App und sagt Siri, was man sucht. Vor Jahren war das noch anders. Da kreuzte das Ehepaar Runde um Runde durch die verkehrsberuhigte Zone, mal hier mal da. „Das muss doch hier irgendwo sein,“ schimpfte er mehrfach, bis er endlich ihrem Drängen nachgab und mal rechts an einer Bushaltestelle hielt. – Männer fragen nämlich sehr ungern nach dem Weg, sagt man.

Gleichgültig, ob die Geschlechterklischees stimmen: Es gibt einfach Leute, die ungern um Hilfe bitten. Das lässt einen schwach erscheinen. Hat man doch nicht nötig. Das kann ich selber!

Beim Fünfjährigen, der seine Schuhe selbst binden möchte, ist das „selber machen“ eine tolle Sache; beim Fünfzigjährigen, der glaubt, er muss alles alleine machen, eher problematisch. Bei manchen Dingen ist es besser, sich helfen zu lassen, wenn einem etwas auf der Seele liegt zum Beispiel, wenn man spürt, man dreht sich nur noch um sich selbst, wenn man merkt, dass man an der Grenze seine Belastbarkeit angekommen ist. „Bittet, so wird euch gegeben!“ sagt Jesus. Und wenn es manchmal auch nur der Hinweis auf den richtigen Weg ist – der auf der Straße und der im Leben.

Predigttext am Sonntag, 22. Mai 2022, ist Lukas-Evangelium Kapitel 11, Verse 5 bis 13.

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Sonntagsgedanken 15-05-2022 – Music was my First Love

„Music was my first love and it will be my last“ – diese Ballade von John Miles aus dem Jahr 1976 zählt zu den Evergreens, den Liedern, die nie vergehen: „Musik war meine erste Liebe, und sie wird meine letzte sein.“ Ein Lied also, das sich selbst besingt.

Kaum etwas geht uns so unmittelbar nahe wie die Musik. Sie macht die Gefühle, die uns im Kino bewegen; in ihr kommen Dinge zum Ausdruck, die wir „trocken“ kaum so sagen würden. Wer ruft bei uns schon laut „Gelobt sei Gott!“, aber bei Leonard Cohens „Halleluja“ summen alle mit und bei Jeff Buckleys Coverversion werden die Augen feucht.

Am Sonntag ist der „Musik-Gedenktag“ in den Kirchen: Kantate, heißt er. Er erinnert daran, dass wir unsere Gefühle oft nur schwer in Worte fassen können. Das Glück der Liebe ebenso wie das Entsetzen über Krieg und Gewalt. Hoffnung und Trauer. Und das gilt auch für das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“, das der Glaube ist. Wir werden aber wohl immer Musik finden, die diese Gefühle aufnimmt und ausdrückt. Dabei ist jede Art von Musik wertvoll, wenn Sie dies nur leistet, das Metal-Getöse, das inzwischen auch im christlichen Raum das Schweigen durchbricht ebenso wie die Volksliedmelodie von „So nimm den meine Hände“, die uns in erträumte Paradiese entführt.

Predigttext am Sonntag, 15. Mai 2022, ist Kolosserbrief 3, 12-17.

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Sonntagsgedanken 08-05-2022 – Der Himmel über mit

In diesen Tagen kann man am sternenklaren Himmel die Internationale Raumstation ISS bei ihrem Flug über Heilbronn beobachtet. Neben dem Mond und dem Jupiter hat sie ihren Himmelslauf begonnen, und mir ging es wie Immanuel Kant, dem „der gestirnte Himmel über mir“ Ehrfurcht abrang. Gott hat mit dem Urknall und der Evolution eine wunderbare Welt geschaffen und hält sie auch nach 13,9 Milliarden Jahren noch am Laufen. Wir sehen das an den leuchtenden Sternen, an den aufkeimenden Blüten und am staunenswerten Geist des Menschen, der sogar zum Mond fliegen kann. Der Predigttext des kommenden Sonntags, der Anfang der Bibel, kann begeistern.

Und er erinnert uns daran, dass wir Menschen uns bescheiden sollen.

Erinnert daran, wie dumm es ist, andere anzugreifen, angesichts der einen, großartigen Welt in der wir zusammen leben.

Wir bösartig es ist, im Angesicht Gottes anderen Menschen zu schaden, die doch seine Ebenbilder sind.

Predigttext am kommenden Sonntag ist 1.Mose 1.

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Sonntagsgedanken 01-05-2022 – Motto: Schwamm drüber

Man kann an seinen schlechten Erfahrungen kleben bleiben, vor allem an denen, die man mit sich selbst gemacht hat. Man kann sie aber auch als Ausgangspunkt für Neues nehmen. 

Petrus, der Mittelpunkt des Predigttextes am kommenden Sonntag, ist da ein gutes Vorbild. Seinen Freund Jesus hatte er feige verleugnet und ansonsten ihm gegenüber oft eine große Klappe gehabt. Er bereute es – und Jesus hat ihm vergeben.

Das ist doch toll: Nicht von der Vergangenheit reden, sondern von der Gegenwart; nicht an alte Wunden denken, sondern an die bessere Zukunft. Dankbar sein für das, was gut ist, und ansonsten bereit sein, immer wieder neu anzufangen, Dinge neu zu sehen und anderen Menschen neu zu begegnen. Eben: Jeden Tag neu als Geschenk annehmen.

Predigttext am Sonntag, 1. Mai 2022 ist Johannes 21, 15-19.

(Foto: Matthias Treiber (vor Ariel Reichmann „I am not Safe“ aus der Kunsthalle Mannheim)

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Sonntagsgedanken 24-04-2022 – Den Mächten die Macht nehmen

An die Liebe glauben – obwohl man gerade alleine ist? Glauben, dass alles gut wird – obwohl man gerade im Krankenhaus auf das Untersuchungsergebnis wartet? Glauben, dass all der Mist bald ein Ende hat – obwohl man gerade bis zum Hals drinsteckt? Das fällt alles furchtbar schwer. Glauben, obwohl man nichts sieht, was ihn begründen könnte.

Im Gegenteil – die Mächte der Welt drohen einem den Hals abzuschnüren: Das sind nicht nur die Leute, die einem Böses wollen, das sind auch das Schicksal und die Dummheit, die Krankheit und die Not. Von mörderischen Diktatoren mal ganz zu schweigen. Alles, was das Leben so schwer erscheinen lässt.

Doch dann versteckt sich hinter all dem Belastenden irgendwo das Gefühl, dass man das Schwere nicht auf sich belassen will. Man spürt die trotzige Gewissheit, dass da doch etwas sein muss, ein Sinn, ein Halt, eine neue Möglichkeit. Dass all die bösen Mächte, die anderen das Leben schwer machen, am Ende nichts zu sagen haben.

Wer liebt hat immer recht. Und wer lebt kann verändern.

Vielleicht wird so Ostern für uns zur Wirklichkeit: Nichts muss so schlimm bleiben, wie es ist. Keine Bedrohung soll uns die Freude am Leben und der Liebe nehmen.

Predigttext am Sonntag, 24. April 2022, ist Kolosserbrief 2, 12-15.

(Foto: Matthias Treiber (vor Ariel Reichmann „I am not Safe“ aus der Kunsthalle Mannheim)

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Sonntagsgedanken zu Ostern 2022 – Dem Leben etwas zutrauen

Drei Frauen an einem Grab in Jerusalem. 

Leer ist es. 

Ein Mann sagt, der Tote sei auferstanden. 

Alles sei gut. 

Sie sind erettet.

Die Frauen am Grab haben das anders empfunden. 

Furcht erfasst die Frauen – sie renne davon. 

Kein Gefühl von Rettung. 

Erst später wurde die Geschichte anders beschrieben und es wurde gleich gejubelt:

„Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ 

Er ist der Heiland, sagt unsere alte Bibel. 

Der Retter. 

Das ist die Botschaft von Ostern: Wir sind gerettet.

Klingt das für Sie in diesem Jahr anders? 

Vor Corona sind wir ja nun irgendwie doch gerettet worden. Kluge Menschen haben Impfstoffe dagegen entwickelt. Das Virus ist nicht mehr so gefährlich.

Für mich ist das nicht übertrieben, zu sagen, dass Gott uns dadurch rettet: Dass er Menschen unter uns befähigt, die tödliche Natur in Schach zu halten. 

Und dass die Natur sich in der Evolution ändern. 

Gott rettet uns – auch heute noch.

Aber nun leben wir schon in der nächsten Krise. 

Der Krieg in der Ukraine. 

Fürchterliche Verbrechen und Massaker durch Russland. 

Der Tod nicht als individuelles Schicksal, sondern als angedrohter Völkermord.

Rettet Gott?

Die Bibel ist voller Rettungsgeschichten. 

Geschichten von Völkern und Stämmen – und Geschichten von Einzelnen. 

Gott rettet Israel vor der tödlichen Militärmacht der Ägypter am Schilfmeer. 

Und Gott rettet die Jünger im Sturm auf dem See Genezareth. 

Und für vielen Menschen war Jesus die Rettung, als er ihnen die Hand gereicht und sie geheilt hat.

Und wir heute? 

Wir Christen glauben, dass dieses Versprechen der Menschheit gilt. 

Gott rettet nicht nur vor dem Pharao, sondern auch vom Tode. 

Fassungslos hören die Frauen am Grab diese Botschaft. 

Sie sehen keinen Engel, sondern einen jungen Mann in hellen Kleidern. 

Was er ihnen sagt, deckt sich mit dem, was Jesus zuvor versprochen hatte. 

Sie hören das Wort vom Sieg des Lebens. 

Sie aber beginnen nicht zu jubeln, sondern sind voller Zweifel und Entsetzen. 

Eine große Furcht hat sie ergriffen, sie fliehen und verstummen. 

Zunächst richten sie den Auftrag, die Auferstehung zu verkünden, nicht aus. 

Das übrigens ist für mich der überzeugende Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr ist, 

dass sie keine Erfindung ist. 

Kein Mensch hätte eine Auferstehungsgeschichte erfunden 

mit damals unglaubwürdigen Frauen als Zeugen, die niemandem etwas davon erzählen. 

Und kein guter Erzähler würde die Geschichte Jesu so enden lassen, wie es Markus ursprünglich getan hat – nämlich dem Furcht und Zittern am Ende – und dem Verschweigen der Auferstehung. 

Die Geschichte vom Leeren Grab und der Auferstehung Jesu ist, 

so wie wir sie hier hören, schlicht und einfach 

und sie ist deshalb schlicht und einfach wahr. 

Doch rettet sie uns? 

Vertrauen wir darauf, dass das Leben Sinn macht? 

Vertrauen wir darauf, dass es sinnvoll ist, gegen den Tod anzutreten und gegen Mörder zu kämpfen. 

Oder sehen wir doch nur ein dunkles Ende? 

Sind wir bereit zu glauben, dass Gott, dass das Leben, dass das Universum uns gnädig ist. 

Dass all unser Gefühl der Unzulänglichkeit und unseres Versagen, dass all das nichts zählt, weil wir davon gerettet werden?

Und die wichtigste Frage für unser Leben jeden Tag: 

Vertrauen wir der Liebe? 

Wir selbst, ganz persönlich.

Darauf, dass Liebe stärker ist als der Tod? 

Dass Liebe möglich ist, auch wenn uns andere das Leben schwer machen? 

Dass wir geliebt sind, auch wenn wir am liebsten vergehen möchten? 

Dass wir gerettet sind, weil Jesus auferstanden ist und unser Retter ist?

Ostern 2022

Hoffentlich lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen. 

Wir sind alle noch nicht am Ziel. 

Die Bedrohung bleibt – für die Menschen in der Ukraine durch mörderische Barbaren, die in ihr Land eingedrungen sind. 

Die Bedrohung durch den Tod bleibt auch auch uns – jeden Tag durch Krankheit und Unfall. 

Der Tod bleibt, so schrecklich das ist. 

Keiner von uns hat den Glauben, der Berge versetzt oder todbringende Heere im Meer versenkt.

Aber wir sind aufgerufen, trotzdem zu leben und zu lieben, wie die Frauen am Grab und die Israeliten am Schilfmeer.  

Miriam hat danach gesungen. 

Von der Rettung am Meer – übrigens wohl der älteste erhaltene Text der Bibel. 

Sie sah tödliche Streitwagen stürzen. 

Ich sehe erleichtert die ausgebrannten russischen Panzer und denke an die Menschen, deren Leben dadurch gerettet wurde.

Wir sehen die Bilder von russischen Bombern, die abgeschossen werden. 

Vielleicht sehen wir sogar die Macht des Todes stürzen. 

Wir können zu Ostern zurückschrecken wie die Frauen am Grab. 

Zweifel ist selbstverständlich und Unsicherheit nicht zu vermeiden. 

Was aber haben wir zu verlieren, wenn wir nicht dem Tod, sondern dem Leben glauben? 

Was, wenn ich nicht daran denke, dass ich morgen schon todkrank sein kann – und mich lieber heute am Leben freue und etwas Gutes daraus mache?

Was, wenn wir auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden!“ mit immer größerer Bestimmtheit antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ 

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Predigttext an Ostern 2022 ist Markus 16, 1-8

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Sonntagsgedanken zur Karwoche 2022 – Scheitern und getröstet sein

Eine Katastrophe, wie man sie seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Gerade noch jubelnd empfangen, Hosianna! – und fünf Tage später verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Jesus wird hingerichtet. Definitiv unschuldig. Das wusste sogar Pilatus. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Aufstand zu verhindern. Darum, dass man einen Sündenbock brauchte. Einen, dem man die Schuld geben kann, damit das Volk zufrieden ist. Oder jedenfalls kapiert, dass da keiner kommt, um die Menschen aus dem Elend zu erlösen. Einer für alle. Auch wenn das „alle für einen“ ausgeblieben ist.

2.000 Jahre ist das jetzt her. Vermutlich am 7. April des Jahres 33 – oder schon am 3. April 30? Jedenfalls ist der Tag für historische Verhältnisse ziemlich gut belegt. Jesus wurde gekreuzigt wie alle Aufrührer gegen Rom und auf dem Felsen Golgatha hingerichtet, der heute unter einer Seitenkapelle in der Grabeskirche in Jerusalem liegt. Getötet, wie so viele andere. Das brutale Ende eines Lebens, das doch von Liebe und Vertrauen und Verständnis gekennzeichnet war. Der Christus aus Nazareth – grandios gescheitert.

Das ist der Grund, warum ich an ihn glaube. Warum ich glaube, dass Gott sich uns Menschen in Jesus aus Nazareth gezeigt hat. Weil er gut war – und gescheitert ist, wenn ich das einmal ganz lapidar so sagen darf. 

Dass Jesus ein guter Mensch war, dass er gut auf andere gewirkt hat, ist vielfach überliefert. Menschen haben sich befreit gefühlt, wenn sie ihm begegnet sind, waren geheilt von allen Nöten und Ängsten und Krankheiten. Menschen haben sich verändert, wenn sie ihm begegnet sind. Aus dem Betrüger Matthäus wird ein Jünger, aus dem Schlitzohr Zachäus ein Wohltäter, aus der Ehebrecherin – vielleicht – eine Jüngerin.

Und das zweite, dass Jesus gescheitert ist, war am Karfreitag vor den Toren Jerusalems weithin sichtbar. Gekreuzigt wurde er und erlitt damit die fürchterlichste Strafe Roms. Kein römischer Bürger durfte gekreuzigt werden, nur Sklaven und Aufständische. Die Strafe war so unaussprechlich, dass sie nicht einmal in der Unterhaltungsliteratur der damaligen Zeit vorkam. Einen größere Gegensatz kann man nicht benennen als den zwischen Gott, dem Ewigen, der die Liebe ist, und dem Menschen, der auf elend leidet und auf diese Weise getötet wird.

Warum nur hat das Christentum gerade den Karfreitag, den Tod des Erlösers, zum Zentrum seiner Botschaft gemacht? 

Zunächst, weil es eine bittere Wahrheit ist. Es ist wahr, dass Jesus so gestorben ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies historisch zu bezweifeln. Es ist auch wahr, weil es die bittere Wahrheit ist, dass Menschen sterben – manchmal durch Gewalt, öfters durch Krankheit oder Unfall – und viele in hohem Alter, aber das macht die Sterblichkeit ja nicht verständlicher.

Warum müssen wir Menschen leiden und sterben? Die Philosophie hat sich an dieser Frage abgearbeitet. Und keine Antwort gefunden. Dass es eben der Lauf der Natur sei, ist kein Trost. Und dass der Tod einen Sinn hat, konnte mir noch nie jemand plausibel machen. Die Frage nach dem „Warum“ von Krankheit und Leid, von Seuchen und Not, lässt sich nicht beantworten. 

Gewiss, Täter und Mörder lassen sich klar von Angegriffenen und Opfern unterscheiden. Im Krieg Russlands gegen die Ukraine so eindeutig wie selten in der Weltgeschichte. 

Aber die Menschen in der Ukraine, die Opfer andere Gräueltaten waren meist nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Und für die Morde ist nicht der liebe Gott verantwortlich, sondern Wladimir Putin.

Und jeder kann sein Opfer werden. So wie selbst der Sohn Gottes Opfer wurde.

Das ist die theologische Pointe der Karwoche. 

Sogar der Sohn Gottes stirbt. Der vollkommene Mensch. Die Liebe in Person. Gott in Person. Was wir über Gott wissen müssen, ist in Jesus zu sehen. Natürlich ist Gott mehr, größer, unbegreiflich, reines Sein-Selbst, unendlich. Aber das ist für uns Menschen sowieso ein paar Nummern zu groß. Uns reicht es, wenn wir Gott in diesem Jesus erkennen, diesem reinen Menschen. Als Liebe erkennen, wie es im Ersten Johannesbrief heißt. Der gestorben ist – wie wir alle sterben müssen. Grundlos.

Das ist, denke ich, das schwierigste im Leben: Mit dieser Grundlosigkeit des Todes leben zu müssen. Der Tod steht tatsächlich einmal einfach vor der Türe, wie der Sensenmann in den Witzen. Nur kann man mit ihm nicht verhandeln. 

Man kann aber gegen ihn kämpfen. Man kann wie die Ärzte in der Krankenhäusern gegen den Tod durch Krankheit und Verletzung kämpfen. Man kann wie die mutigen Menschen in der Ukraine gegen die Mörder in russischen Uniformen kämpfen. Und jeder kann dem Tod das Leben entgegenhalten.

Vor uns allen ist heute das Kreuz Jesu aufgerichtet. Ein Bild für Gott, der mit uns leidet. Der mit uns einmal stirbt. Und uns in Leid und Not und einmal auch im Tod die Hand entgegenstreckt:

Ich weiß, dass du Angst hat.

Ich weiß, dass du dir Sorgen um dein Leben machst.

Um deine Liebsten machst.

Ich weiß, dass du denkst, du seist gescheitert.

Der auch sagt:

Ich weiß um alles Leid in der Welt.

Kenne den Schmerz.

Weiß, wie es ist, von anderen verspottet zu werden.

Wie es ist, verraten zu werden.

Der Freiheit beraubt zu sein.

Am Ende zu sein.

Das alles, sagt Gott: Das alles macht dein Leben nicht sinnlos.

Auch wenn dich keine Erklärung trösten kann.

Auch wenn du jetzt nicht hinter den Horizont schauen kannst.

Auch wenn du denkst, der Schmerz vergeht nie.

Denke daran, du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

Amen!

(Hintergrundfoto: M.Treiber vor „I Am (Not) Safe“ von Ariel Reichman in der Kunsthalle Mannheim)

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Sonntagsgedanken 03-04-2022 – Wer ist der Größte?

Wer ist der größte, der wichtigste, der einflussreichste Mensch? Bei der Suche nach Rankings stößt man auf erstaunliche Ergebnisse: Mohammed, Newton, Jesus, Buddha, Konfuzius und Paulus belegen die erste Plätze. Das ist ein gutes Zeichen, finde ich: Offenbar werden diejenigen am meisten geschätzt, die für andere etwas getan oder andere inspiriert haben. Die am meisten Macht oder Geld haben, landen viel weiter hinten. Politiker auch. Und Sportler und Künstler – sorry – sind vorne auch nicht mit dabei. 

Das ist gut so, und entspricht in gewisser Weise dem Hinweis, den Jesus seinen Jüngern gibt: Nicht der selbstsüchtige Herrscher ist der Größte, sondern der, der anderen dient. Und nicht der Erfolgreichste und Begabteste wird am meisten bewundert, sondern der, der andere inspiriert. 

Obwohl, da wüsste ich vielleicht sogar Sportler und Künstler. Herausragende Personen im Widerstand gegen die russische Kriegsmaschine sind ja ein ehemaliger Fernseh-Komiker und zwei ehemalige Boxer. Ich sage das mit größtem Respekt. Das ist Charaktergröße, die man nur bewundern kann.

Angesehen jedenfalls muss der sein, der anderen hilft, der gegen Unrecht kämpft und bereit ist, dafür sogar sein Leben zu riskieren. 

Lassen Sie uns in diesen Tagen beten: Um Frieden und Unterstützung und Kraft für die Menschen in der Ukraine. Und lassen Sie uns das Nötige und Mögliche tun.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 3. April 2022 ist Markus 10, 35-45.

(Hintergrundfoto: M.Treiber vor „I Am (Not) Safe“ von Ariel Reichman in der Kunsthalle Mannheim)

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Sonntagsgedanken 27-03-2022 – Beten und Handeln

Kindisch seien wir, hat Sigmund Freud uns Christen vorgeworfen. Anstatt die Probleme des Lebens anzugehen, würden wir uns wie kleine Kinder zur tröstenden Mama flüchten. Glauben war für ihn nur eine religiöse Zwangsneurose.

Wenn er das so gesehen hat, nun gut. Vor hundert Jahren hat man Leute mit religiösem Trost vielleicht wirklich still halten wollen. Heute denke ich allerdings, dass es immer wieder Situationen im Leben gibt, in denen wir mit unserem Latein nicht weiter wissen und mit den Nerven am Ende sind.

Und bevor ich dann nur in einen Abgrund schaue, vertraue ich mich lieber im Gebet dem „Gott allen Trostes“ an, von dem am nächsten Sonntag die Rede ist.

Beten führt nämlich nicht dazu, dass man still ist und wegschaut.

Sondern beten macht einem bewusst, dass man stark genug ist, das richtig zu tun.

Den Flüchtlingen aus der Ukraine helfen.
Für Frieden und Freiheit in Europa einzstehen.
Für die beten, die um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen müssen.
Und sie bei diesem Kampf unterstützen.
Sich die Gewissheit nicht nehmen lassen, dass alle Menschen das Recht haben, in Freiheit zu leben.

Hoffnung auf Leben. Das zeigt sich im Beten und in der Nächstenliebe, in der tatkräftigen Hilfe und in der Gewissheit, dass es richtig ist, gut zu sein und dem Bösen zu wehren.

Und dass es falsch wäre, andere im Stich zu lassen.

Beten wir für Frieden und Freiheit und um Hoffnung.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 27. März 2022, ist 2. Korintherbrief 1, 3-7.

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Sonntagsgedanken 20-03-2022 – Das Gefühl: Es reicht!

Liebe Gemeinde,
„Ich hab genug, ich kann nicht mehr!“ – Nach zwei Jahren Pandemie und nun angesichts nackter Gewalt, die Russland über Europa gebracht hat, mag das mancher sagen.
Und manche sagen das aufgrund von dem, was ihnen persönlich passiert ist und passiert.
„Ich hab genug, ich kann nicht mehr!“ –
So lautet in der Bibel das Bekenntnis eines Menschen, der wenige Tage zuvor noch eindrucksvoll gestritten hat.
Mit aller Kraft und seiner ganzen Person hatte der Prophet Elia sich für den wahren Gott Israels eingesetzt – und dann wurde er von der Königin verfolgt und in die Wüste gejagt.
Elia hat schreckliche Angst.
Er rennt um sein Leben.
Ihn verlässt alle Hoffnung, alle Glaubensgewissheit und Zuversicht.
Er verliert seinen Lebensmut.
Erschöpft legt er sich unter einen Wacholderstrauch nieder und betet:
„Ich bin allein übrig geblieben; sie wollen mich umbringen. Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele.“
Elia gibt auf.
Er sieht nur noch Widerstände.
Er möchte schlafen, sterben und nie wieder aufwachen.
Diess Gefühl „Es ist genug!“ verbindet viele unter uns mit Elia.
„Ich kann nicht mehr!“
Dieses Gefühl kommt in Krankheit und Leid.
Es kommt, wenn wir überlastet sind, durch Beruf und familiäre Situation.
Wenn andere uns zur Plage werden
und wenn wir selbst unsere Grenzen nicht mehr akzeptieren können.
Die Welt wird zur Wüste.

Und dann wird sie wieder grün.
Elia schläft ein und ihm begegnet ein Engel. Er stellt ihm Essen und Trinken hin, wird erzählt.
Plötzlich gewinnt man wieder Kraft. Steht auf.
Weil man einem Engel begegnet ist.
Der muss keine Flügel haben und kann einem auch am hellichten Tag begegnen.
Andere Menschen werden uns zu Engeln.
Die freundliche Begegnung auf der Straße – die einem den Tag rettet.
Die nette Nachbarin, die einen aus dem Finsteren aufweckt – und es vielleicht nicht einmal merkt, was sie da Gutes tut.
Der Helfer auf der Straße, der einen wieder an die Menschheit glauben lässt, wie man so sagt.
Wer Engeln begegnen möchte, wird sie entdecken. Alle paar Tage….
Wir leben durch menschliche Beziehungen und von menschlichen Beziehungen.
Als Engel begegnen uns unsere Mitmenschen immer wieder.

Aber in vielen Bereichen des Lebens ist das immer wieder bedroht.
Immer wieder führt uns das Leben in die Wüste.
Manchmal sehen wir sie nur – wie beim Blick in die Ukraine,
Und manche erleben diese Wüste, wie die Menschen in der Ukraine, deren Städte von Putin zur Wüste zerbombt werden. Und manchmal ist die ganze Welt eine Wüste, überall da, wo gekämpft und getötet wird.
Welche Engel gibt es da?
Gewiss unzählige, hoffentlich, einzelne, die einzelnen helfen.
In Berlin haben sich so viele Freiwillige für den Dienst am Bahnhof gemeldet, um ankommenden Flüchtlinge zu helfen.
Bei uns, weiter im Westen Deutschlands, gibt es hoffentlich viele, die für die geflüchteten Ukrainern Wohnung und Arbeit haben.
Engel ist da ein großes Wort, scheint mir, aber Gottes Bote ist jeder, der hilft.
Im ganz persönlichen Leben gilt das natürlich auch.
Manchmal kommt ein Punkt, wo es nicht mehr geht.
Wo man Zeit für sich und Beistand von anderen braucht.
Elie Wiesel hat dazu einmal geschrieben:
„Kein Mensch hat die Mittel, die Nacht zu bekämpfen, wenn er in seinem Kampf nicht Mitmenschen zu Hilfe ruft.“
Die Klage aus der Bibel: „Es ist genug. Ich kann nicht mehr!“ war ein Hilferuf.
Nun hat der Prophet Elia diese Hilfe gefunden, ein Engel ist zu ihm gekommen.
Und Elia zieht seine Straße fröhlich.
Das ist die Hoffnung dieser Geschichte für unser Leben.
Gott holt zurück aus der Verzweiflung, indem ein Engel uns anrührt.
Wir müssen nur darauf achten, dass wir die Berührung auch spüren.
Man spürt sie im Guten, das unser Herz umgreift,
in der Liebe anderer Menschen,
im Tor, das sich plötzlich auftut,
im Licht, das plötzlich scheint.

Und in der Zuneigung anderer Menschen, die uns hält.
Und noch eine zweite Verheißung hängt damit zusammen.
Gott macht uns zu Engeln, zu Boten seiner Liebe, zu Menschen, die andere anrühren können und damit neues Leben verheißen mögen.
In diesem Sinne sind auch wir auf einem weiten Weg durch unser Leben, ein Weg zu uns, zu den anderen, zu Gott.
Gottes sende uns Engel. Er gebe uns die Kraft, unser Leben zu meistern und anderen in den Nöten ihres Lebens beizustehen.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 20. März 2022, ist 1.Könige 19, 1-8.

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