Sonntagsgedanken zu Ostern 2022 – Dem Leben etwas zutrauen

Drei Frauen an einem Grab in Jerusalem. 

Leer ist es. 

Ein Mann sagt, der Tote sei auferstanden. 

Alles sei gut. 

Sie sind erettet.

Die Frauen am Grab haben das anders empfunden. 

Furcht erfasst die Frauen – sie renne davon. 

Kein Gefühl von Rettung. 

Erst später wurde die Geschichte anders beschrieben und es wurde gleich gejubelt:

„Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ 

Er ist der Heiland, sagt unsere alte Bibel. 

Der Retter. 

Das ist die Botschaft von Ostern: Wir sind gerettet.

Klingt das für Sie in diesem Jahr anders? 

Vor Corona sind wir ja nun irgendwie doch gerettet worden. Kluge Menschen haben Impfstoffe dagegen entwickelt. Das Virus ist nicht mehr so gefährlich.

Für mich ist das nicht übertrieben, zu sagen, dass Gott uns dadurch rettet: Dass er Menschen unter uns befähigt, die tödliche Natur in Schach zu halten. 

Und dass die Natur sich in der Evolution ändern. 

Gott rettet uns – auch heute noch.

Aber nun leben wir schon in der nächsten Krise. 

Der Krieg in der Ukraine. 

Fürchterliche Verbrechen und Massaker durch Russland. 

Der Tod nicht als individuelles Schicksal, sondern als angedrohter Völkermord.

Rettet Gott?

Die Bibel ist voller Rettungsgeschichten. 

Geschichten von Völkern und Stämmen – und Geschichten von Einzelnen. 

Gott rettet Israel vor der tödlichen Militärmacht der Ägypter am Schilfmeer. 

Und Gott rettet die Jünger im Sturm auf dem See Genezareth. 

Und für vielen Menschen war Jesus die Rettung, als er ihnen die Hand gereicht und sie geheilt hat.

Und wir heute? 

Wir Christen glauben, dass dieses Versprechen der Menschheit gilt. 

Gott rettet nicht nur vor dem Pharao, sondern auch vom Tode. 

Fassungslos hören die Frauen am Grab diese Botschaft. 

Sie sehen keinen Engel, sondern einen jungen Mann in hellen Kleidern. 

Was er ihnen sagt, deckt sich mit dem, was Jesus zuvor versprochen hatte. 

Sie hören das Wort vom Sieg des Lebens. 

Sie aber beginnen nicht zu jubeln, sondern sind voller Zweifel und Entsetzen. 

Eine große Furcht hat sie ergriffen, sie fliehen und verstummen. 

Zunächst richten sie den Auftrag, die Auferstehung zu verkünden, nicht aus. 

Das übrigens ist für mich der überzeugende Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr ist, 

dass sie keine Erfindung ist. 

Kein Mensch hätte eine Auferstehungsgeschichte erfunden 

mit damals unglaubwürdigen Frauen als Zeugen, die niemandem etwas davon erzählen. 

Und kein guter Erzähler würde die Geschichte Jesu so enden lassen, wie es Markus ursprünglich getan hat – nämlich dem Furcht und Zittern am Ende – und dem Verschweigen der Auferstehung. 

Die Geschichte vom Leeren Grab und der Auferstehung Jesu ist, 

so wie wir sie hier hören, schlicht und einfach 

und sie ist deshalb schlicht und einfach wahr. 

Doch rettet sie uns? 

Vertrauen wir darauf, dass das Leben Sinn macht? 

Vertrauen wir darauf, dass es sinnvoll ist, gegen den Tod anzutreten und gegen Mörder zu kämpfen. 

Oder sehen wir doch nur ein dunkles Ende? 

Sind wir bereit zu glauben, dass Gott, dass das Leben, dass das Universum uns gnädig ist. 

Dass all unser Gefühl der Unzulänglichkeit und unseres Versagen, dass all das nichts zählt, weil wir davon gerettet werden?

Und die wichtigste Frage für unser Leben jeden Tag: 

Vertrauen wir der Liebe? 

Wir selbst, ganz persönlich.

Darauf, dass Liebe stärker ist als der Tod? 

Dass Liebe möglich ist, auch wenn uns andere das Leben schwer machen? 

Dass wir geliebt sind, auch wenn wir am liebsten vergehen möchten? 

Dass wir gerettet sind, weil Jesus auferstanden ist und unser Retter ist?

Ostern 2022

Hoffentlich lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen. 

Wir sind alle noch nicht am Ziel. 

Die Bedrohung bleibt – für die Menschen in der Ukraine durch mörderische Barbaren, die in ihr Land eingedrungen sind. 

Die Bedrohung durch den Tod bleibt auch auch uns – jeden Tag durch Krankheit und Unfall. 

Der Tod bleibt, so schrecklich das ist. 

Keiner von uns hat den Glauben, der Berge versetzt oder todbringende Heere im Meer versenkt.

Aber wir sind aufgerufen, trotzdem zu leben und zu lieben, wie die Frauen am Grab und die Israeliten am Schilfmeer.  

Miriam hat danach gesungen. 

Von der Rettung am Meer – übrigens wohl der älteste erhaltene Text der Bibel. 

Sie sah tödliche Streitwagen stürzen. 

Ich sehe erleichtert die ausgebrannten russischen Panzer und denke an die Menschen, deren Leben dadurch gerettet wurde.

Wir sehen die Bilder von russischen Bombern, die abgeschossen werden. 

Vielleicht sehen wir sogar die Macht des Todes stürzen. 

Wir können zu Ostern zurückschrecken wie die Frauen am Grab. 

Zweifel ist selbstverständlich und Unsicherheit nicht zu vermeiden. 

Was aber haben wir zu verlieren, wenn wir nicht dem Tod, sondern dem Leben glauben? 

Was, wenn ich nicht daran denke, dass ich morgen schon todkrank sein kann – und mich lieber heute am Leben freue und etwas Gutes daraus mache?

Was, wenn wir auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden!“ mit immer größerer Bestimmtheit antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ 

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Predigttext an Ostern 2022 ist Markus 16, 1-8

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Sonntagsgedanken zur Karwoche 2022 – Scheitern und getröstet sein

Eine Katastrophe, wie man sie seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Gerade noch jubelnd empfangen, Hosianna! – und fünf Tage später verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Jesus wird hingerichtet. Definitiv unschuldig. Das wusste sogar Pilatus. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Aufstand zu verhindern. Darum, dass man einen Sündenbock brauchte. Einen, dem man die Schuld geben kann, damit das Volk zufrieden ist. Oder jedenfalls kapiert, dass da keiner kommt, um die Menschen aus dem Elend zu erlösen. Einer für alle. Auch wenn das „alle für einen“ ausgeblieben ist.

2.000 Jahre ist das jetzt her. Vermutlich am 7. April des Jahres 33 – oder schon am 3. April 30? Jedenfalls ist der Tag für historische Verhältnisse ziemlich gut belegt. Jesus wurde gekreuzigt wie alle Aufrührer gegen Rom und auf dem Felsen Golgatha hingerichtet, der heute unter einer Seitenkapelle in der Grabeskirche in Jerusalem liegt. Getötet, wie so viele andere. Das brutale Ende eines Lebens, das doch von Liebe und Vertrauen und Verständnis gekennzeichnet war. Der Christus aus Nazareth – grandios gescheitert.

Das ist der Grund, warum ich an ihn glaube. Warum ich glaube, dass Gott sich uns Menschen in Jesus aus Nazareth gezeigt hat. Weil er gut war – und gescheitert ist, wenn ich das einmal ganz lapidar so sagen darf. 

Dass Jesus ein guter Mensch war, dass er gut auf andere gewirkt hat, ist vielfach überliefert. Menschen haben sich befreit gefühlt, wenn sie ihm begegnet sind, waren geheilt von allen Nöten und Ängsten und Krankheiten. Menschen haben sich verändert, wenn sie ihm begegnet sind. Aus dem Betrüger Matthäus wird ein Jünger, aus dem Schlitzohr Zachäus ein Wohltäter, aus der Ehebrecherin – vielleicht – eine Jüngerin.

Und das zweite, dass Jesus gescheitert ist, war am Karfreitag vor den Toren Jerusalems weithin sichtbar. Gekreuzigt wurde er und erlitt damit die fürchterlichste Strafe Roms. Kein römischer Bürger durfte gekreuzigt werden, nur Sklaven und Aufständische. Die Strafe war so unaussprechlich, dass sie nicht einmal in der Unterhaltungsliteratur der damaligen Zeit vorkam. Einen größere Gegensatz kann man nicht benennen als den zwischen Gott, dem Ewigen, der die Liebe ist, und dem Menschen, der auf elend leidet und auf diese Weise getötet wird.

Warum nur hat das Christentum gerade den Karfreitag, den Tod des Erlösers, zum Zentrum seiner Botschaft gemacht? 

Zunächst, weil es eine bittere Wahrheit ist. Es ist wahr, dass Jesus so gestorben ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies historisch zu bezweifeln. Es ist auch wahr, weil es die bittere Wahrheit ist, dass Menschen sterben – manchmal durch Gewalt, öfters durch Krankheit oder Unfall – und viele in hohem Alter, aber das macht die Sterblichkeit ja nicht verständlicher.

Warum müssen wir Menschen leiden und sterben? Die Philosophie hat sich an dieser Frage abgearbeitet. Und keine Antwort gefunden. Dass es eben der Lauf der Natur sei, ist kein Trost. Und dass der Tod einen Sinn hat, konnte mir noch nie jemand plausibel machen. Die Frage nach dem „Warum“ von Krankheit und Leid, von Seuchen und Not, lässt sich nicht beantworten. 

Gewiss, Täter und Mörder lassen sich klar von Angegriffenen und Opfern unterscheiden. Im Krieg Russlands gegen die Ukraine so eindeutig wie selten in der Weltgeschichte. 

Aber die Menschen in der Ukraine, die Opfer andere Gräueltaten waren meist nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Und für die Morde ist nicht der liebe Gott verantwortlich, sondern Wladimir Putin.

Und jeder kann sein Opfer werden. So wie selbst der Sohn Gottes Opfer wurde.

Das ist die theologische Pointe der Karwoche. 

Sogar der Sohn Gottes stirbt. Der vollkommene Mensch. Die Liebe in Person. Gott in Person. Was wir über Gott wissen müssen, ist in Jesus zu sehen. Natürlich ist Gott mehr, größer, unbegreiflich, reines Sein-Selbst, unendlich. Aber das ist für uns Menschen sowieso ein paar Nummern zu groß. Uns reicht es, wenn wir Gott in diesem Jesus erkennen, diesem reinen Menschen. Als Liebe erkennen, wie es im Ersten Johannesbrief heißt. Der gestorben ist – wie wir alle sterben müssen. Grundlos.

Das ist, denke ich, das schwierigste im Leben: Mit dieser Grundlosigkeit des Todes leben zu müssen. Der Tod steht tatsächlich einmal einfach vor der Türe, wie der Sensenmann in den Witzen. Nur kann man mit ihm nicht verhandeln. 

Man kann aber gegen ihn kämpfen. Man kann wie die Ärzte in der Krankenhäusern gegen den Tod durch Krankheit und Verletzung kämpfen. Man kann wie die mutigen Menschen in der Ukraine gegen die Mörder in russischen Uniformen kämpfen. Und jeder kann dem Tod das Leben entgegenhalten.

Vor uns allen ist heute das Kreuz Jesu aufgerichtet. Ein Bild für Gott, der mit uns leidet. Der mit uns einmal stirbt. Und uns in Leid und Not und einmal auch im Tod die Hand entgegenstreckt:

Ich weiß, dass du Angst hat.

Ich weiß, dass du dir Sorgen um dein Leben machst.

Um deine Liebsten machst.

Ich weiß, dass du denkst, du seist gescheitert.

Der auch sagt:

Ich weiß um alles Leid in der Welt.

Kenne den Schmerz.

Weiß, wie es ist, von anderen verspottet zu werden.

Wie es ist, verraten zu werden.

Der Freiheit beraubt zu sein.

Am Ende zu sein.

Das alles, sagt Gott: Das alles macht dein Leben nicht sinnlos.

Auch wenn dich keine Erklärung trösten kann.

Auch wenn du jetzt nicht hinter den Horizont schauen kannst.

Auch wenn du denkst, der Schmerz vergeht nie.

Denke daran, du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

Amen!

(Hintergrundfoto: M.Treiber vor „I Am (Not) Safe“ von Ariel Reichman in der Kunsthalle Mannheim)

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Sonntagsgedanken 03-04-2022 – Wer ist der Größte?

Wer ist der größte, der wichtigste, der einflussreichste Mensch? Bei der Suche nach Rankings stößt man auf erstaunliche Ergebnisse: Mohammed, Newton, Jesus, Buddha, Konfuzius und Paulus belegen die erste Plätze. Das ist ein gutes Zeichen, finde ich: Offenbar werden diejenigen am meisten geschätzt, die für andere etwas getan oder andere inspiriert haben. Die am meisten Macht oder Geld haben, landen viel weiter hinten. Politiker auch. Und Sportler und Künstler – sorry – sind vorne auch nicht mit dabei. 

Das ist gut so, und entspricht in gewisser Weise dem Hinweis, den Jesus seinen Jüngern gibt: Nicht der selbstsüchtige Herrscher ist der Größte, sondern der, der anderen dient. Und nicht der Erfolgreichste und Begabteste wird am meisten bewundert, sondern der, der andere inspiriert. 

Obwohl, da wüsste ich vielleicht sogar Sportler und Künstler. Herausragende Personen im Widerstand gegen die russische Kriegsmaschine sind ja ein ehemaliger Fernseh-Komiker und zwei ehemalige Boxer. Ich sage das mit größtem Respekt. Das ist Charaktergröße, die man nur bewundern kann.

Angesehen jedenfalls muss der sein, der anderen hilft, der gegen Unrecht kämpft und bereit ist, dafür sogar sein Leben zu riskieren. 

Lassen Sie uns in diesen Tagen beten: Um Frieden und Unterstützung und Kraft für die Menschen in der Ukraine. Und lassen Sie uns das Nötige und Mögliche tun.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 3. April 2022 ist Markus 10, 35-45.

(Hintergrundfoto: M.Treiber vor „I Am (Not) Safe“ von Ariel Reichman in der Kunsthalle Mannheim)

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Sonntagsgedanken 27-03-2022 – Beten und Handeln

Kindisch seien wir, hat Sigmund Freud uns Christen vorgeworfen. Anstatt die Probleme des Lebens anzugehen, würden wir uns wie kleine Kinder zur tröstenden Mama flüchten. Glauben war für ihn nur eine religiöse Zwangsneurose.

Wenn er das so gesehen hat, nun gut. Vor hundert Jahren hat man Leute mit religiösem Trost vielleicht wirklich still halten wollen. Heute denke ich allerdings, dass es immer wieder Situationen im Leben gibt, in denen wir mit unserem Latein nicht weiter wissen und mit den Nerven am Ende sind.

Und bevor ich dann nur in einen Abgrund schaue, vertraue ich mich lieber im Gebet dem „Gott allen Trostes“ an, von dem am nächsten Sonntag die Rede ist.

Beten führt nämlich nicht dazu, dass man still ist und wegschaut.

Sondern beten macht einem bewusst, dass man stark genug ist, das richtig zu tun.

Den Flüchtlingen aus der Ukraine helfen.
Für Frieden und Freiheit in Europa einzstehen.
Für die beten, die um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen müssen.
Und sie bei diesem Kampf unterstützen.
Sich die Gewissheit nicht nehmen lassen, dass alle Menschen das Recht haben, in Freiheit zu leben.

Hoffnung auf Leben. Das zeigt sich im Beten und in der Nächstenliebe, in der tatkräftigen Hilfe und in der Gewissheit, dass es richtig ist, gut zu sein und dem Bösen zu wehren.

Und dass es falsch wäre, andere im Stich zu lassen.

Beten wir für Frieden und Freiheit und um Hoffnung.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 27. März 2022, ist 2. Korintherbrief 1, 3-7.

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Sonntagsgedanken 20-03-2022 – Das Gefühl: Es reicht!

Liebe Gemeinde,
„Ich hab genug, ich kann nicht mehr!“ – Nach zwei Jahren Pandemie und nun angesichts nackter Gewalt, die Russland über Europa gebracht hat, mag das mancher sagen.
Und manche sagen das aufgrund von dem, was ihnen persönlich passiert ist und passiert.
„Ich hab genug, ich kann nicht mehr!“ –
So lautet in der Bibel das Bekenntnis eines Menschen, der wenige Tage zuvor noch eindrucksvoll gestritten hat.
Mit aller Kraft und seiner ganzen Person hatte der Prophet Elia sich für den wahren Gott Israels eingesetzt – und dann wurde er von der Königin verfolgt und in die Wüste gejagt.
Elia hat schreckliche Angst.
Er rennt um sein Leben.
Ihn verlässt alle Hoffnung, alle Glaubensgewissheit und Zuversicht.
Er verliert seinen Lebensmut.
Erschöpft legt er sich unter einen Wacholderstrauch nieder und betet:
„Ich bin allein übrig geblieben; sie wollen mich umbringen. Es ist genug, so nimm nun, Gott, meine Seele.“
Elia gibt auf.
Er sieht nur noch Widerstände.
Er möchte schlafen, sterben und nie wieder aufwachen.
Diess Gefühl „Es ist genug!“ verbindet viele unter uns mit Elia.
„Ich kann nicht mehr!“
Dieses Gefühl kommt in Krankheit und Leid.
Es kommt, wenn wir überlastet sind, durch Beruf und familiäre Situation.
Wenn andere uns zur Plage werden
und wenn wir selbst unsere Grenzen nicht mehr akzeptieren können.
Die Welt wird zur Wüste.

Und dann wird sie wieder grün.
Elia schläft ein und ihm begegnet ein Engel. Er stellt ihm Essen und Trinken hin, wird erzählt.
Plötzlich gewinnt man wieder Kraft. Steht auf.
Weil man einem Engel begegnet ist.
Der muss keine Flügel haben und kann einem auch am hellichten Tag begegnen.
Andere Menschen werden uns zu Engeln.
Die freundliche Begegnung auf der Straße – die einem den Tag rettet.
Die nette Nachbarin, die einen aus dem Finsteren aufweckt – und es vielleicht nicht einmal merkt, was sie da Gutes tut.
Der Helfer auf der Straße, der einen wieder an die Menschheit glauben lässt, wie man so sagt.
Wer Engeln begegnen möchte, wird sie entdecken. Alle paar Tage….
Wir leben durch menschliche Beziehungen und von menschlichen Beziehungen.
Als Engel begegnen uns unsere Mitmenschen immer wieder.

Aber in vielen Bereichen des Lebens ist das immer wieder bedroht.
Immer wieder führt uns das Leben in die Wüste.
Manchmal sehen wir sie nur – wie beim Blick in die Ukraine,
Und manche erleben diese Wüste, wie die Menschen in der Ukraine, deren Städte von Putin zur Wüste zerbombt werden. Und manchmal ist die ganze Welt eine Wüste, überall da, wo gekämpft und getötet wird.
Welche Engel gibt es da?
Gewiss unzählige, hoffentlich, einzelne, die einzelnen helfen.
In Berlin haben sich so viele Freiwillige für den Dienst am Bahnhof gemeldet, um ankommenden Flüchtlinge zu helfen.
Bei uns, weiter im Westen Deutschlands, gibt es hoffentlich viele, die für die geflüchteten Ukrainern Wohnung und Arbeit haben.
Engel ist da ein großes Wort, scheint mir, aber Gottes Bote ist jeder, der hilft.
Im ganz persönlichen Leben gilt das natürlich auch.
Manchmal kommt ein Punkt, wo es nicht mehr geht.
Wo man Zeit für sich und Beistand von anderen braucht.
Elie Wiesel hat dazu einmal geschrieben:
„Kein Mensch hat die Mittel, die Nacht zu bekämpfen, wenn er in seinem Kampf nicht Mitmenschen zu Hilfe ruft.“
Die Klage aus der Bibel: „Es ist genug. Ich kann nicht mehr!“ war ein Hilferuf.
Nun hat der Prophet Elia diese Hilfe gefunden, ein Engel ist zu ihm gekommen.
Und Elia zieht seine Straße fröhlich.
Das ist die Hoffnung dieser Geschichte für unser Leben.
Gott holt zurück aus der Verzweiflung, indem ein Engel uns anrührt.
Wir müssen nur darauf achten, dass wir die Berührung auch spüren.
Man spürt sie im Guten, das unser Herz umgreift,
in der Liebe anderer Menschen,
im Tor, das sich plötzlich auftut,
im Licht, das plötzlich scheint.

Und in der Zuneigung anderer Menschen, die uns hält.
Und noch eine zweite Verheißung hängt damit zusammen.
Gott macht uns zu Engeln, zu Boten seiner Liebe, zu Menschen, die andere anrühren können und damit neues Leben verheißen mögen.
In diesem Sinne sind auch wir auf einem weiten Weg durch unser Leben, ein Weg zu uns, zu den anderen, zu Gott.
Gottes sende uns Engel. Er gebe uns die Kraft, unser Leben zu meistern und anderen in den Nöten ihres Lebens beizustehen.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 20. März 2022, ist 1.Könige 19, 1-8.

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Krieg und Frieden No.2 – Gelassenheit

Menschen, die Angst haben. Angst vor dem Krieg. Angst um die Angehörigen. Angst vor dem, was einen erwartet, wenn man fliehen muss. Todesangst. Sie ist uns nahe gerückt. 

Auch Jesus kannte sie. Am Sonntag wird darüber gepredigt. In Jerusalem sah er Folter und Tod auf sich zukommen. Hatte Angst und zweifelte. Klammerte sich an seine Jünger – die dann doch nicht wach blieben. Betete, dass dieser Kelch an ihm vorüber ginge. Und ergab sich am Ende seinem Schicksal. Er ergab sich Gottes Willen. Und gewann daraus Kraft und Gewissheit. Besiegte den Tod. Stand vom Tode auf. Und gab der ganzen Welt die Hoffnung auf Leben und Liebe und Frieden. Trotz Gewalt und Tod, Krieg und Not.

Am Beginn des Zweiten Weltkriegs verfasste der Theologe Reinhold Niebuhr in New York ein Gebet, das seit dem immer wieder anderen Verfassern zugeschrieben wurde – und vor allem das seit dem noch von viel mehr Menschen gesprochen wurde und ihnen Hoffnung angesichts von Krieg und Not gab. Ich lese es in seiner vollständigen Fassung:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Einen Tag nach dem anderen zu leben, 
einen Moment nach dem anderen zu genießen. 
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren, 
und diese sündige Welt anzunehmen, wie sie ist, 
und nicht, wie ich sie gern hätte.

Zu vertrauen, dass Du alles richtig machen wirst,
wenn ich mich Deinem Willen ergebe,
sodass ich in diesem Leben ziemlich glücklich sein möge 
und im nächsten Leben mit Dir für immer überglücklich.
Amen. 

Predigttext am Sonntag, 13. März 2022, ist Matthäus 26, 36 bis 46.

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Sonntagsgedanken 06-03-2022 Widersprüche aushalten

Lachen und Weinen, Freude und Angst, Erfolg und Niederschläge, Leiden, Lachen und Freundlichkeit – das Leben ist voller Widersprüche, und jeder von uns muss seines zusammenhalten. Vielleicht können Sie dieser Beschreibung, die so ähnlich vom Apostel Paulus stammt, zustimmen. Wenn, dann können wir eigentlich meistens ziemlich stolz auf uns sein, dass wir das schaffen: Jeden Tag mit diesen gegensätzlichen Erfahrungen umzugehen, manche zu ertragen, uns über manche zu freuen und aus manchen das Beste für uns und andere herauszuholen.

Das zu können ist – das alte Wort sei gesagt: – Gnade. Ein Geschenk, das zum Leben dazugehört. Und ich möchte dankbar dafür sein und es jedem wünschen, dem das Leben gerade schwer fällt.

Predigttext am Sonntag, 6. März 2022, ist 2.Korinther-Brief 6, 1-10

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Krieg und Frieden No 1 – Ängste

„Kommt jetzt ein Atomkrieg?“ wurde ich am Wochenende von einer entsetzen jungen Erwachsenen gefragt. Und ich spürte, dass auch meine Unsicherheit und Angst nicht viel kleiner war. 

„Kommt jetzt ein Atomkrieg?“ – Ich bin dann spazieren gegangen, bei Sonne an kleinen Teichen entlang. Die Welt könnte so schön sein, wenn es die Tyrannen nicht gäbe, die Menschenverächter, – wenn es das Böse nicht gäbe.

„Kommt jetzt ein Atomkrieg?“ – Politische Analysten und Militärs beruhigen mich und hoffentlich auch Sie. Momentan sei das nur die Drohung eines Massenmörders, dessen Plan einer schnellen Eroberung nicht aufgeht. Momentan – muss man sagen.

Und die Angst vergeht wohl doch nicht, dass der Krieg kommt, auch hierher.

Ängste entstehen meist, wenn wir die Kontrolle verlieren, weil alles schlagartig anders wird. Vor drei Jahren bekam ich eine Krebsdiagnose. Wer bekäme da keine Angst, und wer hat sie nicht weiterhin, auch nach der Heilung? Aber das sind Ängste, denen man sich stellen kann. Man kann zur Früherkennung gehen. Kann gesünder leben.

Aber was ist mit den Ängste, die aufkommen, wenn wir Menschen sehen, die in den U-Bahn-Schächten in Kiew Schutz suchen, Menschen wie wir, mit kleinen Kindern in den Armen, – und ihnen gegenüber einen Tyrannen, der sich offenbar jede Form des Menschseins abgewöhnt hat?

Jemand, der einfach nur böse ist.

„Kommt jetzt ein Atomkrieg?“ – Die Angst davor werden wir nicht mehr so schnell los, denke ich.

Deshalb möchte ich mich, gerade heute, fast zwingen, auf den Gedanken der Bibel zu hören: „In Ängsten – und siehe wir leben!“ 

Das gilt den gequälten Menschen aus der Ukraine, die die Grenze zur Europäischen Union erreicht haben. 

Das gilt den mutigen Männern und Frauen, die in der Ukraine ihre Heimat und ihr Leben verteidigen.

Das gilt all denen auch bei uns, die verschreckt sind, die nicht mehr weiterkommen, die wie gelähmt eine Wand vor sich sehen, die da morgen stehen mag.

Aber heute solle wir leben. „Sorge dich nicht um den morgigen Tag!“ hat Jesus gesagt. Sorge für das Heute. Nimm deine Kinder heute in Arm! Sei heute hilftsbereit zu deinen Mitmenschen! Wehre heute den Übeltätern und Dummschwätzern! Tue heute das Richtige und Gute.

Und vertraue heute Gott. Wie es der Prophet Jesaja geschrieben hat:

„Denn alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“

Und sie brauchen keine Angst zu haben.

Gott segne die, die jeden Tag für unsere Sicherheit sorgen, die Feuerwehren und die Rettungskräfte, die Polizisten und die Soldaten.

Gott segne unser Land und die freie Welt.

Und Gott behüte die tapferen Menschen in der Ukraine.

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Sonntagsgedanken 27-02-2022 Liebe tut gut

„Was hülfe es, wenn wir die Welt gewönnen und nähmen doch Schaden an unserer Seele?“ ist ein Bibelwort, das altertümlich klingt und doch unmittelbar verständlich ist. Vielleicht, weil wir genügend Meldungen über Promis lesen und dort erfahren, dass Geld eben doch nicht glücklich macht, Berühmtheit nicht vor Kummer schützt und Erfolg nicht alles ist.

Bei uns Normalbürgern ist das alles auch nicht anders, wenn auch eine Nummer kleiner. Wir führen uns zwar nicht wie eine Äffin auf, wenn wir in der First Class der Airline unseres Papas die Nüsschen nur in der Tüte bekommen – aber wir können auch ganz schön ausrasten, wenn der Besuch des Nachbarn uns die Zufahrt zur Garage erschwert. Wir gewinnen ein wenig Zeit, wenn wir als erster zur neu aufgemachten Kasse im Supermarkt stürmen, aber übersehen dabei geflissentlich die ältere Dame mit dem Rollator, die eigentlich schon länger wartet.

Was hilft es uns, wenn wir uns all die kleinen Vorteile im Alltag sichern, und dabei das Wichtigste vergessen: die Liebe, die unserer Seele gut tut.

Predigttext am Sonntag, 27. Februar 2022 ist Markus-Evangelium 8, 31-38.

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Sonntagsgedanken 20-02-2022 Du musst dein Leben ändern

Der Dichter Rainer Maria Rilke, so wird erzählt, ist einmal verstört von einem Museumsbesuch zurückgekehrt. Eine griechische Steinskulptur hatte ihn beeindruckt, als sei er einem lebendigen Menschen begegnet. Rilke schreibt dazu: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

Dass Gott „alles sieht“, hat man früher Kindern gesagt, um sie zu gefügigen Untertanen zu machen. Es ist aber aller schwarzen Pädagogik zum Trotz auch eine Erfahrung: Manchmal fühlen wir uns wirklich ertappt, spüren, dass unser Innerstes berührt ist und wir etwas – uns? – ändern müssen. Und wenn unser Innerstes anderen auch verschlossen ist, vor uns selbst, unserem Gewissen, können wir uns nicht verstecken.

Ich denke, es ist gut, wenn man sich selbst nichts vormacht. Auch wenn es manchmal wehtut, bis wir endlich merken: „Du musst dein Leben ändern.“

Predigttext am Sonntag, 20. Februar 2022, ist Hebräerbrief 4, 12+13.

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