Alltagsglaube #27 – Forever 60+

Den Sechzigjährigen, der seine Midlife-Krise damit beendet, dass er sich eine Harley-Davidson kauft, habe ich eher für einen Witz gehalten, bis mir vor ein paar Jahren in Utah tatsächlich zwei grauhaarige Herren in schwarzer Lederkluft begegnet sind, die aussahen, als seien sie gerade der Filmkomödie „Born to be wild“ entsprungen. Sie waren mir auf Anhieb sympathisch. Jedem, wie es ihm gefällt, und lieber Bike Fahren als zuhause nörgelnd herumzusitzen.

Wir Männer der Generation 60+ sind eine wichtige Zielgruppe für alles, was vor 40 Jahren nach Revolution aussah oder wenigstens Veränderung. Denn wir kaufen, was uns das Gefühl gibt, jung zu geblieben sein: Motorräder, Vinyl-Schallplatten und definitive CD-Gesamtausgaben mit unveröffentlichen Probeaufnahmen und was es sonst noch an Spezialitäten gibt, mit dem man jemanden etwas, was er schon hat, nochmals verkaufen kann.

Befremdlich finde ich das zuweilen. Und Rockattitüden á la „I can’t get no satisfaction“ von 75 jährigen auf der Bühne eher peinlich. Auch 60+ kann man doch Green Day und Arcade Fire hören. Spannend übrigens, dass deren Musik sich nicht einfach Rock nennt, sondern Alternative oder Indie-Rock; die 30jährigen wollen sich offenbar von uns 60jährigen abgrenzen. Es sei ihnen erlaubt.

Trotzdem finde ich es wichtig, nicht immer am Altbekannten zu hängen. Die Welt dreht sich weiter und wir mit ihr. „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes,“ sagte der 30jährige Jesus. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber unsere Zukunft. Alte Wunden zu lecken ist genauso wenig hilfreich wie alten Träumen nachzuweinen.

Obwohl: Einmal auf dem alten Highway 61 von New Orleans nach Wyoming, das wär’s gewesen! Aber gut: Bob Dylan wird ja sowieso niemals alt.

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Sonntagsgedanken 21-02-2021 Verraten und verkauft

 Verräter mag niemand, denn man kann Ihnen grundsätzlich nicht trauen. Für jede Freundschaft ist ein Verrat tödlich, und im Falle von Judas und Jesus galt das sogar im wörtlichen Sinne. Jesus musste sich vor seine Feinden verstecken und Judas verrät ihn. Er führt die Soldaten ins Versteck, und die weitere Geschichte ist bekannt. Jesus wird gefangengenommen und hingerichtet.

Das ist eines der schlimmsten Dinge, die Freunde einander antun können: Den anderen verraten. Und das gibt es auch heute noch. Schulkinder, die gemobbt werden, zur Zeit eher im Internet und ansonsten in viel zu großer Zahl auf dem Schulhof, und ihre Freunde tun nichts dagegen. Oder als Erwachsener glaubt man, die Liebe des Lebens gefunden zu haben, und wird betrogen. Oder man hat einen peinlichen Fehler gemacht und wird von vermeintlichen Freunden im Kollegenkreis vorgeführt. Verrat hat viele Gesichter – hässlich sind sie alle. Und tun furchtbar weh. Niemand steht da drüber. Nicht einmal Jesus, von dem wir hören, wie erbost er war. „Einer wird mich verraten.“

Zyniker meinen, Verrat sei doch menschlich. Traue keinem, heißt ihr Motto, dann wirst du auch nicht enttäuscht werden. Aber ehrlich: So möchte ich nicht leben. Ohne Vertrauen in Freunde und Mitmenschen ist Leben nicht schön, nicht möglich, ohne Vertrauen bleibt dem Mobbing-Opfer nur die Verzweiflung, und ohne Vertrauen bleibt von Liebe nur Eifersucht übrig. Vertrauen ist zum Leben genauso nötig wie Luft zum Atmen.

Aber wie um Himmels willen kann man dann nur auf die Idee kommen, seinen Freund oder seine Freundin zu verraten? Über die Gründe, die Judas hatte, gibt es viele Spekulationen. Oft ist dabei die Rede von enttäuschtem Idealismus. Judas habe auf nicht weniger als eine Revolution durch Jesus gehofft. Als die ausblieb, wollte er Jesus dazu zwingen. Einen Aufstand sollte geben oder eine göttliche Machtdemonstration. So die Hoffnung hinter dem Verrat. Das wäre ein Verrat aus Idealismus. Aus der Geschichte kennen wir das. Überzeugungstäter, die geheime Pläne dem Gegner verraten, oder als Whistleblower veröffentlichen.

Und so etwas gibt es, denke ich, auch im privaten Bereich. Freunde, die Geheimnisse preisgeben, weil sie doch nur das Beste wollen. „Ich hab deinen Mann gestern auf der Straße mit einer Frau gesehen.“ Solche Geschichten gibt es nicht nur im Spielfilm. Ob das richtig oder falsch ist, sich so in eine andere Beziehung einzumischen, ist nicht leicht zu beantworten. Der Schaden kann größer sein als der Nutzen. Idealismus ist eine ziemlich zweischneidige Sache. Gutes zu wollen, heißt ja noch lange  nicht, Gutes zu tun. 

Ich hatte in letzter Zeit mit manchen sogenannten Querdenkern zu tun. Keine Verschwörungstheoretiker und auch keine Rechtsradikalen. Auch keine Freunde von mir, aber sie klangen ehrlich besorgt, dass die ganzen Maßnahmen zu viel, weil unnötig seien. Eine Schülerin hat mir einfach die falsche Behauptung entgegengehalten, dass die normale Grippe doch viel gefährlicher sei als Covid-19. Idealismus kann gefährlich sein, wenn er die falschen Ziele verfolgt. Wahrscheinlich muss man da in jedem Einzelfall entscheiden, ob man widerspricht oder solche Falschbehauptungen ignoriert, weil man keinen Streit will.

Vielleicht ging es Judas aber doch nur um die dreißig Silberlinge, die Belohnung für den Verrat, den schnöden Eigennutz. Das ist die einfachere Erklärung, die leider oft stimmt: Falsche Freunde, die sich damit entlarven, dass sie nur an sich denken.

Im Falle von Judas sieht Jesus den Teufel in ihn fahren. Den Satan. Das klingt heute ziemlich archaisch, aber letztlich kennen wir das auch in modernen Zeiten. Menschen tun Böses, und es lässt sich nicht verstehen, nicht erklären. Das Böse ist einfach da, wie eine eigene, mächtige und unheimlich Gestalt.

Hannah Arendt berichtete über den Prozess gegen Adolf Eichmann, der die Ermordung von 6 Millionen europäischen Juden organisiert hatte. Ein hoher SS-Mann, der im Gericht den kleinen Bürokraten spielte, der nur seine Pflicht getan habe. Ungeheuerlich – und doch banal. Hanna Arendt brachte dies Irritation sehr eindrücklich auf den Begriff. Die Banalität des Bösen. Hinter dem Bösen steckte kein übermenschliches Monster, sondern ein Mensch, der einfach Böses tat. 

Vom Satan ist heutzutage kaum noch die Rede. Das muss man auch nicht. Er steckt in den Menschen, wie wir hier in der Bibel hören, in Judas. Böse sind Menschen aller Art – dumme und kluge, Zyniker und Idealisten, und leider auch: Gläubige und Ungläubige. „Warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden, im Herzen der Bösen.“ sagt Jean-Jaques Rousseau.

Aber so dunkel soll die Predigt nicht enden, wenn es auch im Bibeltext heißt: „Und es war Nacht.“ Wir müssen lernen, mit dem Bösen umzugehen, und die Bibel ist dabei ein guter Ratgeber.

Für mich heißt das zunächst: Das Leben ist kein Ponyhof. Rechne damit, dass es Böses gibt! Dass Menschen Böses tun. Aber bleibe realistisch: Auf einen Judas kommen elf gute Freunde. Es gibt mehr Liebe in der Welt als Hass. Und Liebe ist stärker als Hass.

Zweitens: Lass dich nicht auf das Niveau des Bösen herunter. Bekämpfe das Böse mit Gutem, wie Paulus im Römerbrief schrieb.

Und drittens: Alleine schaffst du das nicht. „Erlöse uns von dem Bösen,“ beten wir im Vaterunser. Und Gott erlöst uns, indem er uns Menschen zeigt, die uns lieben. Indem wir selbst um Vergebung unserer Schuld bitten – und indem Gott uns mit dem Vertrauen erfüllt, dass wir von jedem neuen Tag nicht das Schlechte, sondern das Gute erwarten.

Ich hoffe, ich kann das und ich hoffe, Sie können das auch: Von jedem neuen Tag das Gute erwarten.

Seien Sie behütet!

Amen!

Predigttext am Sonntag, 21. Februar 2021, ist Johannes 13, 21-30

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Alltagsglaube #26 – Wegeheld

Unflätigkeit und Internet scheinen zusammen zu gehören. Am Smartphone oder PC tippt sich schnell mal eine Beschimpfung. Und Shitstorms haben selbst wir vom Kirchenbezirk schon erlebt, als sich militante Atheisten anlasslos auf unserer Facebook-Seite austobten. Die Hemmungen fallen, wenn man seinem Gegenüber nicht ins Gesicht schauen muss.

Dennoch ist das alles nichts Neues, denn Unhöflichkeiten gibt es auch in der analogen Welt mehr als genug. Autofahrer sind zwar mit dem Vogel-Zeigen zurückhaltend geworden, seit dies als Beleidigung gilt, aber als kürzlich ein Mercedesfahrer seine silberne Karosse schnell und ziemlich schräg in die Lücke fuhr, in die ich rückwärts einparken wollte, war das schon dreist, aber für den Fahrer offenbar selbstverständlich 

Auch Besserwisser gibt es nicht nur online. In Flein wollte einmal ein älterer Mann die Autofahrer darauf aufmerksam machen, dass dort jetzt 30er Zone ist, indem er auf der Fahrbahn den PKWs entgegen spazierte. Das war nicht nur gefährlich, sondern ging ihn auch überhaupt nichts an fand ich und wich ihm aus. 

Aber was soll man in einem Land auch anderes erwarten, in dem es eine App gibt, mit der man Falschparker melden kann. Sie heißt übrigens „WegeHeld“.

Höflichkeit lässt sich leider nicht erzwingen. Man kann nur auf zwei Dinge aufmerksam machen: Erstens immer daran zu denken, dass man sich immer zwei Mal begegnet, und zweitens dass man, wie Jesus sagte, sich dem anderen gegenüber so verhalten soll, wie man möchte, dass einem die anderen begegnen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch wenn deine Nächsten das noch nicht begriffen haben.

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Sonntagsgedanken 14-02-2021 Fasten im Coronajahr

 Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Aber eigentlich brauchen wir die in diesem Jahr nicht. Auf zu viel müssen wir schon verzichten, auf Kontakte und auf Arbeit, auf Unterhaltung im Theater und tiefgründige Gespräche in der Kneipe. Auf Spiel und Spaß. In diesem Jahr ist Zwangsfasten angesagt, das Verzichten für die Gesundheit anderer, für das Leben anderer.

Üblicherweise denkt man in den kommenden Wochen eher an Verzicht auf Alkohol oder Süßigkeiten. Oder wie in früheren Zeiten an Bußrituale. Dem Propheten Jesaja ist das gewaltig auf die Nerven gegangen. Ihm sind die Leute auf die Nerven gegangen, die sich in den Gotteshäusern aufspielen, die sich mit ihrem Verzicht darstellen. Heuchler, wie es sie auch heute gibt:

Prominente, die mit dem Privatjet zum Klimagipfel fliegen, wo zum Verzicht auf Flugreisen aufgerufen wird. Leute, die soziale Forderungen stellen, und damit ganz gut Geld verdienen. Menschen, die 10.000 Euro im Monat verdienen und sich gut vorkommen, wenn sie einem Bettler 10 Euro geben.

Aber es ist natürlich immer leicht, auf andere zu zeigen. Wenn ich Verzicht übe, gefällt es mir auch, wenn andere mich dafür loben, und wenn es nur der Arzt ist, der es gut findet, dass ich weniger Schokolade esse.

Aber andere haben inzwischen wirklich genug vom Verzichten. Sie möchten endlich wieder normal leben, möchten ihr Geschäft öffnen und ihr Auskommen wieder haben – und wieder auf Dauer ganz normalen Schulalltag. Das Verzichten wegen Corona zehrt an den Nerven.

In Jerusalem war die Situation ähnlich angespannt. Die Israeliten waren aus dem babylonischen Exil in ihr Land zurückgekehrt. Eigentlich erfreulich, aber sie mussten bald erkennen, dass damit die Schwierigkeiten nicht zu Ende waren. Die Rückkehrer stießen zuhause auf Ablehnung, denn das Land und die Macht waren neu verteilt worden. Auch die wirtschaftliche Lage blieb angespannt. Und dann gab es die Hoffnung, dass sich die prophetischen Verheißungen endlich erfüllen würden, dass Freiheit, Friede und Wohlergehen kommen. Im Exil in Babylon hatte man immer gefastet. Das waren Tage der Buße als Erinnerung an das im Leben, was wirklich wichtig ist.

Das ist vielleicht der tiefe Sinn des Fastens: Es sind Tage, an denen man sich durch Verzicht bewusst machen möchte, was wirklich wesentlich ist im Leben. Und dadurch soll das Leben eine Wendung zum Besseren bekommen. Für das Volk der Bibel war der Glaube wichtig. Man betete zu Gott um eine Veränderung zum Guten. Doch es wurde nicht besser. Dafür wurden die Forderungen immer größer wie auch der Frust immer mehr wuchs. „Jetzt haben doch schon so lange unsere Hoffnung auf Gott gesetzt – aber nichts ist besser geworden.“ „Jetzt haben wir doch schon so lange verzichtet, und es ist immer noch nicht gut.“ „Warum fasten wir, und du siehst es nicht an?“ riefen sie zu Gott. „Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst nicht wissen?“ Wenn wir schon fasten, dann lass es uns gefälligst gut gehen!

Aber so funktioniert das nicht. Das Glück des Verzichtens liegt nicht darin, dass man damit Erfolg hat, sondern darin, dass man das Richtige tut. Unsere Überzeugungen und unser Glaube müssen mit dem Handeln übereinstimmen. Sonst glaubt uns niemand, nicht einmal Gott. „Tue Gutes – und rede nicht nur dauernd darüber“ sagt der Prophet. Wörtlich: ”Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut!” 

Wenn es doch so einfach wäre! Denn wir spüren die Probleme: Wir sind doch nicht immer so frei, zu geben. Wir fragen, ob der andere es wert ist. Wir schauen ganz selbstverständlich nach unseren Interessen. Und der Kampf gegen die Armut auf der Welt ist auch heute immer noch die Hauptaufgabe, die wir als Menschheit haben.

Und was ist mit denen, die nach anderem, als nach Materiellem hungern, nach Gesundheit und Rücksicht auf ihre Schwäche? Die hungern nach ein bisschen innerer Ruhe in diesen Corona-Zeiten – Ruhe von der Kinderbetreuung in der kleinen Wohnung und den Sorgen um die Zukunft des Geschäfts. Hungern nach Glück, nach Bestätigung, nach Anerkennung? Nach einem guten Wort von uns, nach unserem Verständnis, die auf unsere Nachsicht hoffen?

Es ist gut, Propheten zu haben, die darauf achten, dass man nicht nachlässt und nicht aufgibt in der Nächstenliebe. Sie sagen: Die anderen brauchen uns. Und wir, als Kinder des einen Gottes, sind aneinander gewiesen. „Entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blute“, heißt es am Ende. Auch das ist angesagt. Für unsere Kinder da sein selbstverständlich. Aber gemeint sind wohl alle, die aus menschlichem Fleisch und Blut sind. „Entziehe dich nicht!“ Gehe nicht auf den Egotrip, auf den so manche Fastenaktionen führen, sondern konzentriere dich darauf, wie das menschliche Miteinander besser wird.

Die Fastenzeit so verstanden? Da würde mir noch manches einfallen. Nicht nur ein paar Wochen auf Süßigkeiten und übermäßiges Essen zu verzichten, wie ich es mir jedes Jahr vornehme, sondern vielleicht wenigsten ein paar Wochen in persönlichen Auseinandersetzungen darauf zu verzichten, Recht zu bekommen, oder wenigstens ein paar Wochen lang demütig sein – nicht nur vor Gott, sondern auch vor den anderen Menschen. Verzichten darauf, über notwendige Einschränkungen zu klagen. verzichten darauf, immer das Maximum herauszuholen. Kontaktbeschränkungen nicht kreativ auslegen – und nicht immer zu sagen:  „Aber wir tragen doch Masken und unsere Schutzmaßnahmen sind so wirkungsvoll.“

Fasten und Verzichten kann bewusst machen, worauf es im Leben wirklich ankommt.  Dass man nicht seine Interessen durchsetzt, sondern dass man miteinander auskommt. Dass man nicht bekommt, was man will, sondern frei von Neidgefühlen wird. Dass man nicht vor anderen angibt, sondern frei wird vom Urteil der anderen.

Verzicht ist eine sehr persönliche Sache. Das muss man nicht an die große Glocke hängen. Es geht ja nicht um religiöse Verdienste, sondern um unser innerstes Leben. Es geht auch darum sich bewusst machen, dass nichts selbstverständlich ist. „Wir sind nackt!“ hat der Apple-Gründer Steve Jobs einmal über das Leben gesagt.

Deshalb sollten wir es auch nicht als selbstverständlich nehmen, wenn andere uns lieben, wenn wir spüren, dass wir zu anderen Vertrauen haben können, wenn es Menschen gibt, die gut zu uns sind. Darauf möchte ich nicht verzichten. Sondern dafür möchte ich Gott danken.

Amen!

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Alltagsglaube #25 – Taylor Swift

Taylor Swift – Für mich ist sie die Künstlerin der Corona-Pandemie. Zwei Alben hat sie in dieser Zeit produziert – eines besser wie das andere.

Berührt hat mich vor allem ihr Lied Epiphany. Taylor Swift beginnt mit Erfahrungen ihrer Großvaters im Krieg und springt in der zweiten Strophe wie selbstverständlich zu einer Frau, die an Covid-19 stirbt.

Um Atem ringen beide – die Soldaten im Horror der Schlacht und die Frau beim Sterben. Und wir anderen, so heißt es in dem Lied, erleben dies entsetzt mit und können nicht darüber reden.

Und dann die Epiphanie, die Offenbarung, die Vision, endlich daheim zu sein aus dem Krieg, aus dem Krankenhaus – zusammen mit den Menschen die man liebt.

Mich hat der Song vor allem deshalb so berührt, weil er in all seiner ruhigen Schönheit Leiden und Tod ernst nimmt.

Viele drängen in diesen Tagen immer mehr auf Lockerungen, wie man sagt. Rechnen einem vor, dass es doch gar nicht mehr so viele Tote sind. Ignorieren das, was gerade in den Krankenhäusern los ist.

Und dann höre ich Taylor Swift wie sie singt: 

Mit dir falle ich, sterbe ich.
aber du träumst von einer Offenbarung
Nur ein kleiner Augenblick der Erlösung
Um das zu verstehen, was du gesehen hast.

Ich wünsche mir, dass uns Gott segnet, der sich als Liebe offenbart hat.

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Sonntagsgedanken 07-02-2021 Leben heißt wachsen

Das Leben ist ein einziges Wachsen. Manchmal lebt man auf kargem Boden, manchmal geht es durch Dornen hindurch, meist aber hat man doch auch das Glück, auf fruchtbarem Boden zu leben. Man hat gute Menschen um sich, man spürt die Liebe in Familie und im Freundeskreis, Man hat sein Auskommen oder was man tut, erfüllt einen.

Das biblische Bild von der Saat, (dem Wort Gottes, das auf verschiedenen Böden mehr oder wächst oder vergeht) ist unmittelbar anschaulich und lässt sich leicht auf unser Leben übertragen. 

Dabei sollten wir uns nicht damit quälen, nun zu klagen, wie karg der Boden ist, auf dem wir leben. 

Die besten Lebensbedingungen finden sich allgemein ja in den Ländern, in denen das Leben auch einmal rau ist und es wenig Rohstoffe gibt. 

Das gilt wohl auch für unser je eigenes Leben.

So schlimm das manchmal ist: Reif zu werden, ist anstrengend und manchmal leidvoll. 

Aber der Boden unseres Lebens ist meist fruchtbarer als wir denken.

Predigttext am Sonntag, 7. Februar 2021 ist Lukas-Evangelium 8, 4-15.

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Alltagsglaube #24 – Bringt mir die Müden!

Sie kommen auf Booten über das Meer, tausende von Menschen, am Ende gar Millionen. Voller Hoffnung, endlich frei zu sein und ein neues Leben beginnen zu können; Chancen zu erhalten, um nach dem eigenen Glück zu streben; mittellos die meisten.

Kurz bevor sie an Land gehen, sehen Sie die Symbolfigur des neuen Landes und erahnen die Widmung, die sie darstellt: 

„Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten; schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen.“ 

Eine Einladung an die Flüchtlinge aller Welt, zu kommen und das Land mit aufzubauen.

Diese Widmung, das können Sie sich denken, steht nicht an der europäischen Außengrenze nach Afrika, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks, an der Freiheitsstatue.

Sie begrüßte auch Millionen von Deutschen, die dem hiesigen Elend entflohen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden noch einmal eine Million Deutsche von den Vereinigten Staaten aufgenommen. 

Heute kommen Menschen aus Afrika nach Europa. Tausende müde und arme Flüchtlinge, die Hilfe und Chancen bei uns suchen. 

So wie die rund 200.000 Deutschen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jährlich in die USA einwanderten – und froh waren, dass sie dort eine Chance bekamen.

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Sonntagsgedanken 31-01-2021 Fake News und Gottes Größe

Fake News, erfunden Geschichten, sind zu einer echten Gefahr geworden. Falsche Nachrichten und unwahre Behauptungen bedrohen unsere Gesellschaft. Immer noch. Meldungen über Flüchtlinge und Impfgefahren von russischen Hackern und kochenden Verschwörungstheoretikern.

Und darin steckt auch für einzelne Menschen eine Gefahr. Letzte Woche ging ich beim Sport im Freien an zwei älteren Frauen vorbei. Aus drei Metern Abstand konnte ich nur aufschnappen, dass es da um Überlegungen ging, ob man sich impfen lassen soll. Wie kann das für 80jährige eine Frage sein, habe ich mich gefragt. Offenbar hatten die Frauen irgendwelche Fake News gehört über angebliche Todesfälle beim Impfen.

Erfundene Geschichten sind eine echte Bedrohung. Das weiß auch der Schreiber des 2.Petrusbriefs. Erfundene Geschichten wiegen einen in falscher Sicherheit oder führen einen auf die falsche Spur.

Wir sind auf keine Fake-News hereingefallen, heißt es da in der Bibel, als wir angefangen haben, an Jesus zu glauben. Wir haben seine Größe mit eigenen Augen gesehen. Wir haben es erlebt.

Wir haben es erlebt. Jeder von uns. Gott ist groß.

Ein kleines Kind, eben auf die Welt gekommen. Es in der Armen halten zu können. Ein Wunder! sagt man. Weil jeder spürt. Da stupst uns Gott persönlich an. Dein Kind. Sieh es an. Halte es. Liebe es. Und lass dich von seinem Blick verzaubern.

Ich glaube, alles Glück, was wir empfinden, ist Erweis der Größe Gottes. 

Überlegen Sie mal: Haben Sie schon mal das Gefühl gehabt, dass das Leben Sie liebt? Dieses tiefe Glücksempfinden, wenn Sie von der Liebsten geküsst werden. Der Stolz, wenn man ein Projekt erfolgreich abgeschlossen hat. Die Zufriedenheit, wenn ein Problem endlich gelöst ist.

Moment mal, sagen Sie. Was hat das mit der Größe Gottes zu tun? Das war doch ich oder das waren andere Menschen.

Natürlich – ohne Fleiß kein Preis.

Aber dass wir so sind, wie wir sind, dass wir das können, was wir können, und dass uns die Liebe begegnet, die wir ergreifen können – das haben wir nicht uns selbst zu verdanken.

Da meint es jemand gut mit uns. Da meint es das Leben gut mit uns. Da meint es Gott gut mit uns. Seien wir dankbar. Gott ist groß – und wir können das jeden Tag spüren, an dem er uns das Leben hält, dass er uns gegeben hat.

Und wenn alles schief geht? Mit dem was wir tun und wollten?

Oder mit uns? wenn wir krank werden, nicht mehr können.

Da ist wohl ganz speziell „die wahre Größe“ Gottes gefragt, wie es im Petrusbrief heißt.

Gott, der sich zeigt, wenn wir in der Kirche auf das Kreuz blicken.

Der Trost, den wir spüren, wenn andere uns nahe sind.

Die Hilfe, die wir erhalten, soweit sie möglich ist.

Die Hoffnung, dass jedes Leid ein Ende hat.

Menschen haben die Größe Gottes erlebt, gerade dann, als sie ganz unten waren:

Der Gelähmte, der am Teich Bethesda saß und jede Hoffnung aufgegeben hatte – bis ihm dann Jesus die Hand reichte.

Maria und Martha, die verzweifelt den Tod ihres Bruders beklagen, als Jesus kommt.

Der an Aussatz erkrankte, den niemand wollte.

Gründe, zum verzweifeln, haben wir allemal genug.

Ich sitze im Krankenhaus und warte ängstlich auf die Diagnose – und sie kommt, wie befürchtet.

Der Stress mit den Kindern zuhause, dem Ehepartner, dem Beruf – alles wird einem zu viel und es hört nicht auf.

Und dann geht es doch weiter, haben wir doch Kraft, gewinnen doch Hoffnung – und Mut, den Mut, vielleicht etwas anders zu machen, anders zu sehen.

Ich glaube, dass sich darin in unserem Leben die Größe Gottes zeigt, wenn wir über das Hinausblicken, was ist und spüren, was sein könnte.

Wenn wir uns bewusst machen, was gut ist, wie viele Menschen uns mögen, welche Liebe wir erfahren.

Einen Bibelspruch habe ich mir dazu mal an die Wand geschrieben:

Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Seien wir doch in diesen Coronazeiten so groß, wie der große Gott uns macht, groß durch die Liebe, die wir zeigen, und durch die Besonnenheit, die unser Denken und Handeln bestimmt.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 31. Januar 2021, ist 2.Petris 1, 16-19.

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Alltagsglaube #23 – Mir geht’s gut

„Mir geht’s gut!“ hörte ich eine Schülerin in die Gegend jubeln, als sie mir auf der Straße entgegen kam. Einfach so in die Welt gerufen! Mich hat sie nicht gesehen und ob sie ihre Schwester, die neben ihr ging, gefragt hatte oder auch nur zuhörte, war egal. „Mir geht’s gut!“ Und die ganze Welt soll es wissen.

Moment mal, dachte ich. War da nicht was? Probleme zuhause, oder bei der Arbeit? Irgendetwas hatte ich in Erinnerung, aber das zählte jetzt nicht. Die Sonne schien, man war zusammen, da geht es einem doch gut. Oder etwa nicht?

Man sollte die Erlebnisse in seinem Leben nicht in schwarz-weiß einteilen. Auf der einen Seite die genialen, einmaligen, tollen Erlebnisse – und auf der anderen Seite alles, was nicht so ganz okay ist oder überhaupt nicht gut.

Das Leben ist nicht schwarz und weiß, und hoffentlich auch nicht grau, sondern bunt mit allen Schattierungen zwischen hell und dunkel.

Und selbst wenn es mir gestern schlecht ging und morgen etwas Unangenehmes bevorsteht, kann ich doch heute sagen: Mir geht es gut! Die Sonne scheint, ich habe Zeit, ich kann mit lieben Menschen reden, ich mache heute mal, was ich will.

„Seht die schönen Blumen auf dem Felde an!“ hat Jesus gesagt. „Macht euch keine Sorgen um den morgigen Tag.“ Ein tolles Wort.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass Jesus noch angefügt hat, dass jeder Tag seine eigene Plage habe. Nun gut, gewiss. Aber jetzt im Augenblick, wenn man sich wohl fühlen kann, ist der Gedanke ganz fern. Er kommt schon wieder, aber wenn es ein schöner Augenblick hergibt, lohnt es sich, einfach so in die Welt zu jauchzen: Grad geht’s mir gut.

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Sonntagsgedanken 24-01-2021 Wo du hingehst

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.“ Diesen zentralen Satz des heutigen Bibelwortes kennt jeder. Unzählige Male ist er bei Hochzeiten zitiert worden. Zwei, die gemeinsam durchs Leben gehen wollen, sagen das.

In der Bibel sind das zwei Frauen. Rut sagt das zu ihrer Schwiegermutter Noomi. Die beiden hatte es schwer getroffen. Ihre Familie hatten sie verloren. Noomi wollte deshalb zurück in ihr altes Heimatland, wo Rut noch nie war. Der Weg ist beschwerlich, gefährlich und für Rut ungewiss, was sie dort erwartet. Dennoch bleiben sie beieinander: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.“

Wir sind zusammen unterwegs. Wir Menschen. Wir brauchen die Gemeinschaft mit anderen, manche mehr, manche weniger. Aber immer haben wir andere, die uns durch unser Leben begleiten, Familie und Freunde, Nachbarn und Kollegen, – und manchmal sind wir auch nur mit dem unterwegs, was andere uns vorher gegeben haben, die Eltern, die uns geprägt, die Lehrer, die uns gebildet haben.

In diesen Tagen brauchen wir die Gemeinschaft mehr denn je; Leute zum Reden; Leute die einen unterstützen; Leute die einem Mut machen; vielleicht auch Leute, die einem zeigen, wie man dem Corona-Lockdown Positives abgewinnen kann. 

Vor ein paar Tagen hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, wie freundlich zu ihr doch alle seien, jetzt, wo sie beim Einkaufen manchmal Hilfe braucht. 

Andere stehen unter Dauerstress. Wir haben ja viel von unserer Autonomie verloren. Wir sind davon abhängig, dass andere ihre Maske im Bus auflassen, dass uns keiner zu nahe kommt, dass Verantwortliche für Schulunterricht und Impfungen uns das Leben nicht schwerer machen als es ohnehin ist.

In unserer modernen Gesellschaft sind wir dauernd auf andere angewiesen. Sonst hätten wir kein Essen und keine Heizung, keinen Schutz und keine ärztliche Hilfe. Wir könnten schlichtweg ohne andere nicht überleben.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Das ist unser Schicksal.

Gott sei Dank! möchte ich sagen. Gott sei Dank, dass wir andere Menschen haben, die für uns da sind. Die genialen Gentechniker, die einen Impfstoff in so kurzer Zeit entwickeln, und die Polizisten, die die Spannungen in unserer Gesellschaft de-eskalieren, die Jüngeren, die für uns Opfer bringen und die, die wir jederzeit anrufen können.

Der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft mag zur Zeit gefährdet sein, aber er ist immer noch so groß wie nie in der Menschheitsgeschichte. Das verbindet uns in Europa und der Welt: Die gemeinsame Überzeugung, dass wir füreinander einstehen müssen, dass alle Menschen gleiche Grundrechte haben, dass jeder das unveräußerliche Recht auf Leben, Freiheit und sein persönliches Streben nach seinem Lebensglück hat.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Dahinter steht meist auch eine gemeinsame Überzeugung, ein verbindender Glaube. „Dein Gott ist mein Gott“, heißt das in der Bibel.

Glaube und Vertrauen verbinden. Die Liebe verbindet; die Liebe, die, wie es im ersten Johannesbrief heißt, Gott ist.

Deswegen gilt das „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen“ vor allem für unser Leben in der Familie – egal wie es sich darstellt. Wenn ich meine Konfirmanden frage, zu wem sie am meisten Vertrauen haben, kommt immer an erste Stelle: Meine Familie. 

Natürlich gibt es da auch Spannungen und manchmal sogar zermürbenden Streit, schlimme Erfahrungen und unheilbare Brüche. Es gibt Eltern, die ihren Kindern nicht gut tun, und Familienmitglieder, die sich absetzen.

Aber für die meisten gilt, so hat mir mal jemand gesagt: Wenn es hart auf hart geht, ist es vor allem die Familie, die da ist und hilft. Bei Krankheit und Alter, in Krisen und Nöten.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.

In schweren Tagen ist dies auch ein Versprechen Gottes. Gott geht mit uns unsere Wege, das hat sich in Jesus gezeigt. Gott ging mit Jesus die Wege durch Galiläa und den Weg ans Kreuz. Gott geht mit uns auch Wege, die kein anderer mit uns gehen kann.

Das klingt Ihnen vielleicht zu theologisch, aber es kann auch sehr real werden. 

Gerade in diesen Tagen fühlen sich viele alleine mit ihren Problemen:

Die ältere Frau, die kaum noch aus dem Haus kann. Gewiss kaufen die Nachbarn für sie. Gewiss rufen die Verwandten uns Bekannten an. Aber dann gibt es doch die vielen Stunden alleine zuhause, wo nichts einen von zermürbenden Gedanken abhält.

Viele Alleinerziehende führen in diesen Zeiten einen geradezu heldenhaften Kampf. Die Kinder zuhause und dann soll man sie auch noch beim online-Schulunterricht betreuen. Fünf Dinge gleichzeitig sind zu tun. Da bleibt nicht viel Zeit für andere, befreiende Gespräche.

Und gar nicht vorstellen mag ich mir die Nöte der Menschen auf den Covid-19 Stationen in den Krankenhäusern. Die Ängste, dass es noch schlimmer wird oder dass das Schlimme nicht weggeht. Die Angst keine Luft zu kriegen, die Einsamkeit ohne Besuche.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, sagt Gott.

Wir sind zusammen auf unserem Weg – wir Kinder Gottes zusammen mit dem Gott, der die Liebe ist.

Predigttext am Sonntag, 24. Januar 2021 ist Ruth 1, 1-19a.

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