Oster-Predigt 2021 – Befreit aus den Todesklauen des Pharao

Die Israeliten, eben geflohen aus Ägypten, stehen am Schilfmeer. Die mörderischen Verfolger gehen unter – und die Israeliten sind gerettet. Miriam singt vor Freude. Gerettet! Das ist der Predigttext zu Ostern in diesem Jahr. Und dazu heute zunächst ein viel ruhigeres und traurigeres Bild: Drei Frauen an einem Grab in Jerusalem. Leer ist es. Ein Mann sagt, der Tote sei auferstanden. Alles sei gut. 

Gerettet? Die Frauen am Grab haben das anders empfunden. Furcht erfasst die Frauen – kein Osterlachen geht Ihnen über die Lippen, kein Glanz erscheint auf ihren Augen. Kein Gefühl von Rettung. Erst die späteren Evangelien, vor allem Lukas, haben die Geschichte anders beschrieben, erzählen von der Freude und dem Glanz.

Christus ist auferstanden. Wahrhaftig auferstanden. Er ist der Heiland, sagt unsere alte Bibel. Der „Soter“ heißt es auf Griechisch, wörtlich: Der Retter. Das ist die Botschaft von Ostern: 

Wir sind gerettet.

Klingt das für Sie in diesem Jahr anders? Nach über einem Jahr Corona-Pandemie weiß man immer weniger, was man sagen und davon halten soll: Eine schwere Krise – aber wir sind nicht untergegangen. Eine große Bedrohung – aber wir haben von Gott den Verstand erhalten, dass kluge Menschen Impfstoffe dagegen entwickeln konnten. Mit moderner Medizin und vielversprechender Gentechnik. 

Für mich ist das nicht übertrieben, zu sagen, dass Gott uns dadurch rettet: Dass er Menschen unter uns befähigt, die tödliche Natur in Schach zu halten. Gott rettet uns – auch heute noch.

Die Bibel ist voller Rettungsgeschichten. Geschichten von Völkern und Stämmen – und Geschichten von Einzelnen. Israel am Schilfmeer und Joseph in Ägypten. Paulus in Damaskus und die Jünger auf dem See Genezareth. Gott rettet. Das Volk Israel hat seine Geschichte immer als Geschichte der Befreiung verstanden. Bis heute feiert es die Befreiung – trotz der Verfolgung von Ägypten damals bis heute in diesem erbärmlichen Antisemitismus der sich breit macht. Das jüdische Volk feiert seine Befreiung und die Treue Gottes bis heute; im Jom Kippur, dem Tag des Vergebens, und im Chanukka- und Purimfest – alles Tage der Rettung und Befreiung. Die Treue und Verheißungen Gottes, die er seinem Volk gegeben hat, werden in Ewigkeiten nicht gebrochen werden – die Judenfeinde es nicht schaffen, dass Gott sein Wort bricht. Dieser Glaube hält Israel bis heute.

Und wir heute? Wir glauben, dass dieses Versprechen allen Menschen gilt. Gott rettet nicht nur vor dem Pharao, sondern auch vom Tode. Fassungslos hören die Frauen am Grab diese Botschaft. Sie sehen keinen Engel, sondern einen jungen Mann in hellen Kleidern. Was er ihnen sagt, deckt sich mit dem, was Jesus zuvor versprochen hatte. Sie hören das Wort vom Sieg des Lebens. 

Sie aber beginnen nicht zu jubeln, sondern sind voller Zweifel und Entsetzen. Eine große Furcht hat sie ergriffen, sie fliehen und verstummen. Zunächst richten sie den Auftrag, die Auferstehung zu verkünden, nicht aus. Das übrigens ist für mich der überzeugende Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr ist, dass sie keine Erfindung ist. Kein Mensch hätte eine Auferstehungsgeschichte erfunden mit damals unglaubwürdigen Frauen als Zeugen, die niemandem etwas davon erzählen. Und kein guter Erzähler würde die Geschichte Jesu so enden lassen, wie es Markus ursprünglich getan hat – nämlich dem Furcht und Zittern am Ende – und dem Verschweigen der Auferstehung. Die Geschichte vom Leeren Grab und der Auferstehung Jesu ist, so wie wir sie hier hören schlicht und einfach und sie ist deshalb schlicht und einfach wahr. 

Doch rettet sie uns? Vertrauen wir darauf, dass das Leben Sinn macht? Oder sehen wir doch nur ein dunkles Ende? Sind wir bereit zu glauben, dass Gott, dass das Leben, dass das Universum uns gnädig ist. Dass all unser Gefühl der Unzulänglichkeit und unseres Versagen, dass all das nichts zählt, weil wir davon gerettet werden?

Und die wichtigste Frage für uns Leben jeden Tag: Vertrauen wir der Liebe? Darauf, dass Liebe stärker ist als der Tod? Dass Liebe möglich ist, auch wenn uns andere das Leben schwer machen? Dass wir geliebt sind, auch wenn wir am liebsten vergehen möchten? Dass wir gerettet sind, weil Jesus auferstanden ist und unser Retter ist?

Ostern 2021

Hoffentlich lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen. Wir sind alle noch nicht am Ziel. 

Die Bedrohung bleibt – durch Corona aber auch sonst jeden Tag. Der Tod bleibt, so schrecklich das ist. Keiner von uns hat den Glauben, der Berge versetzt oder todbringende Heere im Meer versenkt.

Aber wir sind aufgerufen, trotzdem zu leben und zu lieben, wie die Frauen am Grab und die Israeliten am Schilfmeer.  Miriam hat danach gesungen. Von der Rettung am Meer – übrigens wohl der älteste erhaltene Text der Bibel. Sie sah tödliche Streitwagen stürzen. Vielleicht sehen wir sogar die Macht des Todes stürzen. Wir können zu Ostern zurückschrecken wie die Frauen am Grab. Zweifel ist selbstverständlich und Unsicherheit nicht zu vermeiden. Was aber haben wir zu verlieren, wenn wir nicht dem Tod, sondern dem Leben glauben? Was, wenn wir auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden!“ mit immer größerer Bestimmtheit antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ 

Predigttext am Ostersonntag ist 1.Mose 14f.

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Karfreitags-Predigt 2021

Eine Katastrophe, wie man sie seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Gerade noch jubelnd empfangen, Hosianna! – und fünf Tage später verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Jesus wird hingerichtet. Definitiv unschuldig. Das wusste sogar Pilatus. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Aufstand zu verhindern. Darum, dass man einen Sündenbock brauchte. Einen, dem man die Schuld geben kann, damit das Volk zufrieden ist. Oder jedenfalls kapiert, dass da keiner kommt, um die Menschen aus dem Elend zu erlösen. Einer für alle. Auch wenn das „alle für einen“ ausgeblieben ist.

2.000 Jahre ist das jetzt her. Vermutlich am 7. April des Jahres 33 – oder schon am 3. April 30? Jedenfalls ist der Tag für historische Verhältnisse ziemlich gut belegt. Jesus wurde gekreuzigt wie alle Aufrührer gegen Rom und auf dem Felsen Golgatha hingerichtet, der heute unter einer Seitenkapelle in der Grabeskirche in Jerusalem liegt. Getötet, wie so viele andere. Das brutale Ende eines Lebens, das doch von Liebe und Vertrauen und Verständnis gekennzeichnet war. Der Christus aus Nazareth – grandios gescheitert.

Das ist der Grund, warum ich an ihn glaube. Warum ich glaube, dass Gott sich uns Menschen in Jesus aus Nazareth gezeigt hat. Weil er gut war – und gescheitert ist, wenn ich das einmal ganz lapidar so sagen darf. 

Dass Jesus ein guter Mensch war, dass er gut auf andere gewirkt hat, ist vielfach überliefert. Menschen haben sich befreit gefühlt, wenn sie ihm begegnet sind, waren geheilt von allen Nöten und Ängsten und Krankheiten. Menschen haben sich verändert, wenn sie ihm begegnet sind. Aus dem Betrüger Matthäus wird ein Jünger, aus dem Schlitzohr Zachäus ein Wohltäter, aus der Ehebrecherin – vielleicht – eine Jüngerin.

Und das zweite, dass Jesus gescheitert ist, war am Karfreitag vor den Toren Jerusalems weithin sichtbar. Gekreuzigt wurde er und erlitt damit die fürchterlichste Strafe Roms. Kein römischer Bürger durfte gekreuzigt werden, nur Sklaven und Aufständische. Die Strafe war so unaussprechlich, dass sie nicht einmal in der Unterhaltungsliteratur der damaligen Zeit vorkam. Einen größere Gegensatz kann man nicht benennen als den zwischen Gott, dem Ewigen, der die Liebe ist, und dem Menschen, der auf elend leidet und auf diese Weise getötet wird.

Warum nur hat das Christentum gerade den Karfreitag, den Tod des Erlösers, zum Zentrum seiner Botschaft gemacht? 

Zunächst, weil es eine bittere Wahrheit ist. Es ist wahr, dass Jesus so gestorben ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies historisch zu bezweifeln. Es ist auch wahr, weil es die bittere Wahrheit ist, dass Menschen sterben – manchmal durch Gewalt, öfters durch Krankheit oder Unfall – und viele in hohem Alter, aber das macht die Sterblichkeit ja nicht verständlicher.

Warum müssen wir Menschen leiden und sterben? Die Philosophie hat sich an dieser Frage abgearbeitet. Und keine Antwort gefunden. Dass es eben der Lauf der Natur sei, ist kein Trost. Und dass der Tod einen Sinn hat, konnte mir noch nie jemand plausibel machen. Die Frage nach dem „Warum“ von Krankheit und Leid, von Seuchen und Not, lässt sich nicht beantworten. 

Das Corona-Virus ist keine Strafe Gottes und auch keine Rache der Natur. Und dass die einen von einer Seuche getroffen werden und die anderen nicht, hat keinen sinnvollen Grund, sondern ist Zufall oder Schicksal. Aber sicher nicht eine Folge von Schuld.

Ich bin froh, dass wir den Rassismus, der sich in der Corona-Krise anfänglich gegen Asiaten richtete, schnell überwunden hatten. Die Seuche macht alle gleich. Sogar den Sohn Gottes. Das ist die theologische Pointe der Geschichte. 

Sogar der Sohn Gottes stirbt. Der vollkommene Mensch. Die Liebe in Person. Gott in Person. Was wir über Gott wissen müssen, ist in Jesus zu sehen. Natürlich ist Gott mehr, größer, unbegreiflich, reines Sein-Selbst, unendlich. Aber das ist für uns Menschen sowieso ein paar Nummern zu groß. Uns reicht es, wenn wir Gott in diesem Jesus erkennen, diesem reinen Menschen. Als Liebe erkennen, wie es im Ersten Johannesbrief heißt. Der gestorben ist – wie wir alle sterben müssen. Grundlos.

Das ist, denke ich, das schwierigste im Leben: Mit dieser Grundlosigkeit des Todes leben zu müssen. Der Tod steht tatsächlich einmal einfach vor der Türe, wie der Sensenmann in den Witzen. Nur kann man mit ihm nicht verhandeln. Wie groß ist mein Risiko, schwer an Corona zu erkranken oder gar daran zu sterben? Und wie viele werden es in Deutschland am Ende sein? 75.000 sind es bisher. Es ist schrecklich.

Aber für uns einzelne ist das nur eine Statistik. Die jüdische Lehre stellt dem den Talmud entgegen. Wer ein einziges Menschenleben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte. 

Das gilt gerade heute in der Krise, wo manche es zuhause nicht aushalten und schon überlegen, wie man die Schutzbestimmungen umgehen könnte. Aber der Einzelne zählt, auch den, den wir statistisch nicht kennen. Weil er das Opfer sein wird. 

Ich versuche in der Seuche immer an den einen zu denken, die einzelne Person. An all die, die jetzt gerade intubiert sind, beatmet werden, eine schlechte Prognose haben. An die, die ein großes Risiko tragen und deshalb Angst haben – wie wohl auch deren Angehörige. Und an die, die Angst haben, obwohl ihr statistisches Risiko gering ist. Die Angst ist jedenfalls echt.

Und vor diesen allen, vor uns allen, ist heute das Kreuz Jesu aufgerichtet. Ein Bild für Gott, der mit uns leidet. Der mit uns einmal stirbt. Und uns in Leid und Not und einmal auch im Tod die Hand entgegenstreckt:

Ich weiß, dass du Angst hat. 
Ich weiß, dass du dir Sorgen um deine Liebsten machst.
Ich weiß, dass du denkst, du seist gescheitert.
Der auch sagt:
Ich weiß um alles Leid in der Welt.
Kenne den Schmerz.
Weiß, wie es ist, von anderen verspottet zu werden.
Wie es ist, verraten zu werden.
Ohne Freunde dazustehen.
Am Ende zu sein.

Das alles, sagt Gott, das alles macht dein Leben nicht sinnlos.
Auch wenn dich keine Erklärung trösten kann.
Auch wenn du jetzt nicht hinter den Horizont schauen kannst.
Auch wenn du denkst, der Schmerz vergeht nie.
Denke daran, du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

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Wovon die Kirche reden muss – Gedanken zur Karwoche 2021

Vor zwei Jahren war ich am Palmsonntag in Rom auf dem Petersplatz. Schönes Wetter, schöne Palmwedel, schönes Brauchtum. Man kann dabei den Einzug Jesu in Jerusalem fast spüren. An Palmsonntag weiß man, an wen man sich halten soll. Jesus kommt in die Stadt. Das Volk jubelt ihm zu. „Hosianna!“ „Gelobt sei der da kommt im Namen Gottes.“ Der Erlöser naht. 

Aber wenn Leute ausflippen, weil irgendeine Celebrity vorbeikommt, zucke ich zurück. Je mehr gejubelt wird, je verdächtiger ist mir das. Mir fällt schon das rhythmische Klatschen bei Schlagern schwer.
Denken muss man schon selbst, gerade jetzt. Das nimmt einem weder der Kommentator in der Tagesschau noch der Popstar auf RTL2 ab. Helfen müssen wir uns zunächst einmal selbst. Die Ratschläge dafür nehmen wir natürlich gerne von Fachleuten entgegen. Die Impfungen sind sicher und sie sind nötig. Man braucht also vielleicht doch Leute, die einem sagen, wo es langgeht. Die Leute in Jerusalem hatten solche Anführer zu Genüge: Römische Statthalter und hohe Priester, Bandenchefs im Untergrund und sicher auch den ein oder anderen Propheten, Intellektuellen würden wir heute sagen. Überzeugend war wohl niemand von denen. 

Und auch uns kann niemand auf Dauer Mut machen. Die Politiker müssen seit Monaten die immer gleichen Durchhalteparolen verbreiten – was sollten sie auch tun. Die Impfkampagne ist anfangs ebenso gegen die Wand gefahren worden wie die Corona-Warn-App. Aber was soll man auch von einem Volk erwarten, das wie das deutsche Angst vor Gentechnik und Strahlen hat. Eine „Wolke von Zeugen“ vermissen wir. Leute, die wissen, wo es lang geht. Aber mit solch einer Pandemie unter heutigen Bedingungen hat eben noch niemand Erfahrungen gemacht. Alles ist anders geworden in diesem zurückliegenden Jahr.Das Leben ist ernsthafter geworden, finde ich. Fast so, als seien wir alle ernsthaft krank. Da regt man sich nämlich nicht mehr so über Kleinigkeiten auf. Im Extremfall regt man sich über gar nichts mehr auf, sondern hofft nur noch, das es wieder gut wird, dass das eigene Leben weiter geht.

Das würden wir gerne ablegen, wie es im Hebräerbrief heißt: das, was uns beschwert. Die Sorgen und Ängste, vor allem die Unsicherheit sollte uns jemand nehmen. Ich stelle mir die Menschen in Jerusalem als verzweifelte Menschen vor. Zu viele Hoffnungen waren schon enttäuscht worden. Es ging ihnen immer schlechter. Weit und breit niemand, zu dem sie Vertrauen finden konnten. Bis auf Jesus, diesen Wanderprediger aus Galiläa. 

Vermutlich hat man bei ihm gespürt, dass er es ernst meint, und was er ernst meint: Dass wir Menschen aufeinander achten sollen; dass wir einander lieb sein sollen; dass jeder zählt; dass Gott uns nicht quält, sondern trägt; dass man nicht Angst haben muss, sondern Vertrauen und Hoffnung haben kann – auch wenn das Leben begrenzt wird.

Jesus hat die Ehebrecherin gerettet und den Aussätzigen geheilt. Jesus hat Arme geachtet und keinen verloren gegeben. Tausendmal haben wir das schon gehört, habe ich das als Pfarrer erzählt. Und dann geht an Sie die Frage, ob Sie das glauben. Und ich muss mich das genauso fragen lassen, ob ich das tief im Grunde meiner Existenz glaube. Glauben wir das, dass Gott so ist, dass er uns hält und trägt und rettet? 

Das wird sich zeigen, habe ich gelernt. Wenn wir mit unserem Latein am Ende sind oder zumindest ratlos. Wenn die Zukunft unsicher ist, verzerrt wie in einem getrübten Spiegel. Dann suchen wir Gott, der uns an der Hand nimmt und mit uns ist. Und unser Leben in seiner Hand hält. Und sagt: Vertraue mir! Hoffe auf mich! In der Welt hast Du Angst, aber sei getrost, ich habe die Welt überwunden. „Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ heißt das im Hebräerbrief.

Hosianna haben die Leute gerufen, zurecht. Jesus meint es ernst. Obwohl er wie ein siegreicher Feldherr über die römische Prachtstraße zum Tempel zieht, verkneift er sich jeden Triumph. Er kommt auf einem Esel – wie ein kleiner Bauer in Israel. Das hat vielleicht sogar etwas lächerlich ausgesehen. Wie wenn heute ein Staats-Chef mit einem Fiat Punto vorfahren würde. Und statt der Ehrenwache vor dem Kanzleramt die Putzkolonne steht. Verkehrte Welt. Die die klein sind, werden im Reich Gottes groß sein; und die die groß sind, werden auch mal klein sein.

Es ist ja interessant, wie sich anfangs der Corona-Krise zumindest in der Wertschätzung die Werte verkehrten. Pflegekräfte erhielten Applaus, und über die gierigen Fußballstars, die auf ihre Gage bestehen, schüttelte man den Kopf. Das hat sich leider auf Dauer nicht erhalten: Dass wir die richtigen Leute bewundern: Die, die Gutes tun und selbstlos sind. Die, die nicht nur reden, sondern handeln. Die, die ihre Pflicht tun. Und sie uns zum Vorbild nehmen.

Ob die Menschen in Jerusalem gewusst haben, auf wen sie sich da einlassen, wen sie da bewundern? Sie konnten es wohl nicht einmal ahnen. Jesu geht direkt in den Tempel und fängt Streit an mit den Dienern der etablierten Frömmigkeit. Er zieht sich mit seinen Jüngern zu einem letzten Abendmahl zurück, ein gemeinsames Essen zum Passahfest, das seine Anhänger an ihn erinnern soll. Eine Henkersmahlzeit zunächst – die den Jüngern im Gedächtnis bleiben soll. Schließlich wird Jesus verhaftet, gefoltert, verurteilt und hingerichtet. Aus dem „Hosianna“ wurde ziemlich schnell ein „Kreuziget ihn!“ 

Als Jesus die Erwartungen nicht erfüllte, nicht alles mit einem Schlag besser wurde, war die Enttäuschung groß. Die Menschen haben’s nicht begriffen, heißt es im Johannes-Evangelium schon zu Beginn. Vielleicht ließ sich das gar nicht vermeiden. In dem Jahr, das seit Ausbruch der Krise vergangen ist, haben viele Leute viele verschiedene Dinge über die Kirche gesagt. Den einen war sie zu still, den anderen zu sehr auf sich selbst bedacht. Das meiste, was da gesagt wurde, war nicht ganz falsch, aber nur die Oberfläche. Zum Thema Impfen und zum Thema Politik haben andere mehr und Klügeres zu sagen. Und uns für sozial Schwache einzusetzen, ist selbstverständlich wie es für Jesus und seine Jünger selbstverständlich war, die 5.000 am See Genezareth mit Brot zu speisen.

Aber dann gibt es in der Botschaft als Kirche eben auch noch einen sehr tief gehenden und sehr unangenehmen Teil, der uns in dieser beginnenden Passionswoche deutlich wird. Wir müssten darauf hinweisen, dass es größeres Unheil gibt, als die Corona-Krise. Mit der können wir umgehen – durch Impfung und durch Finanzhilfe, durch Rücksicht aufeinander und Verzicht auf eigene Vorteile. Wir müssen das nur tun.

Aber dann gibt es Unheil, das nicht zu verstehen ist. Unheil, das sich nicht verhindern lässt. Durch keine Impfung. Der Unfalltod geliebter Menschen oder vielleicht auch nur Gemeinheiten anderer, denen man hilflos ausgeliefert ist und die einen krank machen.

Die Menschen am Straßenrand in Jerusalem hatten das nicht verstehen können: Dass Hoffnung eben nicht darin besteht, dass Jesus in Jerusalem einzieht und die Macht an sich reißt, sondern darin dass diese Welt vergeht und neu geschaffen wird. Wer einmal todkrank war, oder in seiner Familie an einen Abgrund des Lebens gekommen ist, wird das vielleicht verstehen – oder erahnen. Im größten Leid ist Gott uns am nächsten. Dann, wenn wir ihn nicht mehr spüren, nicht mehr glauben können, haben wir eine Tiefe und Ernsthaftigkeit des Lebens erreicht, die uns zu Gott bringt. 

Wir Menschen begreifen’s nicht. Wir können es nur über uns ergehen lassen. Dass auf den triumphalen Einzug in Jerusalem der Tod am Karfreitag folgt, ist eine bittere Wahrheit. Das klingt nach einem Weg in die Finsternis und man soll die Krise nicht klein reden, das Leid, die Krankheit und den Tod. Gott bewahre! Aber auf den Karfreitag wird Ostern folgen, das neue Leben. 

Amen!

Pfarrer Treiber predigt sonn- und feiertags in der Matthäuskirche in Heilbronn-Sontheim.

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Sonntagsgedanken 21-03-2021 Gerechte und Ungerechte?

In meiner Jugend kam im Schwarzweißfernsehen eine Krimiserie, deren Vorspann mich sehr beeindruckt hat. Da sah man nächtliche Bilder aus New York und eine sonore Männerstimme sprach darüber. „Die Großstadt von heute – Wohnort für Gerechte und Ungerechte, für Hoffende und Verzweifelnde“. oder so ähnlich.

Mich hat das damals sehr beeindruckt, diese Weltsicht. Unsere Stadt, unsere Welt ist tatsächlich so, unser Leben sogar. Es gibt viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Schicksalen, es gibt gute und böse Menschen – und wir alle müssen zusammenleben.

Warum es der einen gut geht und dem anderen schlecht? Bei manchen sagt man, sie seine selbst schuld. Aber so einfach ist es nicht. Es gibt herzensgute Menschen die von einer Krankheit dahingerafft werden – und es gibt hemmungslose Narzissten, die reich und schön sind und alt werden. Oder werden die Bösen am Ende doch bestraft? Im Predigttext am Sonntag klingt das so.

Aber wer könnte schon sich selbst zu den „Guten“ rechnen? Gerade in der Großstadt von heute kann man doch so viele verschiedene Menschen und ihre Schicksale erleben, dass man beim Urteil über andere zurückhaltender wird.

Jesus hat keinen Menschen aufgegeben. Der hatte immer Hoffnung, dass in jedem etwas Gutes steckt. Dass jeder sich ändern kann. Dass am Ende eines Lebens nicht die große Abrechnung erfolgt, sondern einer gnädiger Gott einem die Ewigkeit eröffnet.

In zwei Wochen ist Ostern! Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 21. März 2021, ist Hiob 19, 19-27.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Sonntagsgedanken 14-03-2021 Für wen würden Sie Ihr Leben ändern?

Für wen oder was würden Sie ihr bisheriges Leben aufgeben, den Beruf aufgeben, die Sicherheiten, den Wohnort? Für mehr Verdienst? Na ja, vielleicht. Im großen Gefühl des Verliebtseins? Wer weiß? Für ein neues und inspirierendes Leben? Warum nicht? Für die Menschen, die Sie lieben – Kinder, Mann oder Frau? Ganz gewiss.

Dass nach dem biblischen Wort das Weizenkorn in der Erde sterben muss, um Frucht zu bringen, ist ein etwas irreführendes Bild, denn das Korn stirbt ja nicht, sondern gibt nur seine bisherige Existenz auf, verwandelt sich und bewirkt Gutes.

Man muss sich gewiss nicht jeden Tag neu erfinden, aber wenn man das Gefühl hat, dass einem Gewohnheiten und Vertrautheiten den Zugang zum Wesentlichen im Leben versperren – der Liebe und dem Leben -, sollte man nach der offenen Tür im Leben suchen, oder wenigstens einem offenen Fenster.

Diese Bilder, das merke ich jetzt, gefallen mir besser, wenn es um die Veränderungen im Leben geht. Man muss die Vergangenheit nicht gleich begraben, oft reicht es, sie einfach hinter sich zu lassen.

Seien Sie behütet!

Predigttext am Sonntag, 14. März 2021, ist Johannes 12, 20-26.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Sonntagsgedanken 07-03-2021 Forderungen stellen ist einfach

Forderungen zu stellen ist einfach: Der andere soll sich anständig benehmen und bei seiner Wortwahl darauf achten, dass die nicht beleidigend oder verleumderisch ist. Der erhobene Zeigefinger ist da nicht fern. Und bei manchem, was man so an Kommentaren auf Facebook liest, muss man das auch betonen und sagen: Benimm dich! 

Andererseits wissen wir alle, dass es leichter ist, Forderungen zu stellen, als sie zu erfüllen. Nicht habsüchtig sein, heißt eine der Forderungen der Bibel. Na klar! Gegen die Finanzhaie sind alle – aber gilt das auch für den, der sich beim Discounter günstige Hemden kauft, oder den, der sich seine Sonnenstromanlage auf dem Dach mit staatlich garantierter Rendite finanzieren lässt?

Das Leben ist meistens komplizierter als die Forderungen. Deswegen hat Jesus immer betont, dass letztlich nur eine Forderung gilt: Liebt einander! Und wie das dann im Einzelnen aussieht, das muss jeder für sich vor seinem Gewissen verantworten.

Seien Sie behütet!

Predigttext am 7. März 2021 ist Epheser 5, 1-9.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #28 – Selfies? Ja, bitte!

Die Welt oder zumindest das Abendland geht bei den Besserwissern unter den Schöngeistern mal wieder unter: Allenthalben werden Selfies gemacht, also Selbstporträts mit dem Smartphone. Und die seien Ausdruck heutiger Selbstverliebtheit und von Narzissmus, war auf der Kulturseite einer Zeitung zu lesen, also da, wo sich die entsprechenden Redakteure üblicherweise gerne selbst darstellen. Schlimm, schlimm, wenn einer sich selbst abbildet. Was mag nur im Kopf von Albrecht Dürer vorgegangen sein, als er sich auf seinem Selfie als Christus inszenierte? Ach halt, der hat ja gemalt.

Genug gespottet. Selfies haben mit Narzissmus nichts zu tun, sagen die Medienexperten, denn in der Regel werden sie beiläufig gemacht und die Personen darauf wissen, dass sie darauf selten vorteilhaft aussehen. Ganz im Unterscheid zu den gestylten Instagramern, die sich inzwischen lieber von anderen fotografieren lassen. Aber bei einem Selfie? Da ist man halt irgendwo und möchte seine Bekannten daran teilhaben lassen, dass man da jetzt ist – am Herd oder im Freien mit Blick auf die Stadt. Der Alltag wird zum alltäglichen Foto-Objekt – und witzig ist es manchmal auch.

Und wie so mancher virtuelle Weltuntergang – erinnert sich noch jemand an die Angst vor den Avataren des „Second Life“ vor zehn Jahren? – wird sich auch das normalisieren und wir dürfen uns in dreißig Jahren daran erfreuen, wie schief wir früher ausgesehen haben.

Es gilt also auch hier: Gelassen bleiben!

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Sonntagsgedanken 28-02-2021 – Im Wein ist Wahrheit

„Im Wein ist Wahrheit“, sagt man, aber ich habe mit solch einer Weisheit zunächst meine Probleme. Ein guter Lemberger ist eine feine Sache, und in der Sonne kann man bei einem Glas kühlen Weisswein gut zur Ruhe kommen. Auf der anderen Seite finde ich das große Elend und Leid, dass der Alkoholkonsum Menschen in unserer Gesellschaft zufügt – Alkoholkranken und deren Familien, Verkehrstoten – so fürchterlich, dass mir keines der üblichen Sauflieder über die Lippen geht.

Tacitus, dem wir die Verbreitung des Zitats verdanken, hat damit eine Beobachtung im alten Germanien verdeutlicht: Unsere Vorfahren würden ihre Ratssitzungen nur betrunken abhalten, weil man betrunken nicht lügen könne. Um Saufen bis zur Bewusstlosigkeit kann es also nicht gegangen sein, sondern darum, sich nicht mehr verstellen zu können.

Da ist etwas wahres dran. Und vielleicht ist der Weinbau deshalb so besonders mit Kultur und menschengemäßem Genuss verbunden. In jedem Fall ist er eine der ältesten Kulturleistungen des Menschen. Der Prophet Jesaja nimmt es als Bild für die Liebe, mit der man sich um andere sorgt. Leider geht das im Predigttext für den Sonntag schief. Aber bei Jesus ist der liebevolle Weinanbau ein Bild für Leben, das wächst und gelingt. Darauf möchte ich anstoßen – mit einem Zehntel Chardonnay und nur nach 20 Uhr und nur, wenn alle Anwesenden auch mitmachen können.

Predigttext am Sonntag, 28. Februar 2021, ist Jesaja 5, 1-7
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #27 – Forever 60+

Den Sechzigjährigen, der seine Midlife-Krise damit beendet, dass er sich eine Harley-Davidson kauft, habe ich eher für einen Witz gehalten, bis mir vor ein paar Jahren in Utah tatsächlich zwei grauhaarige Herren in schwarzer Lederkluft begegnet sind, die aussahen, als seien sie gerade der Filmkomödie „Born to be wild“ entsprungen. Sie waren mir auf Anhieb sympathisch. Jedem, wie es ihm gefällt, und lieber Bike Fahren als zuhause nörgelnd herumzusitzen.

Wir Männer der Generation 60+ sind eine wichtige Zielgruppe für alles, was vor 40 Jahren nach Revolution aussah oder wenigstens Veränderung. Denn wir kaufen, was uns das Gefühl gibt, jung zu geblieben sein: Motorräder, Vinyl-Schallplatten und definitive CD-Gesamtausgaben mit unveröffentlichen Probeaufnahmen und was es sonst noch an Spezialitäten gibt, mit dem man jemanden etwas, was er schon hat, nochmals verkaufen kann.

Befremdlich finde ich das zuweilen. Und Rockattitüden á la „I can’t get no satisfaction“ von 75 jährigen auf der Bühne eher peinlich. Auch 60+ kann man doch Green Day und Arcade Fire hören. Spannend übrigens, dass deren Musik sich nicht einfach Rock nennt, sondern Alternative oder Indie-Rock; die 30jährigen wollen sich offenbar von uns 60jährigen abgrenzen. Es sei ihnen erlaubt.

Trotzdem finde ich es wichtig, nicht immer am Altbekannten zu hängen. Die Welt dreht sich weiter und wir mit ihr. „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes,“ sagte der 30jährige Jesus. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber unsere Zukunft. Alte Wunden zu lecken ist genauso wenig hilfreich wie alten Träumen nachzuweinen.

Obwohl: Einmal auf dem alten Highway 61 von New Orleans nach Wyoming, das wär’s gewesen! Aber gut: Bob Dylan wird ja sowieso niemals alt.

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Sonntagsgedanken 21-02-2021 Verraten und verkauft

 Verräter mag niemand, denn man kann Ihnen grundsätzlich nicht trauen. Für jede Freundschaft ist ein Verrat tödlich, und im Falle von Judas und Jesus galt das sogar im wörtlichen Sinne. Jesus musste sich vor seine Feinden verstecken und Judas verrät ihn. Er führt die Soldaten ins Versteck, und die weitere Geschichte ist bekannt. Jesus wird gefangengenommen und hingerichtet.

Das ist eines der schlimmsten Dinge, die Freunde einander antun können: Den anderen verraten. Und das gibt es auch heute noch. Schulkinder, die gemobbt werden, zur Zeit eher im Internet und ansonsten in viel zu großer Zahl auf dem Schulhof, und ihre Freunde tun nichts dagegen. Oder als Erwachsener glaubt man, die Liebe des Lebens gefunden zu haben, und wird betrogen. Oder man hat einen peinlichen Fehler gemacht und wird von vermeintlichen Freunden im Kollegenkreis vorgeführt. Verrat hat viele Gesichter – hässlich sind sie alle. Und tun furchtbar weh. Niemand steht da drüber. Nicht einmal Jesus, von dem wir hören, wie erbost er war. „Einer wird mich verraten.“

Zyniker meinen, Verrat sei doch menschlich. Traue keinem, heißt ihr Motto, dann wirst du auch nicht enttäuscht werden. Aber ehrlich: So möchte ich nicht leben. Ohne Vertrauen in Freunde und Mitmenschen ist Leben nicht schön, nicht möglich, ohne Vertrauen bleibt dem Mobbing-Opfer nur die Verzweiflung, und ohne Vertrauen bleibt von Liebe nur Eifersucht übrig. Vertrauen ist zum Leben genauso nötig wie Luft zum Atmen.

Aber wie um Himmels willen kann man dann nur auf die Idee kommen, seinen Freund oder seine Freundin zu verraten? Über die Gründe, die Judas hatte, gibt es viele Spekulationen. Oft ist dabei die Rede von enttäuschtem Idealismus. Judas habe auf nicht weniger als eine Revolution durch Jesus gehofft. Als die ausblieb, wollte er Jesus dazu zwingen. Einen Aufstand sollte geben oder eine göttliche Machtdemonstration. So die Hoffnung hinter dem Verrat. Das wäre ein Verrat aus Idealismus. Aus der Geschichte kennen wir das. Überzeugungstäter, die geheime Pläne dem Gegner verraten, oder als Whistleblower veröffentlichen.

Und so etwas gibt es, denke ich, auch im privaten Bereich. Freunde, die Geheimnisse preisgeben, weil sie doch nur das Beste wollen. „Ich hab deinen Mann gestern auf der Straße mit einer Frau gesehen.“ Solche Geschichten gibt es nicht nur im Spielfilm. Ob das richtig oder falsch ist, sich so in eine andere Beziehung einzumischen, ist nicht leicht zu beantworten. Der Schaden kann größer sein als der Nutzen. Idealismus ist eine ziemlich zweischneidige Sache. Gutes zu wollen, heißt ja noch lange  nicht, Gutes zu tun. 

Ich hatte in letzter Zeit mit manchen sogenannten Querdenkern zu tun. Keine Verschwörungstheoretiker und auch keine Rechtsradikalen. Auch keine Freunde von mir, aber sie klangen ehrlich besorgt, dass die ganzen Maßnahmen zu viel, weil unnötig seien. Eine Schülerin hat mir einfach die falsche Behauptung entgegengehalten, dass die normale Grippe doch viel gefährlicher sei als Covid-19. Idealismus kann gefährlich sein, wenn er die falschen Ziele verfolgt. Wahrscheinlich muss man da in jedem Einzelfall entscheiden, ob man widerspricht oder solche Falschbehauptungen ignoriert, weil man keinen Streit will.

Vielleicht ging es Judas aber doch nur um die dreißig Silberlinge, die Belohnung für den Verrat, den schnöden Eigennutz. Das ist die einfachere Erklärung, die leider oft stimmt: Falsche Freunde, die sich damit entlarven, dass sie nur an sich denken.

Im Falle von Judas sieht Jesus den Teufel in ihn fahren. Den Satan. Das klingt heute ziemlich archaisch, aber letztlich kennen wir das auch in modernen Zeiten. Menschen tun Böses, und es lässt sich nicht verstehen, nicht erklären. Das Böse ist einfach da, wie eine eigene, mächtige und unheimlich Gestalt.

Hannah Arendt berichtete über den Prozess gegen Adolf Eichmann, der die Ermordung von 6 Millionen europäischen Juden organisiert hatte. Ein hoher SS-Mann, der im Gericht den kleinen Bürokraten spielte, der nur seine Pflicht getan habe. Ungeheuerlich – und doch banal. Hanna Arendt brachte dies Irritation sehr eindrücklich auf den Begriff. Die Banalität des Bösen. Hinter dem Bösen steckte kein übermenschliches Monster, sondern ein Mensch, der einfach Böses tat. 

Vom Satan ist heutzutage kaum noch die Rede. Das muss man auch nicht. Er steckt in den Menschen, wie wir hier in der Bibel hören, in Judas. Böse sind Menschen aller Art – dumme und kluge, Zyniker und Idealisten, und leider auch: Gläubige und Ungläubige. „Warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden, im Herzen der Bösen.“ sagt Jean-Jaques Rousseau.

Aber so dunkel soll die Predigt nicht enden, wenn es auch im Bibeltext heißt: „Und es war Nacht.“ Wir müssen lernen, mit dem Bösen umzugehen, und die Bibel ist dabei ein guter Ratgeber.

Für mich heißt das zunächst: Das Leben ist kein Ponyhof. Rechne damit, dass es Böses gibt! Dass Menschen Böses tun. Aber bleibe realistisch: Auf einen Judas kommen elf gute Freunde. Es gibt mehr Liebe in der Welt als Hass. Und Liebe ist stärker als Hass.

Zweitens: Lass dich nicht auf das Niveau des Bösen herunter. Bekämpfe das Böse mit Gutem, wie Paulus im Römerbrief schrieb.

Und drittens: Alleine schaffst du das nicht. „Erlöse uns von dem Bösen,“ beten wir im Vaterunser. Und Gott erlöst uns, indem er uns Menschen zeigt, die uns lieben. Indem wir selbst um Vergebung unserer Schuld bitten – und indem Gott uns mit dem Vertrauen erfüllt, dass wir von jedem neuen Tag nicht das Schlechte, sondern das Gute erwarten.

Ich hoffe, ich kann das und ich hoffe, Sie können das auch: Von jedem neuen Tag das Gute erwarten.

Seien Sie behütet!

Amen!

Predigttext am Sonntag, 21. Februar 2021, ist Johannes 13, 21-30

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