Sonntag 26-07-2020 – Engel, eine WohnzimmerPredigt

Predigt am 26. Juli 2020 – Hebräer 13, 1-3 (Analoge Version aus der Matthäuskirche)

Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben. Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben, denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt! Denkt an die Misshandelten, als ob ihr die Misshandlungen am eigenen Leib spüren würdet!

Liebe Gemeinde,

ist Ihnen schon einmal ein Engel begegnet? Natürlich, manchmal sagt man zu jemanden: „Sie sind ein Engel.“, wenn der einem bei etwas hilft, der einem etwas Gutes tut. Das ist nett, das zu sagen. Freundlich. Aber ein richtiger Engel muss ja wohl etwas fast Überirdisches tun, etwas unerwartetes, etwas, das wie ein Wunder ist. Obwohl er keine Flügel hat und vielleicht nicht einmal lächelnd über dem Boden schwebt.

Ich bin einmal einem Engel begegnet, einem Mensch, der mir als ich jung war in einer schwierigen Lebenslage sehr geholfen hat. Das war so nicht zu erwarten gewesen, dass diese Person einfach in mein Leben tritt, überraschend das ganz Richtige tut, mir gut tut, was für mich damals wie ein Wunde war. Und nach ein paar Monaten war dieser Engel wieder weg und mir ging es weiterhin gut. Auch mit vielen Jahrzehnten Abstand ist das wie ein Wunder, dass mir da zum richtigen Zeitpunkt der richtige Mensch begegnet ist. Ein Engel – auch wenn die Person bestimmt keine Heilige war.

Engel bringen Glück in unser Leben – manchmal wundervoll und überraschend und immer wie von Außen. Aber man muss sich natürlich auf Situationen einlassen, in denen einem Engel begegnen können „Einige haben Engel bei sich aufgenommen, ohne es zu wissen.“ heißt es in der Bibel. Wer weiß, was einem die Menschen Gutes tun werden, denen man begegnet? Wer weiß, was wir gewinnen, wenn wir unser Herz gastfreundlich anderen öffnen? Wer weiß, was uns gut tut, wenn wir es nicht ausprobiert haben?

Wahrscheinlich muss man hoffen, dass einem mal ein Engel begegnet – gerade in der Not. Manchmal macht man das. Und dann ist er da, und man erkennt ihn nicht, zunächst jedenfalls – oder glaubt ihm nicht, kann sich nicht auf ihn einlassen.

Viele Geschichten dieser Art sind in der Bibel dazu zu finden. Engel klettern die Himmelsleiter rauf und runter, als Jakob auf dem Weg zur Versöhnung mit seinem Bruder Esau ist. Engel kündigen Sarah die Geburt ihres Sohnes an. Ein Engel sitzt am leeren Grab Jesu. Eine Engel zeigt den gefangenen Aposteln der Weg aus dem Gefängnis.

In der Bibel sind es die verzagten und verunsicherten Menschen, die von Engeln aufgesucht werden. Menschen, die in der Seele verletzt sind, werden von Engeln geheilt. Denen, die von anderen geplagt werden, wird von Engeln eine andere Richtung gewiesen. Menschen, die auf keine bessere Zukunft mehr hoffen, erleben plötzlich, wie das Leben auch leicht und schön sein kann. Sie beherbergen Engel bei sich, ohne es zu wissen. Sie lassen sich auf Fremde ein, die ihnen schließlich zu Freunden werden. 

Auch uns könnte genau das passieren, dass für uns gänzlich unbekannte Menschen unser Leben auf einmal in entscheidender Weise prägen und auch verändern. Menschen, die wir im Urlaub kennenlernen, die uns auf einer neuen Arbeitsstelle begegnen, die wir in unser privates, intimes, geheimes Innerstes schauen lassen, weil wir Vertrauen haben, dass sie uns nicht schaden werden. Und diese Erfahrung können wir immer wieder machen, eigentlich ein Leben lang. Weil Gott uns diese Engel schickt.

Woher man wissen kann, dass Gott sie schickt? Nun, wissen kann man das vorher nie, ob andere Engel sind. Die Leute in der Bibel haben auch nicht gewusst, wenn sie da gastfreundlich bei sich aufnehmen. Der vermeintliche Engel kann sich natürlich auch als falscher Hund entpuppen. Aber wer kein Geld von uns will, wer uns nicht zu nahe rückt, wer uns nicht belehrt – der hat zunächst einmal unser Vertrauen verdient. Vielleicht ist er ein Engel. Ich denke, das spüren wir. Engel werden sich nicht wie Heiratsschwindler in alten Heimatfilmen bei uns einschmeicheln. Im Gegenteil, mancher Engel ist vielleicht sogar eine Herausforderung.

Das hat mir mal eine Frau erzählt. Sie war alleine auf der Straße uns schwer gestürzt. Niemand in der Nähe. Bis ein dunkler BMW an der Straße hielt und ein junger Mann in Lederkluft und mit dunklem Teint ausstieg. Der half ihr auf und begleitet sie in ihre Wohnung. „Stellen Sie sich vor! Ein Ausländer!“ sagte sie noch. Politisch korrekt ist das heute natürlich nicht, aber die alte Frau sagte das wie eine tiefe Erkenntnis. Es war ganz anders, als sie erwartet hatte.

Ein Engel eben, der unerwartet kommt. Die Engel, die Gott uns schickt, sind oft erst hinterher zu erkennen. So steht es ja im heutigen Predigttext. Und Engel können nicht nur helfen, sondern einem offenbar auch etwas beibringen. Nicht durch Worte, sondern durch Tun. 

Hab Vertrauen sagen sie. Das macht das Leben leichter.

Und zum Schluss noch ein Blick auf die Engel, die man nicht sieht, die aber umso mächtiger da sind. Haben Sie ihren Schutzengel schon mal in Aktion erlebt? Ich schon. Vor ein paar Jahren hätte ich mit dem Auto fast einen schweren Unfall verursacht. Ganz knapp raste der LKW noch an mir vorbei. Ich wäre schuld gewesen – und wahrscheinlich tot. Da ist mir gar nichts anderes mehr übrig geblieben, als an einen Schutzengel zu glauben. Wer glaubt schon, dass er zufällig lebt? Ich nicht, dazu nehme ich mich und mein Leben viel zu wichtig. 

Das war kein Zufall, dass ich bewahrt wurde, sondern das war eine Zusage: „Ich schütze dich,“ sagt Gott. „Das hast du erlebt. Du kannst das deinen Schutzengel nennen, aber letztlich war ich es, der Gott, der dich geschaffen hat und möchte, dass du gut lebst in einer Welt, die von Zufällen bestimmt scheint.“ Das sagt Gott zu jedem Menschen, glaube ich.

Pfarrer Matthias Treiber

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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