Alltagsglaube #13 – Mauerfall

Wer älter als fünfzig ist wird wohl noch genau wissen, wo er war, als die Mauer am 9. November 1989 fiel. Ich kam gerade aus Stuttgart zurück und schaltete den Fernseher ein, als die unglaublichen Bilder ausgestrahlt wurden – so sagte man damals. Kolonnen von Menschen überquerten zu Fuß und in Trabis die Grenze, die ich noch wenige Monate zuvor nur begleitet von den üblichen Schikanen überschreiten konnte. Widerlichen DDR-Grenzer hatte uns genau gefilzt, als wir zum Kirchentag nach Berlin fuhren. Und jetzt das! Es war unglaublich. Ein Wunder, sagten manche.

Der Gedanke, dass da der Heilige Geist durch die Geschichte wehte, und alles irgendwie so richtig laufen ließ, hat etwas für sich. Ein Wunder, dass viele Millionen Menschen Freiheit und Wohlstand und Gesundheit gewinnen konnten, ohne dass auch nur ein einziger Schuss fiel.

Aber natürlich waren es Menschen, die hier im richtigen Augenblick das Richtige sagten und taten: Politiker wie Helmut Kohl, Willy Brandt und George Bush, aber vor allem auch die Kirchenvertreter und Pfarrer in der DDR, die den friedlichen Aufstand für die Freiheit mit ermöglichten.

Gedankt wurde ihnen allen das nicht so recht. Aber Dankbarkeit ist eben auch keine historische Kategorie, wie mal jemand bemerkte. Beschämend finde ich es dennoch, dass an diesen Sieg der Freiheit hierzulande weniger erinnert als in anderen Ländern. In Gdansk, Buenos Aires, Seoul und selbst in Santa Barbara in Kalifornien erinnern Reste der Berliner Mauer an diesen Tag, und in einer Kleinstadt im amerikanischen Westen wurde mir sogar vor ein paar Jahren noch versichert, wie sehr man sich mit uns über den Fall der Mauer freue. Aber wo steht eigentlich in meiner Heimatstadt Heilbronn, Germany, das Denkmal der Freude über die Freiheit? 

Der kleine Brocken, den ich Ende November 1989 selbst aus der Mauer schlug und der nun in meinem Regal steht, ist nur eine persönliche Erinnerung – eine schöne allerdings.    

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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