Sonntagsgedanken zu Ostern 2022 – Dem Leben etwas zutrauen

Drei Frauen an einem Grab in Jerusalem. 

Leer ist es. 

Ein Mann sagt, der Tote sei auferstanden. 

Alles sei gut. 

Sie sind erettet.

Die Frauen am Grab haben das anders empfunden. 

Furcht erfasst die Frauen – sie renne davon. 

Kein Gefühl von Rettung. 

Erst später wurde die Geschichte anders beschrieben und es wurde gleich gejubelt:

„Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ 

Er ist der Heiland, sagt unsere alte Bibel. 

Der Retter. 

Das ist die Botschaft von Ostern: Wir sind gerettet.

Klingt das für Sie in diesem Jahr anders? 

Vor Corona sind wir ja nun irgendwie doch gerettet worden. Kluge Menschen haben Impfstoffe dagegen entwickelt. Das Virus ist nicht mehr so gefährlich.

Für mich ist das nicht übertrieben, zu sagen, dass Gott uns dadurch rettet: Dass er Menschen unter uns befähigt, die tödliche Natur in Schach zu halten. 

Und dass die Natur sich in der Evolution ändern. 

Gott rettet uns – auch heute noch.

Aber nun leben wir schon in der nächsten Krise. 

Der Krieg in der Ukraine. 

Fürchterliche Verbrechen und Massaker durch Russland. 

Der Tod nicht als individuelles Schicksal, sondern als angedrohter Völkermord.

Rettet Gott?

Die Bibel ist voller Rettungsgeschichten. 

Geschichten von Völkern und Stämmen – und Geschichten von Einzelnen. 

Gott rettet Israel vor der tödlichen Militärmacht der Ägypter am Schilfmeer. 

Und Gott rettet die Jünger im Sturm auf dem See Genezareth. 

Und für vielen Menschen war Jesus die Rettung, als er ihnen die Hand gereicht und sie geheilt hat.

Und wir heute? 

Wir Christen glauben, dass dieses Versprechen der Menschheit gilt. 

Gott rettet nicht nur vor dem Pharao, sondern auch vom Tode. 

Fassungslos hören die Frauen am Grab diese Botschaft. 

Sie sehen keinen Engel, sondern einen jungen Mann in hellen Kleidern. 

Was er ihnen sagt, deckt sich mit dem, was Jesus zuvor versprochen hatte. 

Sie hören das Wort vom Sieg des Lebens. 

Sie aber beginnen nicht zu jubeln, sondern sind voller Zweifel und Entsetzen. 

Eine große Furcht hat sie ergriffen, sie fliehen und verstummen. 

Zunächst richten sie den Auftrag, die Auferstehung zu verkünden, nicht aus. 

Das übrigens ist für mich der überzeugende Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr ist, 

dass sie keine Erfindung ist. 

Kein Mensch hätte eine Auferstehungsgeschichte erfunden 

mit damals unglaubwürdigen Frauen als Zeugen, die niemandem etwas davon erzählen. 

Und kein guter Erzähler würde die Geschichte Jesu so enden lassen, wie es Markus ursprünglich getan hat – nämlich dem Furcht und Zittern am Ende – und dem Verschweigen der Auferstehung. 

Die Geschichte vom Leeren Grab und der Auferstehung Jesu ist, 

so wie wir sie hier hören, schlicht und einfach 

und sie ist deshalb schlicht und einfach wahr. 

Doch rettet sie uns? 

Vertrauen wir darauf, dass das Leben Sinn macht? 

Vertrauen wir darauf, dass es sinnvoll ist, gegen den Tod anzutreten und gegen Mörder zu kämpfen. 

Oder sehen wir doch nur ein dunkles Ende? 

Sind wir bereit zu glauben, dass Gott, dass das Leben, dass das Universum uns gnädig ist. 

Dass all unser Gefühl der Unzulänglichkeit und unseres Versagen, dass all das nichts zählt, weil wir davon gerettet werden?

Und die wichtigste Frage für unser Leben jeden Tag: 

Vertrauen wir der Liebe? 

Wir selbst, ganz persönlich.

Darauf, dass Liebe stärker ist als der Tod? 

Dass Liebe möglich ist, auch wenn uns andere das Leben schwer machen? 

Dass wir geliebt sind, auch wenn wir am liebsten vergehen möchten? 

Dass wir gerettet sind, weil Jesus auferstanden ist und unser Retter ist?

Ostern 2022

Hoffentlich lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen. 

Wir sind alle noch nicht am Ziel. 

Die Bedrohung bleibt – für die Menschen in der Ukraine durch mörderische Barbaren, die in ihr Land eingedrungen sind. 

Die Bedrohung durch den Tod bleibt auch auch uns – jeden Tag durch Krankheit und Unfall. 

Der Tod bleibt, so schrecklich das ist. 

Keiner von uns hat den Glauben, der Berge versetzt oder todbringende Heere im Meer versenkt.

Aber wir sind aufgerufen, trotzdem zu leben und zu lieben, wie die Frauen am Grab und die Israeliten am Schilfmeer.  

Miriam hat danach gesungen. 

Von der Rettung am Meer – übrigens wohl der älteste erhaltene Text der Bibel. 

Sie sah tödliche Streitwagen stürzen. 

Ich sehe erleichtert die ausgebrannten russischen Panzer und denke an die Menschen, deren Leben dadurch gerettet wurde.

Wir sehen die Bilder von russischen Bombern, die abgeschossen werden. 

Vielleicht sehen wir sogar die Macht des Todes stürzen. 

Wir können zu Ostern zurückschrecken wie die Frauen am Grab. 

Zweifel ist selbstverständlich und Unsicherheit nicht zu vermeiden. 

Was aber haben wir zu verlieren, wenn wir nicht dem Tod, sondern dem Leben glauben? 

Was, wenn ich nicht daran denke, dass ich morgen schon todkrank sein kann – und mich lieber heute am Leben freue und etwas Gutes daraus mache?

Was, wenn wir auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden!“ mit immer größerer Bestimmtheit antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ 

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Predigttext an Ostern 2022 ist Markus 16, 1-8

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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