Ein wirklich anstrengender Tag ist für mich einer, an dem ich viele Entscheidungen treffen muss. Vermutlich ginge das auch einfacher, aber wenn man das, was man tut, auch noch recht machen will, wird es stressig: War das jetzt die richtige Entscheidung, das Kind von der Musikschule abzumelden? War es gut, den Arzt zu wechseln? Hätte ich der Nachbarin gegenüber nicht zuvorkommender sein müssen? Und sollen wir jetzt eine Gefriertruhe oder einen Gefrierschrank kaufen?
Manches, was einem den Kopf zudröhnt, ist es gar nicht wert, andere Entscheidungen dagegen sind lebensverändernd. Es ist anstrengend, Entscheidungen zu treffen, weil sie sich als falsch herausstellen können oder zumindest mögliche bessere Alternativen verhindern. Jede Stunde lauert sozusagen ein neuer Sündenfall auf uns.
Vielleicht ist gar nicht so entscheidend, was wir tun, sondern, dass wir überhaupt uns etwas tun. Und wie wir es tun. In „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ heißt es in der Bibel. Gott verlangt nicht, dass wir vollkommen sind. Fehler sind nicht schlimm. Schlimm wäre nur, nichts zu tun oder in böser Absicht. Ansonsten: „Sh.. happens!“ Oder mit Martin Luther gesagt: „Sündige tapfer!“
Predigttext am Sonntag, 21. Juli, ist Epheserbrief 5, 8b-14.
Kennen Sie das: Manchmal ist alles wie festgefahren. Nichts lohnt mehr. Wir treten auf der Stelle und kapieren: Wir müssen raus aus diesem Trott. Neue Wege gehen. Auch wenn es unsicher ist, wohin sie führen. Aber besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Und wenn man dann ins neue Land aufgebrochen ist und erste Probleme sichtbar werden – auf der neuen Stelle, mit dem neuen Partner, den neuen Lebenszielen -, dann kommen die Zweifel: War es früher nicht doch besser. Lieber gefangen im Alten als unsicheren Schrittes in der Freiheit. Lieber Sklave, der zu essen hat, als freier Mensch in der Wüste. Dem Volk Israel ging es so nach der Befreiung aus der Sklaverei. Kaum entkommen sehnten sich manche schon nach dem Fleischtöpfen Ägyptens zurück.
Am Sonntag wird erzählt, was zweifelnden Menschen dann vor die Füße fällt: Manna – Nahrung von Gott, die Kraft gibt, die man aber nicht aufbewahren kann, sondern jeden Tag neu geschenkt bekommt.
So ist das richtige Leben: frei – und jeden Tag eine neue Freude und eine neue Herausforderung, bei der Gott uns beisteht.
Predigttext am Sonntag, 14. Juli 2024, ist 2.Mose 16, 2+3+11-18.
Es gibt solche Momente im Leben, wo einem plötzlich etwas klar wird. was man tun soll. Wer man ist. Wie schön etwas doch ist. Wie wertvoll uns andere Menschen sind. Momente, in denen wir verstehen – manchmal mit Verstand und Einsicht, oft aber eher im Herzen. Etwas „fühlt sich jetzt richtig an.“
Solche Momente im Leben sollte man ernst nehmen. Wie der Mann in der biblischen Geschichte, dem einer erzählte, was Jesus getan und gesagt hat. Das fühlte sich richtig an und der Mann ließ sich taufen.
Was tun wir, wenn etwas sich für uns „richtig“ anfühlt? Vielleicht: Es geschehen lassen. Oder anderen zu sagen, was man als richtig erkannt hat. Und manchmal, wenn man in schwierigen Situationen eine Erleichterung gefunden hat: Gott danken!
Predigttext am Sonntag, 7. Juli 2024, ist Apostelgeschichte 8, 26-39 (i.A.)
Wir leben von dem, was wir geschenkt bekommen: Leben und Liebe, Möglichkeiten und Fähigkeiten, Raum und Zeit für uns.
Und wir leben für das, was wir daraus machen können: Anderen zu Ihrem Glück verhelfen und unser Liebsten lieben, Not linderen und für Fortschritt sorgen, Neues wagen, Gutes planen, Sinnvolles tun.
Mit dieser Erkenntnis beginnt Religion: Unser Leben haben wir uns nicht selbst gegeben und unser Glück können wir nur in geringem Maße selbst uns schaffen. Aber wir können anderen ihr Leben leichter machen und unser Glück Gott anvertrauen, der uns jenseits von Raum und Zeit, jenseits alles Begrenztheit und Endlichkeit in seinen Armen hält. So ist es zu verstehen, wenn Gott laut Paulus sagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; den meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.
Predigttext am Sonntag, 30. Juni 2024, ist 2.Korinther 12, 1-10.
Der alte Mann saß in seinem Lehnstuhl am 85. Geburtstag. In der Familie hatte es vor Jahren Ärger gegeben – um Geld natürlich, wobei er, so weit ich es als junger Vikar mitbekam, eher das Opfer war. Er aber saß sanft lächelnd da und erklärte mir, als ich nach dem alten Streit fragte: „Wissen Sie, man wird nicht alt um recht zu haben, sondern um gnädig zu sein.“
Es ist ein Teil der Lebenskunst, gnädig zu sein. Gerade da, wo einem übel mitgespielt wurde; wo andere über einen hinweg gehen; wo andere nur an sich denken: Der Bruder, der sich das Haus als Erbe gesichert hat, die Schwester, die einem den Jugendschwarm weggeschnappt hat – man kennt solche Geschichten.
Warum schaffen es manche, Schläge wegzustecken und andere nicht? Warum können manche die, die ihnen übel mitgespielt haben, in Ruhe übersehen, während andere in Bitternis versinken? Es liegt letztlich, denke ich, am Vertrauen, das man in sich und in das Leben hat, am Wissen, dass man von Gott geliebt und geschaffen ist, am Gefühl, dass man sich die Liebe als Grundüberzeugung für das eigene Leben nicht nehmen lassen will. Es liegt am Glauben.
Predigttext am Sonntag, 23. Juni 2024, ist 1.Samuel 24, 1-20
Gnädig zu sein, fällt meist nicht schwer. Wenn es nur darum geht, nach einem kleinen Fehler des anderen zu sagen „Macht nichts“, ist das kein Problem, im Gegenteil, es gibt einem oft sogar ein gutes Gefühl, andere zu entschuldigen.
Schwieriger wird es, wenn A B etwas getan hat, und B A vergibt – und ich C bin, der sich redlich abmüht, keine Fehler zu machen. Klingt kompliziert? Dann konkret, wie es Jesus im Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt hat. Ein Mann hatte zwei Söhne, einer verlässt das Haus und bringt sein Erbe durch, wäre der andere Sohn brav alle Pflichten übernimmt – und sich am Schluss darüber ärgert, dass der Vater den „verlorenen“ Sohn wieder aufnimmt. Alles vergeben und vergessen? Da ist neben Ärger sicher auch viel Neid im Spiel. Das ist doch ungerecht!
Ist es wirklich ungerecht, wenn es dem einen besser im Leben geht als dem anderen? Ist es wirklich gerecht, wenn alle über den gleichen Kamm geschert werden? Freuen wir uns doch, wenn einem anderen etwas glückt im Leben, wenn er gesund bleibt und ein gutes Auskommen hat. Unsere Lage wird weder besser noch schlechter dadurch, dass wir darauf starren, wie es anderen geht. Oder wie es in einem (fälschlicherweise John F. Kennedy zugeschrieben) Zitat heißt: „Das Leben ist ungerecht. Aber vergiss nicht: Nicht immer zu deinen Ungunsten.“ Seien wir also gnädig – auch dann, wenn es anderen besser geht!
Predigttext am Sonntag, 16. Juni 2024, ist Lukas-Evangelium Kapitel 15, Verse 11-32.
Manchmal ist Gott ferne. Man glaubt gar nicht, dass es ihn gibt. Man spürt ihn nicht, sondern hat eher das Gefühl, dass man sein Leben ziemlich alleine meistern muss.
Doch dann gibt es auch die lichten Momente, in denen Gott gespürt werden kann. Sie flackern auf, wenn uns in schwierigen Situationen eine innere Gewissheit ergreift, die sagt: „Das ist gut!“ „Das schaffst du!“ Momente, in denen wir in uns Ruhe und Gelassenheit spüren und mutig und offen durchs Leben gehen. Augenblicke auch, in denen unser Herz vor Freude springt.
Dann wohnt der Geist Gottes in uns, heißt es im Bibeltext für nächsten Sonntag. Man könnte auch sagen: Dann ist uns Gott so nahe, dass sich die Frage erübrigt, ob wir an ihn glauben. Glauben zeigt sich eben nicht durch Denken, sondern im Gefühl, dem Leben zu vertrauen.
Predigttext am Sonntag, 9. Juni 2024, ist Epheserbrief 2, 17-22.
In der Sozialpsychologie gibt es einige sehr interessante Experimente zum Thema Konformismus. Das ist die Beobachtung, dass wir Menschen in dem, was wir tun, stark beeinflusst werden, von dem, was andere tun. Ganz lustig zum Beispiel ein schon altes Experiment in einem Aufzug. Überlegen Sie mal, wenn Sie Aufzug fahren – in einem der keine Spiegel hat. Wo sehen Sie während der Fahrt hin? Die meisten Menschen blicken zur Türe. Ganz automatisch. Alle blicken in die gleiche Richtung. Fremde Menschen starrt man nicht an. Bei dem Experiment stieg nun also eine Versuchsperson in einen Aufzug, ging hinein, drehte sich um und blickte zur Türe. Sogleich stiegen noch einige andere ein, die Teil der Versuchsanordnung waren: Die blickten zunächst auch zur Türe, drehten sich aber während der Fahrt zur Wand – und die unwissende Versuchsperson tat dies auch. Und zwar in jedem Fall, bei allen Versuchen. Man machte das Experiment auch mit Männern – es war in den 50er Jahren -, die im Aufzug den Hut abnahmen. Die Versuchspersonen machten alles mit. Im Film sieht das lustig aus. Weniger lustig war ein anderes Experiment, bei dem eine Versuchsperson für einen angeblichen Test in einen Raum mit anderen Menschen gesetzt wurde. In den Raum drang Rauch ein, immer mehr, doch keine der eingeweihten Personen rührte sich – so dass auch die meisten der Versuchspersonen keine Hilfe holten, sondern im Raum sitzen blieben. Manche so lange, bis man vor Rauch kaum noch etwas sah. Warum ich das erzähle? Nun, weil es zeigt, wie mächtig der Konformitätsdruck ist, wie sehr wir bereit sind, Mehrheitsmeinungen hinterherzurennen. Und wie wichtig es ist, das es Minderheiten gibt, die zu ihrer Meinung stehen, zu ihrer Beobachtung – und die uns vor dem gefährlichen Rauch warnen. In der Bibel waren das Propheten wie Jeremia. Was die Mehrheit sagte, war ihm egal. Es zählt, was richtig ist. Das macht Jeremia doch auch für jeden heute noch zum Vorbild, oder?
Predigttext am Sonntag, 2. Juni 2024, ist Jeremia 23, 16-29.
Mit der Trinität fängt wohl nur noch eine kleine Minderheit selbst der Christen heute etwas an. Das macht Mut, es einmal mit einer Erklärung zu versuchen. Dauert heute also ein klein wenig länger als gewohnt.
Also zur Trinität:
Zunächst: Von Gott kann man nur in Bildern reden. Genau aus diesem Grund lehnen die meisten Religionen es ab, Gottesbilder anzubeten. Wir haben nur eine sehr begrenzte Sprache, um unseren Glauben und das, worauf er sich richtet, zu beschreiben. Gott ist gewiss kein alter Mann, der vom blauen Himmel herab uns Menschen beurteilt. Dennoch nennen wir ihn Richter oder gnädig. Wie anders auch sollten wir uns in Beziehung setzen zum „Sein-Selbst“, wie Philosophen Gott beschreiben, zur „ersten Ursache“? Deswegen ist auch die Lehre von der Dreifaltigkeit Bildersprache, die das, was sie beschreibt eher sucht als findet.
Gott der Schöpfer
„Am Anfang schuf Gott….“ Gott ist die Bezeichnung für das, was der Ursprung allen Seins ist. Ein Atheist wie der bewundernswerte, jüngst verstorbene Stephen Hawking entdeckt am Anfang allen Seins eine „Singulariät“, aus der mit Notwendigkeit das Universum in einem „Urknall“ entstand. Die Bildersprache ist auch in der Physik nicht zu überhören. Im Widerspruch zur christlichen Lehre steht das nicht. Im Glauben sehen wir Menschen uns aber zu diesem Grund allen Seins in eine Beziehung gesetzt. Und deswegen verstehen wir ihn als Person, als Gott, den Schöpfer. Natürlich ist Gott etwas anderes als eine Person, etwas – im wahrsten Sinne – unendlich mächtigeres; aber das übersteigt unseren Horizont. Das Größte, dem wir begegnen können, ist eine andere Person. Deswegen wäre Gott als Idee oder Gott als Objekt ohne Selbstbewusstsein zu klein für uns. Wir sehen Gott als Gegenüber, mit dem wir kommunizieren können. Mehr geht nicht. Und das ist nicht naiv, sondern „Ergriffensein von dem dem, was uns unbedingt angeht“, wie der Theologe Paul Tillich den Glauben nannte. Wir sind! Und zwar nicht weil wir uns gemacht haben, sondern offenbar geschaffen wurden oder „entstanden sind“, was letztlich für uns das Gleiche meint.
Eine Besonderheit der christlichen Lehre der Schöpfung ist, dass Gott als der geglaubt wird, der die Schöpfung in jedem Moment auch „erhält“. Ohne Gott, ohne das Sein-Selbst, gäbe es uns keine Sekunde lang. Gott hat also nicht nur am Anfang die Welt geschaffen und lässt seitdem alles laufen, sondern er erhält sie, indem es Energie, Elementarbausteine und Naturgesetze samt den Naturkonstanten gibt.
Jesus der Sohn Gottes
Wenn Gott alles Seiende geschaffen hat, dann ist alles gut, was dem Seienden zugute kommt. Auf uns Menschen bezogen – und zunächst geht es uns nur um uns – heißt das: Gott will, dass Menschen leben, und ist gegen alles, womit Menschen dem Leben schaden. Deswegen ist das Gute nicht eine von zwei Möglichkeiten, sondern die einzige, nach der wir Menschen richtig leben. Als abstrakter Gedanke wäre das Gute aber nicht sonderlich hilfreich, sondern es ist am besten, wenn es uns möglichst in Reinform so begegnet, dass wir es sehen und verstehen können – in einem Menschen. Im Zentrum der christlichen Lehre steht deshalb Jesus von Nazareth, von dem geglaubt wird, dass er der „Sohn Gottes“ ist, weil in ihm dieses Gute zwischen den Menschen vollkommen erschienen ist. Eigentlich geht das nicht, weil alle Menschen widersprüchlich und fehlerhaft leben. In Jesus aber sehen Christen den vollkommenen Menschen abgebildet, gerade weil er mit seiner Vollkommenheit keine heile Welt erschuf, sondern am Kreuz das Elend einer unheilvollen Welt trug. Diesen Gedanken gibt es nur in der Religion, denn die Philosophie kann hier nur einen Widerspruch feststellen und sich vielleicht auf ein trotziges „dennoch“ der Existenzphilosophie besinnen nach dem Motto: Das Leben ist sinnlos, aber es ist gut, wenn wir das wissen. Bei allem Respekt, da greift mir die Philosophie zu kurz!
Der Heilige Geist
Die dritte Art, wie wir Gott erfahren und denken können, ist der Heilige Geist. Wer nicht ganz und gar „religiös unmusikalisch“ ist, wird ihn zuweilen in sich spüren: Lassen Sie sich auch berühren, wenn andere Menschen Gutes tun? Haben Sie Mitleid? Und wenn Sie in der Kilianskirche sitzen und den Hochaltar anschauen, überkommt sie dann das Gefühl, hier etwas zu begegnen, das über die Endlichkeit der Welt hinausweist – auch wenn es Ihnen völlig egal ist, welche Kirchenlehrer da abgebildet sind und dass das ein alter Marienaltar ist. Mit dem Heiligen Geist jedenfalls wird die Wirkung beschrieben, die der Glaube hat, der nicht aus uns kommt, sondern erlebt wird, erlebt werden muss, weil man ihn nicht völlig in Begriffe fassen kann…
…. und ich stehe am Ende mit meinen Versuchen wieder da, wo ich am Anfang war: Der Glaube ist „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“, wie der Theologe D.F.E.Schleiermacher ihn beschrieben hat. Alle Begriffe und Bilder sind deshalb nur begrenzte Versuche, eine Sprache für das zu finden, was man in den lichten Momenten seinen Lebens erfahren darf: Dass es jenseits unseres begrenzten und zuweilen schweren Lebens Halt und Sinn gibt, und wir auch als „Staubkörner im All“ nicht Nichts sind.
Predigttext am Sonntag „Trinitatis“, 26. Mai 2024, ist Epheserbrief 1, 3-14.
Dass der Geist Gottes in und für uns wirkt, ist zunächst einmal nur eine Behauptung, die wir an Pfingsten feiern. Aber dann und wann, in den wirklich bedeutsamen Momenten unseres Lebens, kann man diesen Geist tatsächlich spüren: Es ist vielleicht der Moment, wenn man im Kreißsaal sitzt und sein neugeborenes Kind im Arm hält. Oder der Moment, wenn der freudige Brief da ist, auf den man so lange gewartet hat. Oder die Stunde, in der wir einem anderen Menschen ganz nahe fühlen und alles um uns herum vergessen. Oder der kurze Augenblick, wenn etwas, woran wir lange gearbeitet haben, endlich fertig ist.
Momente, in denen wir Transzendenz spüren, in denen wir die Grenzen der Welt und unseres Denkvermögens überschreiten. Was sich uns dort offenbar ist allerdings nichts, was man behalten kann. Wir haben den Geist Gottes nicht, sondern bekommen nur dann und wann eine Begegnung mit ihm geschenkt, und wenn wir klug sind, ziehen wir einen Schluss daraus: Man kann den Verheißungen Gottes trauen, dem Gefühl „für das Unendliche“, das uns ins Herz flüstert: „Du bist gehalten, du bist geliebt!“