Sonntagsgedanken 16-07-2023 – Zweifler tun gut

„Einige aber zweifelten“ steht da mitten in dem Bibeltext, der erzählt, dass Jesus seinen Jüngern den Auftrag gibt, neue Anhänger zu suchen und sie zu taufen. Die haben uns grade noch gefehlt, mögen da manche der nicht-zweifelnden Jünger gedacht haben. Wenn man eine Idee oder einen Glauben vertritt, muss man doch zu hundert Prozent dahinter stehen, darf nicht daran zweifeln, dass das die Wahrheit ist.
Vor einem Glauben ohne Zweifel würde ich mich allerdings fernhalten. Zumindest Selbstzweifel sollte ein Glaubender haben: Er sollte sich nicht so sicher sein, dass sein Glaubensverständnis das richtige ist und alle anderen falsch liegen.
Deswegen tut es jeder Gruppe gut, wenn in ihr auch ein paar Zweifler sind, die die Wahrheitsfrage immer wieder neu stellen. Sie führen nicht zu einer Aufweichung des Glaubens, im Gegenteil. Glaube wird tiefer und fester, wenn er keine Angst davor hat, dass andere ihn bezweifeln.

Predigttext am Sonntag, 16. Juli 2023, ist Matthäus 28, 16-20

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Sonntagsgedanken 09-07-2023 – Keine Meinung zu allem

Jeder muss jede Meinung äußern dürfen – aber man muss nicht alles sofort beurteilen.

Seit einer gefühlten halben Stunde lauschte ich am Telefon der Mitarbeiterin eines Meinungsforschungsinstituts, die mir Frage um Frage stellte: Was ich von welchem Telefonanbieter halte, welche Partei ich am Sonntag wählen würde, und welches der folgenden Ländern ich mir als Urlaubsziel vorstellen könnte – geordnet von 1 = gar nicht bis 5 = sehr gut. Dann war es mir zu viel.

Muss man eigentlich zu allem eine Meinung haben? Genügt es nicht, zunächst einfach nur die Fakten zu kennen. Und auch nur da, wo sie für mich Bedeutung haben? War der Wirtschafts-Gipfel ein Erfolg oder nicht? Ich denke, das kann man ehrlicherweise so oder so sehen. Und ich bin zwar davon überzeugt, dass es den Menschen in Afrika besser gehen sollte, aber wie das am besten zu erreichen ist, wird sich vermutlich nicht per Meinung entscheiden lassen, sondern das können Fachleute viel besser beurteilen, wenn mehrere Dinge immer wieder versucht und wieder verbessert wurden. Jeder muss jede Meinung äußern dürfen – aber man muss nicht alles sofort beurteilen.

Unsicherheiten gehören zum Leben. Das meiste lässt sich – in der Politik wie auch privat – nicht planen, sondern nur mit etwas Mut riskieren. Wenn es schief geht, dann muss man eben etwas anderes versuchen. War es deshalb falsch? Nein, ich konnte es ja nicht vorher wissen. So ähnlich, und nun zum Predigttext des nächsten Sonntags, ist es den Jüngern Jesu gegangen. Von Johannes dem Täufer, der eine klare Meinung über andere Menschen hatte, haben sie sich entfernt, und folgten nun Jesus, der für alles und jeden ein großes Herz zu haben schien.

Die Frage: „Wie beurteilen Sie die römische Besatzungspolitik auf einer Skala von 1 bis 5?“ hätte er gewiss ignoriert*. Man muss es eben aushalten, solche Fragen auch mal nicht zu beantworten. Oder anders gesagt: Man muss Haltung zeigen, aber nicht zu allem eine Meinung haben.

Predigttext am Sonntag, 9. Juli 2023, ist Johannes-Evangelium 1, 35ff.

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Sonntagsgedanken 02-07-2023 – Selbstkritik

Was soll man nicht alles tun oder alles nicht tun: Müll trennen, bewusst essen, fleißig lernen, Gutes tun,…. Ermahnungen gibt es zu genüge und am liebsten sind sie uns, wenn wir sie anderen vorhalten können. Ermahnung die uns selbst betreffen, ärgern uns dagegen, wir fühlen uns missverstanden und überhaupt….

Damit Ermahnungen akzeptabel sind, muss der, der sie auspricht, zu allererst glaubwürdig sein. Und das heißt hier: fähig zur Selbstkritik. Die aber geht vielen genauso ab wie der Humor, der ja die lustige Seite der Selbstkritik ist und dort Größe zeigt, wo man über sich selbst und seine Fehler lachen kann.

Für Interessierte: Predigttext am Sonntag, 2. Juli 2023 ist 1.Petrusbrief 3, 8-17.

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Sonntagsgedanken 25-06-2023 – Anders als erwartet

Eine Geschichte zum Bibeltext vom Sonntag (Jona 4, 1-11):

Einst wohnte ein sehr frommer Mann am Ufer eines Flusses. Als ein Hochwasser kam, sendete die Stadt einen Jeep, der ihn und andere aus dem gefährdeten Gebiet abholen sollte. Doch der Fromme sprach: „Ich brauche keine Rettung. Gott wird mich erretten“ und blieb. Einige Stunden später war das Wasser bis in den ersten Stock gestiegen. Da kam ein Schlauchboot ans Fenster gefahren. Die Rettungskräfte forderten ihn erneut auf, einzusteigen und sich retten zu lassen. „Nicht nötig“, rief ihnen der Fromme zu, „Gott wird mich erretten. Ich bleibe.“ Das Schlauchboot fuhr davon. Eine weitere Stunde später musste der Fromme schon aufs Dach steigen. Ein Hubschrauber kam geflogen, ein Retter ließ ein Seil herab. Doch der Fromme ließ es unberührt neben sich baumeln und schrie gegen den Lärm an: „Geht. Gott wird mich erretten.“ So kam es, dass die Fluten den Frommen mitrissen und er in den reißenden Wassern zu Tode kam. Im Himmel beklagte er sich bei Gott: „Herr, ich habe so viel zu dir gebetet und an dich geglaubt. Warum hast du mich nicht errettet?“ Da blickt Gott ihn irritiert an: „Ich hab dir doch einen Jeep, ein Schlauchboot und dann sogar noch einen Hubschrauber geschickt.“

Gott hilft uns im Leben. Oft nicht so, wie wir es erwarten. Und meist schon gar nicht so, wie wir es wünschen. Aber am Ende werden wir wie Jona in der Bibel gerettet und werden vielleicht sogar zum Retter für andere.

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Sonntagsgedanken 18-06-2023 – „Ich mach das toll!“ Echt?

Mein Leben ist richtig! Ich mache das toll! – Vermutlich würden das viele gerne sagen, aber die meisten schrecken zu recht davor zurück. So ehrlich sind wir ja, dass wir nur zu genau wissen, was falsch läuft, und es gerne anders machen würden, wenn es nur so einfach ginge.

Und dann gibt es im Leben ja auch noch die mehr oder weniger massiven Störungen von außen, durch andere Menschen, durch das Schicksal, was auch immer. Richtig ist da vieles nicht.

Wenn ich es richtig verstehe liegt für Jesus die Kunst gelingenden Lebens darin, im Augenblick richtig zu leben, genau jetzt das Richtige zu tun. Gelegenheiten am Schopf zu packen und Möglichkeiten zu nutzen. So wie die Loser im Gleichnis, die von einem Gastgeber zu einem Festmahl eingeladen werden. Seine ursprünglichen Gäste lassen sich alle entschuldigen, deshalb lässt er die nächstbesten Verlierertypen von der Straße zum Fest holen. Ein Gelegenheit, die man ergreifen muss!

Kunst des Augenblicks, meine Möglichkeiten nutzen, das Beste aus allem machen – egal, wie man es nennt, es ist gesegnet, sagt Jesus, wenn es einen Gott näher bringt.

Predigttext am Sonntag, 18. Juni 2023, ist Lukasevangelium 14, 15-25.

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Sonntagsgedanken 11-06-2023 – Gott ist die Liebe. Punkt.

Über Gott ist schon viel zu viel gestritten worden: ob er männlich ist oder „übernatürlich“, ob zornig oder barmherzig. Die Streitereien darum sind so dämlich wie erbärmlich, denn von Gott kann man nur in Bildern sprechen und über Symbole zu streiten ist ebenso sinnvoll wie über die Frage, ob das Blatt Papier weiß oder schneefarben ist. Es sind eben Bilder, mit denen versucht wird zu beschreiben, wie wir Gott im Verhältnis zu uns empfinden. Einige sagen uns etwas, andere nichts.

Einen Satz gibt es allerdings, der kein Sprachbild ist, sondern treffende Wahrheit, wie ich glaube: Gott ist die Liebe! Wer in Liebe lebt, lebt richtig, hat jedenfalls Jesus verkündigt. In der Liebe spüren wir unvollkommenen Menschen Vollkommenheit, einfacher gesagt: dass wir es trotzdem richtig machen können. Auch aus Liebe können wir zwar manches falsch machen, aber aus Liebe etwas zu machen, kann niemals falsch sein.

Und ein Letztes: Liebe ist das einzige, was bleibt, der einzige Sinn, wie Thornton Wilder gesagt hat. Deshalb kann ich dem Predigttext des Sonntags von ganzem Herzen und auch mit aller Vernunft zustimmen: Gott ist die Liebe.

Predigttext am Sonntag, 11. Juni 2023, ist 1.Johannesbrief 4, 16b-21.

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Sonntagsgedanken 04-06-2023 – Vom „F“ und vom „P.H.“

Es war eine gute Idee, vor einigen Jahren die deutsche Rechtschreibung zu reformieren. Leider blieb dies ziemlich inkonsequent. Das überflüssige „ß“ hätte man locker endlich loswerden können, aber so plagen wir uns heute noch am Computer damit herum, und die weltweit einmalige Großschreibung von Substantiven hat man auch beibehalten. Deutsch soll wohl nach einer besonderen Dichter-und-Denker-Sprache aussehen.

Interessant ist auch die Geschichte der Schreibweise Prophet, aus dem zunächst, völlig logisch, ein Profet werden sollte, wie auch aus der Phantasie die Fantasie wurde. Dem Protest dagegen gab man aber bald nach. Eine Zeit lang waren beide Schreibweisen möglich, nun aber gibt es laut Duden den Mann Gottes nur noch mit „ph“, während die Fantasie ihre gebildet daherkommende Ph-Schwester als „alternative Schreibweise“ dulden muss, die allerdings nicht empfohlen wird.

Meine Empfehlung hätte aber auch im anderen Fall gelautet, auf die neue normale Schreibweise „Profet“ zu bestehen. Die Bibel schildert die Gottesmänner wie Amos oder Jesaja nämlich als ganz normale Menschen, die zwar einen besonderen Auftrag spüren, aber genauso fehlbar und schwach wie wir alle sind. Und umgekehrt kann jeder zum Profeten werden – wenn er zum Beispiel die Liebe Gottes verkündet, indem er sich gegen Nazi-Sprüche bei einer Feier wehrt, wenn sie trotz schlechter Schulnoten des Sohnes dabei bleibt, dass dies nicht das Wichtigste im Leben ist, wenn jemand Gutes sagt und tut, als sei es selbstverständlich, so selbstverständlich, wie aus dem ph ein f wurde.

Predigttext am Sonntag, 4. Juni 2023, ist Jesaja 6, 1-13.

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Sonntagsgedanken 28-05-2023 – Liebesgefühle

Dass der Geist Gottes in und für uns wirkt, ist zunächst einmal nur eine Behauptung, die wir an Pfingsten feiern. Aber dann und wann, in den wirklich bedeutsamen Momenten unseres Lebens, kann man diesen Geist tatsächlich spüren: Es ist vielleicht der Moment, wenn man im Kreißsaal sitzt und sein neugeborenes Kind im Arm hält. Oder der Moment, wenn der freudige Brief da ist, auf den man so lange gewartet hat. Oder die Stunde, in der wir einem anderen Menschen ganz nahe fühlen und alles um uns herum vergessen. Oder der kurze Augenblick, wenn etwas, woran wir lange gearbeitet haben, endlich fertig ist.

Momente, in denen wir Transzendenz spüren, in denen wir die Grenzen der Welt und unseres Denkvermögens überschreiten. Was sich uns dort offenbar ist allerdings nichts, was man behalten kann. Wir haben den Geist Gottes nicht, sondern bekommen nur dann und wann eine Begegnung mit ihm geschenkt, und wenn wir klug sind, ziehen wir einen Schluss daraus: Man kann den Verheißungen Gottes trauen, dem Gefühl „für das Unendliche“, das uns ins Herz flüstert: „Du bist gehalten, du bist geliebt!“

Predigttext am Pfingstfest, 28. Mai 2023, ist 1. Korinther 2, 12-16.

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Sonntagsgedanken 21-05-2023 – Ich glaube das

„Ich habe eine Begegnung gehabt. Ich kann sie nicht einmal beweisen, doch ich spüre sie mit allem was ich bin. Wir sind verbunden mit etwas Höherem – und wir sind nicht allein. Keine Sekunde.“

Haben Sie so etwas auch schon mal empfunden: Damals im Krankenhaus als Sie inmitten aller Bedrohung gespürt haben: Das geht gut? Oder als Sie mit Sorgen in der Kirche saßen und plötzlich das Gefühl hatten, hier sind Sie umgeben von Ewigkeit und Sie spüren plötzlich Ruhe und Kraft?

So wie Samuel in der Bibel, der spürt: Gott will etwas von ihm.

Das Zitat stammt aus dem Film Contact, in dem eine Wissenschaftlerin im Rahmen einer äußerlich gescheiterten Raumfahrtmission eine Begegnung dieser besonderen Art hat: Die Gewissheit zu spüren, dass alles ganz anders ist, alles ist geborgen, gedacht, gehalten und voller Sinn.

Manche halten das für Illusion – das kann man so sehen. Delusion – Irrsinn -, wie es militante Atheisten nennen, ist diese Begegnung aber nicht. Glaube kann man nicht beweisen und nicht machen, man kann ihn nur spüren: Als „Ergriffenheit von dem, was uns unbedingt angeht“, als „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ – oder manchmal auch nur ganz lapidar als Gewissheit, dass Liebe und Güte richtig sind.

Predigttext am Sonntag, 21. Mai 2023, ist 1.Sam. 3, 1-10

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Sonntagsgedanken 14-05-2023 – Beten für andere

Auch wenn manche das etwas verschämt nicht an die große Glocke hängen: Für andere zu beten ist eine schöne Sache und kommt viel häufiger vor, als man vielleicht denkt. Das Gebet für die Tochter, die ein Kind erwartet, das Stoßgebet für den Ehemann, der beruflich mit dem Auto so weit fahren muss, die an Gott gerichtete Bitte, dass es der lieben Freundin doch bald wieder besser gehe.

70 Prozent aller Menschen sagen, dass sie beten. Das sind deutlich mehr, als an einen personhaften Gott glauben oder in der Kirche sind. Beten ist offenbar etwas zutiefst menschliches. Im Gebet redet unser Herz, und dann ist es egal, ob uns passende Worte einfallen oder nur Spuren von Gedanken durch den Kopf gehen.

Wer seine Gebete für andere nicht an die große Glocke hängt, tut übrigens ganz das, was Jesus empfohlen hat: Zuhause in aller Stille zu beten. Was wir beten geht ja niemanden etwas an – außer Gott.

Predigttext am Sonntag, 14. Mai 2023, ist 1.Timotheus 2, 1-6a.

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