Wahre Helden – eine Predigt zu Filmmusik

Predigt im Gottesdienst mit Filmmusik des Posaunenchors Heilbronn zum Thema „Wahre Helden“ in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim, 10. Juli 2016

Thema aus „James Bond“

Liebe Gemeinde,

ich vermute, dass Ihnen diese Musik nicht nur bekannt vorgekommen ist, sondern dass sie bei Ihnen Bilder im Kopf auslöst. James Bond, der Agent 007 mit der Lizenz zum Töten. Er rettete die Welt mit einem Augenzwinkern und im perfekt sitzenden Smoking. Vor fünfzig Jahren war er das, was man heute „cool“ nennen würde. Ein Held, den nichts aus der Ruhe bringt.

Inzwischen ist er nicht nur ein anderer Schauspieler, sondern auch eine dunklere, zweifelnde Gestalt geworden und man rätselt, wie es mit dem nächsten James Bond Film weitergeht. Aber immer noch ist er der Held, der fast im Alleingang und gegen seine Vorgesetzten die Welt vor den Bösen rettet.

So einen wünscht man sich manchmal. Einer der alles daran setzt, um uns zu retten,

um die Menschheit zu retten, um in diese komplizierte, unübersichtliche und problembeladene Welt Ordnung und Frieden zu bringen.Träume, die uns manchmal nicht fern sind. So manches Mal fühlt man sich doch von Gott verlassen und der Welt oder seinem Schicksal bedrängt. Da sehnt man sich nach einem, der einen aus dem größten Schlamassel befreit und da ist, wenn man ihn braucht. Einer, der einem die Probleme löst, die man hat. James Bond ist da, wenn die Welt ihn braucht. Er rettet die Welt, auch wenn diese ihm misstraut. Dabei bleibt James Bond ein zwiespältiger Charakter: zynisch und ohne Illusionen. Wer sich in seine Nähe begibt, kommt um – jedenfalls wenn man ein Bond-Girl ist. Obwohl, neuerdings scheint er sogar zur Liebe fähig zu sein. Aber das ist für ihn eher eine Bedrohung.

James Bond – ein Held, gewiss, aber keiner, dem man wirklich nahe kommen kann. Keiner, der mit einem durch dick und dünne geht. Er rettet die Menschen – aber letztlich sind sie ihm doch egal. Überlegenheit und Unerbittlichkeit strahlt er aus. Aber Wahrheit, Halt und erfülltes Leben wird man bei ihm vergeblich suchen.

Die Sehnsucht danach hat in früheren Jahren jedenfalls ein anderer erfüllt, ein Indianer, den uns der Posaunenchor jetzt musikalisch vorstellt.

(Thema aus „Winnetou“)

Winnetou – der edle Wilde und Held unzähliger deutscher Buben vor vielen Jahrzehnten. Inzwischen kennt man ihn nicht mehr so. Ich habe kürzlich im Schulunterricht gefragt, wer Winnetou kennt. Es waren nur zwei oder drei Schüler. Man kann sich das gar nicht vorstellen, wenn man weiß, wie sehr Winnetou früher populär war.

Er war der von Natur aus gute Mensch. Arme Siedler konnten ebenso auf ihn zählen wie sein Freund Old Shatterhand. Im Einklang mit der Natur und einem überirdischen Geist Manitu kämpfte der Häuptling der Apachen für das Gute und gegen die Bösen.

Karl May hat Winnetou dabei als eine Art unbewussten Christen gezeichnet. Zahlreiche Orgelchoräle und Bibelsprüche kommen in Karl Mays Abenteuergeschichten vor, und er rühmte die Gebote, die „Regeln der Menschlichkeit“, die die jüdische Religion in die Welt gebracht hatte. Ist Winnetou also ein Held für uns?

In vielem ja. Ein mutiger Kämpfer für das Gute. Einer, hinter dem ein Glaube, eine Wahrheit steht – die christliche Liebe, wenn man so will. Allerdings ist Winnetou nur eine Wunschfigur, eine Projektion. So stellen sich manche das Gute im Menschen vor, die Naturverbundenheit und Natürlichkeit. Fernab von all den bösen Stadtbewohnern und dem modernen Leben, ohne Geld und Technik, mit Pfeil und Bogen, lebt man richtig.

Mit dem wirklichen Leben hat das nichts zu tun. Die Naturvölker lebten meist unter elenden Bedingungen und nicht lange. Die Mehrzahl der Kinder starb früh und um die wenigen Wasserstellen und Jagdgebiete wurde erbittert gekämpft. Die Apachen waren gefürchtete Räuber – gefürchtet vor allem von anderen Indianer-Stämmen.

Der Held – hier ist er nur Wunschdenken. Kein Zyniker wie James Bond, aber viel zu glatt, viel zu mühelos erfolgreich. Beides keine wahren Helden.

Ein anderes Bild sagt: Helden müssen leiden.Müssen kämpfen wie um die eigene Existenz. Wenn Sie seinen Namen nicht kennen, die Musik haben Sie schon gehört: Rocky Balboa.

(Musik „Gonna Fly Now“ aus „Rocky“)

Der Boxer Rocky ist der moderne Schmerzensmann. Einer, der leidet, immerzu sich quält. Bis zum letzten kämpft und nie aufgibt. Keiner, der aus Spaß kämpft, sondern weil es um sein Leben geht, um das, was er ist oder sein will im Leben.

Die Vorstellung, dass Helden leiden müssen, ist eigentlich seltsam. Im alten Griechenland sind Hektor und Achilles zwar im Kampf gestorben, aber leidend waren sie nicht, sondern zuvor triumphierende Helden. Rocky Balboa wäre wohl gern einer von ihnen. Denn sein Heldenmut hat einen Fehler: Er kämpft vor allem für sich selbst. Eigentlich ist er deshalb kein Held, sondern eher ein Vorbild, eine Ermunterung, nicht aufzugeben.

Aber manchmal kann man einfach nicht mehr. Da kann Rocky nicht Vorbild  sein. Da braucht man einen echten Helden, der einen rettet.

Auch im alten Israel träumte man vom Helden. Je schlechter es Israel ging, je mehr es von anderen Völkern bedrängt wurde, desto mehr träumte man von einem Erlöser, vom Messias, einen Helden, den Gott sendet, um die Feinde zu vertreiben und das Reich neu zu errichten. Dabei dachte man zunächst an einen klugen, charismatischen König – so wie David. Dann an einen mächtigen Befreier – so wie der König Kyros. Aber dieser Held, dieser Messias, kam nicht.

Unsere Träume erfüllen sich nicht so leicht. Dabei sehnen wir uns doch so sehr nach Helden, brauchen sie, wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können oder es uns jedenfalls nicht zutrauen.   Vielleicht haben Sie sich auch schon gewünscht, wenn sie es besonders schwer hatten: Dass da einer kommt, der ihre Probleme löst und alles zum Guten wendet. Der das Böse mit Macht beseitigt, so dass am Ende nur das Gute bleibt. Manchmal können wir ja wirklich nicht mehr, wissen nicht mehr weiter. Hoffen auf Erlösung von außen – oder besser gesagt: von oben. Der Messias soll kommen, der Christus, der Superstar.

(Medley aus „Jesus Christ Superstar“)

War Jesus einer „Superstar“? Zwar erzählt man von ihm, er habe Kranke geheilt und Tote auferweckt, aber er scheitert. Den Hohenpriestern ist sein Verhalten und sind seine Predigten ein Dorn im Auge. Er muss verschwinden. Die Römer wollen Ruhe und richten ihn als Aufrührer am Kreuz hin.

„Da hätte doch wenigstens Gott eingreifen können. Wer lässt denn seinen Sohn am Kreuz sterben?“ Das ist immer wieder die einhellige Meinung von Schülern, wenn wir über die Passionsgeschichte sprechen. Aber Jesus stirbt, elend in Gottferne.

Nach Markus sind seine letzten Worte: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Von Jesus haben die ersten Christen gesagt, er sei wahrer Gott und wahrer Mensch. Wahre Menschen sind keiner Supermänner oder -frauen. Sie sind nicht unsterblich und unverletzlich.

Wahre Menschen sind in ihren Möglichkeiten begrenzt, haben Schwächen, empfinden Schmerzen, sind traurig, können sich aber auch freuen und lachen.

In dem Musical Jesus Christ Superstar, das zur Zeit wieder in Schwäbisch Hall auf der Freitreppe aufgeführt wird, will Judas das nicht wahrhaben. Er möchte einen Jesus, der eingreift und die Welt auf den Kopf stellt, der die Bösen bekämpft und sich fern hält, vom Jubel und Getümmel der Einzelnen.

Aber Jesus war kein ferner Übermensch, sondern ein wahrer Mensch, der Mensch, der richtig gelebt hat. Er konnte zuhören und vergeben, konnte Verzweifelte wieder aufrichten und lahm Gewordene wieder zum Gehen bewegen. Perspektivlosen öffnete er die Augen und Traurigen gab er neue Hoffnung. Jesus hat denen, die nur an ihren Reichtum dachten, gezeigt, dass es im Leben wichtigeres gibt. Und denen, die auf dem falschen Weg waren, hat er in Liebe den richtigen gewiesen.

Er war kein Superstar, kein Super-Agent und auch kein edler Naturbursche, sondern ein Mensch, in dem Gott war. Einer, der uns gesagt hat, dass man sich nicht anderen unterwerfen soll. Dass Gott uns als freie und selbständige Menschen will. Der uns gezeigt hat, wie wir Helden unseres eigenen Lebens werden.

Die Fehlerhaftigkeit der Welt – die Kontingenz, wie die Philosophen sagen – die Unvollkommenheit und Kompliziertheit unseres Lebens hat er nicht bekämpft oder weggezaubert, sondern er hat uns an die Hand genommen, hat uns befreit und mit Liebe erfüllt, damit wir im Vertrauen zu Gott unser Leben gehen und so glücklich werden.

In dem Film „Wie im Himmel“ gibt es ein schönes Lied, das wir nachher noch hören werden. In dem Liedtext heißt es:

Ich will nur glücklich sein / Dass ich bin, wie ich bin / Frei sein / Und mein Leben gehört mir / Und den Himmel, den ich suchte / Den find‘ ich irgendwo… / Ich will spüren das ich mein Leben gelebt habe!!

So, denke ich, kann jeder zum Helden seines Lebens werden – wenn er sein Leben lebt, wie Jesus: Jeden Tag neu annehmen – in Glaube, Liebe und Hoffnung. Und jeden Tag neu  bestehen – unter dem Segen Gottes, der uns zu Helden unseres eigenen Lebens macht.

Amen!

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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