Selfies – eine Predigt

Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18, 9-14)

Liebe Gemeinde,

Letztes Jahr war wieder einmal der Weltuntergang nahe. – Nein! Natürlich nicht. Ich sage das jetzt ironisch, aber damals empörten sich bestimmte Erwachsene, die meist selbst gar kein Smartphone hatten, über „Selfies“, also die Bilder, die man von sich selbst macht. Selfies seien Ausdruck von Selbstverliebtheit und von Narzissmus. Schlimm sei es, was die Jugend da macht! Sie schaut nur noch sich selbst an, findet nur sich selbst wichtig.

Narziss war jener Jüngling, in den sich eine schöne Frau verliebte. Da er diese Liebe aber verschmähte, sondern nur sich in seinem eigenen Spiegelbild bewunderte, straften ihn die Götter mit unstillbarer Selbstliebe. Das machen Selfies aus uns?

Keine Angst: Selfies haben mit Narzissmus nichts zu tun, sagen die Medienexperten, denn in der Regel werden sie beiläufig gemacht und die Personen darauf wissen, dass sie darauf selten vorteilhaft aussehen. Man ist halt irgendwo und möchte seine Bekannten daran teilhaben lassen, dass man jetzt vor dem Brandenburger Tor oder dem Louvre steht. Früher hat man deswegen eine Postkarte auf den Postweg gebracht, heute geht das sofort und man ist sogar noch selbst mit auf dem Bild.

Die Jugendlichen unterwandern das heute ironisch, indem man nicht mehr nur ein Foto macht, sondern das auf SnapChat sofort verzerrt, verziert und verunstaltet, bis es nur noch ein Witz ist.

Ich finde das gut, wenn man so humorvoll mit sich selbst umgehen kann.

Man will mit einem Selfie zeigen, dass man irgendwo ist, mit irgendwem zusammen ist, will sich an einen wichtigen Moment erinnern – und zugleich nimmt man das ganze nicht so sonderlich ernst, macht sich hässlich, witzig oder setzt sich hinter Gittern. Das finde ich gut: Sich selbst zu mögen und zu zeigen und zu sich zu stehen – und auf der anderen Seite sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Ob nun ein Fan von Ronaldo ein Foto von sich und seinem Star macht oder ein Flüchtling ein Selfie von sich mit der Bundeskanzlerin, das ist alles OK.Umgehauen hat es mich allerdings fast, als bei der Konfirmation einmal ein Konfirmand, als er zur Einsegnung aufstand, zunächst ein Bild von sich machte, bevor er vor zum Altar ging. Offenbar war die Konfirmation etwas besonders wichtiges für ihn.

Eine Sache würde mich allerdings noch von den Jugendlichen interessieren: Schaut ihr euch die Bilder von euch selbst hinter nochmal an, oder verschwinden die wie bei Snapchat gleich wieder?

Ich denke, Selbstporträts haben immer auch etwas mit Selbsterkenntnis zu tun. Die muss nicht immer vorteilhaft sein. Wenn ein Foto von mir anschaue, wir mir schnell klar, dass ich leider nicht wie George Clooney ausschaue. Und dennoch fühle ich mich ganz wohl in meiner Haut.

Das Bild, das man von sich selbst hat, muss also auch stimmen. Selbsterkenntnis ist ja immer der erste Weg zur Besserung.

Die Geschichte, die eingangs vorgelesen wurde, erzählt das ja auch. Während der Pharisäer überheblich wird, weil er sich besser vorkommt als der Sünder, erkennt der Zöllner, was er falsch gemacht hat.Diese Geschichte aus der Bibel haben sie vermutlich schon vorher gehört. Man blickt dann ja leicht auf den Pharisäer herunter, der so von sich eingenommen ist. Aber Vorsicht! In einem kleinen Gedicht schrieb Eugen Roth eine Fortsetzung:

Ein Mensch betrachtete einst näher / die Fabel von dem Pharisäer, / der Gott gedankt voll Heuchelei / dafür, dass er kein Zöllner sei. / Gottlob! rief (der Mensch) in eitlem Sinn, / dass ich kein Pharisäer bin!

So kann man es natürlich auch versuchen: Egal wie man es dreht und wendet, man steht immer als der Gute da. Andere sind – gottlob – noch schlechter als ich. Und dann merkt man gar nicht, wie dumm das ist, wenn man sich so viel besser als die anderen vorkommt.

Jesu Antwort dagegen heißt für mich: Schau dich selber an und urteile nicht über andere! Es ist sinnlos, deinen Selbstwert davon abhängig zu machen, ob du gut oder gar besser bist. Jeder macht immer wieder Fehler, versagt, ob er es will oder nicht. Es ist unmöglich, sich vor Gott zu beweisen. Das kann nur schiefgehen.

Und dann spürt man: Es tut mir gut, wenn andere gnädiger auf mich schauen, also ich auf sie. Menschliche Unvollkommenheit hat etwas Tröstliches in sich. Sie sagt: Wir brauchen einander.

Wir sind aufeinander angewiesen. Dann können wir zu uns stehen. Zu unseren Schwächen, zu unserer Schuld und zu unserer eigenen Bedürftigkeit.

Deswegen dürfen Selfies durchaus auch etwas vom Selbstbewusstsein zeigen. Wenn jemand seine Schwächen kennt, darf er, nein: sollte er, trotzdem zu sich stehen. Darf stolz auf sich sein und darf das auch dokumentieren, festhalten – einen Augenblick lang oder für die Ewigkeit.

In der Ferienzeit jetzt bekommen diese Selbstporträts ja noch zwei besondere Akzente,

die ich auch wichtig finde.

Zum einen dokumentieren sie auch die Orte, an denen wir waren. Natürlich kann man auch einfach nur die Sehenswürdigkeiten knipsen, den Strand auf Sardinien oder die Skiflugschanze in Oberstdorf. Aber wenn man da aber selbst mit drauf ist, sich selbst mit drauf geknipst hat, zeigt das mehr. Es sagt: Da warst Du schon! Das ist toll! Freue dich dran! Freue dich an dem schönen Leben! Freue dich an all den schönen Erlebnissen. Sei dankbar!

Und noch etwas zweites für die Sommerzeit und Urlaub oder Ausflüge: Die schönsten Selfies sind die, auf denen wir nicht alleine sind, auf denen mehrere Personen drauf sind. Solche Bilder sind meist lustig, weil es nicht einfach ist, sie zu machen: So, dass alle mit offenen Augen ins Objektiv blicken und lachen. Keiner soll traurig sein – und vor allem: keiner soll auf dem Bild fehlen.

Gott nun sieht keine Bilder von uns an, sondern er kann uns direkt ins Herz sehen. Er weiß, wer und wie wir im Innersten sind, wer und wie wir tatsächlich sind. Aber gute Selbstporträts auf denen wir lachen und mit anderen zusammen sind, geben uns vielleicht ein Ahnung davon, wie Gott uns sieht:

Als Menschen, die immer auf der Suche nach sich selbst, nach einem richtigen Bild von sich selbst sind.

Menschen, die sich freuen wollen und die spüren, das es Augenblick gibt, die wichtig sind.

Und Menschen, die auch angeschaut und beachtet werden wollen.

Gott schaut uns an, glaube ich, freudig und gnädig. Wir sind alle seine Kinder, an denen er Wohlgefallen hat.

Amen!

Die Predigt wurde am 24. Juli 2016 in der Matthäuskirche im Rahmen eines Familiengottesdienstes zum Thema „Selfies“ gehalten.

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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