Sonntag, 02-08-2020 – Blindheit überwinden, eine Gartenzaun Predigt

Sanford Greenberg kam 1959 mit einem Koffer nach New York City, um dort zu studieren. Sein Zimmergenosse war Art Garfunkel, der später als Liedermacher des Duos Simon & Garfunkel berühmt werden sollte. Sie wurden lebenslange beste Freunde. Zwei Jahre danach ereilte Sanford Greenberg ein schweres Schicksal. Er wurde blind. Sanford fuhr zurück in seine Heimatstadt. Ein Sozialarbeiter empfahlt ihm, doch Kleinstadtrichter zu werden oder Stühle zu flechten. Art Garfunkel jedoch überzeugte seinen Freund, nicht aufzugeben, sondern an die Uni zurückzukehren. Er werde ihn in jeder Weise unterstützen. Sanford Greenberg legte einer erfolgreiche Karriere hin und promovierte in Harvard. Simon & Garfunkel haben inspiriert von seinem Schicksal einen der bekanntesten Songs der Popmusik geschrieben, „The Sound of Silence“ – Der Klang der Stille.

Das muss fürchterlich sein, mit Anfang 20 plötzlich blind zu werden. Sich in einer Welt, die man nicht sieht, zurechtzufinden. Greenberg schildert in seiner Autobiographie, wie er sich anfangs immer wieder durchsetzen musste. Immer wieder stürzte er auf der Straße, war manchmal blutüberstörmt. Als er gelernt hatte, sich alleine durch das New Yorker U-Bahn-System zu bewegen, wusste er, so sagt er, dass er es schaffen konnte.

Von der Frage nach der Schuld an seiner Blindheit habe ich in den Artikeln nichts gelesen. Keine Ahnung, ob er sie sich gestellt hat. Aber die Jünger Jesu stellen diese Frage. Am Straßenrand sehen sie einen blinden Jungen und fragen Jesus, ob er selbst oder seine Eltern gesündigt haben. Da die Blindheit des biblischen Jungen angeboren ist, ist das eine besonders dumme Frage. Ein schweres Schicksal soll Folge der Sünde sein? Alleine unsere Lebenserfahrung spricht dagegen. Unangenehme Menschen können ein angenehmes Leben führen, erfolgreich im Beruf sein und immer gesund. Und andere, gute Menschen, erwischt es wie Hiob in der Bibel. Zu jedem Schicksalsschlag gesellt sich bald ein weiterer. 

Ein schweres Schicksal ist keine Strafe. Schluss der Debatte!, würde ich mit Jesus sagen. Die meisten Erklärungen dieser Art geschehen wohl nicht aus Bösartigkeit, sondern weil wir so schwer akzeptieren können, dass es keine Gründe gibt, warum manche ein leichteres und andere ein schwereres Schicksal haben.

Warum jemand leiden muss, ist letztlich unbegreiflich. Es gibt für mich persönlich zum Beispiel keine Schuld, warum ich im vergangenen Jahr Krebs hatte. Und es ist auch kein Verdienst, dass ich damals nach einer Operation so problemlos davon kam. Es gibt keine Sünde, die dafür verantwortlich ist, wenn jemand ein behindertes Kind bekommt. Es gibt keine Schuld, warum jemand zur falschen Zeit am falschen Ort ist und deshalb Opfer eines Unfalls wird.

Jesus wischt diese falschen Erklärungsversuche beiseite. Sie lösen ja auch das Problem nicht, sondern blicken nur zurück. Vielleicht ging es jenem Sandy Greenberg so, als er zuhause in Buffalo saß. Das Problem wird nicht gelöst, wenn man fragt, was bei der Diagnose schief ging. Das Problem  löst sich auch nicht, wenn man im Elend gefangen bleibt.

Was hilft, das ist, das Leben nach vorne auszurichten. „Wie will ich leben?“ fragte er sich. Und erarbeitet sich mit Unterstützung seiner Frau und seines Freundes Art Garfunkel ein Leben, dass viele Schwierigkeiten überwand. Jesus zwingt seine Jünger auch zu diesem Blickwechsel. Aus der Frage, „Wo kommt die Blindheit her?“, muss die Frage werden: „Wie können wir helfen?“ Das ist ein fundamentaler Blickwechsel. Sich von der Frage und den Verletzungen der Vergangenheit zu lösen – und das Leben hier und heute zu beginnen, das wir morgen haben möchten. Es ist wie wenn Sie einen Verletzten auf der Straße liegen sehen. Da sollte ihre erste Frage nicht lauten „Wer ist schuld?“, sondern „Wie kann ich helfen?“ Und wenn Sie selbst an Leib und Seele verletzt sind, sollte die erste Frage auch nicht lauten „Warum wurde mir das angetan?“ – sondern „Bei wem finde ich Hilfe?“

Einfach ist das nicht.

Sandy Greenberg erzählt, dass das Gebet immer ein Teil seines Lebens war. Und als er gefragt wurde, ob er auf Gott wütend war, als er blind aus dem Krankenhaus entlassen wurde, sagte er: „Ich würde lügen, wenn ich Nein sagen würde. Ich war zornig, aber nur selten. Ich glaube an das, was Harry Truman sagte: „Ich habe keine Zeit für Bitterkeit.“

Glücklich, wer dies sagen kann.

Amen!

Predigttext ist Johannes-Evangelium 9, 1-7

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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