Sonntagsgedanken 10-01-2021 Einen Sch… muss ich

 Was ich am wenigsten leiden kann, sind Heuchler, Leute die Wasser predigen und Wein trinken. Die anderen sagen, was sie tun sollen, aber sich selbst nicht daran halten. Wenn man von etwas überzeugt ist, muss man es selbst auch leben, denke ich. Sonst bleibt das nur Geschwätz. Und gleichzeitig muss man ja nicht alles tun, was andere von einem erwarten.

Dazu habe ich ein witziges Buch geschenkt bekommen. Es heißt „Einen Sch…. muss ich.“ Ein Comedian hat es verfasst. Er beschreibt, wer uns alles mit was Angst macht und uns sagt, was wir tun müssen. Sie kennen das: Mehr Sport treiben und nicht mehr fliegen, die Kinder in die Musikschule bringen und ja keine Schokolade essen. Und die einzig angemessene Reaktion darauf ist für ihn die flapsige Reaktion: „Einen Sch… muss ich!“

Der Ausdruck mag nicht jedermanns Sache sein, aber der Inhalt ist ungemein befreiend. Wenn jemand zu einem sagt: „Du musst!“, dann ist es gut, wenn man zunächst die ablehnende Haltung einnimmt: „Ich muss gar nichts!“ Obwohl es ja oft einfacher ist, bei dem mitzumachen, was alle machen.

Andererseits – und darauf zielt das Buch – kann oft gerade auch dieses Hinstehen befreiend sein, wenn man sagt: „Ich brauche hier nicht mitzumachen.“ Ich muss nicht mitmachen bei all der Rechthaberei und dem Besserwissen, bei dem Mitläufertum und Protestgeschrei. Bei all der Angst, das Falsche zu tun. Bei den Spielen um Macht und Anerkennung im Beruf. Wir brauchen auch keine Fassade um unser Leben zu errichten und brauchen nicht das tun, was alle tun. Ich zum Beispiel brauche keinen Fußball, kein schnelles Auto und keinen Hund. Und das ist gut so. Und wer das mag, der mag eben Fußball, Autos und Hunde. Auch das ist gut so. Unser Lebenssinn hängt nicht daran, dass wir die Erwartungen anderer erfüllen.

Wichtig ist es, dass wir unser eigenes Leben als wirklich privates und persönliches führen und verantworten können. Als Christ würde ich sagen: Vor Gott verantworten können. Jeder für sich. Und deshalb kann es uns letztlich egal sein, was die anderen von uns denken. Hauptsache, wir leben unseren Glauben so, wie es Gottes Wille ist.

Der Apostel Paulus hat das etwas altertümlich, aber ganz toll ausgedrückt: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Wir brauchen nicht dauernd das Lob anderer, um unserem Leben Sinn zu geben, und wir brauchen auch nicht an uns selbst zu zweifeln, wenn wir Misserfolg haben. Hoffend und liebend dürfen wir uns in der Welt bewegen, können das Gute tun und brauchen beim Schlechten nicht mitzumachen.

Allerdings: Wer gegen die Strömung schwimmt, sollte nicht damit rechnen, dass der Fluss seine Richtung ändert, hat Stanislaw Jerzy Lec gesagt. Glaube hat man eben immer für sich selbst. Jemand hat das mal die Unangepasstheit des Glaubens genannt. Man lebt hier und jetzt und mit anderen zusammen, aber irgendwie geht man doch nicht darin auf. Jeder denkt und lebt und glaubt eben in eigener Verantwortung.

Von dem Dichter Robert Frost gibt es dazu ein schönes Zitat: „Im Wald zwei Wege sich mir boten dar; und ich nahm den, der weniger betreten war. Und das veränderte meine Leben.“

Der Glaube präsentiert uns keine ausgetretenen Pfade. Die müssen wir schon selber suchen. Und dabei wird nicht immer klar sein, wo der nächste Schritt hinführt. Aber Gott hat uns Glaube, Liebe und Hoffnung gegeben. Und den Mut, mit den Unplanbarkeiten des Lebens zu leben. 

Ich denke, vor allem für Jüngere kann diese christliche Botschaft von der Unangepassheit des Glaubens wichtig sein. 

Die Zukunft unserer Kinder scheint bei weitem nicht mehr so vorhersehbar und sicher zu sein, wie wir es gerne hätten. Doch das ist vor allem ein Problem unseres Alters. Unsere Kinder werden die Folgen des Klimawandels meistern. Und sie werden lernen, mit Corona zu leben. Und ihren Alltag werden sie auch ohne unsere Ratschläge bestehen, ohne, dass sie sich uns gleichstellen und es genauso machen wie wir es früher gemacht haben. Es wird weiterhin Gutes und Schlechtes geben, Probleme und neue Chancen. Und dass nichts in der Welt sicher ist, das haben wir im Corona-Jahr gelernt.

Viel wichtiger als die Befürchtungen ist für unsere Nachkommen deshalb das Wissen, dass die Zukunft nicht in unseren Befürchtungen, sondern in Gottes Hand liegt. Unsere Pläne sind so kraftlos wie unsere Angepasstheit. Was zählt ist unser Glaube.

„Im Wald zwei Wege sich mir boten dar; und ich nahm den, der weniger betreten war.“

Christus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Das ist unser Weg als Christen, und es ist ein guter Weg, auf dem der Apostel Paulus uns rät:

„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, macht nicht das, was man immer gemacht hat, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr selbst prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Predigttext am Sonntag, 10. Januar 2021, ist Römerbrief 12, 1-8.

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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