Sonntagsgedanken 14-02-2021 Fasten im Coronajahr

 Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Aber eigentlich brauchen wir die in diesem Jahr nicht. Auf zu viel müssen wir schon verzichten, auf Kontakte und auf Arbeit, auf Unterhaltung im Theater und tiefgründige Gespräche in der Kneipe. Auf Spiel und Spaß. In diesem Jahr ist Zwangsfasten angesagt, das Verzichten für die Gesundheit anderer, für das Leben anderer.

Üblicherweise denkt man in den kommenden Wochen eher an Verzicht auf Alkohol oder Süßigkeiten. Oder wie in früheren Zeiten an Bußrituale. Dem Propheten Jesaja ist das gewaltig auf die Nerven gegangen. Ihm sind die Leute auf die Nerven gegangen, die sich in den Gotteshäusern aufspielen, die sich mit ihrem Verzicht darstellen. Heuchler, wie es sie auch heute gibt:

Prominente, die mit dem Privatjet zum Klimagipfel fliegen, wo zum Verzicht auf Flugreisen aufgerufen wird. Leute, die soziale Forderungen stellen, und damit ganz gut Geld verdienen. Menschen, die 10.000 Euro im Monat verdienen und sich gut vorkommen, wenn sie einem Bettler 10 Euro geben.

Aber es ist natürlich immer leicht, auf andere zu zeigen. Wenn ich Verzicht übe, gefällt es mir auch, wenn andere mich dafür loben, und wenn es nur der Arzt ist, der es gut findet, dass ich weniger Schokolade esse.

Aber andere haben inzwischen wirklich genug vom Verzichten. Sie möchten endlich wieder normal leben, möchten ihr Geschäft öffnen und ihr Auskommen wieder haben – und wieder auf Dauer ganz normalen Schulalltag. Das Verzichten wegen Corona zehrt an den Nerven.

In Jerusalem war die Situation ähnlich angespannt. Die Israeliten waren aus dem babylonischen Exil in ihr Land zurückgekehrt. Eigentlich erfreulich, aber sie mussten bald erkennen, dass damit die Schwierigkeiten nicht zu Ende waren. Die Rückkehrer stießen zuhause auf Ablehnung, denn das Land und die Macht waren neu verteilt worden. Auch die wirtschaftliche Lage blieb angespannt. Und dann gab es die Hoffnung, dass sich die prophetischen Verheißungen endlich erfüllen würden, dass Freiheit, Friede und Wohlergehen kommen. Im Exil in Babylon hatte man immer gefastet. Das waren Tage der Buße als Erinnerung an das im Leben, was wirklich wichtig ist.

Das ist vielleicht der tiefe Sinn des Fastens: Es sind Tage, an denen man sich durch Verzicht bewusst machen möchte, was wirklich wesentlich ist im Leben. Und dadurch soll das Leben eine Wendung zum Besseren bekommen. Für das Volk der Bibel war der Glaube wichtig. Man betete zu Gott um eine Veränderung zum Guten. Doch es wurde nicht besser. Dafür wurden die Forderungen immer größer wie auch der Frust immer mehr wuchs. „Jetzt haben doch schon so lange unsere Hoffnung auf Gott gesetzt – aber nichts ist besser geworden.“ „Jetzt haben wir doch schon so lange verzichtet, und es ist immer noch nicht gut.“ „Warum fasten wir, und du siehst es nicht an?“ riefen sie zu Gott. „Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst nicht wissen?“ Wenn wir schon fasten, dann lass es uns gefälligst gut gehen!

Aber so funktioniert das nicht. Das Glück des Verzichtens liegt nicht darin, dass man damit Erfolg hat, sondern darin, dass man das Richtige tut. Unsere Überzeugungen und unser Glaube müssen mit dem Handeln übereinstimmen. Sonst glaubt uns niemand, nicht einmal Gott. „Tue Gutes – und rede nicht nur dauernd darüber“ sagt der Prophet. Wörtlich: ”Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut!” 

Wenn es doch so einfach wäre! Denn wir spüren die Probleme: Wir sind doch nicht immer so frei, zu geben. Wir fragen, ob der andere es wert ist. Wir schauen ganz selbstverständlich nach unseren Interessen. Und der Kampf gegen die Armut auf der Welt ist auch heute immer noch die Hauptaufgabe, die wir als Menschheit haben.

Und was ist mit denen, die nach anderem, als nach Materiellem hungern, nach Gesundheit und Rücksicht auf ihre Schwäche? Die hungern nach ein bisschen innerer Ruhe in diesen Corona-Zeiten – Ruhe von der Kinderbetreuung in der kleinen Wohnung und den Sorgen um die Zukunft des Geschäfts. Hungern nach Glück, nach Bestätigung, nach Anerkennung? Nach einem guten Wort von uns, nach unserem Verständnis, die auf unsere Nachsicht hoffen?

Es ist gut, Propheten zu haben, die darauf achten, dass man nicht nachlässt und nicht aufgibt in der Nächstenliebe. Sie sagen: Die anderen brauchen uns. Und wir, als Kinder des einen Gottes, sind aneinander gewiesen. „Entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blute“, heißt es am Ende. Auch das ist angesagt. Für unsere Kinder da sein selbstverständlich. Aber gemeint sind wohl alle, die aus menschlichem Fleisch und Blut sind. „Entziehe dich nicht!“ Gehe nicht auf den Egotrip, auf den so manche Fastenaktionen führen, sondern konzentriere dich darauf, wie das menschliche Miteinander besser wird.

Die Fastenzeit so verstanden? Da würde mir noch manches einfallen. Nicht nur ein paar Wochen auf Süßigkeiten und übermäßiges Essen zu verzichten, wie ich es mir jedes Jahr vornehme, sondern vielleicht wenigsten ein paar Wochen in persönlichen Auseinandersetzungen darauf zu verzichten, Recht zu bekommen, oder wenigstens ein paar Wochen lang demütig sein – nicht nur vor Gott, sondern auch vor den anderen Menschen. Verzichten darauf, über notwendige Einschränkungen zu klagen. verzichten darauf, immer das Maximum herauszuholen. Kontaktbeschränkungen nicht kreativ auslegen – und nicht immer zu sagen:  „Aber wir tragen doch Masken und unsere Schutzmaßnahmen sind so wirkungsvoll.“

Fasten und Verzichten kann bewusst machen, worauf es im Leben wirklich ankommt.  Dass man nicht seine Interessen durchsetzt, sondern dass man miteinander auskommt. Dass man nicht bekommt, was man will, sondern frei von Neidgefühlen wird. Dass man nicht vor anderen angibt, sondern frei wird vom Urteil der anderen.

Verzicht ist eine sehr persönliche Sache. Das muss man nicht an die große Glocke hängen. Es geht ja nicht um religiöse Verdienste, sondern um unser innerstes Leben. Es geht auch darum sich bewusst machen, dass nichts selbstverständlich ist. „Wir sind nackt!“ hat der Apple-Gründer Steve Jobs einmal über das Leben gesagt.

Deshalb sollten wir es auch nicht als selbstverständlich nehmen, wenn andere uns lieben, wenn wir spüren, dass wir zu anderen Vertrauen haben können, wenn es Menschen gibt, die gut zu uns sind. Darauf möchte ich nicht verzichten. Sondern dafür möchte ich Gott danken.

Amen!

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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