Karfreitags-Predigt 2021

Eine Katastrophe, wie man sie seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Gerade noch jubelnd empfangen, Hosianna! – und fünf Tage später verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Jesus wird hingerichtet. Definitiv unschuldig. Das wusste sogar Pilatus. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Aufstand zu verhindern. Darum, dass man einen Sündenbock brauchte. Einen, dem man die Schuld geben kann, damit das Volk zufrieden ist. Oder jedenfalls kapiert, dass da keiner kommt, um die Menschen aus dem Elend zu erlösen. Einer für alle. Auch wenn das „alle für einen“ ausgeblieben ist.

2.000 Jahre ist das jetzt her. Vermutlich am 7. April des Jahres 33 – oder schon am 3. April 30? Jedenfalls ist der Tag für historische Verhältnisse ziemlich gut belegt. Jesus wurde gekreuzigt wie alle Aufrührer gegen Rom und auf dem Felsen Golgatha hingerichtet, der heute unter einer Seitenkapelle in der Grabeskirche in Jerusalem liegt. Getötet, wie so viele andere. Das brutale Ende eines Lebens, das doch von Liebe und Vertrauen und Verständnis gekennzeichnet war. Der Christus aus Nazareth – grandios gescheitert.

Das ist der Grund, warum ich an ihn glaube. Warum ich glaube, dass Gott sich uns Menschen in Jesus aus Nazareth gezeigt hat. Weil er gut war – und gescheitert ist, wenn ich das einmal ganz lapidar so sagen darf. 

Dass Jesus ein guter Mensch war, dass er gut auf andere gewirkt hat, ist vielfach überliefert. Menschen haben sich befreit gefühlt, wenn sie ihm begegnet sind, waren geheilt von allen Nöten und Ängsten und Krankheiten. Menschen haben sich verändert, wenn sie ihm begegnet sind. Aus dem Betrüger Matthäus wird ein Jünger, aus dem Schlitzohr Zachäus ein Wohltäter, aus der Ehebrecherin – vielleicht – eine Jüngerin.

Und das zweite, dass Jesus gescheitert ist, war am Karfreitag vor den Toren Jerusalems weithin sichtbar. Gekreuzigt wurde er und erlitt damit die fürchterlichste Strafe Roms. Kein römischer Bürger durfte gekreuzigt werden, nur Sklaven und Aufständische. Die Strafe war so unaussprechlich, dass sie nicht einmal in der Unterhaltungsliteratur der damaligen Zeit vorkam. Einen größere Gegensatz kann man nicht benennen als den zwischen Gott, dem Ewigen, der die Liebe ist, und dem Menschen, der auf elend leidet und auf diese Weise getötet wird.

Warum nur hat das Christentum gerade den Karfreitag, den Tod des Erlösers, zum Zentrum seiner Botschaft gemacht? 

Zunächst, weil es eine bittere Wahrheit ist. Es ist wahr, dass Jesus so gestorben ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies historisch zu bezweifeln. Es ist auch wahr, weil es die bittere Wahrheit ist, dass Menschen sterben – manchmal durch Gewalt, öfters durch Krankheit oder Unfall – und viele in hohem Alter, aber das macht die Sterblichkeit ja nicht verständlicher.

Warum müssen wir Menschen leiden und sterben? Die Philosophie hat sich an dieser Frage abgearbeitet. Und keine Antwort gefunden. Dass es eben der Lauf der Natur sei, ist kein Trost. Und dass der Tod einen Sinn hat, konnte mir noch nie jemand plausibel machen. Die Frage nach dem „Warum“ von Krankheit und Leid, von Seuchen und Not, lässt sich nicht beantworten. 

Das Corona-Virus ist keine Strafe Gottes und auch keine Rache der Natur. Und dass die einen von einer Seuche getroffen werden und die anderen nicht, hat keinen sinnvollen Grund, sondern ist Zufall oder Schicksal. Aber sicher nicht eine Folge von Schuld.

Ich bin froh, dass wir den Rassismus, der sich in der Corona-Krise anfänglich gegen Asiaten richtete, schnell überwunden hatten. Die Seuche macht alle gleich. Sogar den Sohn Gottes. Das ist die theologische Pointe der Geschichte. 

Sogar der Sohn Gottes stirbt. Der vollkommene Mensch. Die Liebe in Person. Gott in Person. Was wir über Gott wissen müssen, ist in Jesus zu sehen. Natürlich ist Gott mehr, größer, unbegreiflich, reines Sein-Selbst, unendlich. Aber das ist für uns Menschen sowieso ein paar Nummern zu groß. Uns reicht es, wenn wir Gott in diesem Jesus erkennen, diesem reinen Menschen. Als Liebe erkennen, wie es im Ersten Johannesbrief heißt. Der gestorben ist – wie wir alle sterben müssen. Grundlos.

Das ist, denke ich, das schwierigste im Leben: Mit dieser Grundlosigkeit des Todes leben zu müssen. Der Tod steht tatsächlich einmal einfach vor der Türe, wie der Sensenmann in den Witzen. Nur kann man mit ihm nicht verhandeln. Wie groß ist mein Risiko, schwer an Corona zu erkranken oder gar daran zu sterben? Und wie viele werden es in Deutschland am Ende sein? 75.000 sind es bisher. Es ist schrecklich.

Aber für uns einzelne ist das nur eine Statistik. Die jüdische Lehre stellt dem den Talmud entgegen. Wer ein einziges Menschenleben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte. 

Das gilt gerade heute in der Krise, wo manche es zuhause nicht aushalten und schon überlegen, wie man die Schutzbestimmungen umgehen könnte. Aber der Einzelne zählt, auch den, den wir statistisch nicht kennen. Weil er das Opfer sein wird. 

Ich versuche in der Seuche immer an den einen zu denken, die einzelne Person. An all die, die jetzt gerade intubiert sind, beatmet werden, eine schlechte Prognose haben. An die, die ein großes Risiko tragen und deshalb Angst haben – wie wohl auch deren Angehörige. Und an die, die Angst haben, obwohl ihr statistisches Risiko gering ist. Die Angst ist jedenfalls echt.

Und vor diesen allen, vor uns allen, ist heute das Kreuz Jesu aufgerichtet. Ein Bild für Gott, der mit uns leidet. Der mit uns einmal stirbt. Und uns in Leid und Not und einmal auch im Tod die Hand entgegenstreckt:

Ich weiß, dass du Angst hat. 
Ich weiß, dass du dir Sorgen um deine Liebsten machst.
Ich weiß, dass du denkst, du seist gescheitert.
Der auch sagt:
Ich weiß um alles Leid in der Welt.
Kenne den Schmerz.
Weiß, wie es ist, von anderen verspottet zu werden.
Wie es ist, verraten zu werden.
Ohne Freunde dazustehen.
Am Ende zu sein.

Das alles, sagt Gott, das alles macht dein Leben nicht sinnlos.
Auch wenn dich keine Erklärung trösten kann.
Auch wenn du jetzt nicht hinter den Horizont schauen kannst.
Auch wenn du denkst, der Schmerz vergeht nie.
Denke daran, du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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