Oster-Predigt 2021 – Befreit aus den Todesklauen des Pharao

Die Israeliten, eben geflohen aus Ägypten, stehen am Schilfmeer. Die mörderischen Verfolger gehen unter – und die Israeliten sind gerettet. Miriam singt vor Freude. Gerettet! Das ist der Predigttext zu Ostern in diesem Jahr. Und dazu heute zunächst ein viel ruhigeres und traurigeres Bild: Drei Frauen an einem Grab in Jerusalem. Leer ist es. Ein Mann sagt, der Tote sei auferstanden. Alles sei gut. 

Gerettet? Die Frauen am Grab haben das anders empfunden. Furcht erfasst die Frauen – kein Osterlachen geht Ihnen über die Lippen, kein Glanz erscheint auf ihren Augen. Kein Gefühl von Rettung. Erst die späteren Evangelien, vor allem Lukas, haben die Geschichte anders beschrieben, erzählen von der Freude und dem Glanz.

Christus ist auferstanden. Wahrhaftig auferstanden. Er ist der Heiland, sagt unsere alte Bibel. Der „Soter“ heißt es auf Griechisch, wörtlich: Der Retter. Das ist die Botschaft von Ostern: 

Wir sind gerettet.

Klingt das für Sie in diesem Jahr anders? Nach über einem Jahr Corona-Pandemie weiß man immer weniger, was man sagen und davon halten soll: Eine schwere Krise – aber wir sind nicht untergegangen. Eine große Bedrohung – aber wir haben von Gott den Verstand erhalten, dass kluge Menschen Impfstoffe dagegen entwickeln konnten. Mit moderner Medizin und vielversprechender Gentechnik. 

Für mich ist das nicht übertrieben, zu sagen, dass Gott uns dadurch rettet: Dass er Menschen unter uns befähigt, die tödliche Natur in Schach zu halten. Gott rettet uns – auch heute noch.

Die Bibel ist voller Rettungsgeschichten. Geschichten von Völkern und Stämmen – und Geschichten von Einzelnen. Israel am Schilfmeer und Joseph in Ägypten. Paulus in Damaskus und die Jünger auf dem See Genezareth. Gott rettet. Das Volk Israel hat seine Geschichte immer als Geschichte der Befreiung verstanden. Bis heute feiert es die Befreiung – trotz der Verfolgung von Ägypten damals bis heute in diesem erbärmlichen Antisemitismus der sich breit macht. Das jüdische Volk feiert seine Befreiung und die Treue Gottes bis heute; im Jom Kippur, dem Tag des Vergebens, und im Chanukka- und Purimfest – alles Tage der Rettung und Befreiung. Die Treue und Verheißungen Gottes, die er seinem Volk gegeben hat, werden in Ewigkeiten nicht gebrochen werden – die Judenfeinde es nicht schaffen, dass Gott sein Wort bricht. Dieser Glaube hält Israel bis heute.

Und wir heute? Wir glauben, dass dieses Versprechen allen Menschen gilt. Gott rettet nicht nur vor dem Pharao, sondern auch vom Tode. Fassungslos hören die Frauen am Grab diese Botschaft. Sie sehen keinen Engel, sondern einen jungen Mann in hellen Kleidern. Was er ihnen sagt, deckt sich mit dem, was Jesus zuvor versprochen hatte. Sie hören das Wort vom Sieg des Lebens. 

Sie aber beginnen nicht zu jubeln, sondern sind voller Zweifel und Entsetzen. Eine große Furcht hat sie ergriffen, sie fliehen und verstummen. Zunächst richten sie den Auftrag, die Auferstehung zu verkünden, nicht aus. Das übrigens ist für mich der überzeugende Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr ist, dass sie keine Erfindung ist. Kein Mensch hätte eine Auferstehungsgeschichte erfunden mit damals unglaubwürdigen Frauen als Zeugen, die niemandem etwas davon erzählen. Und kein guter Erzähler würde die Geschichte Jesu so enden lassen, wie es Markus ursprünglich getan hat – nämlich dem Furcht und Zittern am Ende – und dem Verschweigen der Auferstehung. Die Geschichte vom Leeren Grab und der Auferstehung Jesu ist, so wie wir sie hier hören schlicht und einfach und sie ist deshalb schlicht und einfach wahr. 

Doch rettet sie uns? Vertrauen wir darauf, dass das Leben Sinn macht? Oder sehen wir doch nur ein dunkles Ende? Sind wir bereit zu glauben, dass Gott, dass das Leben, dass das Universum uns gnädig ist. Dass all unser Gefühl der Unzulänglichkeit und unseres Versagen, dass all das nichts zählt, weil wir davon gerettet werden?

Und die wichtigste Frage für uns Leben jeden Tag: Vertrauen wir der Liebe? Darauf, dass Liebe stärker ist als der Tod? Dass Liebe möglich ist, auch wenn uns andere das Leben schwer machen? Dass wir geliebt sind, auch wenn wir am liebsten vergehen möchten? Dass wir gerettet sind, weil Jesus auferstanden ist und unser Retter ist?

Ostern 2021

Hoffentlich lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen. Wir sind alle noch nicht am Ziel. 

Die Bedrohung bleibt – durch Corona aber auch sonst jeden Tag. Der Tod bleibt, so schrecklich das ist. Keiner von uns hat den Glauben, der Berge versetzt oder todbringende Heere im Meer versenkt.

Aber wir sind aufgerufen, trotzdem zu leben und zu lieben, wie die Frauen am Grab und die Israeliten am Schilfmeer.  Miriam hat danach gesungen. Von der Rettung am Meer – übrigens wohl der älteste erhaltene Text der Bibel. Sie sah tödliche Streitwagen stürzen. Vielleicht sehen wir sogar die Macht des Todes stürzen. Wir können zu Ostern zurückschrecken wie die Frauen am Grab. Zweifel ist selbstverständlich und Unsicherheit nicht zu vermeiden. Was aber haben wir zu verlieren, wenn wir nicht dem Tod, sondern dem Leben glauben? Was, wenn wir auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden!“ mit immer größerer Bestimmtheit antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ 

Predigttext am Ostersonntag ist 1.Mose 14f.

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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