Sonntagsgedanken 11-04-2021 – Frust und Auferstehung

Langsam reicht es. Frust macht sich breit. Die Hoffnungen, dass im Sommer 2020, dass zu Weihnachten 2020, dass zu Ostern 2021, alles wieder gut ist, haben sich nicht erfüllt.

Enttäuschte Hoffnungen sind vielleicht besonders schwere Enttäuschungen. Die Bibel erzählt vom ersten Ostern. Die Jünger sind nach dem Tod Jesu in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Auferstehung spielt keine Rolle. Ratlos und hilflos sitzen sie zusammen. Für die Jünger ist eine Welt zusammengebrochen – so wie es vielen geht, wenn sie um einen lieben Verstorbenen trauern und noch gar nicht recht begreifen können, was da geschehen ist. Mit der Osterbotschaft von der Auferstehung können die Jünger nicht viel anfangen. Dass all das wahr ist, was Jesus gesagt hatte, dass all das Bestand hat, was er als Liebe Gottes gezeigt hat, das können sie nicht innerhalb von wenigen Tagen begreifen. 

Die Jünger sind zunächst wieder an die Arbeit zurückgekehrt, die sie gelernt haben. Das Leben geht weiter – ohne Jesus. Zweifel gehören zum Glauben, sagt man immer. Und das ist gut so und so ging es sogar den ersten Jüngern. Ihnen ging es, wie vielen Menschen, die trauern. Da ist es oft wichtig, dass der Alltag normal weitergeht. Das gilt zumindest für Kinder und für jüngere Menschen. Wenn man schon davon zutiefst erschüttert ist, dass man jemanden Liebes verloren hat – dann soll wenigstens das Alltagsleben davon nicht auch noch erschüttert sein.

Petrus, so stelle ich es mir vor, hält es einfach nicht mehr aus. Er muss etwas tun, nach allem, was geschehen ist: die Verhaftung Jesu, der Prozess, die Hinrichtung, der Tod. Das hat ihn und die anderen Jünger aus der Bahn geworfen, hat sie verunsichert und traurig gemacht. Es ist dunkel um sie geworden, ja, die Nacht hat sie gefangen genommen. Was sollen sie jetzt tun, ohne Jesus, in den sie ihre ganzen Hoffnungen, ihre Zuversicht, ihren Glauben gesetzt hatten? Nur Abwarten und auf ein Wunder hoffen? Da könnten sie lange warten müssen! So tut Petrus das, was er gelernt hat. „Ich will fischen gehen!“ Endlich kann er etwas tun, aktiv werden. Er tut das, was er kann und wo er sich sicher fühlt. Zusammen mit anderen fährt er auf den See hinaus. 

Doch diese Rückkehr in den Alltag beginnt mit einer herben Enttäuschung: In dieser Nacht fangen die Jünger nichts, obwohl der See Genezareth sehr fischreich ist. Das bringt alles nochmals auf den Punkt: Misserfolge gehören zum Leben. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das ist einfach so. Das gehört zum Alltag. Diese Enttäuschungen kennen wir: Kein Lob für eine gute Tat. Kein Bonus für gute Arbeit. Kein Dank von anderen. Die Frustration der Jünger bleibt. Keine Hoffnung – nirgends! 

Nur eine seltsame Begegnung: Ein Mann spricht sie an: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?” Er fragt sie gerade nicht, ob sie heute Nacht nichts gefangen hätten. Er denkt nicht an Erfolg, sondern an die Folgen: Nichts zu essen. Er gibt sich auch nicht zu erkennen. Kein „Hallo, ich bin’s“ – um die geflohenen Jünger zu beschämen. Keine Debatten über Fehler und falsche Entscheidungen. Einfach das akute Problem sehen: Nix zu essen.

Und dann erteilt er den seltsamen Auftrag, noch einmal rauszufahren und das Netz auf der rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Das ist eigentlich sinnlos, denn tagsüber fängt man nichts, und rechts oder links ist eigentlich beim Fischen egal. 

Erstaunlich ist, dass die Fischer nicht nachfragen. Sie diskutieren nicht, sondern tun genau das, was er ihnen gesagt hat – gegen ihre Erfahrung. Haben sie denn etwas zu verlieren? Ob sie seinem Versprechen, seiner Verheißung „so werdet ihr finden” vertrauen? Ob sie spüren, dass da mehr zu holen ist als Fische? Jedenfalls vertrauen sie diesem Mann am Ufer.

Vertrauen ist das Schlüsselwort unseres Glaubens. Glaube zeigt sich im Vertrauen als eine Grundhaltung des Lebens. Wer Vertrauen hat – in sein Leben, in Gott, der das Leben trägt – wer dieses Vertrauen hat, lebt anders. Wer Vertrauen hat, kann ohne Angst und Eigensinn auf andere zugehen, kann anderen Gutes tun, kann die Schwächen der anderen ertragen, weil er weiß: Alles hängt nicht von mir oder den anderen ab, sondern von Gott – und der hält mich.

Auf wen vertrauen Sie? Genauer gesagt: Wem vertrauen wir uns an? Und fragen wir dabei nach Sicherheiten und Garantien? Fragen wir nach Belegen und Beweisen? Fragen wir nach dem Erfolg und nach dem, was für uns dabei herausspringt? Fragen wir nach dem Machbaren und  Möglichen? Würden wir das Risiko eingehen, gegen das Handeln, was wir gelernt haben?

Die Jünger wagen es und fahren noch einmal hinaus. Und sie werfen ihr Netz auf der rechten Seite aus. Sie galt und gilt als die Glücksseite. Und sie haben Glück. Ihr Netz ist berstend voll, aber es zerreißt nicht. Ein Wunder ist geschehen. Auch wir haben manchmal dann Erfolg, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Oder wir spüren Anerkennung für etwas, was schon lange zurückliegt. Wir erfahren Trost von jemandem, von dem wir es gar nicht erwartet hätten. Oder jemand verwandelt mit einem Lächeln einen tristen Tag.

Als die Jünger ihren großen Fang gemacht haben, wird ihnen klar, wem sie vertraut haben: „Es ist der Herr.“ Petrus hat nichts Eiligeres zu tun, als an Land zu schwimmen. Am Ufer brät Jesus Fische und Brot für sie. Er lädt sie alle ein, auch Petrus, so als hätte der ihn nicht kurz davor noch verleugnet. „Kommt und haltet das Mahl!”

Was fragen die Jünger? Wer bist du? Was willst Du? Und warum fühle ich mich so wohl in deiner Nähe?Nein, die Jünger fragen das gar nicht. Sollen andere sich über die Auferstehung den Kopf zerbrechen – die Jünger erleben sie. Die Zukunft wird anders. Dadurch, dass man glauben kann, dass Gott immer da ist. Dass man auf ihn hoffen und ihm vertrauen kann.

Man muss Gott nicht suchen, sondern er kommt – unerwartet und unverhofft, ungerufen und unbegreiflich. Und er begegnet uns nicht spektakulär, sondern im anderen Menschen, in einem, der am Ufer Fische und Brot für uns brät. 

Manchmal ahnen wir nur, dass Gott bei uns steht. Spüren auf dem Gang im Krankenhaus: Wir sind nicht allein. Manchmal wissen wir es erst im Nachhinein: Gottes Engel ist mit uns, hat unser Kind damals behütet. Das war kein Zufall, das war Gott mit seinem Ja zum Leben. Und manchmal erfahren wir es auch gar nicht, dass Gott da war. Dann denken wir nur an den lieben Menschen, der uns damals aus einem dunklen Tal geholt hat, einfach so. 

Und ich glaube: Da spüren wir die Auferstehung, über die wir noch nichts wissen.

Da bin ich mir sicher: Dass da mehr sein muss als unser Alltag. Dass ich bewahrt werde – jeden Tag – wunderbar. Und das wünsche ich Ihnen auch.

Predigttext am Sonntag, 11. April 2021, ist Johannes-Evangelium 21, 1-14.

Über mtreiber

Matthias Treiber ist Pfarrer und Journalist. Matthias Treiber is a minister in the Lutheran Church of Wuerttemberg and journalist.
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