Sonntagsgedanken 12-06-2022 – Glaubensfreiheit, that’s it!

Erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt, heißt eine etwas abgedroschen klingende aber immer noch stimmende Weisheit. Unsere ersten gedachten Wahrheiten passen oft nicht zu den zweitens gedachten Erfahrungen. Studium ist das allerwichtigste, dachten die Eltern, und 30 Jahres später war der Sohn ohne Abschluss Mitinhaber der wertvollsten Firma der Welt und einer der bedeutendsten noch dazu. Das gilt eine Nummer kleiner, auch bei uns: Man ärgert sich über die Autopanne, die einen zur tagelangen Pause im Allgäu zwingt, und lernt dort die Frau fürs Leben kennen. Man hat zunächst keine Lust, in die Jugendgruppe zu gehen und wird nach all den guten Erfahrungen dort später Pfarrer. Viele könnten hier viel erzählen.

Das gilt auch in Sachen Religion: Mancher, der seine Religion als allen anderen überlegen ansieht, wird lernen müssen, dass es immer anders kommt, als man denkt. Wir Christen haben das schon vom Apostel Paulus gesagt bekommen. Deshalb wissen wir, dass wir in Sachen Glauben vor allem auf eines achten Müssen: die Glaubensfreiheit. Anderen Religionen wünscht man, dass auch sie zu dieser Einsicht kommen. Gott macht, was er will – und das ist gut so.

Predigttext am Sonntag, 12. Juni 2022, ist Römerbrief Kapitel 11, Vers 33 bis 36.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken 05-06-2022 – Begeisterung hoch drei

Ein schönes Fußballtor kann einen ebenso begeistern wie die Tochter, die einem ein Lied auf der Geige vorspielt; ein Blick auf die Fahrgäste in einer New Yorker U-Bahn ist ebenso inspirierend wie Mozarts 40.Symphonie. Allem, was uns begeistert und inspiriert, ist eines gemein: Es macht unser Leben erfüllter und uns vielleicht sogar zu besseren Menschen.

In all dem wirkt der Geist, dessen Gegenwart wir an Pfingsten feiern. Wo wir Glaube, Liebe und Hoffnung fühlen, ist Geist. Kälte, Leere und Falschheit haben keine Chance mehr. Gott ist gegenwärtig in allem was gut ist.

Predigttext am Pfingstfest, 5. Juni 2022 ist Römerbrief 8, 1-11.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken – Tears in Heaven

Es gibt Songs, die ich nicht vergessen kann, wie „There’ll be no more tears in heaven“. Wenn och den höre werden mir heute noch die Augen feucht werden. Eric Clapton hat die Ballade vor 30 Jahren für einen Film geschrieben, aber eigentlich hat er darin die Trauer über den Tod seines vierjährigen Sohnes bearbeitet, der ein Jahr zuvor aus einem Hochhausfenster gefallen war. Unvorstellbar, damit leben zu müssen! Wie soll es danach weitergehen? Wie soll man aus dem Gefängnis von Trauer und Schuld herauskommen?

Clapton erzählt in dem Lied von einem Weg, den so ähnlich wohl viele gehen, die von Leid getroffen sind. Er leidet am Verlust und fragt sich, ob sein Sohn ihn wohl im Himmel wieder erkennen würde. Zugleich ist er sich klar, dass er mit dem Verlust weiterleben muss. Alleine aus dieser Erkenntnis kann so etwas wie Kraft wachsen. Und aus der Gewissheit, dass es im Himmel keine Tränen gibt. Danach, und das berührt mich am meisten, kommt noch einmal die erste Strophe. Die Gewissheit, dass es im Himmel keine Tränen geben wird, ist eben kein Happy End und auch keine billige Vertröstung, sondern ein Glaube, der nicht von dieser Welt ist. Im Himmel sind wir noch nicht, das Leiden bleibt – aber die Hoffnung wächst, dass es Befreiung von allem Elend gibt, die von jenem Ort zu uns kommt, wo es keine Tränen gibt. Die Gefängnistore von Angst und Schuld werden sich öffnen und wir werden Lieder anstimmen, die uns trösten und dankbar sein lassen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag Christi Himmelfahrt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken 22-05-2022 – Nach dem Weg fragen

Das Smartphone hat schon manchen Ehekrach verhindert. Wenn man heute sein Ziel nicht findet, das empfohlene Café in einer fremden Stadt, dann öffnet man eben die Karten-App und sagt Siri, was man sucht. Vor Jahren war das noch anders. Da kreuzte das Ehepaar Runde um Runde durch die verkehrsberuhigte Zone, mal hier mal da. „Das muss doch hier irgendwo sein,“ schimpfte er mehrfach, bis er endlich ihrem Drängen nachgab und mal rechts an einer Bushaltestelle hielt. – Männer fragen nämlich sehr ungern nach dem Weg, sagt man.

Gleichgültig, ob die Geschlechterklischees stimmen: Es gibt einfach Leute, die ungern um Hilfe bitten. Das lässt einen schwach erscheinen. Hat man doch nicht nötig. Das kann ich selber!

Beim Fünfjährigen, der seine Schuhe selbst binden möchte, ist das „selber machen“ eine tolle Sache; beim Fünfzigjährigen, der glaubt, er muss alles alleine machen, eher problematisch. Bei manchen Dingen ist es besser, sich helfen zu lassen, wenn einem etwas auf der Seele liegt zum Beispiel, wenn man spürt, man dreht sich nur noch um sich selbst, wenn man merkt, dass man an der Grenze seine Belastbarkeit angekommen ist. „Bittet, so wird euch gegeben!“ sagt Jesus. Und wenn es manchmal auch nur der Hinweis auf den richtigen Weg ist – der auf der Straße und der im Leben.

Predigttext am Sonntag, 22. Mai 2022, ist Lukas-Evangelium Kapitel 11, Verse 5 bis 13.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken 15-05-2022 – Music was my First Love

„Music was my first love and it will be my last“ – diese Ballade von John Miles aus dem Jahr 1976 zählt zu den Evergreens, den Liedern, die nie vergehen: „Musik war meine erste Liebe, und sie wird meine letzte sein.“ Ein Lied also, das sich selbst besingt.

Kaum etwas geht uns so unmittelbar nahe wie die Musik. Sie macht die Gefühle, die uns im Kino bewegen; in ihr kommen Dinge zum Ausdruck, die wir „trocken“ kaum so sagen würden. Wer ruft bei uns schon laut „Gelobt sei Gott!“, aber bei Leonard Cohens „Halleluja“ summen alle mit und bei Jeff Buckleys Coverversion werden die Augen feucht.

Am Sonntag ist der „Musik-Gedenktag“ in den Kirchen: Kantate, heißt er. Er erinnert daran, dass wir unsere Gefühle oft nur schwer in Worte fassen können. Das Glück der Liebe ebenso wie das Entsetzen über Krieg und Gewalt. Hoffnung und Trauer. Und das gilt auch für das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“, das der Glaube ist. Wir werden aber wohl immer Musik finden, die diese Gefühle aufnimmt und ausdrückt. Dabei ist jede Art von Musik wertvoll, wenn Sie dies nur leistet, das Metal-Getöse, das inzwischen auch im christlichen Raum das Schweigen durchbricht ebenso wie die Volksliedmelodie von „So nimm den meine Hände“, die uns in erträumte Paradiese entführt.

Predigttext am Sonntag, 15. Mai 2022, ist Kolosserbrief 3, 12-17.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken 08-05-2022 – Der Himmel über mit

In diesen Tagen kann man am sternenklaren Himmel die Internationale Raumstation ISS bei ihrem Flug über Heilbronn beobachtet. Neben dem Mond und dem Jupiter hat sie ihren Himmelslauf begonnen, und mir ging es wie Immanuel Kant, dem „der gestirnte Himmel über mir“ Ehrfurcht abrang. Gott hat mit dem Urknall und der Evolution eine wunderbare Welt geschaffen und hält sie auch nach 13,9 Milliarden Jahren noch am Laufen. Wir sehen das an den leuchtenden Sternen, an den aufkeimenden Blüten und am staunenswerten Geist des Menschen, der sogar zum Mond fliegen kann. Der Predigttext des kommenden Sonntags, der Anfang der Bibel, kann begeistern.

Und er erinnert uns daran, dass wir Menschen uns bescheiden sollen.

Erinnert daran, wie dumm es ist, andere anzugreifen, angesichts der einen, großartigen Welt in der wir zusammen leben.

Wir bösartig es ist, im Angesicht Gottes anderen Menschen zu schaden, die doch seine Ebenbilder sind.

Predigttext am kommenden Sonntag ist 1.Mose 1.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken 01-05-2022 – Motto: Schwamm drüber

Man kann an seinen schlechten Erfahrungen kleben bleiben, vor allem an denen, die man mit sich selbst gemacht hat. Man kann sie aber auch als Ausgangspunkt für Neues nehmen. 

Petrus, der Mittelpunkt des Predigttextes am kommenden Sonntag, ist da ein gutes Vorbild. Seinen Freund Jesus hatte er feige verleugnet und ansonsten ihm gegenüber oft eine große Klappe gehabt. Er bereute es – und Jesus hat ihm vergeben.

Das ist doch toll: Nicht von der Vergangenheit reden, sondern von der Gegenwart; nicht an alte Wunden denken, sondern an die bessere Zukunft. Dankbar sein für das, was gut ist, und ansonsten bereit sein, immer wieder neu anzufangen, Dinge neu zu sehen und anderen Menschen neu zu begegnen. Eben: Jeden Tag neu als Geschenk annehmen.

Predigttext am Sonntag, 1. Mai 2022 ist Johannes 21, 15-19.

(Foto: Matthias Treiber (vor Ariel Reichmann „I am not Safe“ aus der Kunsthalle Mannheim)

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken 24-04-2022 – Den Mächten die Macht nehmen

An die Liebe glauben – obwohl man gerade alleine ist? Glauben, dass alles gut wird – obwohl man gerade im Krankenhaus auf das Untersuchungsergebnis wartet? Glauben, dass all der Mist bald ein Ende hat – obwohl man gerade bis zum Hals drinsteckt? Das fällt alles furchtbar schwer. Glauben, obwohl man nichts sieht, was ihn begründen könnte.

Im Gegenteil – die Mächte der Welt drohen einem den Hals abzuschnüren: Das sind nicht nur die Leute, die einem Böses wollen, das sind auch das Schicksal und die Dummheit, die Krankheit und die Not. Von mörderischen Diktatoren mal ganz zu schweigen. Alles, was das Leben so schwer erscheinen lässt.

Doch dann versteckt sich hinter all dem Belastenden irgendwo das Gefühl, dass man das Schwere nicht auf sich belassen will. Man spürt die trotzige Gewissheit, dass da doch etwas sein muss, ein Sinn, ein Halt, eine neue Möglichkeit. Dass all die bösen Mächte, die anderen das Leben schwer machen, am Ende nichts zu sagen haben.

Wer liebt hat immer recht. Und wer lebt kann verändern.

Vielleicht wird so Ostern für uns zur Wirklichkeit: Nichts muss so schlimm bleiben, wie es ist. Keine Bedrohung soll uns die Freude am Leben und der Liebe nehmen.

Predigttext am Sonntag, 24. April 2022, ist Kolosserbrief 2, 12-15.

(Foto: Matthias Treiber (vor Ariel Reichmann „I am not Safe“ aus der Kunsthalle Mannheim)

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken zu Ostern 2022 – Dem Leben etwas zutrauen

Drei Frauen an einem Grab in Jerusalem. 

Leer ist es. 

Ein Mann sagt, der Tote sei auferstanden. 

Alles sei gut. 

Sie sind erettet.

Die Frauen am Grab haben das anders empfunden. 

Furcht erfasst die Frauen – sie renne davon. 

Kein Gefühl von Rettung. 

Erst später wurde die Geschichte anders beschrieben und es wurde gleich gejubelt:

„Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ 

Er ist der Heiland, sagt unsere alte Bibel. 

Der Retter. 

Das ist die Botschaft von Ostern: Wir sind gerettet.

Klingt das für Sie in diesem Jahr anders? 

Vor Corona sind wir ja nun irgendwie doch gerettet worden. Kluge Menschen haben Impfstoffe dagegen entwickelt. Das Virus ist nicht mehr so gefährlich.

Für mich ist das nicht übertrieben, zu sagen, dass Gott uns dadurch rettet: Dass er Menschen unter uns befähigt, die tödliche Natur in Schach zu halten. 

Und dass die Natur sich in der Evolution ändern. 

Gott rettet uns – auch heute noch.

Aber nun leben wir schon in der nächsten Krise. 

Der Krieg in der Ukraine. 

Fürchterliche Verbrechen und Massaker durch Russland. 

Der Tod nicht als individuelles Schicksal, sondern als angedrohter Völkermord.

Rettet Gott?

Die Bibel ist voller Rettungsgeschichten. 

Geschichten von Völkern und Stämmen – und Geschichten von Einzelnen. 

Gott rettet Israel vor der tödlichen Militärmacht der Ägypter am Schilfmeer. 

Und Gott rettet die Jünger im Sturm auf dem See Genezareth. 

Und für vielen Menschen war Jesus die Rettung, als er ihnen die Hand gereicht und sie geheilt hat.

Und wir heute? 

Wir Christen glauben, dass dieses Versprechen der Menschheit gilt. 

Gott rettet nicht nur vor dem Pharao, sondern auch vom Tode. 

Fassungslos hören die Frauen am Grab diese Botschaft. 

Sie sehen keinen Engel, sondern einen jungen Mann in hellen Kleidern. 

Was er ihnen sagt, deckt sich mit dem, was Jesus zuvor versprochen hatte. 

Sie hören das Wort vom Sieg des Lebens. 

Sie aber beginnen nicht zu jubeln, sondern sind voller Zweifel und Entsetzen. 

Eine große Furcht hat sie ergriffen, sie fliehen und verstummen. 

Zunächst richten sie den Auftrag, die Auferstehung zu verkünden, nicht aus. 

Das übrigens ist für mich der überzeugende Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr ist, 

dass sie keine Erfindung ist. 

Kein Mensch hätte eine Auferstehungsgeschichte erfunden 

mit damals unglaubwürdigen Frauen als Zeugen, die niemandem etwas davon erzählen. 

Und kein guter Erzähler würde die Geschichte Jesu so enden lassen, wie es Markus ursprünglich getan hat – nämlich dem Furcht und Zittern am Ende – und dem Verschweigen der Auferstehung. 

Die Geschichte vom Leeren Grab und der Auferstehung Jesu ist, 

so wie wir sie hier hören, schlicht und einfach 

und sie ist deshalb schlicht und einfach wahr. 

Doch rettet sie uns? 

Vertrauen wir darauf, dass das Leben Sinn macht? 

Vertrauen wir darauf, dass es sinnvoll ist, gegen den Tod anzutreten und gegen Mörder zu kämpfen. 

Oder sehen wir doch nur ein dunkles Ende? 

Sind wir bereit zu glauben, dass Gott, dass das Leben, dass das Universum uns gnädig ist. 

Dass all unser Gefühl der Unzulänglichkeit und unseres Versagen, dass all das nichts zählt, weil wir davon gerettet werden?

Und die wichtigste Frage für unser Leben jeden Tag: 

Vertrauen wir der Liebe? 

Wir selbst, ganz persönlich.

Darauf, dass Liebe stärker ist als der Tod? 

Dass Liebe möglich ist, auch wenn uns andere das Leben schwer machen? 

Dass wir geliebt sind, auch wenn wir am liebsten vergehen möchten? 

Dass wir gerettet sind, weil Jesus auferstanden ist und unser Retter ist?

Ostern 2022

Hoffentlich lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen. 

Wir sind alle noch nicht am Ziel. 

Die Bedrohung bleibt – für die Menschen in der Ukraine durch mörderische Barbaren, die in ihr Land eingedrungen sind. 

Die Bedrohung durch den Tod bleibt auch auch uns – jeden Tag durch Krankheit und Unfall. 

Der Tod bleibt, so schrecklich das ist. 

Keiner von uns hat den Glauben, der Berge versetzt oder todbringende Heere im Meer versenkt.

Aber wir sind aufgerufen, trotzdem zu leben und zu lieben, wie die Frauen am Grab und die Israeliten am Schilfmeer.  

Miriam hat danach gesungen. 

Von der Rettung am Meer – übrigens wohl der älteste erhaltene Text der Bibel. 

Sie sah tödliche Streitwagen stürzen. 

Ich sehe erleichtert die ausgebrannten russischen Panzer und denke an die Menschen, deren Leben dadurch gerettet wurde.

Wir sehen die Bilder von russischen Bombern, die abgeschossen werden. 

Vielleicht sehen wir sogar die Macht des Todes stürzen. 

Wir können zu Ostern zurückschrecken wie die Frauen am Grab. 

Zweifel ist selbstverständlich und Unsicherheit nicht zu vermeiden. 

Was aber haben wir zu verlieren, wenn wir nicht dem Tod, sondern dem Leben glauben? 

Was, wenn ich nicht daran denke, dass ich morgen schon todkrank sein kann – und mich lieber heute am Leben freue und etwas Gutes daraus mache?

Was, wenn wir auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden!“ mit immer größerer Bestimmtheit antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ 

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Predigttext an Ostern 2022 ist Markus 16, 1-8

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Sonntagsgedanken zur Karwoche 2022 – Scheitern und getröstet sein

Eine Katastrophe, wie man sie seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Gerade noch jubelnd empfangen, Hosianna! – und fünf Tage später verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Die Welt hat sich um 180 Grad gedreht. Jesus wird hingerichtet. Definitiv unschuldig. Das wusste sogar Pilatus. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Aufstand zu verhindern. Darum, dass man einen Sündenbock brauchte. Einen, dem man die Schuld geben kann, damit das Volk zufrieden ist. Oder jedenfalls kapiert, dass da keiner kommt, um die Menschen aus dem Elend zu erlösen. Einer für alle. Auch wenn das „alle für einen“ ausgeblieben ist.

2.000 Jahre ist das jetzt her. Vermutlich am 7. April des Jahres 33 – oder schon am 3. April 30? Jedenfalls ist der Tag für historische Verhältnisse ziemlich gut belegt. Jesus wurde gekreuzigt wie alle Aufrührer gegen Rom und auf dem Felsen Golgatha hingerichtet, der heute unter einer Seitenkapelle in der Grabeskirche in Jerusalem liegt. Getötet, wie so viele andere. Das brutale Ende eines Lebens, das doch von Liebe und Vertrauen und Verständnis gekennzeichnet war. Der Christus aus Nazareth – grandios gescheitert.

Das ist der Grund, warum ich an ihn glaube. Warum ich glaube, dass Gott sich uns Menschen in Jesus aus Nazareth gezeigt hat. Weil er gut war – und gescheitert ist, wenn ich das einmal ganz lapidar so sagen darf. 

Dass Jesus ein guter Mensch war, dass er gut auf andere gewirkt hat, ist vielfach überliefert. Menschen haben sich befreit gefühlt, wenn sie ihm begegnet sind, waren geheilt von allen Nöten und Ängsten und Krankheiten. Menschen haben sich verändert, wenn sie ihm begegnet sind. Aus dem Betrüger Matthäus wird ein Jünger, aus dem Schlitzohr Zachäus ein Wohltäter, aus der Ehebrecherin – vielleicht – eine Jüngerin.

Und das zweite, dass Jesus gescheitert ist, war am Karfreitag vor den Toren Jerusalems weithin sichtbar. Gekreuzigt wurde er und erlitt damit die fürchterlichste Strafe Roms. Kein römischer Bürger durfte gekreuzigt werden, nur Sklaven und Aufständische. Die Strafe war so unaussprechlich, dass sie nicht einmal in der Unterhaltungsliteratur der damaligen Zeit vorkam. Einen größere Gegensatz kann man nicht benennen als den zwischen Gott, dem Ewigen, der die Liebe ist, und dem Menschen, der auf elend leidet und auf diese Weise getötet wird.

Warum nur hat das Christentum gerade den Karfreitag, den Tod des Erlösers, zum Zentrum seiner Botschaft gemacht? 

Zunächst, weil es eine bittere Wahrheit ist. Es ist wahr, dass Jesus so gestorben ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies historisch zu bezweifeln. Es ist auch wahr, weil es die bittere Wahrheit ist, dass Menschen sterben – manchmal durch Gewalt, öfters durch Krankheit oder Unfall – und viele in hohem Alter, aber das macht die Sterblichkeit ja nicht verständlicher.

Warum müssen wir Menschen leiden und sterben? Die Philosophie hat sich an dieser Frage abgearbeitet. Und keine Antwort gefunden. Dass es eben der Lauf der Natur sei, ist kein Trost. Und dass der Tod einen Sinn hat, konnte mir noch nie jemand plausibel machen. Die Frage nach dem „Warum“ von Krankheit und Leid, von Seuchen und Not, lässt sich nicht beantworten. 

Gewiss, Täter und Mörder lassen sich klar von Angegriffenen und Opfern unterscheiden. Im Krieg Russlands gegen die Ukraine so eindeutig wie selten in der Weltgeschichte. 

Aber die Menschen in der Ukraine, die Opfer andere Gräueltaten waren meist nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Und für die Morde ist nicht der liebe Gott verantwortlich, sondern Wladimir Putin.

Und jeder kann sein Opfer werden. So wie selbst der Sohn Gottes Opfer wurde.

Das ist die theologische Pointe der Karwoche. 

Sogar der Sohn Gottes stirbt. Der vollkommene Mensch. Die Liebe in Person. Gott in Person. Was wir über Gott wissen müssen, ist in Jesus zu sehen. Natürlich ist Gott mehr, größer, unbegreiflich, reines Sein-Selbst, unendlich. Aber das ist für uns Menschen sowieso ein paar Nummern zu groß. Uns reicht es, wenn wir Gott in diesem Jesus erkennen, diesem reinen Menschen. Als Liebe erkennen, wie es im Ersten Johannesbrief heißt. Der gestorben ist – wie wir alle sterben müssen. Grundlos.

Das ist, denke ich, das schwierigste im Leben: Mit dieser Grundlosigkeit des Todes leben zu müssen. Der Tod steht tatsächlich einmal einfach vor der Türe, wie der Sensenmann in den Witzen. Nur kann man mit ihm nicht verhandeln. 

Man kann aber gegen ihn kämpfen. Man kann wie die Ärzte in der Krankenhäusern gegen den Tod durch Krankheit und Verletzung kämpfen. Man kann wie die mutigen Menschen in der Ukraine gegen die Mörder in russischen Uniformen kämpfen. Und jeder kann dem Tod das Leben entgegenhalten.

Vor uns allen ist heute das Kreuz Jesu aufgerichtet. Ein Bild für Gott, der mit uns leidet. Der mit uns einmal stirbt. Und uns in Leid und Not und einmal auch im Tod die Hand entgegenstreckt:

Ich weiß, dass du Angst hat.

Ich weiß, dass du dir Sorgen um dein Leben machst.

Um deine Liebsten machst.

Ich weiß, dass du denkst, du seist gescheitert.

Der auch sagt:

Ich weiß um alles Leid in der Welt.

Kenne den Schmerz.

Weiß, wie es ist, von anderen verspottet zu werden.

Wie es ist, verraten zu werden.

Der Freiheit beraubt zu sein.

Am Ende zu sein.

Das alles, sagt Gott: Das alles macht dein Leben nicht sinnlos.

Auch wenn dich keine Erklärung trösten kann.

Auch wenn du jetzt nicht hinter den Horizont schauen kannst.

Auch wenn du denkst, der Schmerz vergeht nie.

Denke daran, du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

Amen!

(Hintergrundfoto: M.Treiber vor „I Am (Not) Safe“ von Ariel Reichman in der Kunsthalle Mannheim)

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar