Mit rechten Dingen soll es im Leben zugehen. Das dürfen wir zu Recht von unserem Staat verlangen und von anderen erwarten. Aber natürlich wissen wir nur allzu gut, wie ungerecht das Leben sein kann – in der Schule und im Beruf, bei Gehässigkeiten auf Facebook und Vorhaltungen in der Ehe, beim Blick auf Chancen und Erfolge anderer, ganz zu schweigen von dem schreienden Unrecht des Lebens, das manche gesund lässt und andere an Krankheit leiden. Recht und Gerechtigkeit ist dabei die Verheißung der Bibel, über die am Sonntag zu predigen ist.
Zunächst hilft vielleicht ein Zitat John F. Kennedys weiter: „Das Leben ist ungerecht. Aber vergiss nicht: Nicht immer zu deinen Ungunsten.“ Ich verstehe das so, dass es besser ist, für das Gute im Leben dankbar zu sein und die Möglichkeiten, die sich uns bieten, zu ergreifen. Daraus ergeben sich die Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit und die Kraft, das uns Mögliche dafür zu tun.
Predigttext am Sonntag, 9. Januar 2022 ist Jesaja 42, 1-4.
„Wie die Jungfrau zum Kind“, lautete die Antwort meines Lieblingslehrers auf die Frage, wie er dazu gekommen sei, Vertrauenslehrer zu werden. Erst später habe ich den tiefen Sinn dieser oft als flapsig daherkommenden Antwort verstanden. Manche Aufgaben kommen einfach auf einen zu und man muss sie machen. Und ein häufige Erfahrung dabei ist: Man macht sie auch gut!
Maria wird es wohl so ergangen sein. So wenig wir tatsächlich über dieses Mädchen aus Nazareth wissen – sie dürfte kaum älter als 15 Jahre gewesen sein – so eindrucksvoll ist die Geschichte, die von ihr erzählt wird. Doch jung, weiblich und aus der Provinz, was soll da schon Wichtiges herkommen?
Vielleicht liegt in diesem Vorbehalt der Grund, warum die einfachen Menschen Maria so verehrten. Sie trauten keinem einflussreichen Mann, der eine Religion einführt wie Karl der Große in Sachsen, sie wollten keine oft selbstgefälligen Philosophen, die sich von den Machthabern aushalten ließen wie Seneca. Und zu arm war ihnen eine Religion, in der nur Männer das Sagen haben.
Dabei geht es bei dem, was geschieht, um die größte Geschichte aller Zeiten, wie es einmal etwas pathetisch genannt wurde. Es geht um die Geschichte, wie Gott Mensch wurde, wie das Ewige zeitlich wird, wie der Sinn in die sinnlose Welt kommt, wie die Erlösung sich der Not und dem Leiden entgegenstellt.
Am Anfang dieser Geschichte von der Rettung der Menschen durch Gott steht diese junge Frau aus Nazareth. Als erste erfährt sie, wer ihr Sohn sein wird: Der Sohn Gottes, der wahre Mensch. Der Mensch, wie er sein soll, ist ihr Kind.
Mutter dieses wahren Menschen sein und ihn erziehen? Ein seltsamer Gedanke, der – außer vielleicht in dem Skandalbild von Max Ernst „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen – sonst kaum angesprochen wird. Maria hat Jesus zur Welt gebracht. Aber hat sie ihn auch erzogen und wenn ja, wie? Nur mit Liebe – oder auch mit Hausarrest? Oder musste man Jesus gar nicht erziehen? Die Gedanken befremden, weil sie in der Theologie kaum bedacht wurden und in ihrer Konkretion vermutlich als zu weltlich gelten.
Dabei steht doch gerade Maria für die Weltlichkeit Gottes. Gott offenbart sich in einem Menschen, der von ihr geboren, umsorgt und erzogen wurde. Später hatte er großen Ärger mit seiner Familie, seinen Geschwistern und auch seiner Mutter, die ihm bescheinigten, den Verstand verloren zu haben (Markus 3,21).
Doch jetzt ist noch alles offen. Maria ist von Gott erwählt, aber sie muss erst lernen, dieser Erwählung auch zu vertrauen. Offenbarung braucht einen Menschen, der bereit ist, sich gegen alle Vernunft darauf einzulassen: „Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“
Das ist das Beispielhafte an Maria, dass sie bereit ist, sich auf das Wort Gottes einzulassen und diesem Wort zu vertrauen. Ihre Antwort an Gabriel, den Boten Gottes, ist alles andere als die typisch demütige Haltung, in welche über Jahrhunderte hinweg vor allem Frauen durch den Glauben gedrängt worden sind. Es ist vielmehr eine mutige Antwort, denn sie ist voller Risiken. „Ja“ zu ihrem eigenen Sohn zu sagen, ist ihr nicht immer leicht gefallen. Dennoch hat sie den Weg bejaht, auf den sie sich gerufen wusste.
So wird Maria auch für uns evangelische Christen zu einem Beispiel des Glaubens. Glauben heißt, dem Wort Gottes zuzutrauen, dass es Neues bewirkt. Darauf zu trauen, dass Gott unser Leben halten und leiten will.
Zu glauben, dass vor dem Ewigen nicht Ansehen und Leistung zählt, sondern allein das Vertrauen in Gottes Wort – auch wenn wir es nicht immer verstehen.
Zu hoffen, dass Gottes Erlösung Wirklichkeit wird – auch in unserer Welt mit ihren Nöten und ihrem Elend.
Zu lieben – einfach deshalb, weil es immer richtig ist.
Gnade haben auch wir bei Gott gefunden. Maria hat sie zur Welt gebracht.
Predigttext am 4. Advent, 19. Dezember 2021, ist Lukas-Evangelium 1, 26-38.
Was andere von einem denken, kann einem egal sein, wichtig ist, dass man vor Gott und seinem eigenen Gewissen bestehen kann, meint der Bibeltext für die Predigt am kommenden Sonntag. Und dann steht da ein weiterer toller Gedanke: Man soll auch mit sich selbst nicht zu hart ins Gericht gehen.
Und als Drittes: Keinesfalls soll man über sich und andere vor dem Ende richten, denn erst dann kommt ans Licht, was heute noch verborgen ist. Und das muss ja nichts Schlechtes sein. Manchmal entdeckt man die guten Seiten eines Menschen erst nach langem Suchen.
Am dritten Advent erwartet man vielleicht andere Gedanken, aber was der Apostel Paulus schreibt, ist guter Stoff zum Nachdenken.
Predigttext am Sonntag, 12. Dezember 2021, ist 1.Korintherbrief 4, 1-5.
Zuweilen erwischt einen das Leben hart, gnadenlos könnte man sagen, wenn Schlimmes noch schlimmer wird; wenn man fragt „Hört das denn nie auf?“, weil man am Ende der Kräfte ist; wenn das Leben enger und dunkler wird und keine Anzeichen für Besserung sichtbar ist.
Und wir anderen, denen es besser geht und die wir dennoch hilflos das Leid anderer mit anschauen müssen? Wie geht es uns? Hilfreiche Gespräche und gute Gedanken sind wichtig, kommen aber bald an ein Ende. Hinter der Sprachlosigkeit bleibt dann nur noch die Hoffnung.
„Ach dass Du den Himmel zerrissest und führest herab…“ – die altertümlich-bildhafte Sprache der Bibel, des Textes für die Predigt am 2. Advent, finde ich dann gar nicht mehr so befremdlich. Sie weist über unsere Wünsche und Vorstellungen hinaus. „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“ Auch im Leid hilft es, nach vorne zu schauen, zum Kind der Krippe, zu Gott, dem Grund des Seins, der letzten Hoffnung, die wir haben.
Predigttext am 2. Adventssonntag, 5. Dezember 2021, ist Jesaja 63, 15-19b und 64, 1-3
Eines Tages wird ein gerechter Herrscher kommen und „wohl regieren mit Recht und Gerechtigkeit“ heißt die biblische Ansage zum 1. Advent.
Wir haben da wohl alle eher einen realistischen Blick auf die Politik. Recht und Freiheit stehen weltweit nicht mehr so hoch im Kurs, wie es sein sollte. Mancherorts versuchen die Männer und Frauen in der Politik ihr Bestes, in anderen Ländern dienen sie nur ihren eigenen Machtinteressen.
Aber auch der im Buch Jeremia verheißene Herrscher ist nicht gekommen. Noch jahrhundertelang hat Israel sich durchgewurstelt und war mit sich selbst und seinen Herrschern unzufrieden.
Die Hoffnung auf den gerechten Herrscher war allerdings inspirierend, wurde auf Christus gerichtet und gibt Menschen in aller Welt bis heute Hoffnung.
Hoffnung – nicht auf ein politisches Paradies, sondern auf Menschen, die in ihrem Glauben den Anlass sehen, für Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten.
Und solche Menschen gibt es mehr als genügend in unserem Land. Gott sei Dank!
Predigttext am 1.Adventssonntag ist Jeremia 23, 5-8.
Finster wird es im November am Ende der Kirchenjahres. Nicht nur draußen, sondern das kann auch im Inneren passieren, wenn sich das Gefühl einstellt: Es war alles umsonst! Alle Liebe vergeblich, alle Mühe folgenlos. Nichts ist gut!
Doch das Leben ist in Wirklichkeit nicht von seiner Vergeblichkeit bedroht, sondern von seiner Unvorhersehbarkeit, die Angst machen kann. An jedem neuen Tag lauert eben nicht nur Gefahr, sondern kann auch das Gute kommen, kann einem die Liebe neu über den Weg laufen, kann unser Tun Früchte zeigen, wo wir keinen Erfolg vermutet haben. Das zu hoffen, ist weise. Warum also daran zweifeln?
Predigttext am Ewigkeitssonntag ist Jesaja 65, 17-25
Alles hat ein Ende, nichts bleibt. Ein melancholischer Gedanke aus der Bibel, der ganz gut zu dem Empfinden vieler Menschen passt – nicht nur im November. Vergänglichkeit stellt unser ganzes Leben in Frage.
Oder ermöglicht Vergänglichkeit unserem Leben nicht erst Sinn? So kann man das ja auch sehen. Zum Glück ist nichts ewig – kein Fehler, keine Beeinträchtigung. Nichts, was sich falsch anfühlt, muss so bleiben.
Und dann kann man Vergänglichkeit ja auch als Ansporn verstehen, endlich in der Gegenwart zu leben. Unsere Tage sind begrenzt. Hier und heute gilt es das Richtige zu tun.
Predigttext am Sonntag, 21. November 2021, ist 2. Korinther 5, 1-10.
Auf die tiefgründige Frage „Ist das Glas halb voll oder halb leer?“, mit der man Optimisten und Pessimisten unterscheiden will, gibt es für mich nur eine sinnvolle Antwort: Es hat die falsche Größe.
Ist unser Leben halb voll, also schön, toll und einfach lebenswert, auch wenn nicht alles hundertprozentig ist. Aber die Probleme muss man eben akzeptieren und angehen? – Oder ist unser Leben halb leer, also eigentlich nur bestimmt von Ärger und Not, Problemen und Leiden, angesichts derer die gelegentllche Lebensfreude nicht ins Gewicht fällt? Beide Sichtweisen lassen sich erleben und scheinen Recht zu haben.
Aber ich denke, beide Sichtweisen sind falsch: Wer das Leben durch Leiden gleich ganz in Frage gestellt sieht, sollte all das Gute darin, die Liebe und die Kinder zum Beispiel, nicht so gering achten. Und wer die Lebensfreude mit dem Sinn des Lebens verwechselt, verdrängt die Ernsthaftigkeit menschlicher Not.
Beides hat letztlich die falsche Größe. Unser Leben lässt sich nicht als gesamtes messen, ob es erfolgreich oder gescheitert ist, sondern jeder Tag ist neu, jede Sekunde ist geschenkt. Heute sollen wir leben. Und Hoffnung haben, dass all das Gute und Gelingende, was wir noch nicht sehen, letztlich Wirklichkeit wird.
Predigttext am Sonntag, 7. November 2021, ist Psalm 85.
Wäre das nicht herrlich, keine Angst zu haben, keine Angst vor dem Versagen und keine Angst vor dem Urteil anderer, keine Angst vor den eigenen Grenzen und keine Angst vor dem Ewigen? Dann kann man sich wirklich frei fühlen.
Die Reformatoren haben die Freiheit ins Zentrum ihrer Überlegungen gestellt. Und ihnen war klar, dass Freiheit auch eine Herausforderung ist. Wer frei ist, kann nicht mehr andere für das eigene Leben verantwortlich machen, sondern ist selbst verantwortlich.
Aber es lohnt sich, die Freiheit zu schätzen. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner Autobiographie darauf aufmerksam gemacht und geschrieben: „Wir haben die Freiheit ersehnt, sie hat uns angeschaut, wir sind aufgebrochen und sie hat uns nicht im Stich gelassen.“
Predigttext zum Gedenktag der Reformation ist Galater 5, 1-6.
Maria hatte es mit ihrem Ältesten nicht leicht. Der Junge ließ mit dreißig Jahren alles stehen und liegen, verließ das zuhause und zog als Wanderprediger umher. Seine Geschwister suchten ihn, bedrängten ihn und bescheinigten ihm schließlich, dass er von Sinnen sein. Eine Geschichte von Jesus, die nicht so oft erzählt wird, aber genau so in der Bibel steht.
Probleme in der Familie trägt man nicht gerne nach außen. Die sind auch so schon groß genug. Dabei hat jeder sein Päckchen zu tragen, wie man etwas verharmlosend sagt: Kinder, um die man sich Sorgen macht, und alte Eltern, die Fürsorge brauchen; Krankheiten, die einen bedrohen, und Süchte, die Menschen gefangen halten.
Andere geht das wirklich nichts an, finde ich. Umso wichtiger ist es aber, dass die Menschen zusammenhalten, die zusammengehören. Das klappt nicht das ganze Leben über. Geschwister kommen sich oft erst im mittleren Alter wieder nahe. Ich denke, die Zeit dazwischen braucht man auch. Die Jahre, wo man alleine entdecken muss, was einem im Leben wichtig ist und gut tut.So wie Jesus seinen Glauben entdeckt hat.
Predigttext am Sonntag, 24. Oktober 2021, ist Matthäus 10, 34-39