„Ich habe eine Begegnung gehabt. Ich kann sie nicht einmal beweisen, doch ich spüre sie mit allem was ich bin. Wir sind verbunden mit etwas Höherem – und wir sind nicht allein. Keine Sekunde.“
Haben Sie so etwas auch schon mal empfunden: Damals im Krankenhaus als Sie inmitten aller Bedrohung gespürt haben: Das geht gut? Oder als Sie mit Sorgen in der Kirche saßen und plötzlich das Gefühl hatten, hier sind Sie umgeben von Ewigkeit und Sie spüren plötzlich Ruhe und Kraft?
Das Zitat stammt aus dem Film Contact, in dem eine Wissenschaftlerin im Rahmen einer äußerlich gescheiterten Raumfahrtmission eine Begegnung dieser besonderen Art hat: Die Gewissheit zu spüren, dass alles ganz anders ist, alles wunderschön ist, alles ist geborgen, gedacht, gehalten und voller Sinn.
Manche halten das für Illusion – das kann man so sehen. Delusion – Irrsinn -, wie es militante Atheisten nennen, ist diese Begegnung aber nicht. Glaube kann man nicht beweisen und nicht machen, man kann ihn nur spüren: Als „Ergriffenheit von dem, was uns unbedingt angeht“, als „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ – oder manchmal auch nur ganz lapidar als Gewissheit, dass Liebe und Güte richtig sind. Und dass das alles wunderschön ist, so dass wir es kaum ertragen können.
Die Bibel erzählt am Sonntag davon, dass man Mose eine Decke über den Kopf legte, weil sein Haupt so leuchtete, da er Gott gesehen hatte.
Predigttext am Sonntag, 30. Januar 2022, ist 2.Mose 34, 29-35
Um die 60 Prozent aller Deutschen – die Umfrageergebnisse schwanken – glaubt an Gott. Und der Rest? Lässt er „Gott einen guten Mann sein“, wie man so sagt? Das wäre in meinen Augen fatal. Ohne Glaube, darauf hat der Philosoph Max Horkheimer 1970 in einem SPIEGEL-Interview verwiesen, fehlt die „Hoffnung, dass es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge.“
Und all der Ärger, die Ängste und die Sorgen sollen auch nicht unser Leben bestimmen, möchte ich ergänzen. Glaube ist Hoffnung und zeigt sich in der Liebe. Dieser Glaube, dieses „Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“ (P.Tillich), ist zunächst einmal ein tiefes Gefühl, das die meisten Menschen in sich empfinden, das Gefühl, „dass da mehr ist“ und es einen Sinn gibt; er zeigt sich in der inneren Gewissheit, dass Gutes gut ist und Liebe richtig.
Mancher mag mit der Vorstellung eines persönlichen Gottes wenig anfangen können, aber ich bin sicher, die meisten Menschen lassen Gott nicht nur „einen guten Mann sein“, sondern wollen selbst das Gute in der Welt und ein Leben, in dem Liebe wirklich wird. Das ist die beste Voraussetzung, dass wir – egal was und wie wir glauben – in Frieden und Freiheit zusammenleben. Davon erzählt auch die Bibel an diesem Sonntag, wo Jesus den Glauben eines römischen Besatzers lobt.
Predigttext am Sonntag, 23. Januar 2022, ist Matthäus 8, 5-13
„Worte können das nicht beschreiben. Gedichte. Sie hätten einen Dichter schicken sollen. Wunderschön…so wunderschön“ jubelt in dem Film „Contact“ fast sprachlos die Wissenschaftlerin Ellie Arroway, als sie die ersehnte jenseitige Welt betritt. Oder bildet sie sich das nur ein? Überwältigend jedenfalls scheint die Erfahrung zu sein.
Und wir? Bilden wir uns unseren Glauben und unsere Hoffnung nur ein? Ich bin überzeugt: Nein! In manchen Erfahrungen ist mir schon deutlich geworden: Da ist mehr, als ich sehen und begreifen kann. So wichtig und unbestreitbar richtig naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind, es gibt Wahrheit, die jenseits davon ist. Ethik und Moral gehören dazu, aber auch Hoffnung und Vertrauen und Liebe. Wissenschaftlich lässt sich das nur begrenzt erklären und herbei diskutieren lässt es sich, denke ich, gar nicht. Hoffen können und geliebt werden, ist mehr als ich begreifen kann.
Und am Ende? Wo all unsere Vorstellungen und Modelle scheitern? Wenn wir die letzte Grenze überwunden haben, wenn der letzte Schmerz vergangen ist? In manchen Momenten spüre ich den Glauben, dass ich dann erkennen werde: „Es ist alles ganz anders. Wunderschön… so wunderschön.“
Dass das stimmt, kann ich nicht beweisen. Aber dass ich damit besser leben kann, weiß ich.
Predigttext am Sonntag, 16. Januar 2022, ist 1.Korinther-Brief 2, 1-10.
Mit rechten Dingen soll es im Leben zugehen. Das dürfen wir zu Recht von unserem Staat verlangen und von anderen erwarten. Aber natürlich wissen wir nur allzu gut, wie ungerecht das Leben sein kann – in der Schule und im Beruf, bei Gehässigkeiten auf Facebook und Vorhaltungen in der Ehe, beim Blick auf Chancen und Erfolge anderer, ganz zu schweigen von dem schreienden Unrecht des Lebens, das manche gesund lässt und andere an Krankheit leiden. Recht und Gerechtigkeit ist dabei die Verheißung der Bibel, über die am Sonntag zu predigen ist.
Zunächst hilft vielleicht ein Zitat John F. Kennedys weiter: „Das Leben ist ungerecht. Aber vergiss nicht: Nicht immer zu deinen Ungunsten.“ Ich verstehe das so, dass es besser ist, für das Gute im Leben dankbar zu sein und die Möglichkeiten, die sich uns bieten, zu ergreifen. Daraus ergeben sich die Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit und die Kraft, das uns Mögliche dafür zu tun.
Predigttext am Sonntag, 9. Januar 2022 ist Jesaja 42, 1-4.
„Wie die Jungfrau zum Kind“, lautete die Antwort meines Lieblingslehrers auf die Frage, wie er dazu gekommen sei, Vertrauenslehrer zu werden. Erst später habe ich den tiefen Sinn dieser oft als flapsig daherkommenden Antwort verstanden. Manche Aufgaben kommen einfach auf einen zu und man muss sie machen. Und ein häufige Erfahrung dabei ist: Man macht sie auch gut!
Maria wird es wohl so ergangen sein. So wenig wir tatsächlich über dieses Mädchen aus Nazareth wissen – sie dürfte kaum älter als 15 Jahre gewesen sein – so eindrucksvoll ist die Geschichte, die von ihr erzählt wird. Doch jung, weiblich und aus der Provinz, was soll da schon Wichtiges herkommen?
Vielleicht liegt in diesem Vorbehalt der Grund, warum die einfachen Menschen Maria so verehrten. Sie trauten keinem einflussreichen Mann, der eine Religion einführt wie Karl der Große in Sachsen, sie wollten keine oft selbstgefälligen Philosophen, die sich von den Machthabern aushalten ließen wie Seneca. Und zu arm war ihnen eine Religion, in der nur Männer das Sagen haben.
Dabei geht es bei dem, was geschieht, um die größte Geschichte aller Zeiten, wie es einmal etwas pathetisch genannt wurde. Es geht um die Geschichte, wie Gott Mensch wurde, wie das Ewige zeitlich wird, wie der Sinn in die sinnlose Welt kommt, wie die Erlösung sich der Not und dem Leiden entgegenstellt.
Am Anfang dieser Geschichte von der Rettung der Menschen durch Gott steht diese junge Frau aus Nazareth. Als erste erfährt sie, wer ihr Sohn sein wird: Der Sohn Gottes, der wahre Mensch. Der Mensch, wie er sein soll, ist ihr Kind.
Mutter dieses wahren Menschen sein und ihn erziehen? Ein seltsamer Gedanke, der – außer vielleicht in dem Skandalbild von Max Ernst „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen – sonst kaum angesprochen wird. Maria hat Jesus zur Welt gebracht. Aber hat sie ihn auch erzogen und wenn ja, wie? Nur mit Liebe – oder auch mit Hausarrest? Oder musste man Jesus gar nicht erziehen? Die Gedanken befremden, weil sie in der Theologie kaum bedacht wurden und in ihrer Konkretion vermutlich als zu weltlich gelten.
Dabei steht doch gerade Maria für die Weltlichkeit Gottes. Gott offenbart sich in einem Menschen, der von ihr geboren, umsorgt und erzogen wurde. Später hatte er großen Ärger mit seiner Familie, seinen Geschwistern und auch seiner Mutter, die ihm bescheinigten, den Verstand verloren zu haben (Markus 3,21).
Doch jetzt ist noch alles offen. Maria ist von Gott erwählt, aber sie muss erst lernen, dieser Erwählung auch zu vertrauen. Offenbarung braucht einen Menschen, der bereit ist, sich gegen alle Vernunft darauf einzulassen: „Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“
Das ist das Beispielhafte an Maria, dass sie bereit ist, sich auf das Wort Gottes einzulassen und diesem Wort zu vertrauen. Ihre Antwort an Gabriel, den Boten Gottes, ist alles andere als die typisch demütige Haltung, in welche über Jahrhunderte hinweg vor allem Frauen durch den Glauben gedrängt worden sind. Es ist vielmehr eine mutige Antwort, denn sie ist voller Risiken. „Ja“ zu ihrem eigenen Sohn zu sagen, ist ihr nicht immer leicht gefallen. Dennoch hat sie den Weg bejaht, auf den sie sich gerufen wusste.
So wird Maria auch für uns evangelische Christen zu einem Beispiel des Glaubens. Glauben heißt, dem Wort Gottes zuzutrauen, dass es Neues bewirkt. Darauf zu trauen, dass Gott unser Leben halten und leiten will.
Zu glauben, dass vor dem Ewigen nicht Ansehen und Leistung zählt, sondern allein das Vertrauen in Gottes Wort – auch wenn wir es nicht immer verstehen.
Zu hoffen, dass Gottes Erlösung Wirklichkeit wird – auch in unserer Welt mit ihren Nöten und ihrem Elend.
Zu lieben – einfach deshalb, weil es immer richtig ist.
Gnade haben auch wir bei Gott gefunden. Maria hat sie zur Welt gebracht.
Predigttext am 4. Advent, 19. Dezember 2021, ist Lukas-Evangelium 1, 26-38.
Was andere von einem denken, kann einem egal sein, wichtig ist, dass man vor Gott und seinem eigenen Gewissen bestehen kann, meint der Bibeltext für die Predigt am kommenden Sonntag. Und dann steht da ein weiterer toller Gedanke: Man soll auch mit sich selbst nicht zu hart ins Gericht gehen.
Und als Drittes: Keinesfalls soll man über sich und andere vor dem Ende richten, denn erst dann kommt ans Licht, was heute noch verborgen ist. Und das muss ja nichts Schlechtes sein. Manchmal entdeckt man die guten Seiten eines Menschen erst nach langem Suchen.
Am dritten Advent erwartet man vielleicht andere Gedanken, aber was der Apostel Paulus schreibt, ist guter Stoff zum Nachdenken.
Predigttext am Sonntag, 12. Dezember 2021, ist 1.Korintherbrief 4, 1-5.
Zuweilen erwischt einen das Leben hart, gnadenlos könnte man sagen, wenn Schlimmes noch schlimmer wird; wenn man fragt „Hört das denn nie auf?“, weil man am Ende der Kräfte ist; wenn das Leben enger und dunkler wird und keine Anzeichen für Besserung sichtbar ist.
Und wir anderen, denen es besser geht und die wir dennoch hilflos das Leid anderer mit anschauen müssen? Wie geht es uns? Hilfreiche Gespräche und gute Gedanken sind wichtig, kommen aber bald an ein Ende. Hinter der Sprachlosigkeit bleibt dann nur noch die Hoffnung.
„Ach dass Du den Himmel zerrissest und führest herab…“ – die altertümlich-bildhafte Sprache der Bibel, des Textes für die Predigt am 2. Advent, finde ich dann gar nicht mehr so befremdlich. Sie weist über unsere Wünsche und Vorstellungen hinaus. „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“ Auch im Leid hilft es, nach vorne zu schauen, zum Kind der Krippe, zu Gott, dem Grund des Seins, der letzten Hoffnung, die wir haben.
Predigttext am 2. Adventssonntag, 5. Dezember 2021, ist Jesaja 63, 15-19b und 64, 1-3
Eines Tages wird ein gerechter Herrscher kommen und „wohl regieren mit Recht und Gerechtigkeit“ heißt die biblische Ansage zum 1. Advent.
Wir haben da wohl alle eher einen realistischen Blick auf die Politik. Recht und Freiheit stehen weltweit nicht mehr so hoch im Kurs, wie es sein sollte. Mancherorts versuchen die Männer und Frauen in der Politik ihr Bestes, in anderen Ländern dienen sie nur ihren eigenen Machtinteressen.
Aber auch der im Buch Jeremia verheißene Herrscher ist nicht gekommen. Noch jahrhundertelang hat Israel sich durchgewurstelt und war mit sich selbst und seinen Herrschern unzufrieden.
Die Hoffnung auf den gerechten Herrscher war allerdings inspirierend, wurde auf Christus gerichtet und gibt Menschen in aller Welt bis heute Hoffnung.
Hoffnung – nicht auf ein politisches Paradies, sondern auf Menschen, die in ihrem Glauben den Anlass sehen, für Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten.
Und solche Menschen gibt es mehr als genügend in unserem Land. Gott sei Dank!
Predigttext am 1.Adventssonntag ist Jeremia 23, 5-8.
Finster wird es im November am Ende der Kirchenjahres. Nicht nur draußen, sondern das kann auch im Inneren passieren, wenn sich das Gefühl einstellt: Es war alles umsonst! Alle Liebe vergeblich, alle Mühe folgenlos. Nichts ist gut!
Doch das Leben ist in Wirklichkeit nicht von seiner Vergeblichkeit bedroht, sondern von seiner Unvorhersehbarkeit, die Angst machen kann. An jedem neuen Tag lauert eben nicht nur Gefahr, sondern kann auch das Gute kommen, kann einem die Liebe neu über den Weg laufen, kann unser Tun Früchte zeigen, wo wir keinen Erfolg vermutet haben. Das zu hoffen, ist weise. Warum also daran zweifeln?
Predigttext am Ewigkeitssonntag ist Jesaja 65, 17-25
Alles hat ein Ende, nichts bleibt. Ein melancholischer Gedanke aus der Bibel, der ganz gut zu dem Empfinden vieler Menschen passt – nicht nur im November. Vergänglichkeit stellt unser ganzes Leben in Frage.
Oder ermöglicht Vergänglichkeit unserem Leben nicht erst Sinn? So kann man das ja auch sehen. Zum Glück ist nichts ewig – kein Fehler, keine Beeinträchtigung. Nichts, was sich falsch anfühlt, muss so bleiben.
Und dann kann man Vergänglichkeit ja auch als Ansporn verstehen, endlich in der Gegenwart zu leben. Unsere Tage sind begrenzt. Hier und heute gilt es das Richtige zu tun.
Predigttext am Sonntag, 21. November 2021, ist 2. Korinther 5, 1-10.