Alltagsglaube #14 – Bußtag

Kinder brauchen Regeln sagt man. Das stimmt, aber Erwachsene haben das nach meiner Beobachtung oft nötiger. Der schwarze Audi TT, der in der Staufenbergstraße die Verkehrsinsel links umfahren hat, weil rechts der Stadtbus stand, gehörte ja wohl kaum einem Pubertierenden, und wenn Eltern ihrem Kind einen Brief in die Schule mitgeben, um ihr Kind von der Maskenpflicht befreien zu lassen – ohne Grund, sondern weil es eben geht, dann zweifle ich am Verstand der Eltern, oder jedenfalls an ihrem Anstand.

Aber woher wissen wir, welche Regeln richtig sind? So richtig, dass wir sie unseren Kindern beibringen und andere Erwachsene unter Umständen sogar dazu zwingen dürfen. Wer sagt, was richtig und falsch ist? Die Mehrheit? Die mit dem größten Einfluss?

Natürlich wird bei uns demokratisch-rechtstaatlich festgelegt, was verboten ist. Aber woher kann man das wissen? Die philosophische Tradition beruft sich auf die Vernunft, die christliche auf Gott. Das muss kein Widerspruch sein. 

Gut im alltägliche Tun ist jedenfalls, was mehr nützt als schadet. Und gut zwischen Menschen ist, was in Liebe geschieht. Das jedes Mal aber von Anfang an neu durchzudenken, wäre kaum machbar. Deswegen legen wir uns Regeln zurecht, die uns im normalen Alltag quasi automatisch das Richtige tun lassen, und wofür wir nicht einmal staatlichen Zwang brauchen, sondern wofür der Anstand genügt.

Zum Beispiel: Drängle dich nicht vor! Und setze deinen Mund-Nasen-Schutz auf, auch wenn es dir nicht passt. Einfach aus Rücksicht auf andere.

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Sonntagsgedanken 15-11-2020 – Ein Lob dem Gauner

„Fack ju Göhte“ kam kürzlich wieder im Fernsehen, und wenn Sie den Film noch nicht gesehen haben, sollten Sie ihn sich trotz des ordinären Titels anschauen. Eine unterhaltsame Lehrstunde in Sachen Ethik und Schulpolitik steht ihnen dann bevor. Ein kleiner Gauner wird auf der Suche nach der Beute aus Versehen Lehrer; die Schulleiterin hilft ihm bei dem Betrug, indem sie seine Zeugnisse fälscht; seine Klasse besteht aus einer Bande von missratenen Schülern – und am Ende wird er Beamter und die Jugendlichen haben das Abitur. Das klingt doch einfach zu schön, um wahr zu sein.

Ist es auch leider auch – zum schön, um wahr zu sein. Unser Schulsystem gibt solchen Jugendlichen, die im Film nicht umsonst Chantal und „Danger“ heißen, keine großen Chancen, aber das ist ein anderes Thema. Mir geht es heute nur darum, dass mit dem sympathischen Ganoven-Lehrer ein Loblied auf den Betrug gesungen wird. Sie finden das empörend? Dann hören sie mal am kommenden Sonntag den Predigttext aus der Bibel, in dem ein betrügerischer Prokurist dafür gelobt wird, dass er sich mit Geld Freunde für Notzeiten schafft.

Sie finden das unmoralisch? Ich eigentlich auch, aber Jesus hat den Geldverwalter dafür gelobt. Dafür, dass er vorausschauend handelt.

So wie der Gauner, der Lehrer wird, und schrägen Jugendlichen auf dem Weg ins Leben hilft.

Predigttext am Sonntag, 15. November 2020, ist Lukas-Evangelium 16, 1-9.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10:00 Uhr in der Matthäuskirche in Heilbronn-Sontheim

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Alltagsglaube #13 – Mauerfall

Wer älter als fünfzig ist wird wohl noch genau wissen, wo er war, als die Mauer am 9. November 1989 fiel. Ich kam gerade aus Stuttgart zurück und schaltete den Fernseher ein, als die unglaublichen Bilder ausgestrahlt wurden – so sagte man damals. Kolonnen von Menschen überquerten zu Fuß und in Trabis die Grenze, die ich noch wenige Monate zuvor nur begleitet von den üblichen Schikanen überschreiten konnte. Widerlichen DDR-Grenzer hatte uns genau gefilzt, als wir zum Kirchentag nach Berlin fuhren. Und jetzt das! Es war unglaublich. Ein Wunder, sagten manche.

Der Gedanke, dass da der Heilige Geist durch die Geschichte wehte, und alles irgendwie so richtig laufen ließ, hat etwas für sich. Ein Wunder, dass viele Millionen Menschen Freiheit und Wohlstand und Gesundheit gewinnen konnten, ohne dass auch nur ein einziger Schuss fiel.

Aber natürlich waren es Menschen, die hier im richtigen Augenblick das Richtige sagten und taten: Politiker wie Helmut Kohl, Willy Brandt und George Bush, aber vor allem auch die Kirchenvertreter und Pfarrer in der DDR, die den friedlichen Aufstand für die Freiheit mit ermöglichten.

Gedankt wurde ihnen allen das nicht so recht. Aber Dankbarkeit ist eben auch keine historische Kategorie, wie mal jemand bemerkte. Beschämend finde ich es dennoch, dass an diesen Sieg der Freiheit hierzulande weniger erinnert als in anderen Ländern. In Gdansk, Buenos Aires, Seoul und selbst in Santa Barbara in Kalifornien erinnern Reste der Berliner Mauer an diesen Tag, und in einer Kleinstadt im amerikanischen Westen wurde mir sogar vor ein paar Jahren noch versichert, wie sehr man sich mit uns über den Fall der Mauer freue. Aber wo steht eigentlich in meiner Heimatstadt Heilbronn, Germany, das Denkmal der Freude über die Freiheit? 

Der kleine Brocken, den ich Ende November 1989 selbst aus der Mauer schlug und der nun in meinem Regal steht, ist nur eine persönliche Erinnerung – eine schöne allerdings.    

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Sonntagsgedanken 08-11-2020 – Weltuntergang

Ich bin mit Weltuntergangspropheten groß geworden: Atomkrieg und Atomkraft, Waldsterben und Lebensmittelchemie, das Internet und eine neue Eiszeit. Was ist uns nicht alles als Untergang prophezeit worden? Doch die Welt gibt es immer noch. Und ernsthaft wird niemand behaupten können, dass früher alles besser war.

Wann die Welt vergeht, kann uns schlichtweg egal sein. Es ist nicht nötig, darüber nachzudenken, heißt es im Bibeltext des kommenden Sonntags. 

Wir sollen heute leben, heute das Richtige tun, heute lieben – als Kinder des Lichtes, mit dem Gott die Welt erhellt. Corona und Klimawandel bedeuten nicht den Weltuntergang, sondern Probleme, denen wir uns stellen müssen. Hier und heute.

Predigttext am Sonntag, 8. November 2020, ist 1.Thessalonicher 5, 1-11.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #12 – Nachricht von Sam

Ein schreckliches Ereignis und ein wunderbarer Traum: Ein junger Mann stirbt, die große Liebe einer schönen Frau. Danach begleitet er sie als Geist, als unsichtbarer Engel, der sie schützt.

Mancher hat vor dreißig Jahren gelästert über den kitschigen Film „Ghost – Nachricht von Sam“ und sich dennoch verschämt Tränen aus den Augen gewischt. Zu schön der Gedanke, dass es trotz des Todes weiter geht. Zu schön, um wahr zu sein? Jetzt im November, dem finsteren Monat des Totengedenkens?

Aber wenn es doch stimmt? Wenn es die Auferstehung gibt? Wenn nach dem Tode die Ewigkeit steht? 

Dann ist die Welt anders. Dann regiert die Liebe und nicht der Tod. Dann ist das Leben selbst der Sinn – und wir sind geborgen in der Ewigkeit. 

Wem Patrick Swayze als unsterblicher Geist der Liebe zu kitschig und zu konkret ist, den spricht vielleicht der Schluss des besten aller Filme an, „2001“, in dem am Ende die Neuschöpfung des Lebens steht.

Oder mein Lieblingsfilm – „Tree of Life“ mit Brad Pitt, wo Erlösung in Bildern reiner Liebe liegt. 

Beweisen lässt sich die Auferstehung nicht – aber was, wenn es wahr ist? 

Dann ist gut sein.

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Sonntagsgedanken 01-11-2020 – Das Beste draus machen

Dass Herumnörgeln eine typisch deutsche Eigenschaft ist, möchte ich bestreiten, aber eine typisch europäische ist es vielleicht schon. Wo über Jahrhunderte Fürsten und Könige herrschten, gewöhnten sich deren Untertanen daran, dass man eh‘ nichts machen kann, außer eben zu meckern. 

Dem widerspricht der Prophet Jeremia, wenn er im Predigttext des nächsten Sonntags von seinen Leuten, die nach Babylon deportiert worden waren, fordert: Suchet der Stadt Bestes! Zu deutsch: Lebt – auch in einer Umgebung, die euch nicht passt! Macht das Beste daraus!

Das gilt wohl sogar in einem ganz umfassenden Sinne heute auch: Die Welt um uns herum, die Politik und der Arbeitsplatz, unsere Nachbarn und unsere Gesundheit, all das ist gewiss nicht genauso, wie wir uns das wünschen. Im Corona-Jahr sowieso nicht. Aber wir sollen aus unserem Leben das Beste machen. Und Gott zeigt uns, wie.

Predigttext am Sonntag, 1. November 2020, ist Jeremia 29, 1-14.

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Alltagsglaube #11 – Generation Y

 Eine neue Generation hat jetzt die Schaltstellen der Macht erreicht. Die zwischen 1980 und 1995 geborenen nennt die Soziologie die Generation Y – auf deutsch Ypsilon – als Zeichen dafür, dass diese Generation in charakteristischer Weise alles hinterfragt. Das hat sie gelernt, da sie als erste Generation mit Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen ist. 

Soziologen haben inzwischen ein ziemlich genaues Bild der jungen Erwachsenen: Wichtiger als Status und Prestige sind ihnen bei der Arbeit Freude und Sinn. Im Beruf bringen sie volle Leistung, suchen aber die Balance zwischen Freizeit und Beruf. 

Umgang mit Ungewissenheiten ist diese Generation gewohnt, die mit Islamischem Terror und Finanzkrise groß geworden ist. Entsprechend sind sie Meister im Improvisieren und legen viel Wert auf Bildung.

Selbstzweckhafte politische Grundsatzdebatten wie sie an den Küchentischen unserer WGs stattgefunden haben, führt diese Generation nicht. Die Ypsiloner sind laut Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht so frei, nach ihren Vorstellungen zu leben. Sie sind „heimliche“ Revolutionäre, die die Welt verändern, indem sie traditionelle Lebensmuster unterwandern.

Natürlich sind solche Generationzuschreibungen auch Kunstgebilde. Aber wenn nur etwas Wahres dran ist, habe ich kein Problem, dieser Generation Y das Sagen in unserer Gesellschaft zu überlassen.

Und die Generation Z wird ihnen die Hölle heiß machen. Das sind die Kids, die heute fürs Klima auf die Straße gehen. 

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Sonntagsgedanken 25-10-2020 – Tun, was gut tut

Man tut etwas, weil es als richtig erkannt worden ist – koste es, was es wolle. Das ist das Prinzip der Pflichtenethik, begründet von Immanuel Kant. Er sagte sogar selbst, dass er lieber einen Freund an dessen Feinde verraten würde als zu lügen, denn Lügen ist verboten.

Während dieses Prinzip die europäische Philosophie und Politik nachhaltig prägt, gehen die Briten und Amerikaner da pragmatischer an die Sache ran. Man tut, was nützt und was geht. Die frommen Amis sind dabei, kein Wunder, näher an der Bibel dran. Denn auch für Jesus sind Gebote kein Selbstzweck, sondern haben nur eine Berechtigung, wenn sie konkreten Menschen nützen.

Menschenfreundlich daran ist übrigens nicht nur die Begründung, sondern auch die Folgen, die sich im persönlichen Verhalten und in der Politik zeigen. Man versucht nicht, andere besserwisserisch zu belehren, das Richtige zu tun, sondern man tut anderen Gutes – einfach, weil Gott das will, dass es Menschen gut geht. Und so steht es auch im Predigttext für den Sonntag, Markus 2, 23-28.

Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #10 – Fazebock

Der Untergang des Abendlandes ist wieder einmal abgesagt. Nachdem die Computer aus unsern Kindern weder sprachlose Nerds noch gewalttätige Egoshooter gemacht haben und keiner mehr die Avatare in Second Life kennt, kehren die Jugendlichen nun auch in Massen Facebook den Rücken. 

Mancher erinnert sich noch an alte Journalisten, die sich über die Verwendung des Begriffes „Freunde“ in den sozialen Netzwerken mokierten, und an besorgte Pädagoginnen, die sich standhaft weigerten, ihren Schülern ihre eMail Adresse zu geben. Vorbei! 

Die Jugend hat keine Lust mehr, in Facebook den eigenen Lehrern und Eltern zu begegnen und nutzt lieber den flüchtigen Chat via WhatsApp und verschickt Bilder mit SnapChat, die sich in Nichts auflösen, oder clips mit TikTok.

Das ist gut so, und noch besser ist, dass inzwischen immer mehr Ältere das „Fazebock“, wie einer es mal nannte, entdecken. Gerade für Senioren  – und Digital Immigrants wie mich – sind die klassischen Netzwerke nämlich ideal. Der Schulkamerad, der in Frankfurt lebt, die Ex-Freundin, die jetzt in Kansas wohnt, und die flüchtigen Bekannten aus der eigene Stadt, die man zwar nie besuchen würde, zu denen man aber gerne ein bisschen Kontakt hält – dafür ist Facebook ideal. Schon achten Pflegeheime beim Neubau darauf, in ihren Zimmern auch Internet zu haben, und spätestens, wenn man auf einen Rollator angewiesen ist, weiß man elektronische Kommunikation zu schätzen.

Also: Die Welt geht nicht unter, und wenn doch, dann sicher nicht wegen dem Internetz.

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Sonntagsgedanken 18-10-2020 – Wutbürger

Manche Vorschläge in der Bibel sind ja ganz lebenspraktisch. „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ heißt es zum Beispiel im Predigttext für den Sonntag. Geh nicht wütend ins Bett! Sonst setzt sich das fest. 

Das kennen Sie vielleicht auch. Man kann durchaus zu Recht auf jemanden wütend sein, aber zufriedenstellend ist das nicht. Besser man versucht sich zu beruhigen, sucht das Gespräch mit dem anderen. Dann ist alles okay.

Ein Problem ist es allerdings, wenn man nicht auf jemanden, sondern auf etwas wütend ist. „Wutbürger“ sind ja so ein Phänomen. Vor Jahren hat man noch über die meist älteren Männer gespottet, die morgens am Küchentisch die Zeitung lesen und übel nehmen – wem oder was ist eigentlich egal, sie nehme übel und granteln an der Welt herum.

Erschrocken habe ich festgestellt, dass ich manchmal auch so bin. Und mich über politische Fragen aufrege, die doch eigentlich für mein eigenes Alltagsleben ziemlich egal sind. 

Vor ein paar Wochen nun saß ich dann Berlin in der S-Bahn. Zufällig am Wochenende einer Demo gegen die Corona-Schutz-Maßnahmen. Ein älteres Ehepaar stieg ein, hatte sich Klarsichthüllen mit Parolen umgehängt – und wirkte ebenso hilflos wie es hilflos nach dem Weg zur Demo fragte. Viel Wut – und wenig Ahnung. Und die Gefahr, dass sie deswegen Rattenfängern hinterher laufen. 

Wut ist immer ein schlechter Ratgeber. Deshalb: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ – egal, ob er berechtigt ist oder nicht.

Predigttext am Sonntag, 18. Oktober 2020, ist Epheser 4, 22-32.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sontag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim
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