Alltagsglaube #9 – Du darfst

 Schon fast 50 Jahre alt ist die Lebensmittelmarke mit dem einschmeichelnden Titel „Du darfst“. Es geht – nicht nur bei dieser Firma – um sogenannte „gesunde“ Lebensmittel wie Geflügelwurst und Brotaufstriche. 

Respekt, sagen die Werbeprofis, wie es gelungen ist, einem Kunstprodukt wie Margarine das Image von Natürlichkeit zu verpassen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mich stört das „Du darfst!“ Habe ich um Erlaubnis gebeten, mein Wurstbrot essen zu dürfen? Wo überall nimmt sich da jemand das Recht heraus, etwas zu erlauben, wo nichts zu verbieten ist? Und gibt es nicht viel zu oft ein „Du darfst nicht!“ wie bei Glühbirnen und Staubsaugern? 

Offenbar hat man für Freiheit hierzulande keinen besonderen Sinn und traut uns nur wenig Gewissenhaftigkeit und Eigenverantwortung zu. 

Ein Kunstobjekt hat mir deshalb sehr gefallen, auf das ich im vergangene Jahr gekommen bin, ein zerbrochener Spiegel auf dem der etwas schräge Satz steht: „Du muss nicht dürfen.“ Genau! Begründet werden muss nicht die Erlaubnis, sondern das Verbot. 

In der Bibel wird zunächst lange von der Freiheit der Kinder Israels erzählt, bevor ein paar wenige, selbstverständliche Verbote genannt werden – Zehn Gebote reichen da. Für alles andere reicht die Liebe aus. Und dazu braucht man keine Erlaubnis.   

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Sonntagsgedanken 11-10-2020 – Aufs Herz hören

Um zu wissen, was richtig ist und was man tun soll, muss man nicht in den Himmel steigen. Man muss nur auf sein Herz hören. So ähnlich heißt es im Predigttext am kommenden Sonntag. 

Und ich glaube, dass das stimmt. Meist spüren wir doch ganz genau, was jetzt richtig ist und was nicht. „Bauchgefühl“ sagt man dazu, aber es ist mehr das Herz, das zu uns spricht. Die Liebe und der Geist, die in uns wirken. 

Ein Kind weint – das muss man doch trösten.

An der Straße liegt ein Verletzter – da hilft man doch.

Ich habe zum anderen etwas Dummes gesagt – das nagt an mir.

Für Immanuel Kant war das Gewissen im Gehirn das wichtige, eine Art „Innerer Gerichtshof“, der in uns tagt und uns sagt, was gut ist und was nicht.

Mir gefällt aber dieses andere Bild vom Herzen besser. Dass wir durch die Welt mal schreiten und mal treiben – dass uns oft die Worte fehlen und wir grübeln, was richtig ist – und wenn es darauf ankommt spricht aus uns eine innere Stimme, die die Liebe ist: Tue dies – und tue dies nicht, sagt uns unser Herz.

Das ist kein fremdes Gebot und kein innerer Richter, sondern ganz einfach der Geist der Liebe, der immer richtig liegt.

Predigttext am Sonntag, 11. Oktober 2020, ist 5.Mose 30, 11-14.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #8 – Berlin Tag und Nacht

Wer es als Eltern erdulden muss, wird es wohl hassen: „Berlin Tag & Nacht“, jene Daily-Doku-Soap um junge, tätowierte Menschen, die sich in einer hippen Wohnung wegen Kleinigkeiten anschreien. Trashfernsehen, offenbar vom Feinsten, denn die Sendung war schon für den deutschen Fernsehpreis nominiert. Zwar werden die Darsteller wohl kaum einen Oscar kriegen und das Drehbuch ist ebenso banal wie die Kamerafahrten verwackelt sind, aber das tut dem Erfolg keinen Abbruch. Die Teenies lieben es.

Droht also wieder mal der Untergang des Abendlandes – so wie damals, als Sokrates die Jugend vor dem Schreiben und Lesen warnte? 

Gemach! Selbst hier lohnt ein genauer Blick:

„Unterschichtsfernsehen“ ist der kultige TV-Schrott nicht, im Gegenteil, die gut eine Million jungen Zuschauer entstammen überdeutlich der Mittel- und Oberschicht. Was ihnen an dem unbeholfenen Laientheater gefällt, ist vor allem die Authentizität einer jugendlichen Welt. Da geht es um Liebe, Sex und Leben, die die Jungen eben erst entdecken, erfahren und reflektieren lernen müssen. 

Fernsehen zeigt hier ein unreifes Abziehbild der Wirklichkeit für Menschen, die selbst noch unreif sind und das offenbar wissen.

Manchmal sind junge Nichtskönner wohl die besten Vorbilder, wenn sie uns Älteren zeigen, dass man sich die Welt immer wieder neu und vor allem selbst erschließen muss.

Und dass es gut ist, wenn man weiß, dass man noch nicht fertig ist.

 Schlecht gemachtes Fernsehen als Hilfe, reif zu werden? Warum nicht?

„Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder….“ höre ich da heraus.

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Sonntagsgedanken 04-10-2020 – Erntedank

Also ob Corona nichts schon genug wäre! Seit 30 Jahren schon gibt es keine elektrischen Geräte mehr, da Kupfer und  Wolfram ausgegangen sind, die Eiszeit rückt immer näher, unsere Wälder sind nur noch kahle, saure Baumstümpfe. Und seit die Ölvorräte zur Neige gehen, ist eh alles aus…..

Im Nachhinein wirkt es ziemlich lächerlich, was uns Heutigen in den 70er und 80er Jahren so alles prophezeit wurde. Immerhin haben wir dadurch hoffentlich gelernt, nicht jede Krise gleich als Katastrophe zu bezeichnen, sondern immer zunächst all die Möglichkeiten, die wir haben, unsere Welt zu gestalten und die Krisen zu überwinden.

Dabei ist es gut, wenn wir uns zunächst auf das besinnen, wofür wir Gott dankbar sein können:

  • Für unser Leben und für Gesundheit, für die Familie und Freunde natürlich – und für die Kraft, eine Krankheit zu ertragen und manche Einsamkeit dazu.
  • Für Frieden, Freiheit und Wohlstand in unserem Land – und für die Menschen, die öffentliche Verantwortung dafür wahrnehmen.
  • Für eine gute Ernte und einen guten Tropfen – und für die manchmal ärgerliche Erinnerung daran, dass auch das Maßhalten nötig ist.
  • Für alle Bewahrung auf allen Wegen des Lebens – und für manche Erfahrung von Grenzen, die uns vor uns selbst bewahren.

Auch im Corona-Jahr möchte ich dafür an Erntedank danken.

Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #7 – Ein Witz geht tiefer….

Der Witz ist so genial, dass ich ihn diese Woche nochmal erzähle: In seinem Film Annie Hall erzählt Woody Allen: „Zwei ältere Frauen sitzen in einem Lokal. Die eine sagt: Das Essen hier ist wirklich furchtbar. Die andere darauf: Stimmt, außerdem sind die Portionen so klein.“

Er kritisiert nicht nur oberflächlich die allgegenwärtige Nörgelei, sondern ist zugleich eine tiefe Deutung des Lebens: Das Essen hier ist wirklich furchtbar – außerdem sind die Portionen so klein.

Das ist ja oft der Widerspruch, dass wir uns zum einen über unser Leben beklagen. Manche jedenfalls scheinen grundsätzlich unzufrieden zu sein. Manche sogar, obwohl es ihnen eigentlich ganz gut geht.

Wenn dann aber die Portion Leben tatsächlich kleiner wird. Wenn man eingeschränkt wird, nicht mehr so viel machen kann, sich vielleicht sogar das Ende abzeichnet – dann ist neben dem Leben wie für die Dame im Lokal auch das Ende des Lebens nicht recht. Wer wollte darüber spotten?

Ich denke, deshalb ist der Rat Jesu in der Bergpredigt so wichtig: Jeden Tag neu leben! Jeden Tag ausschöpfen! Jeden Tag als Geschenk annehmen! Gerade auch die Tage, an denen für uns kein großes, tolles Buffet aufgebaut ist; wo es nicht so gut läuft. 

Wenn die Portionen schon klein sind, soll man sie doch wenigstens auskosten. Und wenn sie ganz und gar nicht schmecken, dann sollte man in dem Lokal wenigstens die Aussicht genießen. Und morgen ist ja ein neuer Tag, vielleicht mit besserer Küche.  

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Sonntagsgedanken 27-09-2020 – Der Angst zuzwinkern

Ängstlich war ich eigentlich schon immer. Im Sportunterricht hatte ich so viel Respekt vor dem Reck, dass ich außerstande war, da auch nur einen Umschwung zu versuchen. Im Auto schnalle ich mich an, bevor ich den Motor anlasse und unsere Auffahrt hinunterfahre. Und bei Kopfweh, nehme ich nicht nur eine Aspirin, sondern schaue auch gleich noch im Internet nach, welche Krankheiten dahinter stecken könnten.

Vielleicht ist mein Lieblingsvers aus der Bibel deshalb einer, der mit das ausreden will: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Das Bibelwort wirkt bei mir tatsächlich, wenn auch oft nur kurz. Aber spätestens in der Kirche am nächsten Sonntag fällt es mir wieder ein.

Den zweiten Teil des Verses finde ich übrigens auch toll! Was brauchen wir wirklich in uns? Kraft, Liebe und Besonnenheit. Man kann auch sagen: die Fähigkeit das zu tun, was nötig ist; den Blick auf die anderen dabei; und die Weisheit, zu wissen, dass man die Fünf auch mal gerade sein lassen – und seiner Angst einfach mal zuzwinkern muss.

Predigttext am Sonntag, 27. September 2020, ist 2.Timotheus 1, 7-10.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag in der Matthäuskirche in Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #6 – Ein Witz für Nörgler

In seinem Film Annie Hall erzählt Woody Allen: „Zwei ältere Frauen sitzen in einem Lokal. Die eine sagt: Das Essen hier ist wirklich furchtbar. Die andere darauf: Stimmt, außerdem sind die Portionen so klein.“

Der Witz ist genial. Zum einen ist er eine wunderbare Darstellung all des Nörgelns, das uns begegnet. 

Manchen kann man es ja nie recht machen. Über ein Café in Heilbronn hat mir mal jemand gesagt, er gehe da nie hin, weil da der Kaffee immer so heiß sei. Andere mokieren sich, dass das Getränk im anderen Café nicht aus „fairem Handel“ sei. Und das Coffee-House, das nur Fair-Trade-Bohnen verwendet, sei „zu amerikanisch“. Geht‘s noch? Nö, denn der Kamillentee nebenan ist leider nicht „Bio“.

Wie beim Kaffee gibt es überall Zeitgenossen, die zunächst nach dem Fehler suchen und einem dann voller Stolz mitteilen: ein neues Auto hat beim Test ja gar nicht so gut abgeschnitten; und in dem neuen Lokal sind die Portionen ja soooo klein –  und die Eins in Deutsch sei ja bei einem Schnitt von 1,6 auch nicht so toll. Ich finde, bei Miesmachern darf man auch mal weghören und lieber den heißen Kaffee genießen und im Restaurant mit den kleinen Portionen die großartige Aussicht.   

Und eine ganz andere Deutung des Witzes erzähle ich nächste Woche.

 

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Sonntagsgedanken 20-09-2020 – Paradies oder Freiheit

Freiheit ist toll, wenn da bloß nicht die Verantwortung wäre.

Der Mythos von Adam und Eva im Paradies erzählt das sehr anschaulich und mancher mag seufzen: Wie schön wäre es doch, in einem Paradies zu leben, wo man nichts entscheiden und tun und verantworten muss, sondern in den Tag hinein lebt. Es ist sonnig und warm, eine schöne frische Quelle und das Essen wächst auf den Bäumen. 

Wirklich? Fänden Sie das toll. All inclusive, das ganze Leben lang. Ich fände den Gedanken furchtbar, wie ein Zombie durch die Welt zu stiefeln, ohne Bewusstsein, ohne Möglichkeiten, ohne Freiheit. 

Ich möchte selbst bestimmen, was ich denke, was ich tue und wen ich mag. Sie kennen vielleicht den Witz von als Adam im Paradies Eva fragt: „Liebst du mich?“ – Sie schaut sich um und sagt dann nur: „Wen denn sonst!“

Selber zu bestimmen im Leben ist anstrengend, dabei kann man Fehler machen und es bleibt immer unvollendet. Aber es ist menschlich. Im Paradies gibt es keine Freiheit. Nur hier, in unserer unvollkommenen Welt. Mit uns unvollkommenen Menschen. Gott hat sich damit arrangiert, dass seine Menschen nun jenseits von Eden leben. Und er lässt uns auch hier nicht alleine.

Predigttext am Sonntag, 20. September 2020, ist 1.Mose 2, 4b-15.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Alltagsglaube #5 – Stolz auf unsre Kinder

Wer einmal bewundernd mit angesehen hat, wie schnell eine Jugendliche Texte in ihr Smartphone tippt, bekommt eine Ahnung von dem, was eine Generationenstudie von Allensbach erhoben hat. 93 Prozent der Eltern sagen, dass sie vom technischen Sachverstand ihrer Kinder in der digitalen Welt profitieren. Zugleich wird das Verhältnis von Jugendlichen zu ihren Eltern immer entspannter. Gegenseitiger Respekt vor der Privatsphäre bestimmt das Generationenverhältnis heute entscheidend.

Cool! könnte man sagen, aber keine deutsche Studie ohne Suche nach dem Negativen. Manchen ist das schon wieder ein zu gutes Verhältnis zwischen Kindern und Eltern. „Mir ist da zu viel Friede, Freude, Eierkuchen“, sagt da zum Beispiel ein Hamburger Psychologe. 

Mir nicht. Ich finde es beruhigend, dass es entgegen aller öffentlicher Aufregungen über eine angebliche Spaltung der Generationen und den Gefahren des Internet alles eigentlich immer besser wird. Das lässt sich selbst im Konfirmandenunterricht beobachten, wo der Umgang miteinander offen, kommunikativ und meist völlig konfliktfrei ist. 

Seien wir also stolz auf unsere tollen Kindern! Wir haben allen Grund dazu.

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Sonntagsgedanken 13-09-2020 – Ein kleiner Bösewicht

Ein hässlicher Geschäftemacher; damit steht man auf der schwarzen Liste der Menschen, die sich für gut halten. Das ist heute nicht anders als zur Zeit Jesu. Zachäus hieß der Mann, der damals von allen verachtet und geschnitten wurde. Er arbeitete für die Besatzungsmacht, legte seine Landsleute rein und war auch noch kleinwüchsig.

Sie können sich vielleicht selbst ausmalen, wie man so jemanden heute zeichnen würde. Vielleicht als Rechtsradikalen, der uns auf den Kanaren miese Ferienimmobilen andrehen will und auch noch dick ist – oder ganz anders.

Jedenfalls hätte er keine Chance – und nicht einmal zu Unrecht, könnt man sagen. Wie bei Zachäus. Und ausgerechnet ihm widmet Jesus seine Zeit. Ganz ohne Vorbedingungen. Und siehe da, am Ende fallen alle Masken. Und was falsch war, ändert sich. Ich denke, das täte jedem gut, auch uns. Am kommenden Sonntag ist davon in den Kirchen zu hören.

Predigttext am Sonntag, 13. September 2020, ist Lukas 19, 1-10.
Pfarrer Treiber predigt jeden Sonntag um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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