The „Dark Side of the Moon“ – das Album von Pink Floyd liegt für das Musikmagazin Rolling Stone zwar nur auf Platz 43, aber für mich ist es deutlich weiter vorne in der Rangliste der wichtigsten Alben aller Zeiten – mit dem Titel, der eine ebenso einfache wie menschliche Botschaft aufnimmt: Jeder Mensch hat wie der Mond eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt.
Das klingt zunächst misstrauisch und menschenfeindlich, ist aber damals wie heute mitfühlend gemeint. Die Musiker damals trauerten um einen ehemaligen Band-Kollegen und prangerten Geld, Macht und Krieg als verantwortlich für das Dunkle in der Welt an.
Mich weist die Botschaft heute eher wieder gezielt auf den Menschen, macht mich gelassen und verständnisvoll: Jeder hat eine dunkle Seite. Die muss man nicht ans Licht zerren; die muss man nicht gut finden, aber sie ist es, die uns und andere menschlich macht, weil wir eben fehlbare und unvollkommene Menschen sind.
Wie der Mond haben wir eine dunkle Seite. Das macht manch Unverständliches an uns vielleicht erklärbar. Glücklicherweise aber gibt es auch die andere Seite, die hell beschienene, die uns im besten Licht erscheinen lässt. „Wir sind allzumal Sünder“ heißt das in der Bibel. Und zugleich geliebte Kinder Gottes. Beides gehört zusammen – gestehen wir das uns und anderen zu!
Manchmal gibt es einfach Krach zwischen Menschen, ohne dass es einer böse meint. Man kann nicht mit jedem Freund sein. Manche passen nicht zusammen und geraten immer aneinander.
Bevor der Streit zu groß wird, sollte man dann ehrlich die Konsequenzen ziehen und auf Distanz gehen. Man kann freundliche bleiben und muss den anderen nicht von der eigenen Meinung überzeugen. Und wenn der eine Schlager mag und der andere das Symphonieorchester – was Solls. Dann hält man in dem Punkt eben Abstand.
Die ersten Christen haben das getan, als es in der Gemeinde einen grundsätzlichen Streit zwischen den Mitgliedern aus der römisch-griechischen und aus der hebräischen Kultur gab, wie der Predigttext am kommenden Sonntag erzählt.
Man sollte Differenzen nicht unter den Teppich kehren. Das gilt zwischen einzelnen Menschen und es gilt vielleicht auch, wenn verschiedene Kulturen miteinander auskommen müssen.
Zustimmung zur eigenen Position kann man nicht für alles erwarten, aber Respekt darf man fordern – für unterschiedliche Meinungen und zur Not auch Respekt für getrennte Wege.
Predigttext am Sonntag, 6. September 2020, ist Apostelgeschichte 6, 1-7
Es war ein alternder Cowboy in einem harten Western, von dem ich den Satz zum ersten Mal in eindringlicher Tiefe hörte: „Gott will nicht wissen, wer du warst, sondern wer du bist!“ Gerichtet war das, soweit ich mich erinnere, an einen ehemaligen Gangster, der zum Hilfssheriff gemacht werden sollte, um einen Mörder zu jagen.
„Gott will nicht wissen, wer du warst, sondern wer du bist!“ Klasse, sag ich da nur! Viel kürzer kann man den zentralen Blickpunkt des christlichen Glaubens nicht auf den Punkt bringen. Wir sollen uns nicht durch unsere Vergangenheit auf unsere Leben festlegen machen. Entscheidend darf nicht sein, was wir alles falsch gemacht haben, sondern einzig und allein, was wir heute tun.
Natürlich kann man vieles aus der eigenen Vergangenheit nicht so einfach abstreifen. Und dass mancher schier unerträgliche Lasten aus der Vergangenheit mit sich herumschleppt, davon wissen die Psychotherapeuten ein Lied zu singen. Aber so soll es eben nicht sein. Wir sollen uns von dieser Last befreien lassen.
„Gott will nicht wissen, wer du warst, sondern wer du bist!“ Was zählt, ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart, deren Zukunft immer für uns offen ist.
Kann man seine Kinder im wörtlichen Sinne erziehen? Also beim Größerwerden da- und dorthin ziehen, wie man es für richtig hält? Ich denke nicht. Man kann bei seinen Kindern einen guten Grund legen. Vertrauen, Liebe, Mut.
Aber darauf bauen müssen die Kinder selbst, müssen ihr Leben entwickeln, gestalten und aufbauen – do it yourself! (DIY). Und für Eltern ist es ziemlich anstrengend, dabei oft nur Zuschauer sein zu können. Aber manche Fehler im Leben muss offenbar jeder selber machen….
Das gilt auch für das Leben Erwachsener, auch da muss jeder selbst bauen.Nicht nur Beruf und Familie, sondern auch seine Überzeugungen und Werte muss man selbst finden. Und das gilt sogar für den Glauben.Jeder muss sehen, wie er den Glauben in seinem Leben aufbaut und in sein Leben einbaut. So heißt es auch im Bibeltext für den kommenden Sonntag.Glauben heißt nämlich nicht, dass man irgend einen Lehrsatz für wahr hält, sondern dass man spürt, dass das eigene Leben gehalten ist und auf einem tragfähigen Grund steht.
Und ob wir dann, wie der Apostel Paulus schreibt, darauf dauerhaft und wertvoll bauen, oder wackelig und billig, das ist unsere Freiheit und unsere Verantwortung.
Predigttext am Sonntag, 30. August 2020, ist 1.Korinther 3, 9-15.
Ihre Vorstellungen von ihrem Leben waren in Schönschrift auf einem Plakat festgehalten, das vor den Ferien im Klassenzimmer hing: Schulabschluss, dann Beruf, dann Heirat, dann Haus, dann Kinder. Das Mädchen fügte noch die Hoffnung an, dass es ein schönes Leben haben kann.
Und dann auf der anderen Seite dieses: Zufällig abgefragte Lieblingssongs von jungen Männern. Nach einer Abstimmung überraschenderweise vorne dran die Punk-Rocker von „Green Day“ mit ihrem melancholisch-zornigen „Boulevard of Broken Dreams“.
Von zerbrochenen Träumen habe ich bisher vor allem Ältere reden gehört, hinter deren Selbstzufriedenheit sich eine tiefe Unzufriedenheit versteckt. Konnten sie zu wenig aus ihrem Leben machen? Oder ärgern sie sich, weil sie es gar nicht erst versucht haben? Oder, noch schlimmer: Haben sie sich über ihre Träume getäuscht?
Alle Achtung deshalb vor unseren Jugendlichen, die realistische Träume mit dem Wissen um deren Begrenztheit verbinden: Man strebt nach dem Glück in seinem Leben im Bewusstsein, dass man daran auch scheitern kann. Aber was wäre die Alternative? Es gar nicht erst versuchen? Oder sich einfach sein Leben von anderen Leben lassen?
Wir werden das Paradies auf Erden nicht schaffen und wir werden auch unseren Tagen auf Erden keinen einzigen hinzufügen können. Wir wollen nicht denken, dass unser Wesen die Welt genesen kann, aber wir wollen uns freuen am schönsten Geschenk, dass wir bekommen haben: Unserem Leben! Und wo unsere Träume zerbrechen wartet Gott auf uns.
Das Richtige tun, wer will das nicht? Keine Tiere töten, Fahrrad fahren und Bücher lesen – das ist nicht schlecht, aber problematisch wird alles Gute, wenn damit angegeben wird. Wenn man sich anderen überlegen fühlt.Jeder soll das Richtige tun, aber keiner soll deswegen überheblich werden. Der edle Spender aus der Bibel, der Gott dafür dankt, dass er so gut ist, weiß das nicht, sieht gar nicht ein, dass Überheblichkeit falsch ist.
Das kommt mir sehr bekannt vor. In fast jeder Diskussion begegnen einem heute Leute, die sich moralisch überlegen fühlen. Weil sie das Richtige essen, das Richtige einkaufen und das Richtige denken. Und sich damit vom Pöbel unterscheiden, von den Sündern. Aber gerade diese Überheblichkeit ist die größte Sünde. Denn sie trennt uns Menschen und sorgt für Unfrieden.
Deshalb liebt Gott den, der Falsches getan hat und das weiß und einsieht. Der sich heutzutage völlig bewusst ist, dass nicht alles, was er tut, richtig ist. „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden. Und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ heißt es da in der Bibel. Man könnte auch sagen: Hochmut kommt vor dem Fall.
Predigttext am Sonntag, 23. August 2020, ist Lukas 18,9-14. Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in den Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.
„Entspanne Dich! Lass das Steuer los!“ sagt der kunstvoll ausgeschnittene, hellblaue Zettel, den ich mal aus einer Schale ziehen durfte und der nun an der Pinnwand hängt. „Trudle durch die Welt, sie ist so schön“, geht das Zitat von Kurt Tucholsky weiter.
Mich auf Befehl zu entspannen, fällt mir üblicherweise schwer. Und das Steuer loslassen? Das muss man uns modernen Menschen in der Ferienzeit wohl deutlich hinter die Ohren schreiben: Lass endlich mal die Akten Akten sein; stecke das Zeugnis dahin, wo es gehört (in die Schultasche unter dem Schreibtisch); und glaub‘ nicht, die Welt würde sich nur dann drehen, wenn Du sie antreibst!
Von daher freue ich mich, wenn ich mich einfach etwas treiben lassen darf, ohne dass etwas dabei herauskommen oder herausspringen muss. Denn da hat Tucholsky doch recht: Die Welt ist so schön, die Menschen und die Natur, die Seen und Hügel – selbst in diesem Jahr aus manch gebotener Disnatnz.
Vor lauter Arbeit und lauter Sorge haben wir das übersehen: Gott hat die Lilien auf dem Felde schöner gemacht als Salomo seine Gewänder weben lassen konnte.
„Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit!“ singen wir in der Kirche. Dazu brauchen wir nur offene Augen und Ohren und ein freies Herz.
Seit Beginn der Corona-Krise, ab 15. März 2020, habe ich hier 23 Gottesdienste bzw. Sonntagspredigten, 125 tägliche Gedanken und 2 theologische Vorträge veröffentlicht.
Höchste Zeit für neue Formate! Ab sofort jeden Dienstag unter dem Titel Alltagsglaube ein VLOG für wochendurchs und fürs Wochenende Sonntagsgedanken, die jeweils am Freitag veröffentlicht werden.
Mögen Sie es auch nicht, wenn Ihnen dauernd jemand sagt, Sie müssten dies oder jenes tun: mehr Sport treiben und weniger Fleisch essen? Oder Sie müssten dies oder jenes denken: über die Lösung der Flüchtlingskrise oder das Weltklima?
Die einzig angemessene Reaktion auf solche Zumutungen hat der Autor Tommy Jaud in einem einprägsamen Buchtitel festgehalten – auch wenn man das vornehmer ausdrücken kann: Einen Sch… muss ich! Es geht, denke ich, tatsächlich darum, sich von Zumutungen und Bevormundungen nicht unterkriegen zu lassen. Ratschläge sollen Ratschläge bleiben, sie sollen nicht ungebeten kommen, und wir sollen die Freiheit haben, sie anzunehmen oder nicht.
Nicht andere haben mir zu sagen, was ich tun soll, denn das muss ich ja selbst verantworten. Andere haben mir auch nicht zu sagen welche Haltung ich bei bestimmten Fragen einnehmen soll.Das sagen mir mein Glaube und mein Gewissen.Und man sollte keine Angst haben, eine andere Meinung zu vertreten. Wir sollen nicht der Menge hinterherrennen, sollen uns nicht „der Welt gleich zu stellen“, wie schon der Apostel Paulus geschrieben hat.
In unserem freiheitlichen Land ist das ja eine seltsame Frage: „Muss ich das tun?“ Denn müssen, so viel sei gesagt, müssen tun wir gar nichts. Oder besser gesagt. Eine Sache müssen wir tun: nämlich verantworten können, was wir tun. Nicht vor anderen, sondern vor Gott. Und Gott ist kein Offizier. Gott gibt keine Befehle!
Sonst hätte er ja nicht Mensch werden und am Kreuz sterben müssen.Sonst hätte ja die große Befehlsausgabe gereicht, wie sie manch andere Religionen kennen oder kannten, wo Gott Befehle zum rechten Leben erteilt. Und die Ausführung der Befehle lässt einen dann die Erlösung verdienen oder garantiert sie.
Gott aber gibt, so glaube ich, keine Befehle, sondern er ist Mensch geworden.Ein gutes und richtiges Leben in seinem Sinne ist Wirklichkeit geworden und man kann es ganz einmalig in Jesus Christ sehen. Ein Leben in Liebe. Und Liebe kann man eben nicht befehlen, so wenig wie man Glauben befehlen kann.Denn lieben kann man nur in Freiheit.
Der zweite Grund, warum ich nicht glauben kann an einen Gott, der Befehle erteilt, ist noch deutlicher:Wir könnten solche Befehle gar nicht ausführen. Wir sind alle – ausnahmslos – Sünder, wie Paulus sagt. Das Wort klingt heute vielleicht befremdlich, aber wir können nicht alles richtig machen, grundsätzlich nicht.
Wir können von uns aus die Gebote nicht erfüllen.Die Frommen nicht, weil sie sich oft über ihre Mitmenschen erheben, über die Armen und Gottlosen, den Sünder im biblischen Tempel. Die sozial Engagierten können die Gebote nicht erfüllen, weil sie oft vergessen, dass wir das Paradies auf Erden nicht aus eigener Kraft schaffen können;Die Moralisten sind weit weg von dem, was vollkommen ist, denn sie trauen Gott nichts zu – und der Vernunft anderer Menschen schon gar nicht. Keiner ist vollkommen – und das ist kein Schönheitsfehler, sondern das ist ganz grundsätzlich eine Eigenschaft von uns Menschen.
Wir sind auch als Christen eben keine moralischen Übermenschen, sondern wir sind gerade darin Christen, dass wir wissen: Wir sind Sünder. Unvollkommen und oft grenzwertig, gewiss bemüht aber immer wieder auf der falschen Spur. Ist also alles egal, vergeben und vergessen? Nein, denn für das, was ich tue, bin ich dennoch verantwortlich. Ich habe sogar ein Recht darauf, dass meine Taten ernst genommen werden – von Gott und der Welt. Mündig ist der Mensch, erwachsen soll er sein. Vernünftig und verantwortungsbewusst. Auch wenn die Welt nicht vollkommen ist, ist es nicht egal, wie sie ist. Es ist nicht egal, ob wir jemandem Gewalt antun, oder jemandem in der Not beistehen.Es ist nicht egal, ob wir um alles streiten und Unfrieden bereiten, oder ob wir um Ausgleich und Verständnis füreinander bemüht sind.
Aber in all dem gilt:Selbst wenn wir unser Bestes geben, bedürfen wir immer noch der Barmherzigkeit Gottes, der uns nicht nach dem beurteilt, was wir tun. Der Sinn unseres Lebens hängt nicht daran, ob wir erfolgreich sind beim Tun des Guten. Gott liebt uns, obwohl wir so unvollkommen und eigentlich unannehmbar sind. Unser Leben kann erfüllt sein und gelingen, auch wenn wir nur Stückwerk abliefern. Das ist das Wichtige.
Es gibt Menschen, die schier verzweifeln, wenn sie an ihr Leben und an Gott denken.Sie leben mit einem schlechten Gewissen, haben Fehler gemacht und meinen sie seien nicht gut genug. Versager und schlechte Eltern, unzufrieden mit sich, im Unfrieden mit sich selbst. Ein Psychologe könnte sicher einige solche Fälle schildern.Die Bibel erzählt deshalb von Gott, der sich über jeden erbarmt – über Gerechte und Ungerechte, über Hoffende und Verzweifelnde.
Deshalb gilt das eingangs gesagte.Obwohl wir unvollkommen sind, müssen wir in eigener Verantwortung handeln.Selbst zu glauben und selbst zu denken ist immer ein Wagnis. Das macht einen auch nicht immer bei anderen beliebt. Aber es ist das einzig richtige Leben: frei zu sein und sich nicht verbiegen zu lassen. Einen Sch…. muss Ich? Eines muss man also vielleicht doch: selbst glauben und an sich selbst glauben. Gott sieht dazu gnädig auf uns und macht uns frei.
Mit dem heutigen Feiertag konnte ich noch nie viel anfangen.Mariä Himmelfahrt ist zwar seit dem 5. Jahrhundert ein christliches Fest,aber in der Bibel steht davon nichts.Erst später erzählte man sich die Legenden um Maria, die ihre letzten Jahre in Ephesus verbrachte. Dort wurde sie hoch verehrt. Daran erinnert sogar ein Altarrelief in unserer evangelischen Kilianskirche in Heilbronn.
Ich kann verstehen, warum vor allem die einfachen Menschen immer Maria verehrt haben.Jesus galt auch als Sohn Gottes zugleich als Mensch, aber im Mittelalter sah man in ihm vor allem den Weltenrichter, der die Sünder bestraft.Maria war dagegen im besten Sinne eine Mutter.Und Eltern lieben normalerweise ihre Kinder um jeden Preis,tun alles für sieund halten zu ihnen, egal, was sie tunund was aus ihnen wird.Kindern werden sich auf gute Eltern immer verlassen können.
Für uns Evangelische gilt das als theologisch sozusagen überflüssig, weil Jesu uns Gottes Gnade bringt,für uns Menschen bei Gott ein gutes Wort einlegt. Aber lassen wir Maria ihren Platz im Himmel!Wer anderen gut tut,ist da in jedem Fall gut aufgehoben.