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Zwischenruf: Wir lieben das Leben
Gott ist die Liebe – und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
(1. Johannesbrief 4, 16)
„Amok“, „islamistischer Hintergrund“, „rechtsradikal“, „in psychiatrischer Behandlung“, „Terrorist“, „IS-Kämpfer“ etc. Ich denke, nicht, dass solche eine Differenzierung und die damit verbundene Frage nach einer verständlichen Ursache uns bei der Suche nach einer Haltung gegenüber den Attentaten sehr weit bringt.
Bernd Sommer von der Heilbronner Deutsch-Israelischen Gesellschaft hat das für mich auf den Punkt gebracht: „Terror (benötigt) realitätshaltige Anlässe nicht wirklich…. Ursache von Terror ist schlicht eine terroristische Gesinnung – ein pathologischer Todesfetischismus, der Werteordnung und Lebensstil der westlichen Zivilisationen hasst. In aller Klarheit kam dies durch das Statement eines Sprechers der Al Quaida nach den Anschlägen von Madrid 2004 zum Ausdruck: „Ihr liebt das Leben – wir lieben den Tod“. Derartige Haltungen sind für rationale politische Analyse nicht zugänglich, sondern am ehesten unter Zuhilfenahme der Erkenntnisse der Psychoanalyse zu interpretieren. Sigmund Freud hat das für die Analyse dieses Todesfetischismus Notwendige in seinem Werk ‚Das Unbehagen in der Kultur‘ dargelegt.“
Nötig also, dass wir zeigen, dass wir das Leben lieben – und für die Liebe leben…..
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Glaube braucht Schutz, weil niemand die Wahrheit besitzt
Niemand ist im Besitz der Wahrheit! Deshalb müssen Menschen es aushalten, dass andere anders sind und eine andere Meinung oder einen anderen Glauben haben. Das ist nicht nur eine Grundüberzeugung der westlichen Gesellschaften, sondern auch der Glaube des Apostels Paulus. Weil alle Menschen fehlbar und schutzbedürftig sind, soll keiner den anderen Glauben bekämpfen, sondern die Freiheit respektieren. Wer hier leben will, muss das akzeptieren.
Intoleranz nämlich verdient keinen Respekt und Freiheit endet da, wo anderen die Freiheit genommen wird. Deshalb hat der Staat selbstverständlich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, wie die Kirche in ihrem Barmer Bekenntnis betont, mit angedrohter und notfalls auch ausgeübter Gewalt die Freiheit seiner Bürger zu schützen.
Danke deshalb allen Polizisten und Soldaten, die es uns ermöglichen, unseren Glauben in Freiheit zu leben! Sie machen Liebe und Frieden in unserer noch nicht erlösten Welt erst möglich.
Predigttext am Sonntag, 31. Juli 2016, ist Römerbrief 11, 25-32.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:30 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.
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Selfies – eine Predigt
Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18, 9-14)
Liebe Gemeinde,
Letztes Jahr war wieder einmal der Weltuntergang nahe. – Nein! Natürlich nicht. Ich sage das jetzt ironisch, aber damals empörten sich bestimmte Erwachsene, die meist selbst gar kein Smartphone hatten, über „Selfies“, also die Bilder, die man von sich selbst macht. Selfies seien Ausdruck von Selbstverliebtheit und von Narzissmus. Schlimm sei es, was die Jugend da macht! Sie schaut nur noch sich selbst an, findet nur sich selbst wichtig.
Narziss war jener Jüngling, in den sich eine schöne Frau verliebte. Da er diese Liebe aber verschmähte, sondern nur sich in seinem eigenen Spiegelbild bewunderte, straften ihn die Götter mit unstillbarer Selbstliebe. Das machen Selfies aus uns?
Keine Angst: Selfies haben mit Narzissmus nichts zu tun, sagen die Medienexperten, denn in der Regel werden sie beiläufig gemacht und die Personen darauf wissen, dass sie darauf selten vorteilhaft aussehen. Man ist halt irgendwo und möchte seine Bekannten daran teilhaben lassen, dass man jetzt vor dem Brandenburger Tor oder dem Louvre steht. Früher hat man deswegen eine Postkarte auf den Postweg gebracht, heute geht das sofort und man ist sogar noch selbst mit auf dem Bild.
Die Jugendlichen unterwandern das heute ironisch, indem man nicht mehr nur ein Foto macht, sondern das auf SnapChat sofort verzerrt, verziert und verunstaltet, bis es nur noch ein Witz ist.
Ich finde das gut, wenn man so humorvoll mit sich selbst umgehen kann.
Man will mit einem Selfie zeigen, dass man irgendwo ist, mit irgendwem zusammen ist, will sich an einen wichtigen Moment erinnern – und zugleich nimmt man das ganze nicht so sonderlich ernst, macht sich hässlich, witzig oder setzt sich hinter Gittern. Das finde ich gut: Sich selbst zu mögen und zu zeigen und zu sich zu stehen – und auf der anderen Seite sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Ob nun ein Fan von Ronaldo ein Foto von sich und seinem Star macht oder ein Flüchtling ein Selfie von sich mit der Bundeskanzlerin, das ist alles OK.Umgehauen hat es mich allerdings fast, als bei der Konfirmation einmal ein Konfirmand, als er zur Einsegnung aufstand, zunächst ein Bild von sich machte, bevor er vor zum Altar ging. Offenbar war die Konfirmation etwas besonders wichtiges für ihn.
Eine Sache würde mich allerdings noch von den Jugendlichen interessieren: Schaut ihr euch die Bilder von euch selbst hinter nochmal an, oder verschwinden die wie bei Snapchat gleich wieder?
Ich denke, Selbstporträts haben immer auch etwas mit Selbsterkenntnis zu tun. Die muss nicht immer vorteilhaft sein. Wenn ein Foto von mir anschaue, wir mir schnell klar, dass ich leider nicht wie George Clooney ausschaue. Und dennoch fühle ich mich ganz wohl in meiner Haut.
Das Bild, das man von sich selbst hat, muss also auch stimmen. Selbsterkenntnis ist ja immer der erste Weg zur Besserung.
Die Geschichte, die eingangs vorgelesen wurde, erzählt das ja auch. Während der Pharisäer überheblich wird, weil er sich besser vorkommt als der Sünder, erkennt der Zöllner, was er falsch gemacht hat.Diese Geschichte aus der Bibel haben sie vermutlich schon vorher gehört. Man blickt dann ja leicht auf den Pharisäer herunter, der so von sich eingenommen ist. Aber Vorsicht! In einem kleinen Gedicht schrieb Eugen Roth eine Fortsetzung:
Ein Mensch betrachtete einst näher / die Fabel von dem Pharisäer, / der Gott gedankt voll Heuchelei / dafür, dass er kein Zöllner sei. / Gottlob! rief (der Mensch) in eitlem Sinn, / dass ich kein Pharisäer bin!
So kann man es natürlich auch versuchen: Egal wie man es dreht und wendet, man steht immer als der Gute da. Andere sind – gottlob – noch schlechter als ich. Und dann merkt man gar nicht, wie dumm das ist, wenn man sich so viel besser als die anderen vorkommt.
Jesu Antwort dagegen heißt für mich: Schau dich selber an und urteile nicht über andere! Es ist sinnlos, deinen Selbstwert davon abhängig zu machen, ob du gut oder gar besser bist. Jeder macht immer wieder Fehler, versagt, ob er es will oder nicht. Es ist unmöglich, sich vor Gott zu beweisen. Das kann nur schiefgehen.
Und dann spürt man: Es tut mir gut, wenn andere gnädiger auf mich schauen, also ich auf sie. Menschliche Unvollkommenheit hat etwas Tröstliches in sich. Sie sagt: Wir brauchen einander.
Wir sind aufeinander angewiesen. Dann können wir zu uns stehen. Zu unseren Schwächen, zu unserer Schuld und zu unserer eigenen Bedürftigkeit.
Deswegen dürfen Selfies durchaus auch etwas vom Selbstbewusstsein zeigen. Wenn jemand seine Schwächen kennt, darf er, nein: sollte er, trotzdem zu sich stehen. Darf stolz auf sich sein und darf das auch dokumentieren, festhalten – einen Augenblick lang oder für die Ewigkeit.
In der Ferienzeit jetzt bekommen diese Selbstporträts ja noch zwei besondere Akzente,
die ich auch wichtig finde.
Zum einen dokumentieren sie auch die Orte, an denen wir waren. Natürlich kann man auch einfach nur die Sehenswürdigkeiten knipsen, den Strand auf Sardinien oder die Skiflugschanze in Oberstdorf. Aber wenn man da aber selbst mit drauf ist, sich selbst mit drauf geknipst hat, zeigt das mehr. Es sagt: Da warst Du schon! Das ist toll! Freue dich dran! Freue dich an dem schönen Leben! Freue dich an all den schönen Erlebnissen. Sei dankbar!
Und noch etwas zweites für die Sommerzeit und Urlaub oder Ausflüge: Die schönsten Selfies sind die, auf denen wir nicht alleine sind, auf denen mehrere Personen drauf sind. Solche Bilder sind meist lustig, weil es nicht einfach ist, sie zu machen: So, dass alle mit offenen Augen ins Objektiv blicken und lachen. Keiner soll traurig sein – und vor allem: keiner soll auf dem Bild fehlen.
Gott nun sieht keine Bilder von uns an, sondern er kann uns direkt ins Herz sehen. Er weiß, wer und wie wir im Innersten sind, wer und wie wir tatsächlich sind. Aber gute Selbstporträts auf denen wir lachen und mit anderen zusammen sind, geben uns vielleicht ein Ahnung davon, wie Gott uns sieht:
Als Menschen, die immer auf der Suche nach sich selbst, nach einem richtigen Bild von sich selbst sind.
Menschen, die sich freuen wollen und die spüren, das es Augenblick gibt, die wichtig sind.
Und Menschen, die auch angeschaut und beachtet werden wollen.
Gott schaut uns an, glaube ich, freudig und gnädig. Wir sind alle seine Kinder, an denen er Wohlgefallen hat.
Amen!
Die Predigt wurde am 24. Juli 2016 in der Matthäuskirche im Rahmen eines Familiengottesdienstes zum Thema „Selfies“ gehalten.
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Wahre Helden – eine Predigt zu Filmmusik
Predigt im Gottesdienst mit Filmmusik des Posaunenchors Heilbronn zum Thema „Wahre Helden“ in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim, 10. Juli 2016
Thema aus „James Bond“
Liebe Gemeinde,
ich vermute, dass Ihnen diese Musik nicht nur bekannt vorgekommen ist, sondern dass sie bei Ihnen Bilder im Kopf auslöst. James Bond, der Agent 007 mit der Lizenz zum Töten. Er rettete die Welt mit einem Augenzwinkern und im perfekt sitzenden Smoking. Vor fünfzig Jahren war er das, was man heute „cool“ nennen würde. Ein Held, den nichts aus der Ruhe bringt.
Inzwischen ist er nicht nur ein anderer Schauspieler, sondern auch eine dunklere, zweifelnde Gestalt geworden und man rätselt, wie es mit dem nächsten James Bond Film weitergeht. Aber immer noch ist er der Held, der fast im Alleingang und gegen seine Vorgesetzten die Welt vor den Bösen rettet.
So einen wünscht man sich manchmal. Einer der alles daran setzt, um uns zu retten,
um die Menschheit zu retten, um in diese komplizierte, unübersichtliche und problembeladene Welt Ordnung und Frieden zu bringen.Träume, die uns manchmal nicht fern sind. So manches Mal fühlt man sich doch von Gott verlassen und der Welt oder seinem Schicksal bedrängt. Da sehnt man sich nach einem, der einen aus dem größten Schlamassel befreit und da ist, wenn man ihn braucht. Einer, der einem die Probleme löst, die man hat. James Bond ist da, wenn die Welt ihn braucht. Er rettet die Welt, auch wenn diese ihm misstraut. Dabei bleibt James Bond ein zwiespältiger Charakter: zynisch und ohne Illusionen. Wer sich in seine Nähe begibt, kommt um – jedenfalls wenn man ein Bond-Girl ist. Obwohl, neuerdings scheint er sogar zur Liebe fähig zu sein. Aber das ist für ihn eher eine Bedrohung.
James Bond – ein Held, gewiss, aber keiner, dem man wirklich nahe kommen kann. Keiner, der mit einem durch dick und dünne geht. Er rettet die Menschen – aber letztlich sind sie ihm doch egal. Überlegenheit und Unerbittlichkeit strahlt er aus. Aber Wahrheit, Halt und erfülltes Leben wird man bei ihm vergeblich suchen.
Die Sehnsucht danach hat in früheren Jahren jedenfalls ein anderer erfüllt, ein Indianer, den uns der Posaunenchor jetzt musikalisch vorstellt.
(Thema aus „Winnetou“)
Winnetou – der edle Wilde und Held unzähliger deutscher Buben vor vielen Jahrzehnten. Inzwischen kennt man ihn nicht mehr so. Ich habe kürzlich im Schulunterricht gefragt, wer Winnetou kennt. Es waren nur zwei oder drei Schüler. Man kann sich das gar nicht vorstellen, wenn man weiß, wie sehr Winnetou früher populär war.
Er war der von Natur aus gute Mensch. Arme Siedler konnten ebenso auf ihn zählen wie sein Freund Old Shatterhand. Im Einklang mit der Natur und einem überirdischen Geist Manitu kämpfte der Häuptling der Apachen für das Gute und gegen die Bösen.
Karl May hat Winnetou dabei als eine Art unbewussten Christen gezeichnet. Zahlreiche Orgelchoräle und Bibelsprüche kommen in Karl Mays Abenteuergeschichten vor, und er rühmte die Gebote, die „Regeln der Menschlichkeit“, die die jüdische Religion in die Welt gebracht hatte. Ist Winnetou also ein Held für uns?
In vielem ja. Ein mutiger Kämpfer für das Gute. Einer, hinter dem ein Glaube, eine Wahrheit steht – die christliche Liebe, wenn man so will. Allerdings ist Winnetou nur eine Wunschfigur, eine Projektion. So stellen sich manche das Gute im Menschen vor, die Naturverbundenheit und Natürlichkeit. Fernab von all den bösen Stadtbewohnern und dem modernen Leben, ohne Geld und Technik, mit Pfeil und Bogen, lebt man richtig.
Mit dem wirklichen Leben hat das nichts zu tun. Die Naturvölker lebten meist unter elenden Bedingungen und nicht lange. Die Mehrzahl der Kinder starb früh und um die wenigen Wasserstellen und Jagdgebiete wurde erbittert gekämpft. Die Apachen waren gefürchtete Räuber – gefürchtet vor allem von anderen Indianer-Stämmen.
Der Held – hier ist er nur Wunschdenken. Kein Zyniker wie James Bond, aber viel zu glatt, viel zu mühelos erfolgreich. Beides keine wahren Helden.
Ein anderes Bild sagt: Helden müssen leiden.Müssen kämpfen wie um die eigene Existenz. Wenn Sie seinen Namen nicht kennen, die Musik haben Sie schon gehört: Rocky Balboa.
(Musik „Gonna Fly Now“ aus „Rocky“)
Der Boxer Rocky ist der moderne Schmerzensmann. Einer, der leidet, immerzu sich quält. Bis zum letzten kämpft und nie aufgibt. Keiner, der aus Spaß kämpft, sondern weil es um sein Leben geht, um das, was er ist oder sein will im Leben.
Die Vorstellung, dass Helden leiden müssen, ist eigentlich seltsam. Im alten Griechenland sind Hektor und Achilles zwar im Kampf gestorben, aber leidend waren sie nicht, sondern zuvor triumphierende Helden. Rocky Balboa wäre wohl gern einer von ihnen. Denn sein Heldenmut hat einen Fehler: Er kämpft vor allem für sich selbst. Eigentlich ist er deshalb kein Held, sondern eher ein Vorbild, eine Ermunterung, nicht aufzugeben.
Aber manchmal kann man einfach nicht mehr. Da kann Rocky nicht Vorbild sein. Da braucht man einen echten Helden, der einen rettet.
Auch im alten Israel träumte man vom Helden. Je schlechter es Israel ging, je mehr es von anderen Völkern bedrängt wurde, desto mehr träumte man von einem Erlöser, vom Messias, einen Helden, den Gott sendet, um die Feinde zu vertreiben und das Reich neu zu errichten. Dabei dachte man zunächst an einen klugen, charismatischen König – so wie David. Dann an einen mächtigen Befreier – so wie der König Kyros. Aber dieser Held, dieser Messias, kam nicht.
Unsere Träume erfüllen sich nicht so leicht. Dabei sehnen wir uns doch so sehr nach Helden, brauchen sie, wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können oder es uns jedenfalls nicht zutrauen. Vielleicht haben Sie sich auch schon gewünscht, wenn sie es besonders schwer hatten: Dass da einer kommt, der ihre Probleme löst und alles zum Guten wendet. Der das Böse mit Macht beseitigt, so dass am Ende nur das Gute bleibt. Manchmal können wir ja wirklich nicht mehr, wissen nicht mehr weiter. Hoffen auf Erlösung von außen – oder besser gesagt: von oben. Der Messias soll kommen, der Christus, der Superstar.
(Medley aus „Jesus Christ Superstar“)
War Jesus einer „Superstar“? Zwar erzählt man von ihm, er habe Kranke geheilt und Tote auferweckt, aber er scheitert. Den Hohenpriestern ist sein Verhalten und sind seine Predigten ein Dorn im Auge. Er muss verschwinden. Die Römer wollen Ruhe und richten ihn als Aufrührer am Kreuz hin.
„Da hätte doch wenigstens Gott eingreifen können. Wer lässt denn seinen Sohn am Kreuz sterben?“ Das ist immer wieder die einhellige Meinung von Schülern, wenn wir über die Passionsgeschichte sprechen. Aber Jesus stirbt, elend in Gottferne.
Nach Markus sind seine letzten Worte: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Von Jesus haben die ersten Christen gesagt, er sei wahrer Gott und wahrer Mensch. Wahre Menschen sind keiner Supermänner oder -frauen. Sie sind nicht unsterblich und unverletzlich.
Wahre Menschen sind in ihren Möglichkeiten begrenzt, haben Schwächen, empfinden Schmerzen, sind traurig, können sich aber auch freuen und lachen.
In dem Musical Jesus Christ Superstar, das zur Zeit wieder in Schwäbisch Hall auf der Freitreppe aufgeführt wird, will Judas das nicht wahrhaben. Er möchte einen Jesus, der eingreift und die Welt auf den Kopf stellt, der die Bösen bekämpft und sich fern hält, vom Jubel und Getümmel der Einzelnen.
Aber Jesus war kein ferner Übermensch, sondern ein wahrer Mensch, der Mensch, der richtig gelebt hat. Er konnte zuhören und vergeben, konnte Verzweifelte wieder aufrichten und lahm Gewordene wieder zum Gehen bewegen. Perspektivlosen öffnete er die Augen und Traurigen gab er neue Hoffnung. Jesus hat denen, die nur an ihren Reichtum dachten, gezeigt, dass es im Leben wichtigeres gibt. Und denen, die auf dem falschen Weg waren, hat er in Liebe den richtigen gewiesen.
Er war kein Superstar, kein Super-Agent und auch kein edler Naturbursche, sondern ein Mensch, in dem Gott war. Einer, der uns gesagt hat, dass man sich nicht anderen unterwerfen soll. Dass Gott uns als freie und selbständige Menschen will. Der uns gezeigt hat, wie wir Helden unseres eigenen Lebens werden.
Die Fehlerhaftigkeit der Welt – die Kontingenz, wie die Philosophen sagen – die Unvollkommenheit und Kompliziertheit unseres Lebens hat er nicht bekämpft oder weggezaubert, sondern er hat uns an die Hand genommen, hat uns befreit und mit Liebe erfüllt, damit wir im Vertrauen zu Gott unser Leben gehen und so glücklich werden.
In dem Film „Wie im Himmel“ gibt es ein schönes Lied, das wir nachher noch hören werden. In dem Liedtext heißt es:
Ich will nur glücklich sein / Dass ich bin, wie ich bin / Frei sein / Und mein Leben gehört mir / Und den Himmel, den ich suchte / Den find‘ ich irgendwo… / Ich will spüren das ich mein Leben gelebt habe!!
So, denke ich, kann jeder zum Helden seines Lebens werden – wenn er sein Leben lebt, wie Jesus: Jeden Tag neu annehmen – in Glaube, Liebe und Hoffnung. Und jeden Tag neu bestehen – unter dem Segen Gottes, der uns zu Helden unseres eigenen Lebens macht.
Amen!
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Fanatiker verdienen Verachtung

Ein religiöser Fanatiker war er. Hat „Ungläubige“ verfolgt und bei deren Ermordung vermutlich zumindest zugesehen. Dann die Kehrtwende: Aus dem blinden Fanatiker wird ein geistreicher Prediger, einer, der seinen neuen Glauben der Welt öffnet, der Freiheit in ihn einträgt. Für diesen Mann, den Apostel Paulus, heißt Glauben nun, frei zu sein von all den Zwängen, die Religionen einem im Leben auferlegen wollen.
Lange her ist das, eine andere Zeit, über die wir heutigen nicht richten sollten.
Über unsere heutige Zeit allerdings dürfen und sollen wir richten. Und die religiösen Fanatiker mit dem strafen, was sie verdienen: Unsere Verachtung.
Je suis Charlie!
Predigttext am Sonntag, 24. Juli 2016, ist Philipperbrief 3, 4b-14.
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Sh.. happens!

Luther hat manch Derbes gesagt, „Sh.. happens“ allerdings nicht. (Foto: Treiber)
Ein wirklich anstrengender Tag ist für mich einer, an dem ich viele Entscheidungen treffen muss. Vermutlich ginge das auch einfacher, aber wenn man das, was man tut, auch noch recht machen will, wird es stressig: War das jetzt die richtige Entscheidung, das Kind von der Musikschule abzumelden? War es gut, den Arzt zu wechseln? Hätte ich der Nachbarin gegenüber nicht zuvorkommender sein müssen? Und sollen wir jetzt eine Gefriertruhe oder einen Gefrierschrank kaufen?
Manches, was einem den Kopf zudröhnt, ist es gar nicht wert, andere Entscheidungen dagegen sind lebensverändernd. Es ist anstrengend, Entscheidungen zu treffen, weil sie sich als falsch herausstellen können oder zumindest mögliche bessere Alternativen verhindern. Jede Stunde lauert sozusagen ein neuer Sündenfall auf uns.
Vielleicht ist gar nicht so entscheidend, was wir tun, sondern, dass wir überhaupt uns etwas tun. Und wie wir es tun. In „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ heißt es in der Bibel. Gott verlangt nicht, dass wir vollkommen sind. Fehler sind nicht schlimm. Schlimm wäre nur, nichts zu tun oder in böser Absicht. Ansonsten: „Sh.. happens!“ Oder mit Martin Luther gesagt: „Sündige tapfer!“
Predigttext am Sonntag, 17. Oktober 2016, ist Epheserbrief 5, 8b-14.
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Erfolge feiern

Der größte Erfolg der Kirche ist gutes Zusammenleben. (Foto: iStock)
Was ist das: Erfolg? Von anderen gefragt zu sein und guten Umsatz zu machen? Beliebt zu sein und eine entscheidende Stimme zu haben? Zu erreichen, dass andere das tun, was man will? Immer größer und besser zu werden? – Auf der einen Seite gewiss. Niemand soll es uns vermiesen, wenn wir uns an dem freuen, was wir gut können und erreicht haben. Und stolz auf andere, auf unsere Kinder und Ehepartner dürfen wir allemal sein.
Aber es gibt eben auch die andere Seite, wo einem der Erfolg zu Kopfe steigt, wo der Preis für den Erfolg zu hoch ist oder wo man sich selbst etwas vormacht. In der Bibel geben König David und der Apostel Petrus Beispiele davon ab. Und wie oft die Kirche in ihrer Geschichte falsch gehandelt hat, ist hinreichend bekannt.
Dennoch: Am Sonntag feiert die Kirche ihre frühen Erfolge, indem erzählt wird, dass am Pfingstfest Tausende Christen wurden und alle einträchtig zusammenlebten. Erzählt wird das, nicht um anzugeben, sondern um deutlich zu machen, dass Eintracht und gutes Zusammenleben möglich sind – und als Ziel unserer Träume sogar nötig.
Predigttext am Sonntag, 10. Juli 2016, ist Apostelgeschichte 2, 41 bis 47.
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Das Leben ist kein Ponyhof

Manchmal ist das Leben wenigstens ein Schlotzer. (Abb: screenshot/swr-Seite)
„S Läba isch koin Ponyhof“ (Das Leben ist kein Ponyhof) lautet die tiefe schwäbische Weisheit der TV-Serie „Die Kirche bleibt im Dorf“. Der Norddeutsche wird das als „Wat mutt, dat mutt!“ (Was sein muss, muss sein) bestätigen, und uns Babyboomern klingt noch der Song von Doris Day in den Ohren: „Que sera, sera“ – Es kommt, wie es kommt.
Alles Weisheiten, die wohl deshalb im Dialekt (Wissen Sie noch ähnliche in anderen Dialekten und Sprachen? >Bitte mir mailen) weitergegeben werden, weil sie so tief unserer Lebenserfahrung entsprechen. Unser Leben ist nicht vorhersehbar und es ist immer wieder schwierig, damit umzugehen. Kontingenz nennen das die Philosophen und letztlich bleibt uns nur eines: Wir müssen mit aller Ungewissheit leben.
Als Symbol dafür, dass man das kann, verstehe ich die Taufe. Sie steht für die Absage an Übel und Nöte, die das Leben kaputt machen, und für das neue Leben, dass wir gewinnen, wenn wir uns an den Ratschlag Jesu halten, uns nicht um die Zukunft zu sorgen: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Weil das nicht einfach ist, gibt es als Symbol die Taufe.
Gott stellt uns unter seinen Segen, damit wir jeden Tag so nehmen können, wie er kommt. Und auch wenn das Leben kein Ponyhof ist, ist es doch manchmal wenigstens ein „Schlotzer“ (Lutscher), wie es in der TV-Serie auch heißt.
Predigttext am Sonntag, 3. Juli 2016, ist Römerbrief 6, 3-8.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:00 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.
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Hoffentlich hat keiner den Baedeker dabei

Fremdanführung in Jerash – zum Glück hat hier keiner den Baedeker dabei. (Foto: Treiber)
Haben Sie schon einmal an einer Studienreise oder einer Stadtführung teilgenommen? Dann kennen Sie den Albtraum aller Fremdenführer, den Oberstudienrat, der mit dem Baedeker in der Hand hier und dort etwas berichtigt, oder die Volkshochschuldozentin, die nahezu alles besser weiß.
Das alles seien aber nur Klischees, die nicht mehr stimmen, hat mir eine Reiseleiterin kürzlich versichert. Gut so! Besserwisser können einem nämlich gewaltig auf den Geist gehen. In der Politik gibt es die leider noch massig. Leute, die die Meinung anderer nicht anhören können, sondern immer denken, der andere habe einfach noch nicht richtig verstanden und man müsse es ihm oft genug erklären.
Am schlimmsten ist dabei nicht die Unbildung, sondern die Halbbildung, die leider auch unter Journalisten und Lehrern immer mehr um sich greift. Die Klugheit der Welt, von der der Bibeltext am nächsten Sonntag spricht, ist meistens nicht klug, sondern häufig nur eingebildet – so wie der hohe Eisengehalt im Spinat, womit vermeintliche Wissenschaft jahrzehntelang Kinder gequält hat. (Einige populäre Irrtümer finden Sie hier.)
Wirkliche Klugheit findet sich sowieso nur in unserem Herzen, wo der Glaube die Seele küsst und der Geist der Verstand beflügelt.
Predigttext am Sonntag, 26. Juni 2016, ist 1.Korintherbrief 1, 18-25.
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Unsere Schubladen sind zu klein

Foto: Bearbeitung eines google street.view
Unsere Schubladen sind zu klein, um andere darin unterzubringen. Das muss ich mir immer wieder selbst sagen, wenn mir andere Leute kurz begegnen und ich spüre, dass da nach wenigen Sekunden schon ein Bild vom anderen entstanden ist: der ist nett, die ist tough und das sind Schwätzer. Dabei täuscht man sich oft mächtig. Der junge Typ, der mich sofort um einen Dollar anbettelte, als ich an einer Tankstelle in einem Industriegebiet in New Jersey ausstieg, war gewiss ein Junkie, vor dem ich gleich zum Kassenhäuschen flüchtete, an dem man nur durch ein schwer verbarrikadiertes Fenster (vorher mit Kreditkarte) bezahlen konnte. Wieder am Auto setzte sich die Zapfsäule doch nicht in Betrieb.
Die Frau an der Kasse versprach Hilfe und schickte mir den jungen Bettler mit dem Hauptschlüssel, der mir freundlich half. Und ich habe mich zu Recht ziemlich mies gefühlt, mit meinen dummen Vorurteilen. Zwar war er offenkundig auf Drogen – aber mit Sicherheit war er eben auch mehr, in dem Fall ein junger Mann, der mir geholfen hat.
Äußerlichkeiten helfen uns, Situationen so einzuschätzen, dass wir nicht permanent alles abchecken müssen. Das macht die Welt einfacher und ist manchmal ganz nützlich. Aber Menschen sind viel mehr und vielseitiger, und manchmal ganz anders, als sie aussehen.
Du sollst andere nicht verachten noch über sie richten! heißt es in der Bibel. Gut so!
Predigttext am Sonntag, 19. Juni 2016, ist Römerbrief Kapitel 14, Verse 10 bis 13.
Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.
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