Keiner lebt sich selber

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Ein spannender Gottesbeweis: Ich kann alles bezweifeln und für eine Illusion halten – bis auf die eine Sache, dass ich zweifle, also denke – und wenn ich denke, dann bin ich auch, denn ich kann dann nicht bezweifeln, dass es mich gibt, weil ich ja denke. Wenn ich aber weiß, dass es mich gibt, weiß ich noch zweites unbezweifelbar: Dass ich mich nicht selbst geschaffen habe. Also habe ich einen Schöpfer: Gott.

Zu verkopft, diese Gedanken des Philosophen Descartes? Mag sein, aber eines davon erleben wir jeden Tag: Wir leben nicht für uns selber und wir leben nicht aus uns selbst. Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen. Wir sind darauf angewiesen, dass andere für uns da sind, dass wir anderen vertrauen können. Wir sind darauf angewiesen, dass wir geliebt werden – und deshalb sollen wir auch andere lieben.

Das ist logisch und das entspricht auch unserer Erfahrung. Und wenn Gott die Liebe ist, wie in der Bibel steht, dann ist jede Liebe auch ein Beweis, dass es Gott gibt.

Predigttext am Sonntag, 6. November 2016, ist Römerbrief 14, 7-9.

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Man muss für alles im Leben bezahlen

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Von Hollywood-Star Katy Jurado stammt einer der für eindrücklichsten Sätze der Filmgeschichte. (Foto: wikimoons/MaskeIV)

Seit meiner Jugend klingt mir der Satz der Bardame Helen Ramirez, gespielt von Katy Jurado) aus dem Filmklassiker „High Noon“ in den Ohren: „Man muss für alles im Leben bezahlen.“ Warum ich mir das als Teenager gemerkt habe, weiß ich nicht, aber mit zunehmender Lebenserfahrung ist das jedenfalls eine zentrale Erkenntnis: Man ist verantwortlich für sein Leben, und jedes Tun hat seinen Preis, sprich Folgen, die man tragen muss.

 

Muss das ein Fluch sein? Wenn man Gutes tut gewiss nicht. Aber wer tut schon immer Gutes? Deshalb hat die Reformation vor allen guten Taten zunächst Gottvertrauen gefordert, das Vertrauen, dass Gott, der Grund allen Seins, gnädig ist. Wir Menschen sind nicht deshalb wertvoll, weil wir gut sind, sondern weil Gott uns liebt. Gnade heißt für mich das Zentrum aller Religion – und das Geheimnis guten Zusammenlebens, denn kein Mensch kann leben, ohne dass andere gnädig ihm gegenüber sind. Nur so gibt es Verständnis und Toleranz.

Predigttext am Reformationsfest, 31.10.2016, ist Römerbrief 3, 21-28.
Predigttext am Sonntag, 30.10.2016, ist Philipperbrief 3, 17-21

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:00 Uhr in der Matthäuskirche Heilbronn-Sontheim.

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Verliebtsein und Liebe

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Beständige Liebe wünschen sich viele, aber das setzt Veränderung voraus. (Foto: iStock)

Dass zwischen Verliebtsein und Liebe ein großer Unterschied besteht, ist bekannt. Während das Verliebtsein ein fast irrationaler Zustand voller „Schmetterlinge im Bauch“ ist, ist Liebe ein Zustand beständiger Herzensnähe. Dabei ist nur die Nähe als solche beständig, nicht aber das, worin sie besteht. Das Leben ist nämlich ständig im Fluss und wenn Menschen sich selbst auch kaum ändern, so können sich doch Verhalten, Gefühle und Anschauungen ändern.

Deswegen ist auch die Liebe einem ständigen Veränderungsdruck unterworfen, und wo sie sich nicht verändern kann, wird sie scheitern.

„Ich bete, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung“ ist für mich deshalb der schönste Trauspruch. Am kommenden Sonntag wird in unseren Kirchen darüber gepredigt.

Predigttext am Sonntag, 23. Oktober 2016, ist Philipperbrief 1, 3-11.

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„The Walking Dead“ ist zu einfach

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Die wirkliche Welt ist keine Geisterbahn. – Walking Dead Attraktion im Vergnügungspark (Foto: privat)

„The Walking Dead“ ist eine der erfolgreichsten TV-Serien der letzten Jahre, die Geschichte von lebenden Toten, die nicht vergehen, sondern einer teuflischen Bestimmung gehorchend töten. Woher kommt der Erfolg? Vielleicht, weil manchen die Welt wirklich so böse vorkommt. Ich vermute allerdings eher, dass die Geschichte deshalb so erfolgreich ist, weil sie unsere heute so komplizierte Welt sehr einfach macht. Es gibt gut und böse; beides ist sehr einfach zu erkennen. Und man hat keine großen und keine kleinen Probleme mehr, sondern nur noch eines: gegen die Zombies zu bestehen.

Leider ist unsere Welt komplizierter, und wer heute einfache Lösungen anbieten und die Welt in gut und böse einteilt, dem kann man mit Recht misstrauen.

Nach christlicher Überzeugung geht es beim „Kampf des Glaubens“ deshalb nicht um die Vernichtung anderer, sondern darum, inmitten einer zwiespältigen und komplizierten Welt, die manchmal toll und schön ist und manchmal bedrohlich und zerstörerisch, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: den Menschen die Welt besser zu machen durch Liebe in Gerechtigkeit und Freiheit.

Predigttext am Sonntag, 16. Oktober 2016, ist Epheserbrief 6, 10 bis 17.

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10 Uhr in der Matthäuskirche in Heilbronn-Sontheim.

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Wir sind komische Heilige

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Kein Mensch ist heilig, nicht einmal Petrus. (Foto: Treiber)

Kein Mensch ist heilig! Mit diesem Grundsatz haben wie Evangelischen ziemlich ernst gemacht und alle Heiligen „abgeschafft“, sogar den heiligen Nikolaus. Vielleicht haben Martin Luthers Kinder deswegen Rabatz gemacht, aber jedenfalls hat der Reformator die Geschenke dann doch, aber erst zu Weihnachten und nun durch das Christkind bringen lassen. Erst im Biedermeier (und übrigens nicht durch Coca-Cola) tauchte dann wieder der Weihnachtsmann auf der „morgen seine Gaben“ bringt.

Sei’s wie’s ist: Es gibt keine Heiligen, denn es gibt keine vollkommenen Menschen. Keiner von uns kann Wunder tun. Es gibt uns nur als fehlbare, mal starke und mal schwache Wesen. Und manchmal sind wir höchstens „komische Heilige“, die in dem, was sie tun, haarscharf daneben liegen.

Mit Martin Luther kann man allerdings zum Thema ergänzen: „Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.“ Nicht morgen und nicht in diesem Leben. Aber als Ziel steht es uns vor Augen: Dass das, was wir tun, schon richtig sein wird und etwas Gutes draus wird. Im Miteinander und in der Erziehung unserer Kinder, im Beruf und in unserem Einsatz für andere. Heilige sind wir nicht, aber wir bemühen uns – Schritt für Schritt.

Predigttext am Sonntag, 9. Oktober 2016, ist 1.Thessalonicherbrief 4, 1-8.

Pfarrer Treiber predigt sonntags um 10:00 Uhr in der Matthäuskirche in Heilbronn-Sontheim.

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Großzügigkeit ist eine Tugend

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Großzügigkeit ist eine Tugend – beim Spenden und im Umgang miteinander. (Foto:privat)

Was Schwaben und Schotten gemeinsam haben? Separatistische Tendenzen – vielleicht; einen komischen Dialekt – vielleicht auch; ganz gewiss aber, dass man ihnen Geiz nachsagt. Dabei ist Geiz doch eine Todsünde und Sparsamkeit durchaus eine Tugend. In einem allerdings lassen sich die Württemberger kaum übertreffen: In ihrer Großzügigkeit, wenn es um Spenden für kirchliche Hilfsorganisationen geht. Also Vorsicht mit Vorurteilen, die Schwaben haben nämlich ein Bibelwort beherzigt, das besonders am Erntedankfest gilt: „Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten. Wer aber fröhlich gibt, den hat Gott lieb.“

Wer unfreundlich ist, engstirnig und ein Pfennigfuchser, der wird vermutlich gleiches zurückbekommen. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es nämlich zurück. Wer aber großzügig gibt, freundlich und fröhlich ist, der wird sehen, wie sich die Menschen dadurch verändern.

Erntedank heißt Gott dafür danken, dass wir anderen etwas geben können: Liebe und Hilfe, Möglichkeiten und Freundlichkeit.

Predigttext am Erntedankfest, 2. Oktober 2016, ist 2.Korintherbrief 9, 6-15.

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Flow ins Reich Gottes

Kirche bleibt im dorf

Eins sein mit dem, was man tut – bei die „Kirche bleibt im Dorf“ erlebt der Pfarrer allerdings nur wenige solche beglückende Momente. (Foto: screenshot swr mediathek)

Kennen Sie die Momente, in denen einfach alles stimmt? In denen man sich einfach wohl fühlt, am richtigen Platz, erfüllt und nicht an Vergangenheit oder Zukunft denkt? Flow nennen das die Psychologen, das als beglückend erlebte Gefühl restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, die wie von selbst vor sich geht. So geht es einem nicht immer, aber vielleicht doch öfters, als man denkt.

So fühlt es sich wohl an, wenn das Leben erfüllt ist, vollkommen ist. Eine 10 auf der Skala!

Bewahren kann man solche Momente zwar nicht, aber man kann darauf achten, dass man sie nicht übersieht. Das Leben wird nicht erfüllt durch das was wir haben und erreichen, sondern durch das, was wir empfinden: Friede und Freude sind das Reich Gottes, meint der Bibeltext für nächsten Sonntag.

Predigttext am Sonntag, 25. September 2016, ist Römerbrief 14, 17 bis 19.

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Du hast recht – und ich vielleicht auch

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Man kann verschiedener Ansicht sein – wie hier im Hyde Park in London. (Foto: Treiber)

Manche Leute wissen ganz genau, was richtig und was falsch ist. Kein Zweifel nagt an ihnen und falls doch, lassen Sie es sich nicht anmerken. Sie streiten um ihre Ansicht und hören dabei anderen nicht einmal zu. Und einen Streit beenden Sie höchstens mit dem ironischen Satz „Du hast recht und ich meine Ruh'“.

Und wenn der andere wirklich recht hat, oder auch recht hat, mindestens im gleichen Maße wie ich? Wenn in jeder Diskussion beide Seiten recht hätten, 50 zu 50, oder manchmal wenigstens 80 zu 20? Es täte uns gut, das anzunehmen. Der unseligste Streit entsteht nämlich daraus, dass wir die Welt nur in richtig oder falsch, in schwarz oder weiß denken können und dabei vergessen, dass sie eher grau und hoffentlich ganz häufig bunt ist.

Glaube, unsere Überzeugung, was wahr und richtig und gut ist, entsteht nach christlicher Lehre dadurch, dass man – nein, nicht Lehrsätze lernt, sondern – die Geschichten von und über Jesus hört, Geschichten von Liebe und Verständnis, von Freiheit und Hoffnung. Und jeder wird diese Geschichten in seinem Leben ein bisschen anders verstehen und eine andere Wahrheit für sein Leben erkennen. „So kommt der Glaube aus dem Wort Christi“ heißt es dazu in der Predigt am kommenden Sonntag.

Predigttext am Sonntag, 18. September 2016, ist Römerbrief 10, 9-18.

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Kraft, Liebe und Besonnenheit

Kassel, 2. CVJM-Europa-Konferenz

Reckturnen kann auch Angst machen – jedenfalls dem Verfasser. (Foto: wikicommmons)

Ängstlich war ich eigentlich schon immer. Im Sportunterricht hatte ich so viel Respekt vor dem Reck, dass ich außerstande war, da auch nur einen Umschwung zu versuchen. Im Auto schnalle ich mich an, bevor ich den Motor anlasse und unsere Auffahrt hinunterfahre. Und bei Kopfweh, nehme ich nicht nur eine Aspirin, sondern schaue auch gleich noch im Internet nach, welche Krankheiten dahinter stecken könnten.

Vielleicht ist mein Lieblingsvers aus der Bibel deshalb einer, der mit das ausreden will: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Das Bibelwort wirkt bei mir tatsächlich, wenn auch oft nur kurz. Aber spätestens in der Kirche am nächsten Sonntag fällt es mir wieder ein.

Den zweiten Teil des Verses finde ich übrigens auch toll! Was brauchen wir wirklich in uns? Kraft, Liebe und Besonnenheit. Man kann auch sagen: die Fähigkeit das zu tun, was nötig ist; den Blick auf die anderen dabei; und die Weisheit, zu wissen, dass man die Fünf auch mal gerade sein lassen – und seiner Angst einfach mal zuzwinkern muss.

Predigttext am Sonntag, 11. September 2016, ist 2.Timotheus 1, 7-10.

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Mut ist gut, Hochmut nicht

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Ob Bungee-Jumping mutig ist oder hochmütig, zeigt sich daran, ob man damit eigene Grenzen überwinden will oder sich über andere erheben. (Foto: wikicommons)

Mut ist etwas Gutes – Hochmut allerdings nicht.

Es ist toll, wenn sich jemand etwas zutraut und dafür auch ein Risiko eingeht. Das kann ein Berufsziel ebenso sein wie eine Entscheidung für ein Kind, mutig sind die Polizisten und Soldaten, die uns schützen, ebenso wie das Mädchen, das sich auf dem Schulhof zu einer anderen stellt, die gemobbt wird. Mut ist gut!

Hochmut allerdings nicht. Wer sich nur stark fühlen kann, wenn er sich über andere erhebt und meint, er sei besser als die anderen, ist nicht nur dumm, sondern auch gemeingefährlich, denn er zerstört gutes menschliches Zusammenleben. Die kirchliche Tradition bezeichnet den Hochmut deshalb als Todsünde. Hochmut ist nicht gut!

Gut allerdings ist laut Bibel die Demut. Keine Angst, damit ist nicht die ängstliche Unterwerfung unter andere gemeint und niemand soll sich kleiner machen, als er ist. Frei und wir selbst sollen wir sein! Demut meint in der Bibel, dass wir unsere Grenzen kennen und uns nicht mehr aufladen, als wir tragen können. „All eure Sorge werft auf Gott!“ heißt es deshalb im Zusammenhang mit der Demut. Nur wer seine Grenzen kennt, kann auch ein Risiko bewusst eingehen. Oder biblisch: Nur wer demütig ist, kann mutig sein und „den Mut zum Sein“ haben, wie der Glaube auch genannt wird.

Predigttext am Sonntag, 4. September 2016, ist 1.Petrusbrief 5, 5c-11.

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